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Samstag/Sonntag, 3./4. September 2011

Süddeutsche Zeitung Nr. 203 / Seite 3

DIE SEITE DREI

Sila Sahin beim Ballett-Unterricht in Berlin. Schon als Kind hat die heute 25-Jährige Tanz gelernt, die Mutter wollte sie damit von der Straße und von den Jungs wegholen.

Foto: Alessandra Schellnegger

Nackte Wut
Sila Sahin spielt im Fernsehen eine Türkin, wie sie die deutschen Zuschauer gerne sehen: brav und traditionell.
Dann hatte sie genug von den Klischees und zog sich für den „Playboy“ aus. Die Geschichte einer Provokation.
Von Thorsten Schmitz
Berlin – Es ist wie im Film. Die Mutter hat
wochenlang nicht mit ihr geredet. Dem
Vater fehlen die Worte. Der Onkel wirft
der Mutter vor: Du hast dein Kind nicht
richtig erzogen. Auf Facebook und auf
YouTube wird sie von Türken als
„Schlampe“ bezeichnet. Auf den Fluren
der Studios von Potsdam-Babelsberg
gibt es deutsche Mitarbeiter der EndlosSoap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, die
nörgeln: „Sie kennt doch ihre Kultur. Sie
muss gewusst haben, dass die Fotos einen
Aufruhr auslösen.“ Und die Boulevardmedien brüllen: „Darf eine Türkin so
etwas?“
Es ist aber kein Film, in dem Sila Sahin
lebt.
Auch die Fotos sind echt. Auf ihnen
sieht man Sila Sahin am Strand von Sri
Lanka. Sie ist allein, der Strand wurde
für die Aufnahmen gesperrt. Auf einem
Foto schimmert ihr Busen durch eine nasse Bluse, auf einem anderen spreizt sie die
Beine. Sie trägt keinen Bikini. Es wurden
auch Fotos von ihr und einem Elefanten
gemacht, aber die hat der Playboy nicht
gedruckt, weil sie verwackelt waren. Der
Elefant, sagt Sila Sahin, sei sehr aufgeregt gewesen.
Sila Sahin sitzt im Schneidersitz auf
einem Sofa in ihrem Drehpausenzimmer
in den Filmstudios von Potsdam-Babelsberg, schwarze Jogginghose, roter Kapuzenpulli, rosa Hausschuhe. Die Rollläden
hat sie heruntergelassen, Duftkerzen
flackern. Für einen Moment wirkt sie so
zart, als könnte sie die Last der Vorwürfe
nicht schultern. Aber das täuscht. Sie ist

Bei RTL wollten sie ihr auch
noch ein Kopftuch aufziehen –
das hat sie verhindert.
nur heute schon früh aufgestanden, um
fünf Uhr, um sieben war sie am Set. Vor
der Kamera von RTL spielt sie Ayla
Gözgül, eine Physiotherapeutin, die immer das macht, was vernünftig ist. Von
Montag bis Freitag schlüpft Sila Sahin in
eine Rolle, die weiter weg ist von ihrem
Leben als die Fotos aus Sri Lanka.
Es ist Mittag, neben ihr liegt kalte Pizza in einem flachen Karton. „Die Fotos
waren ein Befreiungsschlag. Ich wollte
zeigen, dass türkische Frauen machen
können, was sie möchten.“
Mut gegeben für den Befreiungsschlag
hat ihr auch ein Mädchen aus Afghanistan, von dem sie nur ein Foto besitzt. Es
hängt über dem Sofa im Drehpausenzimmer. Das Mädchen trägt Kopftuch, es
steht mitten am Tag auf einer Straße in
Kabul und hält ein Skateboard in der
Hand. Das Mädchen ist vielleicht zehn
Jahre alt. Es gibt nicht viele Mädchen in
Afghanistan, die Skateboard fahren. Sila

Sahin sagt: „Die Kontraste auf dem Bild
ziehen mich in den Bann.“
Sie ist so erschöpft vom frühen Aufstehen, dass sie die Pizza nur zur Hälfte geschafft hat. Sie steckt ihre Hände in die
Taschen des Kapuzenpullis. „36Boys“
steht auf ihm. Der Pulli ist ein Geschenk
von einem Türken, dem das Modelabel
gehört, das den Namen der früheren
Kreuzberger Straßengang trägt. Vor ein
paar Wochen hat er Sila Sahin beim Drehen in Kreuzberg erkannt und ihr das
Sweatshirt in die Hand gedrückt. „Coole
Fotos“, hat er noch gesagt, und den Daumen nach oben gehalten.
Es gibt auch Türken, die finden die
Fotos extrem uncool. Sie sehen hier keinen Befreiungsschlag, sondern brüllen,
als habe ihnen Sila Sahin in den Bauch getreten. Dass sie eine „türkische Nutte“ sei,
„eine Schande für uns Türken“, solche Sachen. Eine Deutsche hinterließ diesen
Kommentar auf Sila Sahins FacebookSeite: „Mit Euren altmodischen Traditionen bürdet ihr Euren Kindern Unterwerfung auf und bildet ein Hindernis, dass sie
eine eigene Persönlichkeit entwickeln können.“ Schon nach ein paar Minuten schleuderte ihr ein Schreiber mit dem Namen
„Faritburger“ einen Satz entgegen: „Deine Mutter fickt ohne Gummi mit Juden.“
In den ersten Tagen nach der Veröffentlichung der Fotos wurde sie von einem
Fahrdienst nach Hause gebracht.
Sila Sahin hat irgendwann aufgehört,
diese Kommentare zu lesen. Wenn sie Leute wie „Faritburger“ träfe, hätte sie nur
eine Frage an ihn: „Warum habe ich nicht
genauso das Recht, im Playboy zu erscheinen, wie jede deutsche Frau auch?“
Es gebe eben Menschen, „die wollen
nicht integriert sein“.
Trubel hat Sila Sahin mit einkalkuliert. Sie wusste, dass die Fotos eine
Diskussion auslösen würden. Doch so eine Diskussion? „In Deutschland war ich
für ein paar Tage fast wichtiger als die
Debatte um die Zukunft der AKWs. Es
gibt wirklich Wichtigeres im Leben.“
Sila Sahin seufzt. Sie versteht die Welt
nicht: „Ich hätte nie gedacht, dass das solche Wellen schlägt. Ich wollte nie andere
in ihrem Glauben provozieren, und dass
meine Familie muslimisch ist, heißt doch
nicht automatisch, dass ich meinen Glauben in Deutschland fortsetze. Außerdem
geht es niemanden etwas an, was und an
wen ich glaube. Glauben, das ist das
Intimste, was ein Mensch besitzt, nicht
der nackte Körper. Wir kommen doch
alle nackt zur Welt. Manchmal komme
ich mir vor wie Jeanne d’Arc.“
Das Drehpausenzimmer ist wie eine
Höhle, in die sich Sila Sahin zurückzieht,
wenn ihr die Welt da draußen zu viel
wird. Manchmal liegt sie einfach nur auf
dem Sofa und denkt. Sie kann noch so
viel nachdenken, aber eines begreift sie
nicht: „Man erschwert sich doch das Leben, wenn man als Türke in Deutschland

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lebt und sagt, man wolle nichts mit den
Deutschen und ihrer Kultur zu tun
haben.“ Integration, sagt sie, „kann doch
nur funktionieren, wenn man sich öffnet.
Ich fühle mich integriert, ich musste mich
noch nie hinten anstellen.“
Wie Sila Sahin so auf ihrem Drehpausensofa sitzt, müde und nachdenklich,
fällt es einem schwer, in ihr auch die verruchte Sila Sahin am Strand von Sri Lanka zu sehen. Es war das erste Mal, dass
sich eine deutsche Türkin für den Playboy ausgezogen hat. Die Ausgabe gehört

Acht Jahre war sie mit einem
Kurden zusammen. Dann
hielt sie es nicht mehr aus.
zu den bestverkauften Heften in den letzten zehn Jahren. Als Sahins Sonnenuntergangsfotos erschienen, wurde in den Zeitungen über die biologistischen Thesen
von Thilo Sarrazin gestritten und wie viel
eigentlich die Türken zur deutschen Kultur beitragen. Es sind Fotos, die sagen:
Guck mal, Thilo Sarrazin, es gibt auch
Türkinnen wie mich.
Türkinnen, die keine Kopftücher tragen und keine Bikinis. Auch bei GZSZ ist
das mit den Klischees so eine Sache. Am
Anfang wollten die Drehbuchschreiber,
dass die Physiotherapeutin Özgül ein
Kopftuch trägt, aber das konnte Sila
Sahin ihnen ausreden. Immer wieder mal
schaut sie bei den Drehbuchschreibern
vorbei und fragt, ob man ihre Rolle nicht
„ein bisschen mutiger“ machen könne.
„Ich würde mir wünschen, dass Ayla das
macht, was ihr Herz sagt, egal, ob das
jetzt türkisch ist oder untürkisch.“ Aber
die Drehbuchschreiber haben bis jetzt
eigentlich immer abgewinkt: „Die Deutschen mögen die Ayla so, wie sie ist,
traditionell und brav.“
Wenn man Sila Sahin bei Dreharbeiten
beobachtet, im Tanzstudio beim Ballett,
in einem Café auf dem Ku’damm und
beim Spazierengehen mit ihrem Vater,
fragt man sich, wie viele Rollen Sila
eigentlich spielt. Da ist die GZSZ-Sila
und die Ballett-Sila. Es gibt aber auch die
Theater-Sila, die Sätze aus Oscar Wildes
Salome zitiert, und es gibt die Boulevardmedien-Sila, die sich in ihrer Dachgeschosswohnung beim Polentakochen
fotografieren lässt. Die Playboy-Sila ist
einem am fremdesten.
Sila Sahin gähnt und streckt sich, über
den in die Decke eingebauten Lautsprecher kommt die Durchsage, dass es noch
fünf Minuten bis zum nächsten Dreh
sind, sie erhebt sich vom Sofa und sucht
ihr Outfit für die nächste Szene heraus.
„Als ich die Fotos zum ersten Mal gesehen habe“, sagt sie, „habe ich mich selbst
kaum wiedererkannt.“
Draußen gießt es inzwischen in Strömen, im Drehbuch aber steht eine Außen-

szene, in der es heiß ist und Sommer. Sie
zieht eine kurze Jeanshose an, ein weißes
Trägertop, aber als sie dann in den Kulissen friert, hat der Regisseur ein Erbarmen
und lässt gelbe Regenjacken an die Schauspieler verteilen. Die Ayla Özgül, die Sila
jetzt spielt, ist mit einem Türken verlobt.
Es ist eine Vernunftbeziehung. In Wahrheit ist Ayla Gözgül aber verliebt in Philip, einen Kollegen im Krankenhaus. Sie
traut sich nur nicht auszubrechen. Sila
Sahin spielt also genau das Gegenteil von
ihrem eigenen Leben, die angepasste Türkin. Sie sagt: „Ich kann die Rolle gut nachspielen, weil viele meiner Freundinnen so
sind: Sie machen, was die Vernunft ihnen
sagt und folgen nicht ihrem Herzen.“
Die Welt ihrer Freundinnen hat Sila
Sahin schon lange satt, die Welt der Erwartungen. Acht Jahre lang war sie mit
einem türkischen Kurden zusammen. Er
hat ihr nicht erlaubt, Schauspielerin zu
werden, und wenn sie sich verabredete,
wollte er wissen, mit wem sie sich trifft.
Jetzt hat sie einen deutschen Freund, der
ihr keine Vorschriften macht. Acht Jahre
lang hat Sila Sahin ohne Luft gelebt. So
hat sie die acht Jahre empfunden, das Leben an der Seite ihres kurdischen Freundes im Vakuum. „Ich durfte keine Männer als Freunde haben, ich durfte mich
nicht anziehen, wie ich wollte, ich durfte
nicht ausgehen. Was die Familie gesagt
hat, galt, nicht, was ich wollte. Das hat
meinen Freiheitsdrang nur vergrößert.“
Sila Sahin beklagt die Doppelmoral in
ihrer Gesellschaft: „Vor der Ehe Sex haben, das geht gar nicht, so werden wir erzogen. Ich habe kaum Freundinnen, die
noch Jungfrauen sind. Vor den Eltern tun
meine Freundinnen immer so, als hätten
sie keinen Sex, dabei wissen selbst die
Eltern, dass ihre Töchter Sex haben. Und
man ist auch nicht eine Schlampe, weil
man auf dem Cover vom Playboy ist.“
Sila Sahin ist aus dem Erwartungsgefängnis ausgebrochen, aus einer Welt,
in der man ihr sagt, was sie tun darf und
was nicht. Sie kann laut sein und schrill.
Das ist die Schauspieler-Sila. Sie kann
aber auch still werden und das GZSZ-Lä-

Sie ist in einem Milieu in Berlin
groß geworden, in dem
immer alles nur „Sünde“ war.
cheln ablegen. Dann ist sie die unabhängige Sila Sahin, die gerne großes Kino machen möchte. Das ist ihr Traum. Fatih
Akins Filme liebt sie, vor allem „Gegen
die Wand“, in dem Sibel Kekilli eine Türkin spielt, die gegen ihr traditionelles türkisches Elternhaus rebelliert. Das wäre
eine Rolle, die ihr gefällt.
Es hat ein bisschen gedauert, bis der
Vater sich bereiterklärt hat, über seine
Tochter zu reden. Er war gerade in Antalya im Urlaub, ist braun im Gesicht. Zarif-

Zeki Sahin trägt eine Jeans, die absichtsvoll gelöchert ist, eine beigefarbene Lederjacke, darunter ein buntes Karohemd. Er
sieht aus, als käme er gerade von einem
Dreh mit Fatih Akin. Er fragt, ob es einen
stört, wenn er raucht.
Zarif-Zeki Sahin ist selbst Schauspieler und lebt in Hamburg. Wenn er lächelt,
leuchtet sein ganzes Gesicht. Er hat nichts
von den Nacktfotos gewusst, ein Freund
rief ihn an, ein Psychologe. „Mein lieber
Zarif“, habe er gesagt und wie Woody Allen gescherzt, „ich weiß, du wirst deine
Tochter umbringen, aber vorher stelle ich
dir ein Attest aus, dass du schuldunfähig
bist . . .“ – „Von was redest du?“, habe er
ihn gefragt. Dann habe der Freund ihm gesagt, er solle sich eine Hürriyet kaufen.
Am Kiosk verschlug es ihm die Sprache.
Sein Geld verdient Zarif-Zeki Sahin
mit Türkisch-Unterricht für Jugendliche,
die Schwierigkeiten haben zu lernen. Seit
seine Tochter nackt im Internet zu sehen
ist, „sind die Eltern meiner Schüler ein
bisschen distanzierter zu mir“. Welche
Gedanken er hatte, als er die Fotos gesehen hat? „Wie kann ich das sortieren im
Kopf. Es fällt mir schwer, in den Fotos die
Kunst zu erkennen, denn es ist ja mein
Kind, das ich da anschaue.“ Er sagt, sein
Bruder, der in der Türkei lebt, hat ihn
sofort angerufen: „Er war entsetzt und
hat mir gesagt, wie konntest du uns das
antun?“
Die Mutter redet inzwischen wieder
mit ihrer Tochter. Aber mit einem Journalisten möchte sie sich nicht treffen. Die Eltern haben sich getrennt, als Sila Sahin
vier Jahre alt war. Die Mutter ist Krankenschwester und hat die Tochter alleine
großgezogen. Ihre Mutter, sagt Sila Sahin, habe immer alles richtig machen wollen, jetzt frage sie sich, was sie falsch
gemacht habe.
Die Mutter, sagt die Tochter, leide
unter den Blicken der Nachbarn. Sila
Sahin ist in einem Viertel in Charlottenburg groß geworden, wo viele türkische
Familien wohnen. Jeder kennt hier jeden.
Die Blicke der Nachbarn seien unerträglich für ihre Mutter. Blicke, die sagen: Pfui, was bist du nur für eine Mutter,
dass deine Tochter sich nackt fotografieren lässt.
Es ist ein schöner Spätsommermittag,
Sila Sahin fährt in ihrem weißen Smart
zum Ballettunterricht, „Giselle“, zweiter
Akt, wird sie gleich tanzen. Wenn sie
tanzt, vergisst Sila Sahin die FacebookEinträge, die Sarrazin-Debatte, die Blicke, die ihre Mutter quälen, den Neid von
Kollegen und die Bilder, die andere sich
von ihr machen. Sila Sahin hat die Drehbuchschreiber gefragt, ob Ayla Özgül
nicht vielleicht Tanzunterricht nehmen
könne. Sila Sahin will nicht mehr die
brave Ayla Gözgül sein, sie will das Korsett abstreifen. Die Drehbuchautoren wollen erst mal sehen, wie gut Sila Sahin
tanzt. Deshalb nimmt sie jetzt Privat-

unterricht bei ihrer Ballettlehrerin. Bis
zum Alter von 14 Jahren ging sie zum Ballett, der Mutter zuliebe, weil die nicht
wollte, dass ihre Tochter mit Jungs auf
Bäume klettert.
Die Lehrerin legt eine CD ein mit dem
zweiten Akt, in dem Myrtha, die Königin
der Wilis, Giselle aus dem Grab ruft und
ihr befiehlt, Albrecht in einen tödlichen
Tanz zu locken. „Tendu! Jeté! Tendu!
Jeté!“, ruft die Lehrerin. Sila Sahin prüft
mit strengem Blick ihr Aussehen in der
Spiegelwand, ernst schaut sie auf den
Boden. Eigentlich viel zu ernst. „Halte
den Kopf hoch!“, ruft die Lehrerin. „Du
musst ihn immer hochhalten!“
Sila Sahin sagt, sie habe schon immer
gespürt, dass sie anders gewesen sei als
andere Türken in Berlin. Einzelkind,
Eltern getrennt, nur mit Jungs gespielt,
bis die Mutter sie in den Ballettunterricht
geschickt hat. Sie ist in einem Milieu am
Mierendorffplatz aufgewachsen, wo für
viele Türken „im Grunde immer alles
ayip ist, alles“. Sie schaut auf ihrem iPad
nach, was das Wort auf Deutsch bedeutet,
das ihr die Luft zum Atmen genommen
hat. „Hier, da steht es, Sünde heißt es,
schäm dich, was sollen die Leute sagen.
Genauso war es: Alles war immer
Sünde.“

In der Schule drückte sie den
Feuermelder, wenn sie keine
Lust mehr auf Unterricht hatte.
Als sie 14 war und zum ersten Mal
Lipgloss auftrug, musste sie sich von den
Müttern ihrer Freundinnen anhören: „Du
bist doch erst 14, du kannst noch keinen
Lipgloss auftragen.“ Oder: „Mit wem
hast du da gerade auf der Straße geredet?“ Oder: „Warum sind deine Eltern geschieden? Warum hast du keine Geschwister?“ Ihre Mutter hat tagsüber als Krankenschwester gearbeitet, nachts „ist sie
mir gefolgt, wenn ich heimlich in die
Disco gegangen bin, und hat mir hinterher eine Standpauke gehalten“.
Ein paar Tage später meldet sich Sila
Sahin am Telefon. Sie klingt erschöpft,
aber irgendwie auch zufrieden. Sie hat
Muskelkater vom Tanztraining, aber das
sei ein schöner Schmerz. Plötzlich fällt
ihr ein, warum sie angerufen hat. Sie will
etwas erzählen. „Wenn ich früher keine
Lust hatte auf Unterricht in der Schule,
habe ich immer den Feuermelder gedrückt. Ich wollte schon immer machen,
was ich will.“
Und jetzt? Wird sie demnächst wieder
auf einen Feuermelder drücken? „Am
liebsten würde ich mit Fatih Akin drehen.
Oder einfach ein Jahr durch die Welt
trampen.“ Es gibt viele Länder, die sie
noch nicht kennt. Afghanistan wäre ihr
zu gefährlich. Aber Skateboardfahren,
das würde sie schon gerne einmal lernen.


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