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InSüdtirol 02.02.2012 .pdf



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Foto: privat, Shutterstock, D-Archiv

Gourmet
Sportsucht

Wenn Sport
zur Sucht wird
Sie powern sich aus bis zum Umfallen und sind erst
glücklich, wenn es schmerzt. Immer öfter betreiben
Menschen extensivem Sport, um einen
Ausgleich zum Alltag zu finden. Und merken
oft zu spät, dass er ihr Leben beherrscht.
Von Martina Hofer

Walter S. aus Brixen Umgebung braucht den Sport wie die Luft
zum Atmen. „Nur wer fanatisch ist, kann Leistung bringen“, sagt er.

36 insüdtirol nr. 05

Psyche

K

aum schlägt die Uhr 12, schwingt
sich Walter S. auf sein Mountainbike. Die eineinhalb Stunden
Mittagspause nutzt der 43-jährige
Angestellte eines Dienstleistungsunternehmens in Brixen, um eine Runde zu
radeln. Einmal nach St. Andrä, das sind ca. 7
Kilometer und 450 Höhenmeter, dann setzt
er sich wieder an den Schreibtisch. Seine Mittagsmahlzeit konsumiert er aus der Flasche. Ein
Vitamindrink mit wichtigen Spurenelementen
ersetzt den Teller Nudeln oder das Schnitzel. „Ich
brauche die Bewegung zum Ausgleich“, sagt er
unverblümt. „Sein Drang sich zu bewegen wird
zunehmend zum krankhaften Trieb“, sagen seine
Arbeitskollegen. Er sei fanatisch, man könne mit
ihm über nichts anderes mehr reden. Ihre Namen

Besonders Männer suchen im Leistungssport neue Herausforderungen.

Eine dramatische Entwicklung, die in einem
Teufelskreis enden kann, glauben Sportwissenschaftler der Universität Bielefeld. Sie haben in
einer mehrjährigen Studie herausgefunden, dass
sich ungefähr ein Prozent aller Sportler ähnlich
getrieben fühlen. „Wenn der Sport zum wichtigsten Lebensinhalt, mit seiner Hilfe negative
Gefühle reguliert oder verdrängt werden und
wenn Entzugserscheinungen auftreten, wie zum
Beispiel Unruhe oder Gereiztheit, kann man von
einer Sucht sprechen“, weiß Dr. Martin Oberhofer.
Der Psychologe aus Meran beschäftigt sich mit
Verhaltenssüchten, zu der auch die Sportsucht
gezählt wird, bemerkt jedoch: Sportsucht ist noch
keine international anerkannte psychische Störung
wie etwa eine Alkohol oder Drogenabhängigkeit.
„Grundsätzlich“, sagt er „sind sich die Merkmale
einer solchen Sucht aber
sehr ähnlich. Es handelt
sich um eine der „neuen“ oder „modernen“
Süchte, zu der auch die
Glücksspiel-, Kauf-,
Arbeits-, Computer-/
Internet- und Sexsucht gehören. Durch
ein stark belohnendes
Verhalten sollen Frustrationen, Ängste und
Unsicherheiten reguliert
bzw. diese verdrängt
werden.“

Sport – eine Störung?
wollen sie hier nicht nennen. Nur soviel: Sie sind Das klingt ungewohnt. Wird doch überall probesorgt. Walter richtet mittlerweile seinen ganzen pagiert, dass Bewegung Spaß macht, gesund ist,
Alltag nach dem Sport aus. Bald werden an den Erfolgserlebnisse schenkt. Das stimmt auch. Und
Wochenenden wieder Rennen gefahren. Minde- wer das Joggen anfängt oder sich die Tourenskier
stens zwei Stunden täglich strampelt er darum anschnallt, wird davon nicht gleich abhängig.
auf dem Rad. Schnee, Regen, Eis? Das stört ihn Immer öfter wird Bewegung heute aber missnicht. Nur abends, da schnallt sich der 43-Jährige braucht, um der Leistungs- und Körperkult orilieber die Tourenskier an, um schnell ein paar entierten Welt gerecht zu werden. Fit und schlank
Kilometer bergauf zu laufen. Schließlich hat er ist gleich sexy und erfolgreich, wird suggeriert.
doch vor drei Jahren den Laufpass bekommen. Besonders jüngere Frauen entwickeln durch
Nicht von offizieller Stelle, sonden exzessiven Sporttrieb in
dern von seiner Lebensgefährtin
Ausnahmefällen ein gestörtes
„Bei Sportsucht
Claudia. Sie schaffte es nicht länEssverhalten. Mögliche Folhandelt es sich
ger, sich seinem immerwährenden
gen sind Hormonstörungen
um eine der moderDrang nach Sport unterzuordnen
bis hin zum Ausbleiben der
nen Süchte, zu der
und sein egoistisches Verhalten zu
Menstruation, Magersucht
auch Glücksspiel-,
tolerieren. Einsicht? Nein. Die
Kauf-, oder Sexsucht und Knochenschwund. Stelgehören.“
Trennung wurde für Walter zum
len Männer hingegen den
Ansporn: „Jetzt erst recht!“, lautete
Sport an erste Stelle, geht es
Martin Oberhofer, Psychologe
fortan sein Credo. Jeden Tag nutweniger ums Abnehmen, als
zen. Und immer ein bisschen mehr.
vielmehr um Leistung. Wer

4 Fragen an:

Dr. Martin Oberhofer ist
Psychologe mit freier Praxis in Meran. Einer seiner
Arbeitsschwerpunkte ist
die psychologische Betreuung von Sportlern.
www.psychpraxis.it

IN: Gibt es Risikogruppen für die Sportsucht?
Martin Oberhofer: Gefährdet eine Sportsucht zu entwickeln, sind sicher ehrgeizige,
leistungsorientierte Menschen. Weiters kann
es bei einer bereits bestehenden anderen Sucht
zu einer sogenannten Suchtverschiebung
kommen. Das heißt, es gibt Fälle, bei denen
Menschen es zwar geschafft haben, nicht mehr
vom Alkohol abhängig zu sein, aber dann eine
Sportsucht entwickelt haben.
Worin besteht der Unterschied zwischen
Zwang und Sucht?
Allgemein geht es bei einer Zwangsstörung
darum, Angst zu vermeiden. Das Ausführen
der Zwangshandlung wird als unangenehm
empfunden, ganz im Gegensatz zur Sucht.
Wenn es einem schlecht geht, man mit Frustrationen konfrontiert wird oder mit Ängsten
zu kämpfen hat, verschafft das Suchtverhalten
kurzfristig Linderung.
Was raten Sie Angehörigen, die Betroffene auf
ihre Sucht aufmerksam machen wollen?
Ich kann Betroffenen und Angehörigen nur
raten, professionelle Hilfe aufzusuchen, da es
oft eine außenstehende Person braucht, um die
Problematik bewusst zu machen. Die Süchtigen selbst streiten die Abhängigkeit meistens
ab, was Teil der Sucht ist und kommen oft erst
in Therapie, wenn z.B. die Frau mit Scheidung droht oder z. B. der Arbeit nicht mehr
nachgegangen werden kann. Die Angehörigen
befinden sich oft in einer sogenannten CoAbhängigkeit. Sie nehmen Rücksicht auf die
Sucht des Betroffenen und verhalten sich so,
dass die Sucht aufrechterhalten bleibt.
Wie kann eine Sportsucht therapiert werden?
Bei nicht stoffgebundenen Süchten ist die
totale Abstinenz nicht Ziel der Therapie, sondern ein maßvoller Umgang, ohne dass Beruf
und Privatleben in Mitleidenschaft gezogen
werden. Weiters geht es darum, Verhaltensalternativen zu finden, um mit unangenehmen
Gefühlszuständen umzugehen.

nr. 05 insüdtirol 37

Gourmet

Hier warten Erfolgserlebnisse:
Wettkämpfe wie dieses Tourenskirennen
in Moena erfreuen sich immer größerer Beliebtheit.

in seinem Beruf alles erreicht hat, oder in seiner
Beziehung festgefahren ist, sucht nicht selten
nach neuen Herausforderungen. Sport, besonders
Wettkampfsport, kann der ideale Zufluchtsort
sein. Hier warten Erfolgserlebnisse.
Auch Thomas hat gern gesiegt. Der 34-Jährige
aus Hamburg war 15 Jahre lang Marathonläufer.
In Frankfurt war er dabei, in Hannover stand
er gar auf dem Siegertreppchen, und der New
York-Marathon zählte zu den Pflichtterminen.
An der Strecke wurde der Maschinenbautechniker angefeuert und bejubelt. Zuhause erntete er
Ansehen. „Dieses Ausschütten von körpereigenen
Glücksstoffen hat mich beflügelt. Ich wollte immer
mehr“, gibt er sich nachdenklich. Dass sein soziales
Umfeld nach und nach schrumpfte, realisierte
er damals nicht. Sein Ziel war es, zu trainieren.
Täglich ging er ins Fitnessstudio und am besten
mehrere Stunden. Das Geld für Kino, Theater oder
ein gutes Glas Wein mit Kollegen, steckte er in
seinen Sport. „Wenn ich nicht dazu kam, brachte
mich das total aus der Fassung. Ich war gereizt,
aggressiv und unruhig und hatte Schlafprobleme“,
schreibt Thomas heute in einen Blog. Es ist der
Blog der Selbsthilfegruppe für Sportsüchtige,
dem der Marathonläufer vor einem halben Jahr
beigetreten ist. Dank professioneller Hilfe.
Psychologische Hilfe in Anspruch nehmen,
nur weil man beim Sport mal über die Stränge
schlägt? Eine gewöhnungsbedürftige Vorstellung.
„Darum sind in Südtirol offiziell auch kaum
Fälle von Sportsucht bekannt“, sagt Dr. Martin
Oberhofer. Denn: die Grenze zwischen Spaß und

38 insüdtirol nr. 05

Sucht sei schwer zu ziehen und ohne professio- terschaften auf dem Podest. Das spornte ihn an
nelle Hilfe kaum herauszufinden. Gerade für die zu immer mehr Training. Der junge Tennisspieler
war vom Gewinnen besessen. Zu seinen besten
Betroffenen selbst.
„Sportler merken oft nicht, dass sie zunehmend Zeiten drücke er auf der Bank 180 Kilo. „Heute
die Kontrolle über die sportliche Tätigkeit ver- schaffe ich noch 60“, sagt er. Im Frühjahr 2011
lieren“, weiß der Psychologe. Es wird immer versagten seine Kräfte. Ermüdungserscheinungen,
länger, häufiger und intensiver Sport betrieben. Schwächung des Immunsystems, eine Achilles„Selbst Entzugserscheinungen, etwa Depressivität, sehnenreizung, Fieber-, Magenschmerzen und
Ängstlichkeit und Stimmungsschwankungen schließlich der Zusammenbruch. „Wenn du deinen
oder Schlafstörungen und Erschöpfung wer- Lebensstil nicht umstellst, bist du irgendwann ein
den oft ignoriert. „Ist jemand sportsüchtig, muss psychisches und physisches Wrack“, sagten ihn
Sport immer wieder betrieben werden. Sogar die Ärzte. Erst eine Therapie in den USA brachte
wenn eine Verletzung vorliegt, von
ihn wieder zurück ins Leben.
der bekannt ist, dass sie entweder
„Ich musste lernen, mit wenig
durch die sportliche Betätigung
Sport zu leben – und überhaupt
verursacht, verschlimmert oder
zu leben.“ Dies dauerte fast
„Vielleicht schalte
aufrechterhalten wird“, weiß Oberein ganzes Jahr. Heute hat er
ich einen Gang
hofer. „Werden durch den Sport
es geschafft. Laufen geht er
zurück, wenn der
permanent berufliche und soziale
nur noch, damit sein Hund
Körper nicht mehr
Pflichten vernachlässigt und treten
ins Freie kommt.
mitspielt.“
bei Nichtbetätigung EntzugserWalter S.
scheinungen auf, sollte sich der
Für einen Hund hätte WalBetroffene Gedanken machen“,
ter aus Brixen Umgebung
rät der Psychologe.
momentan keine Zeit. Seine
Gesellschaft teilt er lieber mit Gleichgesinnten,
Marathonläufer Thomas hat sein Sportverhalten die ihr Leben nach Radrennen ausrichten, zum
jahrelang nicht in Frage gestellt. „Es geht mir Frühstück Thunfisch essen und für eine Radgabel
gut. Ich bin fit. Ich bin gut“, redete er sich ein. bis nach Rom fahren. Trotzdem will er seinen
Seine Grundlagen für den Leistungsdruck im Sport zum heutigen Zeitpunkt nicht missen. „Ja,
Sport wurden bereits in der Kindheit gelegt. Mit irgendwie kann man schon sagen, dass ich süchtig
acht Jahren fing Thomas an, Tennis zu spielen. bin, doch es stört mich nicht. Nur wer fanatisch
Sein Vater wollte es so. Er machte Probetrainings, ist, kann Leistung bringen. Vielleicht schalte ich
entdeckte sein Talent, trat einem Verein bei. Mit zurück, wenn ich merke, dass mein Körper nicht
18 trainierte er bereits vier Stunden täglich, als mehr mitspielt“, mutmaßt der 43-Jährige. Ob er
19-Jähriger stand Thomas bei den regionalen Meis- es dann noch schafft? Fix ist nur: Am Sonntag


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