Die Revolutionäre Psychologie
Samael Aun Weor
Inhaltsverzeichnis
Das Niveau des Seins...............................................................................................2
Die wunderbare Leiter..............................................................................................5
Psychologische Rebellion........................................................................................7
Die Essenz................................................................................................................9
Sich selbst anklagen...............................................................................................11
Das Leben...............................................................................................................13
Der innere Zustand.................................................................................................14
Irrtümliche Zustände..............................................................................................16
Persönliche Ereignisse...........................................................................................18
Die verschiedenen Ichs..........................................................................................20
Das geliebte Ego....................................................................................................22
Die radikale Änderung...........................................................................................24
Beobachter und Beobachteter................................................................................26
Negative Gedanken................................................................................................28
Die Individualität...................................................................................................31
Das Buch des Lebens.............................................................................................33
Mechanische Geschöpfe.........................................................................................36
Das geistige Brot....................................................................................................38
Der gute Hausherr..................................................................................................40
Die zwei Welten.....................................................................................................42
Beobachtung seiner selbst......................................................................................44
Das Geschwätz.......................................................................................................46
Die Welt der Beziehungen.....................................................................................48
Das psychologische Lied........................................................................................50
Wiederkehr und Rekurrenz....................................................................................54
Das Selbstbewußtsein des Kindes..........................................................................56
Der Zöllner und der Pharisäer................................................................................58
Der Wille................................................................................................................61
Die Enthauptung.....................................................................................................64
Der permanente Schwerpunkt................................................................................69
Die gnostische esoterische Arbeit..........................................................................74
Das Gebet in der Arbeit..........................................................................................76
1
Das Niveau des Seins
Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wofür leben wir? Warum leben
wir...?
Ohne Zweifel, das arme intellektuelle Tier, irrtümlicherweise Mensch genannt, weiß nicht
nur nichts, sondern es weiß nicht einmal, daß es nichts weiß...
Das Schlimmste von allem ist die so schwierige und so seltsame Lage, in der wir uns
befinden: wir kennen das Geheimnis all unserer Tragödien nicht, und doch sind wir überzeugt
davon, alles zu wissen...
Man bringe ein rationales Säugetier, einen von den Menschen, die sich im Leben für
einflußreich halten, mitten in die Wüste Sahara, lasse es dort fern von allen Oasen und beobachte
von einem Flugzeug aus alles, was geschieht...
Die Tatsachen werden für sich sprechen: der intellektuelle Humanoide, auch wenn er
vorgibt, stark zu sein und sich für sehr männlich hält, erweist sich im Grunde als erschreckend
schwach...
Das rationale Tier ist hundertprozentig dumm; es denkt von sich selbst das Beste; es glaubt,
sich wunderbar entfalten zu können durch Kindergarten, Handbücher des guten Benehmens,
Grundschule, Hauptschule, Gymnasium, Universität, Vaters guten Ruf usw., usw...
Trotz aller Studien, des guten Benehmens, der Titel und des Geldes, betrübt uns
unglücklicherweise der kleinste Bauchschmerz, wie wir sehr wohl wissen, und im Grunde sind wir
weiterhin unglücklich und elend...
Man braucht nur in der Weltgeschichte zu lesen, um zu verstehen, daß wir die gleichen
Barbaren von einst sind und statt uns zu bessern, schlechter geworden sind.
Dieses 20. Jahrhundert, mit all seinen Sensationen, Kriegen, Prostitution, weltweiter
Sodomie, sexueller Entartung, Drogen, Alkohol, ungeheuerlicher Grausamkeit, extremer Perversität
usw. usw. usw. ist der Spiegel, in dem wir uns betrachten müssen; es gibt also keinen Grund, uns zu
rühmen, eine höhere Entwicklungsstufe erreicht zu haben...
Zu denken, daß Zeit Fortschritt bedeutet, ist absurd; unglücklicherweise bleiben die
unwissenden Gebildeten weiterhin im Dogma der Evolution verfangen. Auf allen schwarzen Seiten
der schwarzen Geschichte finden wir immer die gleichen schrecklichen Grausamkeiten, Machtgier,
Kriege usw....
Jedoch sind unsere zeitgenössischen Super-Zivilisierten immer noch davon überzeugt, daß
das Problem des Krieges etwas Nebensächliches ist, ein vorübergehendes Unglück, das nichts mit
ihrer vielgepriesenen modernen Zivilisation zu tun hat.
Das Entscheidende ist sicherlich die Art, zu sein eines jeden Menschen; einige sind Trinker,
andere Abstinenzler; die einen sind ehrenhaft, die anderen schamlos; das alles gibt es im Leben...
Die Masse ist die Summe der Individuen; wie das Individuum ist, so ist die Masse, die
Regierung usw....
2
Die Masse ist also die Ausdehnung des Individuums; die Umwandlung der Massen, der
Völker, ist nicht möglich, wenn sich nicht das Individuum, wenn sich nicht jede Person ändert...
Niemand kann leugnen, daß es verschiedene soziale Niveaus gibt; es gibt Kirchgänger und
Bordellbesucher, Geschäftsleute und Landwirte usw...
So gibt es auch verschiedene Niveaus des Seins. Das, was wir innerlich sind, großzügig oder
geizig, edelmütig oder kleinlich, jähzornig oder friedfertig, keusch oder unzüchtig, zieht die
verschiedenen Lebensumstände an...
Ein Unzüchtiger wird immer Szenen, Dramen und sogar Tragödien von Wollust anziehen, in
die er verwickelt wird...
Ein Trinker wird andere Trinker anziehen, und stets wird er sich in Bars und in Kneipen
wiederfinden. Das ist einleuchtend...
Was wird der Wucherer anziehen, was der Egoist? Wie viele Probleme, Gefängnisstrafen
oder Unglücksfälle?
Die Verbitterten jedoch, des Leidens müde, spüren das Bedürfnis, sich zu ändern und die
Seite ihrer Geschichte umzublättern...
Arme Leute! Sie wollen sich ändern und wissen nicht wie; sie kennen die Methode nicht, sie
stecken in einer Sackgasse...
Was ihnen gestern geschah, geschieht ihnen heute und wird ihnen morgen geschehen;
ständig wiederholen sie die gleichen Fehler und lernen unter keinen Umständen die Lektionen, die
ihnen das Leben erteilt. Alles wiederholt sich in ihrem Leben; sie sagen immer das gleiche, tun das
gleiche, beklagen sich über das gleiche...
Diese langweilige Wiederholung von Dramen, Komödien und Tragödien wird andauern,
solange wir die unerwünschten Elemente des Zorns, der Habsucht, der Lüsternheit, des Neides, des
Stolzes, der Faulheit, der Gefräßigkeit usw. in unserem Inneren tragen.
Welches moralische Niveau haben wir? Oder besser gesagt: Welches Niveau des Seins
haben wir?
Solange sich das Niveau des Seins nicht radikal ändert, wird sich immer alles wiederholen:
unser ganzes Elend, die verschiedenen Szenen im Leben, Unglück und Mißgeschick werden sich
fortsetzen...
All das, was außerhalb von uns auf der Bühne dieser Welt geschieht, ist ausschließlich das
Spiegelbild dessen, was wir im Innern tragen.
Mit gutem Recht können wir ausdrücklich betonen, daß das Äußere das Spiegelbild des
Inneren ist.
Wenn man sich innerlich ändert, und dieser Wandel radikal ist, dann ändert sich auch das
Äußere, ändern sich die Umstände, ändert sich das Leben.
In letzter Zeit (Jahr 1974) habe ich eine Gruppe Menschen beobachtet, die in ein fremdes
Grundstück eindrangen. Hier in Mexiko werden solche Leute mit dem seltsamen Namen
Paracaidistas (Fallschirmspringer) bezeichnet.
3
Es sind Nachbarn der Bauernsiedlung Churubusco; da sie sich in nächster Nähe meines
Hauses befinden, konnte ich sie gut beobachten...
Armut kann niemals ein Verbrechen sein, darin liegt nicht das Übel sondern in ihrem Niveau
des Seins...
Täglich streiten sie untereinander, betrinken sich, beleidigen sich, werden zu Mördern ihrer
eigenen Leidensgenossen, zweifelsohne leben sie in schmutzigen Hütten, in denen statt Liebe Haß
herrscht...
Oft habe ich gedacht, wenn irgendeine dieser Personen den Haß, den Zorn, die Lüsternheit,
die Trunkenheit, die üble Nachrede, den Neid, die Eigenliebe, den Stolz usw. aus ihrem Inneren
ausmerzen würde, könnte sie anderen Menschen gefallen; sie würde einfach durch das Gesetz
psychologischer Verwandtschaft mit Menschen, die feiner und geistvoller sind, in Verbindung
treten; diese neuen Beziehungen wären entscheidend für eine ökonomische und soziale Änderung...
Dies wäre der Weg, der einer solchen Person erlauben würde, den Stall, die schmutzige
Kloake zu verlassen...
Wenn wir also wirklich eine radikale Änderung wollen, so müssen wir zuerst verstehen, daß
jeder von uns, ob schwarz oder weiß, gelb oder braun, unwissend oder gebildet usw., sich auf
diesem oder jenem Niveau des Seins befindet.
Welches ist unser Niveau des Seins? Habt ihr jemals darüber nachgedacht? Es wäre nicht
möglich, ein anderes Niveau zu erreichen, wenn wir den Zustand nicht kennen, in dem wir uns
befinden.
4
Die wunderbare Leiter
Wir müssen eine wirkliche Änderung ersehnen, herauskommen aus dieser langweiligen
Routine, aus diesem rein mechanischen, ermüdenden Leben...
Das, was wir als erstes mit aller Klarheit verstehen müssen, ist, daß jeder von uns, sei er
Bürger oder Arbeiter, wohlhabend oder dem Mittelstand angehörend, reich oder arm, sich wirklich
auf diesem oder jenem Niveau des Seins befindet...
Das Niveau des Seins des Trinkers ist anders als das des Abstinenzlers, das der Prostituierten
ist ganz anders als das einer Dame. Was wir behaupten, ist unwiderlegbar, unanfechtbar...
An diesem Punkt unseres Kapitels ist es sinnvoll, uns eine Leiter vorzustellen, die sich
senkrecht von unten nach oben erstreckt und unzählige Stufen hat...
Fraglos befinden wir uns auf irgendeiner dieser Stufen; auf Stufen unter uns werden sich
schlechtere Menschen, auf Stufen über uns werden sich bessere Menschen als wir befinden...
Es ist klar, daß wir auf dieser außerordentlichen Senkrechten, auf dieser wunderbaren Leiter
alle Niveaus des Seins finden können... Jede Person ist anders, und das kann niemand bestreiten...
Zweifelsohne sprechen wir hier nicht von häßlichen oder schönen Gesichtern; auch ist es
keine Frage des Alters. Es gibt junge und alte Leute, Greise, die schon dem Tode nahe sind, und
Neugeborene...
Die Frage der Zeit und der Jahre, geboren werden, heranwachsen, sich entwickeln, heiraten,
sich fortpflanzen, alt werden und sterben, gehört ausschließlich der Waagerechten an...
Auf der wunderbaren Leiter, auf der Senkrechten, gibt es für den Begriff Zeit keinen Platz.
Auf den Stufen dieser Leiter können wir nur Niveaus des Seins finden...
Die mechanische Hoffnung der Leute nützt nichts; sie glauben, daß mit der Zeit alles besser
wird; so dachten schon unsere Großeltern und Urgroßeltern - die Tatsachen haben genau das
Gegenteil bewiesen...
Das Niveau des Seins ist das Einzige, was zählt, und das ist die Senkrechte; wir befinden uns
auf einer bestimmten Stufe, können aber auf die nächst höhere steigen...
Die wunderbare Leiter, von der wir sprechen und die sich auf die verschiedenen Niveaus des
Seins bezieht, hat sicherlich nichts mit der linearen Zeit zu tun...
Ein höheres Niveau des Seins befindet sich unmittelbar über uns, Augenblick für
Augenblick...
Es befindet sich in keiner entfernten waagerechten Zukunft, sondern hier und jetzt, in uns
selbst, auf der Senkrechten...
Es ist offensichtlich, und jeder kann es verstehen, daß die beiden Linien - Waagerechte und
Senkrechte - sich Augenblick für Augenblick in unserem psychologischen Innern befinden und ein
Kreuz bilden...
5
Die Persönlichkeit entwickelt und entfaltet sich auf der waagerechten Linie des Lebens. Sie
wird geboren und stirbt innerhalb ihrer linearen Zeit; sie ist vergänglich. Es gibt kein morgen für die
Persönlichkeit des Toten; sie ist nicht das Sein...
Das Niveau des Seins, das Sein selbst, gehört nicht der Zeit an, hat nichts mit der
waagerechten Linie zu tun; es befindet sich in uns selbst, jetzt, auf der Senkrechten...
Es wäre völlig absurd, unser eigenes Sein außerhalb von uns selbst zu suchen...
Wichtig ist es, noch folgendes hinzuzufügen: Titel, akademische Grade, Beförderungen
usw., die der äußeren physischen Welt angehören, werden auf keinen Fall zu einer wahren
Erhöhung, zu einer Aufwertung des Seins, zu einem Schritt zu einer höheren Stufe des Niveaus des
Seins führen.
6
Psychologische Rebellion
Es ist wichtig, unsere Leser daran zu erinnern, daß sich in uns ein mathematischer Punkt
befindet...
Fraglos befindet sich dieser Punkt niemals in der Vergangenheit und ebensowenig in der
Zukunft...
Wer diesen geheimnisvollen Punkt entdecken möchte, muß ihn hier und jetzt suchen, in
seinem Innern, genau in diesem Augenblick, keine Sekunde früher, keine Sekunde später...
Die beiden Balken, die Senkrechte und die Waagerechte des heiligen Kreuzes, treffen sich
an diesem Punkt...
Wir stehen also in jedem Augenblick vor zwei Wegen: dem waagerechten und dem
senkrechten...
Es ist offensichtlich, daß der waagerechte Weg sehr gewöhnlich ist. Auf ihm wandelt der
größte Teil der Menschheit.
Zweifellos ist der senkrechte Weg anders; es ist der Weg der intelligenten Rebellen, der
Revolutionäre...
Wer sich seiner selbst erinnert, wer an sich selbst arbeitet, wer sich nicht mit allen
Problemen und allem Leid im Leben identifiziert, geht tatsächlich auf dem senkrechten Pfad...
Sicherlich ist es niemals eine leichte Aufgabe, die negativen Gefühle auszumerzen, jede
Identifizierung mit unserer eigenen Lebensweise zu verlieren, mit Problemen aller Art: Geschäften,
Schulden, Wechselzahlungen, Hypotheken, Telefon-, Wasser- und Stromkosten usw. usw. usw....
Die Arbeitslosen, diejenigen, die aus diesem oder jenem Grund ihren Arbeitsplatz verloren
haben, leiden natürlich an Geldmangel; es wird für sie äußerst schwierig, ihre Situation zu
vergessen, sich nicht zu sorgen und nicht mit ihren Problemen zu identifizieren.
Diejenigen, die leiden und weinen, diejenigen, die im Leben Opfer eines Verrates, einer
Treulosigkeit geworden sind, einer Undankbarkeit, einer Verleumdung oder eines Betrugs,
vergessen wirklich sich selbst, ihr innerstes Wahres Sein, sie identifizieren sich vollkommen mit
ihrer moralischen Tragödie...
Die Arbeit an sich selbst ist das grundlegende Kennzeichen des senkrechten Weges.
Niemand könnte den Pfad der Großen Rebellion beschreiten, wenn er niemals an sich selbst
arbeiten würde.
Die Arbeit, auf die wir uns beziehen, ist psychologischer Art; sie beschäftigt sich mit einer
gewissen Umwandlung des gegenwärtigen Moments, in dem wir uns befinden. Wir müssen lernen,
von Augenblick zu Augenblick zu leben...
Eine Person zum Beispiel, die wegen eines sentimentalen, ökonomischen oder politischen
Problems verzweifelt ist, hat offensichtlich sich selbst vergessen...
Wenn diese Person einen Moment lang innehält, wenn sie die Situation beobachtet und
versucht, sich ihrer selbst zu erinnern und sich dann bemüht, den Sinn ihres Verhaltens zu
verstehen.
7
Wenn sie ein wenig überlegt, wenn sie daran denkt, daß alles vorübergeht, daß das Leben
illusorisch und flüchtig ist, und daß der Tod alle Eitelkeiten der Welt in Asche verwandelt...
Wenn sie versteht, daß ihr Problem im Grunde nichts als ein Strohfeuer ist, ein Irrlicht, das
bald erlischt, dann wird sie bald überrascht sehen, daß alles anders geworden ist...
Es ist möglich, mechanische Reaktionen mit Hilfe der logischen Gegenüberstellung und der
innersten Selbstüberlegung des Seins umzuwandeln...
Es ist offensichtlich, daß die Leute mechanisch auf die verschiedenen Lebensumstände
reagieren...
Arme Menschen! Immer werden sie zu Opfern. Wenn ihnen jemand schmeichelt, lächeln sie;
wenn sie gedemütig werden, leiden sie. Sie beleidigen, wenn man sie beleidigt, verletzen, wenn
man sie verletzt; niemals sind sie frei. Ihre Mitmenschen haben die Macht, sie von der Freude zur
Traurigkeit, von der Hoffnung zur Verzweiflung zu bringen.
Jede dieser Personen, die auf dem waagerechten Weg geht, gleicht einem Musikinstrument,
auf dem jeder seiner Mitmenschen spielt, was ihm gefällt.
Wer lernt, die mechanischen Beziehungen umzuwandeln, begibt sich in der Tat auf den
senkrechten Weg.
Dies stellt eine grundsätzliche Änderung des Niveaus des Seins dar, ein außerordentliches
Ergebnis der psychologischen Rebellion.
8
Die Essenz
Das, was jedes neugeborene Kind schön und anbetungswürdig macht, ist seine Essenz; diese
bildet in sich selbst seine wahre Wirklichkeit...
Das normale Wachstum der Essenz ist in jedem Geschöpf gewiß sehr gering, verbleibt in
seinen Anfängen...
Der menschliche Körper wächst und entwickelt sich entsprechend den biologischen
Gesetzen seiner Art ; für die Essenz jedoch sind solche Möglichkeiten nur sehr beschränkt...
Zweifellos kann die Essenz von sich aus und ohne Hilfe nur in sehr geringem Maße
wachsen...
Um es offen und geradeheraus zu sagen: das spontane und natürliche Wachstum der Essenz
ist nur in den ersten drei, vier oder fünf Lebensjahren möglich, d.h. im ersten Lebensabschnitt...
Die Leute denken, daß sich das Wachstum und die Entwicklung der Essenz immer stetig
vollzieht, gemäß der Mechanik der Evolution; der Universale Gnostizismus lehrt jedoch eindeutig,
daß dies nicht so geschieht...
Um zu ermöglichen, daß die Essenz weiterwächst, muß etwas sehr Besonderes geschehen,
etwas Neues muß vollbracht werden...
Ich möchte mit Nachdruck auf die Arbeit an sich selbst verweisen. Die Entwicklung der
Essenz ist ausschließlich auf Grund von bewußter Arbeit und freiwilligem Leiden möglich...
Es ist notwendig, zu verstehen, daß sich diese Arbeit nicht auf die Ausübung eines Berufes
bezieht wie z.B. in der Bank, Schreinerei, im Maurerhandwerk, bei der Ausbesserung von
Bahnlinien oder Büroarbeiten...
Diese Arbeit gilt für alle, die die Persönlichkeit entwickelt haben; es handelt sich um etwas
Psychologisches...
Wir alle wissen, daß wir in uns das haben, was sich Ego, mich selbst, sich selbst nennt...
Unglücklicherweise ist die Essenz im Ego gefangen, eingeschlossen, und das ist
beklagenswert...
Es ist dringend nötig, es darf nicht hinausgezögert werden, das psychologische Ich
aufzulösen und seine unerwünschten Elemente zu zerstören... das ist der Sinn der Arbeit an sich
selbst.
Niemals könnten wir die Essenz befreien, ohne zuvor das psychologische Ich zu zerstören...
In der Essenz befinden sich die Religion, der Buddha, die Weisheit, die Partikel des
Schmerzes unseres Vaters, der im Himmel ist und alle Informationen, die wir für die innerste
Selbstverwirklichung des Seins benötigen.
Niemand könnte das psychologische Ich vernichten, ohne zuvor die unmenschlichen
Elemente, die wir in uns tragen, zu beseitigen...
9
Es ist nötig, die ungeheuerliche Grausamkeit dieser Zeiten in Asche zu verwandeln; den
Neid, der unglücklicherweise zur geheimen Triebfeder der Handlungen geworden ist; die
unerträgliche Habsucht, die das Leben so bitter gemacht hat; die abstoßende üble Nachrede, die
Verleumdung, die so viele Tragödien verursacht; den Alkoholismus; die schandhafte übelriechende
Lüsternheit usw....
In dem Maße, in dem diese Greuel in kosmischen Staub zersetzt werden, wird sich die
Essenz nicht nur befreien, sondern auch wachsen und sich harmonisch entwickeln...
Wenn das psychologische Ich gestorben ist, erstrahlt zweifellos die Essenz in uns...
Die befreite Essenz verleiht uns innere Schönheit, und solcher Schönheit entspringen die
vollkommene Glückseligkeit und die wahre Liebe...
Die Essenz besitzt vielerlei Sinne der Vollkommenheit und außerordentliche natürliche
Kräfte...
Wenn wir in uns selbst sterben, wenn wir das psychologische Ich auflösen, erfreuen wir uns
der wunderbaren Sinne und Kräfte der Essenz...
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Sich selbst anklagen
Die Essenz, die jeder von uns in seinem Innern trägt, kommt von oben, vom Himmel, von
den Sternen...
Zweifellos kommt die wunderbare Essenz von der musikalischen Note A (die Milchstraße,
die Galaxie, in der wir leben).
Die kostbare Essenz geht durch die Note G (die Sonne) und dann durch die Note F (die
Planetenzone), tritt ein in diese Welt und dringt in unser Inneres ein.
Unsere Eltern erschufen den geeigneten Körper für den Empfang dieser Essenz, die von den
Sternen kommt...
Wenn wir intensiv an uns selbst arbeiten und uns für unsere Mitmenschen aufopfern, werden
wir siegreich in den tiefen Schoß Uranias zurückkehren...
Wir leben aus irgendeinem Grund auf dieser Welt, für irgendetwas, aus einem besonderen
Anlaß...
Natürlich gibt es vieles in uns zu sehen, zu studieren und zu verstehen, wenn wir uns
wirklich danach sehnen, etwas über uns selbst und über unser Leben zu erfahren...
Tragisch ist die Existenz desjenigen, der stirbt, ohne den Grund seines Lebens erkannt zu
haben...
Jeder von uns muß von sich aus den Sinn seines Lebens entdecken und das, was ihn im
Kerker des Leidens gefangen hält...
Offensichtlich gibt es in jedem von uns etwas, was unser Leben bitter macht und was wir
entschieden bekämpfen müssen...
Es ist nicht unabänderlich, daß wir weiterhin im Elend sind; es ist unaufschiebbar, das, was
uns schwach und unglücklich macht, in kosmischen Staub zu verwandeln.
Es nützt nichts, uns auf Titel, Auszeichnungen, Urkunden, Geld, sinnlosen subjektiven
Rationalismus, allgemein bekannte Tugenden usw. etwas einzubilden.
Niemals sollten wir vergessen, daß Heuchelei und die dummen Eitelkeiten der falschen
Persönlichkeit uns zu schwerfälligen, "ranzigen", rückständigen und reaktionären Leuten macht,
unfähig, das Neue zu sehen...
Der Tod hat viele Bedeutungen, sowohl positive als auch negative. Betrachten wir doch jene
wunderbare Bemerkung des großen Kabir Jesus, des Christus: Lasset die Toten die Toten begraben.
Viele Menschen sind für jegliche Arbeit an sich selbst und somit für jegliche innere Umwandlung
tatsächlich tot, auch wenn sie physisch noch leben.
Das sind Menschen, die von ihren Dogmen und Glaubenssätzen eingenommen und in der
Erinnerung an gestern versteinert sind; Individuen voller uralter Vorurteile, Sklaven dessen, was die
andern sagen werden, der öffentlichen Meinung, schauderhaft lau, gleichgültig, manchmal alles
besser wissend, überzeugt davon, die Wahrheit zu vertreten, da man es ihnen so gesagt hatte usw....
11
Diese Leute wollen nicht verstehen, daß diese Welt eine psychologische Turnhalle ist, in der
es möglich wäre, die geheime Häßlichkeit, die wir alle in uns tragen, zu vernichten...
Wenn diese armen Leute den so bedauerlichen Zustand verstehen würden, in dem sie sich
befinden, würden sie vor Entsetzen erzittern...
Aber diese Menschen denken von sich selbst immer das Beste, geben an mit ihren Tugenden,
fühlen sich vollkommen, herzensgut, hilfreich, edel, barmherzig, intelligent, gewissenhaft in der
Ausübung ihrer Pflichten usw..
Das praktische Leben ist als Schule wunderbar, aber sicherlich wäre es absurd, es als ein Ziel
schlechthin zu betrachten.
Diejenigen, die das Leben so nehmen, wie es sich tagtäglich ergibt, haben nicht die
Notwendigkeit verstanden, an sich zu arbeiten, um eine radikale Umwandlung zu erreichen.
Unglücklicherweise leben die Leute mechanisch, sie haben noch nie etwas von einer inneren
Arbeit gehört...
Es ist notwendig, sich zu ändern, aber die Leute wissen nicht, wie sie sich ändern können;
sie leiden viel und wissen nicht einmal, warum sie leiden...
Der Besitz von Geld ist nicht alles. Das Leben vieler reicher Leute ist oft wirklich tragisch...
12
Das Leben
Auf dem Gebiet des praktischen Lebens entdecken wir immer erstaunliche Gegensätze.
Reiche Leute mit prächtigem Wohnsitz und vielen Freundschaften leiden manchmal fürchterlich...
Bescheidene Proletarier, die ein einfaches Leben führen oder Personen des Mittelstandes
sind manchmal vollkommen glücklich im Leben. Viele Multimillionäre leiden an sexueller
Impotenz, und reiche Matronen weinen bitterlich über das Unglück ihres Ehemannes...
Die Reichen der Erde gleichen Geiern in Goldkäfigen; in diesen Zeiten können sie nicht
ohne Leibwächter leben...
Die Staatsmänner schleppen Ketten, niemals sind sie frei; überall sind sie umgeben von
Menschen, die bis zu den Zähnen bewaffnet sind...
Studieren wir diese Situation etwas eingehender. Wir müssen wissen, wie das Leben ist.
Jeder ist frei, sich seine eigene Meinung zu bilden...
Was man auch immer sagen mag, sicher weiß niemand etwas. Das Leben erweist sich als ein
Problem, das niemand versteht...
Wenn die Leute uns unaufgefordert ihre Lebensgeschichte erzählen wollen, zitieren sie
Begebenheiten, Vor- und Nachnamen, Daten usw. und fühlen Genugtuung bei ihren
Schilderungen...
Diese armen Menschen wissen nicht, daß ihre Erzählungen unvollständig sind, denn die
Vorgänge, die Namen und Daten sind nur der äußere Aspekt des Films, während der innere fehlt...
Es ist dringend notwendig, Bewußtseinszustände zu kennen; jedem Ereignis entspricht dieser
oder jener seelische Zustand. Die Zustände sind innerlicher und die Ereignisse äußerlicher Art; die
äußerlichen Begebenheiten sind nicht alles...
Unter innerlichen Zuständen verstehen wir gute und schlechte Stimmungen, Sorgen,
Depressionen, Aberglaube, Angst, Argwohn, Barmherzigkeit, Selbstbeachtung, Momente des
Glücksgefühls, der Freude usw.usw.usw.
Zweifelsohne können die inneren Zustände genau den äußeren Begebenheiten entsprechen
oder von ihnen verursacht sein, sie können aber auch in keinerlei Beziehung zu ihnen stehen...
In jedem Fall unterscheiden sich Zustände von Ereignissen. Nicht immer entsprechen die
Ereignisse genau den ihnen verwandten Zuständen.
Der innere Zustand eines angenehmen Ereignisses könnte diesem nicht entsprechen.
Der innere Zustand eines unangenehmen Ereignisses könnte diesem nicht entsprechen.
Als lang erwartete Ereignisse endlich eintrafen, fühlten wir, daß etwas fehlte...
Sicher fehlte der entsprechende innere Zustand, der sich mit dem äußeren Ereignis
kombinieren sollte...
Sehr oft brachte uns das Ereignis, das wir nicht erwartet hatten, die besten Momente...
13
Der innere Zustand
Innere Zustände mit äußeren Ereignissen richtig zu kombinieren heißt, intelligent leben zu
können...
Jegliche intelligent erlebte Begebenheit erfordert den ihr entsprechenden spezifischen
inneren Zustand...
Doch unglücklicherweise denken die Menschen, wenn sie auf ihr Leben zurückblicken, daß
dieses ausschließlich aus äußeren Begebenheiten besteht...
Arme Menschen! Sie denken, daß ihr Leben besser gewesen wäre, wenn sich dieses oder
jenes Ereignis nicht zugetragen hätte...
Sie meinen, das Glück hätte sie verlassen, sie hätten die Gelegenheit, glücklich zu sein,
verpaßt...
Sie bedauern das Verlorene, sie weinen über das, was sie verschmäht haben, sie stöhnen bei
der Erinnerung an frühere Fehltritte und Notlagen...
Die Leute wollen nicht gewahr werden, daß Vegetieren nicht Leben bedeutet, und daß die
Fähigkeit, bewußt zu existieren, ausschließlich von der Qualität der inneren seelischen Zustände
abhängt...
Wie schön die äußeren Vorfälle des Lebens auch sein mögen, ist mit Sicherheit
unbedeutend, wenn wir uns während dieser Momente nicht im geeigneten inneren Zustand
befinden. Die schönsten Begebenheiten können uns eintönig, ermüdend oder einfach langweilig
erscheinen...
Jemand wartet sehnsüchtig auf das Hochzeitsfest, es ist ein großes Ereignis; doch es könnte
geschehen, daß man gerade in diesem Moment so besorgt ist, daß man wirklich keinerlei Freude am
Fest empfindet, und alles so trocken und kalt wie ein Protokoll wird...
Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß nicht alle, die an einem Festmahl oder einem Tanz
teilnehmen, es wirklich genießen...
Auch auf dem schönsten Fest fehlt niemals jemand, der sich langweilt, und die herrlichsten
Aufführungen erheitern die einen und bringen andere zum Weinen.
Sehr selten sind die Personen, die den äußeren Vorfall bewußt mit dem geeigneten inneren
Zustand kombinieren können...
Es ist bedauerlich, daß die Menschen es nicht verstehen, bewußt zu leben: sie weinen, wenn
sie lachen sollen und lachen, wenn sie weinen sollen...
Kontrolle ist etwas anderes: der Weise kann fröhlich sein, aber niemals voller verrückter
Zügellosigkeit; er kann traurig sein, aber niemals verzweifelt und niedergeschlagen; ruhig inmitten
der Gewalttätigkeit; enthaltsam in der Orgie; keusch inmitten der Lüsternheit usw....
Die melancholischen und pessimistischen Personen denken das Schlimmste über das Leben,
und eigentlich wollen sie nicht leben...
14
Jeden Tag sehen wir Menschen, die nicht nur unglücklich sind sondern zudem - was
schlimmer ist - auch den anderen das Leben verbittern...
Solche Leute würden sich nicht ändern, selbst wenn sie täglich von einem Fest zum anderen
gingen; sie tragen die psychologische Krankheit in ihrem Innern... solche Personen haben
ausgesprochen perverse innere Zustände...
Jedoch halten sich diese Subjekte für gerecht, heilig, tugendhaft, edel und hilfsbereit, fühlen
sich als Märtyrer usw....
Es sind Menschen, die sich selbst zu sehr berücksichtigen, die sich selbst sehr lieben...
Individuen, die sich selbst sehr bemitleiden und immer eine Ausflucht suchen, um sich ihrer
Verantwortung zu entziehen...
Personen dieser Art sind an niedere Gefühle gewöhnt, und es ist offensichtlich, daß sie aus
diesem Grunde täglich infrahumane psychische Elemente erschaffen.
Die unglücklichen Ereignisse, die Schicksalsschläge, das Elend, die Schulden, die
Schwierigkeiten usw. betreffen ausschließlich diejenigen, die nicht zu leben vermögen...
Jeder kann sich eine umfassende intellektuelle Bildung aneignen, aber es gibt nur wenige,
die gelernt haben, richtig zu leben...
Wenn man die äußeren Ereignisse von den inneren Bewußtseinszuständen trennen will,
beweist man gerade damit seine Unfähigkeit, würdig zu leben.
Diejenigen, die lernen, äußere Ereignisse und innere Zustände bewußt zu kombinieren,
begehen den Weg des Erfolges.
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Irrtümliche Zustände
Zweifellos ist es unerläßlich, in der rigorosen Beobachtung seiner selbst eine deutliche und
logische Unterscheidung zwischen den äußeren Umständen des täglichen Lebens und den inneren
Bewußtseinszuständen zu machen.
Es ist dringend notwendig, zu wissen, wo wir uns in einem bestimmten Augenblick
befinden, sowohl in Bezug auf den inneren Bewußtseinszustand als auch auf die spezifische Art des
äußeren Ereignisses, das wir erleben.
Das Leben selbst ist eine Reihe von Ereignissen, die sich in Raum und Zeit entwickeln.
Jemand sagte: Das Leben ist eine Kette von Martyrien, die der Mensch verwickelt in seiner
Seele trägt.
Jeder ist frei zu denken, was er will; ich glaube, daß auf vergängliche Vergnügungen eines
flüchtigen Augenblicks immer Enttäuschung und Bitterkeit folgen...
Jedes Ereignis besitzt seinen eigenen charakteristischen Geschmack; die inneren Zustände
sind ebenfalls unterschiedlicher Art. Dies ist unbestreitbar und unwiderlegbar...
Gewiß bezieht sich die innere Arbeit an sich selbst ausdrücklich auf die verschiedenen
psychologischen Bewußtseinszustände...
Niemand könnte leugnen, daß wir in unserem Inneren mit vielen Fehlern beladen sind und
daß irrtümliche Zustände existieren...
Wenn wir uns wirklich ändern wollen, so müssen wir mit äußerster Dringlichkeit und
unverzüglich jene irrtümlichen Zustände des Bewußtseins radikal ändern...
Die absolute Umwandlung der irrtümlichen Zustände verursacht eine vollständige
Veränderung im Bereich des praktischen Lebens...
Wenn jemand ernsthaft an den irrtümlichen Zuständen arbeitet, können ihn die
unangenehmen Ereignisse des Lebens offensichtlich nicht mehr so leicht verletzen...
Hiermit meinen wir etwas, was nur verstanden werden kann, indem man es erlebt, indem
man es wirklich fühlt im Bereich der Tatsachen selbst...
Wer nicht an sich selbst arbeitet, ist immer ein Opfer der Umstände, wie ein elendes Holz in
den stürmischen Fluten des Ozeans...
Die Ereignisse ändern sich ständig in ihrer vielfältigen Zusammenstellung; eines folgt auf
das andere wie Wellen; es sind Einflüsse...
Gewiß gibt es gute und schlechte Ereignisse; einige davon werden besser, andere schlechter
sein...
Es ist möglich, bestimmte Ereignisse zu ändern; Ergebnisse, Situationen usw. zu
beeinflussen, liegt gewiß im Bereich des Möglichen.
16
Hingegen gibt es tatsächlich Situationen, die wirklich nicht geändert werden können; in
diesem Fall muß man sie bewußt annehmen, auch wenn sich manche als sehr gefährlich und sogar
als schmerzvoll erweisen...
Zweifellos schwindet der Schmerz, wenn wir uns nicht mit dem Problem, das entstanden ist,
identifizieren.
Wir müssen das Leben als eine Reihenfolge innerer Zustände betrachten; eine echte
Geschichte unseres eigenen Lebens besteht aus all diesen Zuständen...
Bei einem kritischen Rückblick auf unsere ganze Existenz können wir selbst unmittelbar
feststellen, daß viele unangenehme Situationen nur durch irrtümliche innere Zustände möglich
waren...
Auch wenn er von Natur aus immer maßvoll war, gab sich Alexander der Große aus Stolz
den Ausschweifungen hin, die seinen Tod verursachten...
Franz I. starb wegen eines schmutzigen und abscheulichen Ehebruchs, an den die Geschichte
sich noch sehr gut erinnert...
Als Marat von einer perversen Nonne umgebracht wurde, starb er an Hochmut und Neid; er
hielt sich für völlig gerecht...
Zweifellos erschöpften die Damen des Hirschparks vollkommen die Lebenskraft des
schrecklichen Lüstlings namens Ludwig XV...
Viele Menschen sterben an Ehrgeiz, Zorn oder Eifersucht; dies wissen die Psychologen sehr
wohl...
Sobald sich unser Wille unwiderruflich in einer absurden Neigung bestärkt, werden wir
Kandidaten für das Pantheon oder für den Friedhof...
Othello wurde aus Eifersucht zum Mörder, und die Gefängnisse sind voll von sich aufrichtig
Irrenden...
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Persönliche Ereignisse
Wenn es darum geht, irrtümliche psychologische Zustände zu entdecken, kann die völlige
innerste Selbstbeobachtung des eigenen Ichs nicht aufgeschoben werden.
Ohne Zweifel können die irrtümlichen inneren Zustände durch geeignete Methoden
korrigiert werden.
Da das Innenleben der Magnet ist, der die äußeren Vorfälle anzieht, ist es von höchster
Dringlichkeit, unverzüglich die irrtümlichen psychologischen Zustände aus unserer Psyche zu
entfernen.
Wenn man die Art gewisser, unerwünschter Ereignisse von Grund auf ändern will, ist es
unerläßlich, irrtümliche psychologische Zustände zu korrigieren.
Es ist möglich, unsere Beziehung zu gewissen Ereignissen zu ändern, wenn wir aus unserem
Innern bestimmte absurde, psychologische Zustände entfernen.
Destruktive äußere Situationen könnten sich durch die intelligente Korrektur der verkehrten
psychologischen Zustände in harmlose und sogar konstruktive Situationen verwandeln.
Man kann die Art der unangenehmen Vorfälle, die uns widerfahren, ändern, wenn man sich
innerlich reinigt.
Wer niemals die absurden psychologischen Zustände korrigiert und sich für sehr stark hält,
wird zu einem Opfer der Umstände.
Wenn man wünscht, den Verlauf einer unglücklichen Existenz zu ändern, ist es unerläßlich,
Ordnung in unserem unordentlichen inneren Haus zu schaffen.
Die Menschen beklagen sich über alles; sie leiden, weinen, protestieren, würden gerne ihr
Leben ändern, herauskommen aus dem Unglück, in dem sie sich befinden; aber leider arbeiten sie
nicht an sich selbst.
Die Menschen wollen nicht wahrhaben, daß das Innenleben die äußeren Umstände anzieht
und daß es auf die absurden inneren Zustände zurückzuführen ist, wenn diese schmerzlich sind.
Das Äußere ist nur ein Widerschein des Inneren. Wer sich innerlich ändert, bewirkt eine
neue Ordnung der Dinge.
Niemals sind die äußerlichen Ereignisse so wichtig wie die Art und Weise, mit der man auf
sie reagiert.
Bliebst du ruhig, als du beleidigt wurdest? Habt ihr die unangenehmen Äußerungen eurer
Mitmenschen mit Wohlgefallen aufgenommen?
Wie habt ihr auf die Untreue des geliebten Gefährten reagiert? Ließest Du Dich hinreißen
vom Gift der Eifersucht? Hast Du getötet? Seid ihr im Gefängnis?
Die Krankenhäuser, Friedhöfe und Gefängnisse sind voll von sich aufrichtig Irrenden, die
auf absurde Art und Weise auf die äußeren Geschehnisse reagierten.
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Die beste Waffe, die ein Mensch im Leben benutzen kann, ist ein korrekter psychologischer
Zustand.
Durch geeignete innere Zustände kann man Raubtiere besänftigen und Verräter entlarven.
Die irrtümlichen inneren Zustände machen uns zu wehrlosen Opfern der menschlichen
Perversität.
Lernt, den unangenehmsten Vorfällen im praktischen Leben mit einer geeigneten inneren
Einstellung zu begegnen...
Identifiziert euch mit keinem Ereignis; erinnert euch daran, daß alles vorübergeht; lernt, das
Leben wie einen Film anzusehen, und ihr werdet Nutzen daraus ziehen...
Vergeßt nicht, daß Vorfälle ohne jeglichen Wert euch ins Unglück stürzen können, wenn ihr
die irrtümlichen inneren Zustände in eurer Psyche nicht beseitigt.
Jedes äußere Ereignis benötigt zweifellos den geeigneten Fahrschein, das heißt den genau
entsprechenden psychologischen Zustand.
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Die verschiedenen Ichs
Das rationale Säugetier, irrtümlicherweise Mensch genannt, besitzt in Wirklichkeit keine
definierte Individualität.
Zweifellos ist das Fehlen einer psychologischen Einheit im Humanoiden die Ursache vieler
Schwierigkeiten und Verbitterung.
Der physische Körper ist eine vollständige Einheit und arbeitet wie ein organisches Ganzes,
insofern er nicht krank ist.
Das Innenleben des Humanoiden hingegen ist keinesfalls eine psychologische Einheit.
Das Schlimmste daran ist ? was auch immer die verschiedenen Schulen pseudo-esoterischer
oder pseudo-okkultistischer Art sagen mögen ? der Mangel an psychologischer Organisation in der
Tiefe eines jeden Einzelnen.
Gewiß gibt es unter solchen Umständen im Innenleben des Menschen keine harmonische
Arbeit, die als Einheit wirkt.
Die Humanoiden sind bezüglich ihres inneren Zustandes eine psychologische Vielheit, eine
Summe von Ichs.
Die unwissenden Gebildeten dieser finsteren Zeit treiben mit dem Ich einen Kult, sie
vergöttern es, stellen es auf die Altäre, nennen es alter Ego, höheres Ich, göttliches Ich usw....
Die Besserwisser dieser schwarzen Zeit, in der wir leben, wollen nicht wahrhaben, daß das
höhere Ich oder niedere Ich zwei Teile des gleichen, vielfältigen Egos sind...
Der Humanoide besitzt sicherlich kein beständiges Ich, sondern eine Menge verschiedener
infrahumaner und absurder Ichs.
Das arme intellektuelle Tier, irrtümlicherweise Mensch genannt, gleicht einem
unordentlichen Haus, in dem es statt eines Herrn viele Diener gibt, die immer das befehlen und tun
wollen, wozu sie gerade Lust haben...
Der größte Fehler der billigen Pseudo-Esoterik und des Pseudo-Okkultismus besteht darin,
anzunehmen, daß wir ein beständiges und unveränderliches Ich besitzen, ohne einen Anfang und
ohne ein Ende...
Würden diejenigen, die so denken, auch nur für einen Augenblick ihr Bewußtsein erwecken,
könnten sie selbst klar erkennen, daß der rationale Humanoide niemals für lange Zeit der Gleiche
ist...
Vom psychologischen Standpunkt aus gesehen ändert sich das intellektuelle Säugetier
ständig...
Der Gedanke, daß eine Person, die Hans heißt, auch immer Hans ist, wird somit fast zu
einem schlechten Scherz.
Diese Person, die Hans genannt wird, hat in ihrem Innern andere Ichs, andere Egos, die sich
durch seine Persönlichkeit in verschiedenen Momenten äußern. Auch wenn Hans die Habgier zum
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Beispiel nicht gefällt, einem anderen Ich in ihm - nennen wir es Peter - gefällt sie, und so geht es
ununterbrochen.
Keine Person ist ständig die gleiche; man braucht wirklich nicht sehr weise zu sein, um die
zahllosen Wandlungen und Widersprüche eines jeden völlig wahrzunehmen.
Die Annahme, daß jemand ein beständiges und unveränderliches Ich besitze, kommt einem
Mißbrauch unserer selbst und unserer Mitmenschen gleich.
Im Innern eines jeden Menschen leben viele Personen, viele Ichs; das kann jeder, der wach,
der bewußt ist, unmittelbar selbst feststellen...
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Das geliebte Ego
Da das Höhere und das Niedere zwei Teile einer gleichen Sache sind, können wir folgendes
behaupten: höheres Ich, niederes Ich sind zwei Aspekte des gleichen finsteren und vielfältigen
Egos.
Das sogenannte göttliche Ich oder höhere Ich, alter Ego oder dergleichen ist gewiß eine List
des eigenen Selbst, eine Art von Selbsttäuschung.
Wenn das Ich hier und im Jenseits weiterbestehen will, täuscht es sich selbst mit dem
falschen Begriff eines unsterblichen, göttlichen Ichs...
Niemand von uns besitzt ein Ich, das wahrhaftig, fortdauernd, unveränderlich, ewig, erhaben
usw. ist.
Niemad von uns hat in Wirklichkeit eine wahre und authentische Einheit des Seins;
unglücklicherweise besitzen wir nicht einmal eine legitime Individualität.
Obwohl das Ego bis über das Grab hinaus weiterbesteht, hat es dennoch einen Anfang und
ein Ende.
Das Ego, das Ich, ist niemals etwas Individuelles, Einheitliches, Ganzheitliches. Das Ich
besteht offensichtlich aus Ichs.
Im östlichen Tibet nennt man die Ichs psychische Aggregate oder einfach Werte, seien diese
positiv oder negativ.
Wenn wir uns jedes Ich als eine anders geartete Person vorstellen, können wir ausdrücklich
folgendes behaupten:Im Innern jeder Person, die auf der Welt lebt, existieren viele Personen.
Zweifellos leben in jedem von uns sehr viele verschiedene Personen; einige sind besser,
andere schlechter...
Jedes dieser Ichs, jede dieser Personen kämpft um die Vormachtstellung, will exklusiv sein,
beherrscht das Zentrum des Intellekts, des Gefühles oder der Bewegung sooft wie möglich, bis ein
anderes es verdrängt...
Die Lehre der "vielen Ichs" wurde im östlichen Tibet von den wahren Hellsehern, den
authentischen Erleuchteten gelehrt...
Jeder unserer psychologischen Fehler wird von diesem oder jenem Ich personifiziert. Da wir
Tausende, sogar Millionen von Fehlern haben, leben offensichtlich viele Leute in unserem Innern.
Im Bereich der Psychologie haben wir eindeutig feststellen können, daß die paranoischen,
selbstherrlichen und mythomanischen Personen um alles in der Welt den Kult des geliebten Egos
nicht aufgeben würden.
Zweifellos hassen diese Leute die Lehre der vielen Ichs bis in den Tod.
Wenn sich jemand wirklich kennen will, muß er sich selbst beobachten und versuchen, die
verschiedenen Ichs zu erkennen, die sich in der Persönlichkeit befinden.
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Wenn einer unserer Leser die Lehre der vielen Ichs noch nicht versteht, so ist das einzig und
allein auf einen Mangel an Übung im Bereich der Selbstbeobachtung zurückzuführen.
In dem Maße, wie man die Innere Selbst-Beobachtung anwendet, entdeckt man allmählich
viele Leute, viele Ichs, die in unserer eigenen Persönlichkeit leben.
Diejenigen, welche die Lehre der vielen Ichs ablehnen, welche ein göttliches Ich anbeten,
haben sich zweifellos nie ernsthaft selbst beobachtet. Im sokratischen Stil gesprochen heißt das, daß
diese Leute nicht nur nichts wissen, sondern auch nicht einmal wissen, daß sie nichts wissen.
Gewiß könnten wir uns ohne die ernsthafte und tiefe Selbst-Beobachtung niemals selbst
erkennen.
Solange ein Mensch sich weiterhin als Eins betrachtet, wird selbstverständlich jegliche
innere Wandlung mehr als unmöglich sein.
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Die radikale Änderung
Solange ein Mensch weiterhin den Fehler begeht, sich selbst für Eins, einzigartig und
individuell zu halten, ist offensichtlich, daß die radikale Änderung mehr als unmöglich sein wird.
Die Tatsache an sich, daß die esoterische Arbeit mit der rigorosen Beobachtung seiner selbst
beginnt, zeigt uns eine Vielfalt psychologischer Faktoren, Ichs oder unerwünschter Elemente, die
dringend aus unserem Innern zu entfernen und von Grund auf auszumerzen sind.
Zweifellos wäre es keinesfalls möglich, unbekannte Fehler auszumerzen; zuerst müssen wir
unbedingt beobachten, was wir von unserer Psyche trennen wollen.
Diese Art von Arbeit ist nicht äußerlich, sondern innerlich. Und diejenigen, die meinen, daß
irgendein Handbuch des guten Benehmens oder ein äußeres und oberflächliches ethisches System
sie zum Erfolg bringen könne, sind tatsächlich völlig im Irrtum.
Die konkrete und entscheidende Tatsache, daß die innere Arbeit mit der konzentrierten
Aufmerksamkeit auf die vollständige Beobachtung seiner selbst beginnt, zeigt deutlich genug, daß
dies eine ganz besondere persönliche Anstrengung von jedem von uns erfordert.
Offen und klar behaupten wir mit Nachdruck folgendes: Kein menschliches Wesen könnte
diese Arbeit für uns verrichten!
Es ist keinerlei Änderung in unserer Psyche möglich ohne die direkte Beobachtung der
Gesamtheit dieser subjektiven Faktoren, die wir in uns tragen.
Wenn man die Vielfalt der Fehler akzeptiert, aber dabei von der Notwendigkeit ihres
Studiums und ihrer direkten Beobachtung absieht, bedeutet das in der Tat eine Ausrede oder
Ausflucht, eine Flucht vor sich selbst, eine Art von Selbsttäuschung.
Nur durch eine rigorose Anstrengung in der einsichtsvollen Beobachtung seiner selbst, ohne
irgendwelche Ausflüchte, werden wir klar feststellen können, daß wir nicht Einer sondern Viele
sind.
Das Zugeben der Vielheit des Ichs und sie durch eine rigorose Beobachtung aufweisen, sind
zwei verschiedene Aspekte.
Jemand kann die Lehre der vielen Ichs akzeptieren, ohne diese jemals aufgewiesen zu haben;
Letzteres ist nur möglich, indem man sich selbst gründlich beobachtet.
Die Arbeit der innersten Beobachtung abzulehnen und Ausflüchte zu suchen, ist ein
unverkennbares Zeichen von Degeneration.
Solange ein Mensch die Illusion aufrechterhält, immer ein und dieselbe Person zu sein, kann
er sich nicht ändern; aber es ist klar, daß das Ziel dieser Arbeit gerade darin besteht, eine
allmähliche Änderung unseres Innenlebens zu erreichen.
Die radikale Umwandlung ist eine bestimmte Möglichkeit, die man normalerweise verliert,
wenn man nicht an sich selbst arbeitet.
Der Ausgangspunkt der radikalen Änderung bleibt verborgen, solange sich der Mensch
weiterhin für Eins hält.
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Diejenigen, welche die Lehre der vielen Ichs ablehnen, beweisen eindeutig, daß sie sich nie
ernsthaft selbst-beobachtet haben.
Die strenge Beobachtung seiner selbst, ohne irgendeine Art von Ausflüchten, ermöglicht
uns, die harte Realität zu erfahren, daß wir nicht Eins sondern Viele sind.
In der Welt der subjektiven Meinungen dienen verschiedene pseudo-esoterische und pseudookkultistische Theorien immer als Ausweg, um vor sich selbst zu fliehen...
Die Illusion, stets ein- und dieselbe Person zu sein, dient zweifellos als Hindernis für die
Selbst-Beobachtung...
Jemand könnte sagen: Ich weiß, daß ich nicht Eins sondern Viele bin. Die Gnosis hat es
mich gelehrt. Eine solche Behauptung, auch noch so ehrlich gemeint, wäre rein äußerlich und
oberflächlich, wenn dieser Aspekt der Lehre vorher nicht zutiefst innerlich erlebt worden wäre.
Aufweisen, Erleben und Verstehen ist die Grundlage; nur so ist es möglich, bewußt zu
arbeiten, um eine radikale Änderung zu erreichen.
Behaupten ist eine Sache und Verstehen eine andere. Wenn jemand sagt: Ich verstehe, daß
ich nicht Eins bin sondern Viele; wenn sein Verständnis wahrhaftig ist und es sich nicht nur um
leeres Gerede und unklares Geschwätz handelt, so weist dies deutlich auf eine völlige Bestätigung
der Lehre der vielen Ichs hin.
Kenntnis und Verständnis sind zweierlei. Das erste gehört dem Intellekt, das zweite dem
Herzen an.
Die alleinige Kenntnis der Lehre der vielen Ichs führt zu nichts. Unglücklicherweise ist in
dieser Zeit, in der wir leben, die Kenntnis viel weiter fortgeschritten als das Verständnis, da das
arme intellektuelle Tier, irrtümlicherweise Mensch genannt, ausschließlich die Kenntnis entwickelte
und leider die entsprechende Seite des Seins vergaß.
Die Lehre der vielen Ichs zu kennen und sie zu verstehen, ist grundlegend für jede wahre,
radikale Umwandlung.
Wenn ein Mensch anfängt, sich selbst gründlich aus der Perspektive zu beobachten, nicht
Eins sondern Viele zu sein, hat er offensichtlich mit der ernsthaften Arbeit an seiner inneren Natur
begonnen.
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Beobachter und Beobachteter
Wenn jemand ernsthaft beginnt, sich selbst zu beobachten von dem Standpunkt aus, daß er
nicht Eins, sondern Viele ist, so läßt sich daran deutlich erkennen, daß er wirklich begonnen hat, an
all dem zu arbeiten, was er in sich trägt.
Folgende psychologische Fehler sind ein schwerwiegendes Hindernis für die Arbeit der
innersten Selbst-Beobachtung: Mythomanie (Größenwahn, sich für einen Gott halten),
Selbstverherrlichung (Glauben an ein ewiges Ich, Anbetung jeglicher Art von Alter-Ego), Paranoia
(Besserwisserei, Selbstgenügsamkeit, Hochmut, sich für unfehlbar halten, mystischer Stolz,
Unfähigkeit, sich in die Lage des Nächsten zu versetzen).
Wenn man weiterhin an der widersinnigen Überzeugung festhält, daß man Eins ist und ein
ewiges Ich besitzt, dann wird die ernsthafte Arbeit an sich selbst mehr als unmöglich.
Wer glaubt, immer Eins zu sein , wird nie imstande sein, sich von seinen eigenen
unerwünschten Elementen zu trennen. Er wird jeden Gedanken, jedes Gefühl, Verlangen, alle
Gemütsbewegungen, jede Leidenschaft, jeden Fehler usw. für verschiedene, unabänderliche
Funktionen seiner eigenen Natur halten und sich sogar vor den anderen rechtfertigen, indem er sagt,
daß diese oder jene persönlichen Fehler erblichen Charakters sind.
Wer die Lehre der vielen Ichs annimmt, versteht auf Grund der Beobachtung, daß jedes
Verlangen, jeder Gedanke, jede Handlung, Leidenschaft usw. dem einen oder dem anderen Ich
angehört, das sich deutlich von den anderen unterscheidet...
Jeder Athlet der innersten Selbst-Beobachtung arbeitet sehr ernsthaft an seinem Innern und
bemüht sich, die unterschiedlichen unerwünschten Elemente, die er in sich trägt, aus seiner Psyche
zu entfernen...
Wenn jemand wirklich und sehr ehrlich anfängt, sich innerlich zu beobachten, wird er sich in
zwei teilen: in Beobachter und Beobachteten.
Wenn sich diese Teilung nicht vollziehen würde, könnten wir uns offensichtlich niemals auf
dem wunderbaren Weg der Selbsterkenntnis einen Schritt nach vorn bewegen.
Wie könnten wir uns selbst beobachten, wenn wir den Fehler begehen würden, uns nicht in
Beobachter und Beobachteten teilen zu wollen?
Wenn sich diese Teilung nicht vollziehen würde, könnten wir offensichtlich niemals einen
Schritt vorwärts gehen auf dem Weg der Selbst-Erkenntnis.
Wenn diese Teilung nicht geschieht, bleiben wir zweifellos weiterhin mit allen Prozessen
des vielfachen Ichs identifiziert...
Wer sich mit den verschiedenen Prozessen des vielfachen Ichs identifiziert, ist immer ein
Opfer der Umstände.
Wie könnte derjenige, der sich nicht selbst kennt, die Umstände ändern? Wie könnte jener
sich selbst kennen, der sich nie innerlich selbst beobachtet hat ? Wie könnte sich jemand selbst
beobachten, wenn er sich nicht zuvor in Beobachter und Beobachteten geteilt hat?
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Nun kann aber niemand beginnen, sich radikal zu ändern, solange er nicht imstande ist, zu
sagen: Dieses Verlangen ist ein tierisches Ich, das ich ausmerzen muß; dieser egoistische Gedanke
ist ein anderes Ich, das mich quält und das ich zerstören muß; diese Empfindung, die mein Herz
verletzt, ist ein eingedrungenes Ich, das ich in kosmischen Staub verwandeln muß usw....
Natürlich ist dies unmöglich für jemanden, der sich nie in Beobachter und Beobachteten
geteilt hat.
Wer all seine psychologischen Vorgänge für die Funktionalismen eines einzigen,
individuellen und ewigen Ichs hält, ist dermaßen mit all seinen Fehlern identifiziert und hat sie so
an sich gebunden, daß er aus diesem Grund die Fähigkeit verloren hat, sie von seiner Psyche zu
trennen.
Offensichtlich können solche Personen sich niemals radikal ändern; diese Menschen sind
zum völligen Scheitern verurteilt.
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Negative Gedanken
In dieser Zeit der Involution und Dekadenz erscheint es seltsam, tief und mit voller
Aufmerksamkeit nachzudenken.
Aus dem intellektuellen Zentrum tauchen verschiedene Gedanken auf, die nicht von einem
fortdauernden Ich stammen, wie die unwissenden Gebildeten meinen, sondern von den
verschiedenen Ichs in jedem von uns.
Wenn ein Mensch denkt, ist er fest davon überzeugt, daß er selbst und allein von sich aus
denkt.
Das arme intellektuelle Säugetier will nicht wahrhaben, daß die vielfältigen Gedanken, die
durch seinen Verstand ziehen, ihren Ursprung in den verschiedenen Ichs haben, die wir in uns
tragen.
Das bedeutet, daß wir keine wahren, denkenden Individuen sind; in Wirklichkeit besitzen
wir noch keinen individuellen Verstand.
Wohl aber benützt jedes der verschiedenen Ichs, die wir in uns tragen, sooft wie möglich
unser intellektuelles Zentrum zum Denken.
Es wäre absurd, sich mit diesem oder jenem negativen oder schädlichen Gedanken zu
identifizieren und zu glauben, er sei unser persönliches Eigentum.
Es ist offensichtlich, daß dieser oder jener negative Gedanke von irgendeinem Ich stammt,
das in einem bestimmten Augenblick unser intellektuelles Zentrum mißbraucht hat.
Es gibt verschiedene Arten von negativen Gedanken: Argwohn, Mißtrauen, Böswilligkeit,
leidenschaftliche Eifersucht, religiöse Eifersucht, Eifersucht in der Politik, in der Freundschaft oder
in der Familie, Habsucht, Lüsternheit, Rache, Zorn, Stolz, Neid, Haß, Groll, Diebstahl, Ehebruch,
Faulheit, Gefräßigkeit usw....
Wir haben wirklich so viele psychologische Fehler, daß es uns nicht gelingen würde, alle
aufzuzählen, selbst wenn wir einen stählernen Gaumen hätten und tausend Zungen zum Sprechen.
Aus all diesen Gründen erscheint es unsinnig, sich mit den negativen Gedanken zu
identifizieren.
Da eine Wirkung ohne Ursache unmöglich ist, behaupten wir mit höchstem Nachdruck, daß
es keinen Gedanken geben kann, der spontan aus sich selbst entsteht.
Die Beziehung zwischen Denker und Gedanke ist offensichtlich: jeder negative Gedanke hat
seinen Ursprung in einem anderen Denker.
In jedem von uns befinden sich so viele negative Denker wie es Gedanken der gleichen Art
gibt.
Wenn wir diese Frage von dem vielseitigen Standpunkt des Denkers und der Gedanken aus
betrachten, stellen wir fest, daß jedes einzelne unserer Ichs, das auf unserer Psyche lastet, mit
Sicherheit ein anderer Denker ist.
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Zweifellos gibt es in jedem von uns viel zu viele Denker; aber jeder von ihnen, obwohl er
nur ein Teil ist, hält sich in einem bestimmten Moment für das Ganze...
Die Mythomanen, die Selbstanbeter, die Narzißten, die Paranoiker würden niemals die These
der Vielheit der Denker akzeptieren, weil sie sich selbst zu sehr lieben und sich für Tarzans Papa
oder die Kükenmutter halten...
Wie könnten solche anormalen Leute die Idee akzeptieren, daß sie keinen individuellen,
genialen, wunderbaren Verstand besitzen?...
Dennoch haben solche Besserwisser eine hohe Meinung von sich selbst und kleiden sich
sogar mit der Tunika des Aristippos, um Weisheit und Demut zu beweisen...
Eine alte Legende erzählt, daß Aristippos, der Weisheit und Demut demonstrieren wollte,
sich mit einer alten Tunika voller Flicken und Löcher kleidete, mit seiner Rechten den Stab der
Philosophie ergriff und so durch die Straßen von Athen zog...
So hieß es, daß Sokrates, als er ihn erblickte, mit lauter Stimme rief: Oh Aristippos, man
sieht deine Eitelkeit durch die Löcher deines Gewandes!
Wer nicht ständig wach für Neues ist und sich nicht im Zustand der wachsamen
Wahrnehmung befindet, indem er denkt, daß er denkt, der identifiziert sich leicht mit jeglichem
negativen Gedanken.
Infolgedessen stärkt er leider die unheilvolle Macht des negativen Ichs, des Urhebers des
entsprechenden Gedankens.
Je mehr wir uns mit einem negativen Gedanken identifizieren, desto stärker werden wir zu
Sklaven des Ichs, das ihn charakterisiert.
Was die Gnosis, den Geheimen Weg und die Arbeit an sich selbst betrifft, so befinden sich
unsere ureigenen Versuchungen gerade in den Ichs, die die Gnosis, die esoterische Arbeit hassen;
denn sie wissen genau, daß ihr Dasein in unserer Psyche von der Gnosis und von der Arbeit tödlich
bedroht ist.
Diese negativen und streitsüchtigen Ichs bemächtigen sich leicht gewisser mentaler Rollen,
die in unserem intellektuellen Zentrum gespeichert sind ? und verursachen Serien schädlicher und
gefährdender Gedankenströme.
Wenn wir diese Gedanken, diese negativen Ichs, die in einem bestimmten Moment unser
intellektuelles Zentrum beherrschen, annehmen, dann werden wir unfähig sein, ihren Folgen zu
entgehen.
Niemals dürfen wir vergessen, daß jedes negative Ich sich selbst täuscht und täuscht, folglich
lügt.
Jedesmal, wenn wir fühlen, daß plötzlichen die Kraft fehlt, wenn der Aspirant eine
Enttäuschung erlebt in der Gnosis, in der esoterischen Arbeit, wenn er die Begeisterung verliert und
das Beste verläßt, ist es offensichtlich, daß er von einem Negativen Ich getäuscht wurde.
Das negative Ich des Ehebruchs richtet die Familien zugrunde und macht die Kinder
unglücklich.
Das negative Ich der Eifersucht täuscht die Menschen, die sich lieben und zerstört ihr Glück.
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Das negative Ich des Mystischen Stolzes täuscht die Anhänger des Weges, und diese fühlen
sich weise und verabscheuen ihren Meister oder verraten ihn...
Das negative Ich appelliert an unsere persönlichen Erfahrungen, unsere Erinnerungen, unsere
größten Sehnsüchte, unsere Aufrichtigkeit, und mit Hilfe einer rigorosen Auswahl aus allem stellt
es etwas in einem falschen Licht dar, etwas, was fasziniert, und so kommt es zum Scheitern...
Wenn man jedoch das Ich auf frischer Tat ertappt, wenn man gelernt hat, im Zustand der
Wachsamkeit zu leben, wird eine solche Täuschung unmöglich...
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Die Individualität
Es ist wirklich ein sehr schlechter Scherz, sich selbst für Eins zu halten; unglücklicherweise
existiert diese eitle Täuschung in jedem von uns.
Leider denken wir von uns selbst immer das Beste; niemals würden wir vermuten, daß wir
nicht einmal eine wahre Individualität besitzen.
Das Schlimmste daran ist, daß wir uns sogar den Lu
...