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White Die Bedeutung der Narrativität .pdf



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Diskurses im historischen Denken, die in den Aufsätzen dieses Bandes

untersucht wird.

Die Beiträge zu Foucault und Ricreur wurden beträchtlich überarbei­

tet, um neuere Arbeiten dieser Autoren, die erst kürzlich erschienen

sind, berücksichtigen zu können.


Die Bedeutung von Narrativität

in der Darstellung der Wirklichkeit


Nach der Natur der Erzählung zu fragen, fordert zur Reflexion über
die Natur der Zivilisation und womöglich gar zur Reflexion über die
Humanität selbst heraus. So natürlich ist der Impuls, zu erzählen, so
unabdingbar ist die Form der Erzählung für jede Schilderung eines
realen Geschehens, daß Narrativität nur innerhalb einer Kultur zum
Problem werden konnte, in der es sie nicht mehr gab - oder in der sie,
wie in einigen Bereichen der zeitgenössischen abendländischen Gei­
steskultur und Kunst, programmatisch abgelehnt wurde. Als globale
kulturelle Fakten sind Erzählung und Erzählen weniger ein Problem
als einfach Gegebenheiten. Roland Barthes behauptete, die Erzählung
sei »einfach vorhanden wie das Leben selbst [...] international, trans­
historisch, transkulturell«. 1 Anstatt also ein Problem zu sein, könnte
die Erzählung durchaus zur Lösung eines Problems beitragen, wel­
ches von genereller Bedeutung für den Menschen ist: wie nämlich
Wissen in Sprache übersetzbar isf, wie also menschliche Erfahrung in
eine den eher allgemein menschlichen als kulturspezifischen Sinn­
strukturen assimilierbare Form zu bringen ist. Wir können spezifische
Denkmuster einer anderen Kultur vielleicht nicht immer völlig verste­
hen; eine Geschichte aber, die aus einem anderen Kulturkreis kommt,
bereitet uns vergleichsweise weniger Verstehensprobleme, wie exo­
tisch uns diese Kultur auch erscheinen mag. Eine Erzählung ist, um
mit Barthes zu sprechen, ohne fundamentalen Verlust übersetzbar,
was bei einem Gedicht oder einem philosophischen Diskurs nicht
möglich ist.
Daraus resultiert die Vermutung, daß die Erzählung keineswegs nur
ein Code unter vielen ist, derer sich eine Kultur bedienen kann, um
der Erfahrung Sinn zu verleihen, sondern vielmehr ein Metacode, eine
menschliche Universalie, auf deren Basis sich transkulturelle Bot­
schaften über die Natur einer gemeinsam erlebten Realität weiterge­
ben lassen. Die Erzählung, die, wie Barthes formuliert, zwischen un­
serer Erfahrung der Welt und unseren Bemühungen, diese Erfahrung
sprachlich zu beschreiben, entsteht, »ersetzt die direkte Kopie der
11





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FISCHER WISSENSCHAFT

Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


SEMINAR
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UND NElIERE
QESCHICHTE
C;OTIIN.QEN/.

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Deutsche Erstausgabe

Veröffendicht im Fischer Taschenbuch Verlag GmbH,

Frankfurt am Main, Mai 1990


Titel der amerikanischen Originalausgabe:

,Tbe Content of the Form.

Narrative Discourse and Historical Representation<

© 1987 Tbe Johns Hopkins University Press, Baltimore and London

Deutsche Ausgabe:

© Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1990

Für die deutschsprachige Übersetzung des Beitrages

,Das Problem der Erzählung in der modernen Geschichtstheorie<

aus: Theorie der modemen Geschichtsschreibung,

herausgegeben von Pietro Ross!, deutsch von Margit Smuda

© Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1987

Umschlaggestaltung: BuchholzlHinsch/Hensinger

Gesamtherstellung: Wagner GmbH, Nördlingen

Printed in Gertnany

ISBN 3-596-27417-6


Die Bedeutung von Narrativität in der Darstellung der
WlIklichkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Das Problem der Erzählung in der modernen Geschichtstheorie
Die Politik der historischen Interpretation:
Disziplin und Entsublimierung . . . . . .. . . . . . .
Droysens Historik: Geschichtsschreibung als bürgerliche
Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Foucaults Diskurs: die Historiographie des Antihumanismus
Die Metaphysik der Narrativität: Zeit und Symbol in Ricreurs
Geschichtsphilosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Anmerkungen . . . . . .

7

11
40

78
108
132

175

194

erzählten Ereignisse unablässig durch Sinn«. Daraus ließe sich folgern,
daß das Fehlen des narrativen Vermögens oder die Zurückweisung der
Erzählung auf das Fehlen oder die Zurückweisung von Sinn selbst
verweist.

Welcherart aber ist dieser fehlende oder zurückgewiesene Sinn? Das

Los der Erzählung in der Geschichte der Historiographie vermittelt
Einblick in diese Frage. Historiker sind nicht verpflichtet, ihre Wahr­
heiten über die reale Welt in "narrativer Form zu berichten. Sie können
andere, nichtnarrative oder sogar antinarrative Darstellungsweisen
wählen, so etwa Meditation, Anatomie oder Epitome. Tocqueville,
Burckhardt, Huizinga und Braudel, um nur die bedeutendsten Mei­
ster der modernen Historiographie zu erwähnen, lehnten die Er­
zählung für bestimmte historiographische Werke ab, wohl aus der
Annahme, daß der Sinn der zu behandelnden Ereignisse nicht in nar­
rativer Form darstellbar sei. 3 Sie weigerten sich, über die Vergangen­
heit eine Geschichte zu erzählen oder besser: sie erzählten keine Ge­
schichte mit Anfang, Mitte und Schluß; sie stülpten den Prozessen,
auf die sie sich konzentrierten, nicht die Form über, die wir normaler­
weise mit Geschichtenerzählen assoziieren. Ihre Darstellungen der
Wirklichkeit, die sie in oder hinter der von ihnen untersuchten Evi­
denz erkannten oder zu erkennen glaubten, beschrieben zwar (narra­
ted), sie erzählten (narrativized) diese Realität jedoch nicht, indem sie
ihr die Form einer Geschichte auferlegten. Ihr Beispiel erlaubt uns,
zwischen einem historischen Diskurs, der beschreibt (narrated), und
einem Diskurs, der erzählt (narrativizes), zu unterscheiden - zwi­
schen einem Diskurs also, der offen eine Perspektive auf die darge­
stellte Welt riChtet und über sie berichtet, und einem Diskurs, der so
tut, als lasse er die Welt für sich selbst sprechen, und zwar in der Form
einer Geschichte.
Der Gedanke, die Erzählung sei weniger als Darstellungsform denn
als Redeweise über Ereignisse, ob real oder imaginär, zu verstehen,
wurde jüngst im Zusammenhang mit der Diskussion des Verhältnisses
von Diskurs und Erzählung entwickelt. Entstanden in der Nachfolge
des Strukturalismus, wird diese Diskussion heute insbesondere mit
den Arbeiten Jakobsans, Benvenistes, Genettes, Todorovs und Bar­
thes' in Verbindung gebracht. Die Erzählung wird hierbei als Form
der Rede gefaßt, die, wie Genette es formulierte, charakterisiert ist
»durch eine bestimmte Zahl von Ausschlüssen und Restriktionsbedin­
gungen«, wie sie die »offenere« Form des Diskurses dem Sprecher
nicht auferlegt. 4 Laut Genette zeigte Benveniste, daß
12

»[... ] bestimmte grammatische Formen wie etwa das Pronomen >ich, (und sein
impliziter Bezug >du<), die Pronominal->Indikatoren< (bestimmte Demonstra­
tivpronomen), die Adverbial->Indikatoren< (z. B. >hier<, >jetzt<, 'gestern<,
,heute<, ,morgen< etc.) und - zumindest im Französischen bestimmte Tem­
pora des Verbs wie Präsens, Perfekt und Futur auf den Diskurs beschränkt
sind, wohingegen die Erzählung im strengsten Sinne durch den ausschließ­
lichen Gebrauch der dritten Person und solcher Formen wie Präteritum und
Plusquamp,erfekt charakterisiert ist. ,,5

Diese Unterscheidung zwischen Diskurs und Erzählung beruht natür­
lich ausschließlich auf einer Analyse der grammatikalischen Merkmale
zweier Diskursformen, bei denen die ,>Objektivität« der einen und die
»Subjektivität« der anderen primär aufgrund einer »sprachlichen Kri­
terienordnung« zu bestimmen sind. Die »Subjektivität« des Diskurses
ist durch die explizite oder implizite Gegenwart eines }>Ich« gegeben,
das »nur als die Person, die den Diskurs trägt«, definiert werden kann.
Im Gegensatz dazu ist die »Objektivität der Erzählung durch das
Fehlen jeglicher Bezugnahme auf den Erzähler definiert«. Wir können
folglich mit Benveniste sagen, daß es im erzählenden (narrativizing)
Diskurs »[...] tatsächlich keinen ,Erzähler< mehr gibt. Die Ereignisse
werden chronologisch in der Reihenfolge ihres Auftauehens am Hori­
zont der Geschichte berichtet. Es gibt keinen Sprecher. Die Ereignisse
scheinen sich selbst zu erzählen«. 6
Was also impliziert die Produktion eines Diskurses, bei dem »die
Ereignisse sich selbst zu erzählen scheinen«, speziell dann, wenn es
sich um solche Ereignisse handelt, die explizit eher als real denn als
imaginär identifiziert werden wie im Falle historischer Darstellun­
gen?7 Bei fiktionalen Diskursen, die offenkundig von imaginären Er­
eignissen handeln, ist diese Frage leicht zu beantworten. Denn warum
sollten imaginäre Ereignisse nicht so dargestellt werden, als »sprächen
sie für sich selbst«? Warum sollten im Reich des Imaginären nicht
selbst noch die Steine für sich selbst sprechen - wie die Memnonsäule,
wenn sie von den Strahlen der Sonne gestreift wurde? Reale Ereignisse
aber sollten sich nicht äußern, sollten nicht für sich selbst sprechen.
Reale Ereignisse sollten einfach dasein; mit vollem Recht können sie
als Referenten eines Diskurses fungieren, man kann über sie reden,
aber sie sollten nicht als Gegenstand einer Erzählung auftreten. Die
Tatsache, daß der historische Diskurs recht spät erfunden worden ist,
und die Schwierigkeit, ihn in Zeiten des kulturellen Zusammenbruchs
aufrechtzuerhalten (wie im frühen Mittelalter), verdeutlichen die
Künstlichkeit der Vorstellung, daß reale Ereignisse »für sich selbst
13

sprechen« könnten oder so darstellbar wären, als erzählten sie ..ihre
eigene Geschichte«. Bevor dem Geschichtenerzähler die Unterschei­
dung zwischen realen und imaginären Ereignissen aufgenötigt wurde,
hätte eine derartige Fiktion keinerlei Probleme erzeugt; das Erzählen
von Geschichten wird erst dann zum Problem, wenn sich dem Erzäh­
ler zwei Ereignisordnungen als mögliche Komponenten von Ge­
schichten anbieten und sich das Geschichtenerzählen zwangsläufig
unter dem Gebot, die beiden Ordnungen im Diskurs nicht zu mi­
schen, entfalten muß. Jene Erzählform, die wir gerne als mythisches
Erzählen bezeichnen, ist in keiner Weise verpflichtet, die beiden Er­
eignisordnungen, die reale und die imaginäre, voneinander zu trennen.
Die Erzählung wird erst dann zum Problem, wenn wir realen Ereig­
nissen die Form einer Geschichte geben wollen. Gerade weil reale
Ereignisse sich nicht in der Form von Geschichten darbieten, ist es so
schwierig, sie zu erzählen (narrativization).
--Was also impliziert dieses Finden »der wahren Geschichte« (true
story), dieses Aufspüren der ..realen Geschichte« (real story) in oder
hinter den Ereignissen, die in der chaotischen Form »historischer
Quellen« zu uns gelangen? Welcher Wunsch wird erfüllt, welches
Begehren befriedigt durch die Phantasievorstellung, reale Ereignisse
seien dann richtig, wenn nachgewiesen werden kann, daß sie die for­
male Kohärenz einer Geschichte aufweisen? Die Rätselhaftigkeit die­
ses Wunsches, dieses Begehrens vermittelt eine Ahnung von der kul­
turellen Funktion des erzählenden (narrativized) Diskurses generell,
eine Andeutung des psychologischen Impulses, der hinter dem schein­
bar universellen Bedürfnis steckt, nicht nur zu erzählen, sondern auch
den Ereignissen den Anschein von Narrativität zu verleihen.
Die Geschichtsschreibung ist eine besonders gute Basis für eine Ana­
lyse des Charakters der Narration und der Narrativität, weil sich
gerade hier unser Verlangen nach dem Imaginären, dem Möglichen, an
den Geboten des Realen, des Tatsächlichen messen muß. Wenn wir
Narration und Narrativität als die Instrumente betrach~en, durch die
die im Widerstreit liegenden Forderungen des Imaginären und des
Realen im Diskurs vermittelt, entschieden oder aufgelöst werden,
dann beginnen wir sowohl die Anziehungskraft der Erzählung als
auch die Gründe für ihre Zurückweisung zu verstehen. Wenn ver­
meintlich reale Ereignisse in nichtnarrativer Form dargestellt werden,
welcherart ist dann die Realität, die sich der Wahrnehmung in dieser
Form darbietet oder als sich so darbietend verstanden wird? Wie
würde eine nichtnarrative Darstellung historischer Wirklichkeit aus­
14

~


sehen? Die Beantwortung dieser Frage impliziert nicht zwangsläufig
auch eine Lösung für die Problematik der Art der Erzählung, doch
wir beginnen etwas vom besonderen Reiz der Narrativität als einer
Form der Darstellung von Ereignissen zu erahnen, die als real statt
imaginär gedeutet werden.
Glücklicherweise besitzen wir eine Fülle von Beispielen historischer
Wirklichkeitsdarstellungen in nichtnarrativer Form. In der Tat be­
stimmt die doxa des modernen historiographischen Establishments,
daß es drei grundlegende Arten der historischen Darstellung gibt die
Annalen, die Chronik und die eigentliche Historie -, wobei die un­
vollkommene ..Geschichtlichkeit« der beiden erstgenannten darin
zum Vorschein kommt, daß es ihnen nicht gelingt, für die behandelten
Ereignisse volle Narrativität zu erreichen. 8 Es braucht nicht eigens
erwähnt zu werden, daß Narrativität allein eine Unterscheidung der
drei Arten nicht zuläßt. Um als Historie im eigentlichen Sinne zu
gelten, genügt es nicht, wenn die Darstellung eines Geschehens, selbst
wenn es sich um ein vergangenes Geschehen oder um ein reales ver­
gangenes Geschehen handelt, alle Merkmale der Narrativität aufweist.
Die Darstellung muß darüber hinaus ein genuines Interesse an der
gewissenhaften Behandlung der Beweise erkennen lassen; und sie muß
die chronologische Ordnung der ursprünglichen Abfolge der Ereig­
nisse, mit denen sie sich befaßt, als Grundlinie respektieren, die nicht
überschritten werden darf, wenn es darum geht, ein Ereignis entweder
als Ursache oder als Wirkung zu klassifizieren. Nach allgemeiner
Übereinstimmung genügt es jedoch noch nicht, daß sich eine histori­
sche Darstellung mehr mit realen als lediglich mit imaginären Ereig­
nissen befaßt; und es reicht nicht, daß die Darstellung die Ereignisse in
der Ordnung ihres Diskurses gemäß ihrer ursprünglichen chronologi­
schen Abfolge präsentiert. Die Ereignisse müssen nicht nur im chro­
nologischen Rahmen ihres ursprünglichen Erscheinens registriert sein,
sondern auch erzählt (narrated) werden, das heißt, es muß gezeigt
werden, daß sie eine Struktur, eine Sinnordnung besitzen, über die sie
als bloße Aufeinanderfolge nicht verfügen.
Es muß auch nicht eigens erwähnt werden, daß der Form der Annalen
diese narrative Komponente vollständig fehlt, weil sie lediglich aus
einer Liste von in chronologischer Folge gereihten Ereignissen be­
steht. Die Chronik hingegen scheint oft eine Geschichte erzählen zu
wollen; sie strebt Narrativität an, scheitert aber bezeichnenderweise
beim Versuch, sie zu erreichen. Genauer ausgedrückt: die Chronik ist
gewöhnlich gekennzeichnet durch ihr Scheitern, narrative Geschlos­
15

senheit zu erlangen. Sie setzt keinen Schlußpunkt, sondern hört ein­
fach auf. Sie beginnt, eine Geschichte zu erzählen, bricht dann aber in
der Gegenwart des Chronisten unvermittelt ab; sie läßt die Dinge
unaufgelöst, genauer, sie läßt sie als Geschichte (story) ungelöst..
Wahrend Annalen die historische Wirklichkeit so darstellen, als wür­
den reale Ereignisse nicht die Form einer Geschichte (story) aufwei­
sen, repräsentiert sie der Chronist so, als würden reale Ereignisse dem
menschlichen Bewußtsein in der Form unvollendeter Geschichten be­
gegnen. Folglich lautet die offizielle Meinung: gleichgültig wie objek­
tiv eine Ereignisdarstellung, wie gewissenhaft eine Beurteilung der
Beweise, wie genau die Datierung der res gestae - die Darstellung
eines Historikers wird immer weniger sein als Historie im eigentlichen
Sinne, wenn es ihm nicht gelungen ist, der Wirklichkeit die Form einer
Geschichte (story) zu geben. Wo es keine Erzählung gibt, sagt Croce,
gibt es keine Geschichte. 9 Und Peter Gay, dessen Standpunkt dem
Relativismus Croces frontal entgegensteht, artikuliert diesen Gedan­
ken ebenso drastisch: »Historisches Erzählen ohne Analyse ist trivial,
historische Analyse ohne Erzählen ist unvollkommen. «10 Gays For­
mulierung erinnert an Kants Forderung nach einer narrativen Ge­
schichtsdarstellung. Kant nämlich geht davon aus, daß historische Er­
zählungen ohne Analyse leer, historische Analysen ohne Erzählung
hingegen blind seien. Wir dürfen somit fragen: Welcherart ist die
durch eine Erzählung vermittelte Einsicht in die Natur eines realen
Geschehens? Welcherart ist jene qua Narrativität zu heilende Blind­
heit gegenüber der Realität?
Im folgenden befasse ich mich mit der historischen Darstellungsfonn
der Annalen und der Chronik, die hier nicht als unvollständige Histo­
rien verstanden werden sollen, wie das herkömmlicherweise üblich ist,
sondern als besondere Produkte denkbarer Konzeptionen der histori­
schen Wirklichkeit - Konzeptionen, die eher Alternativen zum voll
realisierten historischen Diskurs darstellen als seine mißglückten Vor­
wegnahmen, wobei mit vollrealisiertem historischen Diskurs »-derje­
nige piskurs gemeint ist, den die moderne Fonn der Geschichte an­
geblich verkörpert«. Dieses Vorgehen soll sowohl die Problematik der
Historiographie als auch die der Narration beleuchten und zur Erklä­
rung dessen beitragen, was nach meiner Auffassung die rein tradi­
tionsgebundene Natur des Verhältnisses zwischen ihnen ist. Dabei
wird sich zeigen, daß gerade die Unterscheidung zwischen realen und
imaginären Ereignissen, die für die aktuelle Diskussion sowohl der
Geschichte als auch der Fiktion grundlegend ist, einen Realitätsbegriff
16

voraussetzt, bei dem »das Wahre« mit »dem Wirklichen« nur insofern
identifiziert wird, als nachgewiesen werden kann, daß es narrativen
Charakter besitzt.
) (.
Wenn wir aus unserer heutigen Sicht ein Beispiel mittelalterlicher An- .!I
nalen betrachten, dann muß uns die scheinbare Naivität des Annalisten überraschen; wir neigen dazu, diese Naivität der scheinbaren
Weigerung, Unfähigkeit oder mangelnden Bereitschaft des Annalisten
zuzuschreiben, den vertikal als Verzeichnis der herausragenden Hö­
hepunkte eines Jahres organisierten Ereigniskomplex in die Elemente
eines linearen/horizontalen Prozesses umzuwandeln. Wir sind, anders
ausgedrückt, vermutlich enttäuscht von der scheinbaren Unfähigkeit
des Annalenschreibers, zu erkennen, daß historische Ereignisse sich
dem Auge des Betrachters als Geschichten darbieten, die darauf warten, daß man sie erzählt, und zwar in narrativer Form. Von einem
genuinen historischen Interesse aber darf man wohl erwarten, daß
nicht nur gefragt wird, warum es dem Annalenschreiber nicht möglich
war, eine »Erzählung« zu schreiben, sondern welche Art von Rea­
litätsbegriff ihn dazu veranlaßte, in der Form von Annalen darzustel­
len, was er immerhin als reales Geschehen auffaßte. Wenn wir eine
Antwort auf diese Frage geben könnten, dann könnten wir wahr­
scheinlich auch verstehen, weshalb in der heutigen Zeit und unter
unseren heutigen kulturellen Bedingungen die Narrativität selbst zum
Problem werden konnte.
Band 1 der Monumenta Germaniae Historica aus der Skriptores-Reihe
enthält den Text der Annalen von St. Gallen, ein Verzeichnis von
Ereignissen, die sich im 8., 9. und 10. Jahrhundert unserer Zeitrech­
nung in Gallien zugetragen haben. II Obwohl dieser Text >,referenti­
ell« ist und Zeitlichkeit darstellt12 , haftet ihm nach Ducrots und
Todorovs Definition von Erzählung - nichts von den typischen
Eigenschaften an, die wir normalerweise einer Geschichte zuordnen:
er besitzt kein zentrales Thema, keinen eindeutigen Anfang, Mittelteil
und Schluß, keine Peripetie und keinen identifizierbaren Erzähler. In
den in theoreti~cher Hinsicht interessantesten Textsegmenten findet
sich keinerlei Hinweis auf irgendeine notwendige Verknüpfung zwi­
schen den einzelnen Ereignissen. Für den Zeitraum von 709 bis 734
stoßen wir auf folgende Eintragungen:
709 Harter Winter. Herzog Goufried gestorben.
710 Schweres Jahr und schlechte Ernten.
711
712 Überschwemmungen überalL
17

713
714
715
718
719
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721
722
723
724
725
726
727
728
729

Pippin, Hausmaier, gestorben.
716. 717.
Karl besiegte die Sachsen.
Kar! kämpfte gegen die Sachsen.
Theudo vertrieb die Sarazenen aus Aquitanien.
Reiche Ernten.

Die Sarazenen kamen zum ersten Mal.

730

731 Der Heilige Beda, der Kirchenälteste, gestorben.
732 Karl kämpfte gegen die Sarazenen bei Poitiers am Samstag.
733

734

Diese Liste versetzt uns in eine in Auflösung begriffene Kultur, in eine
Gesellschaft, in der radikaler Mangel herrscht, in eine Welt, die von
Tod, Zerstörung, ÜberschwemJ;11ung und Hungersnot bedroht ist. J e­
des einzelne Ereignis ist auf seine Art extrem, und das implizite Aus­
wahlkriterium für seine Aufnahme in die Erinnerung ist sein Schwel­
lencharakter. Menschliche Grundbedürfnisse wie Nahrung, Sicherheit
vor äußeren Feinden, politische und militärische Führung und die
ständige Drohung, daß diese Bedürfnisse einmal nicht mehr befriedigt
werden könnten, sind der zentrale Gegenstand; die Verbindung aber
zwischen diesen Grundbedürfnissen und den Bedingungen der Mög­
lichkeit ihrer Befriedigung wird nicht explizit kommentiert. Warum
Karl gegen die Sachsen kämpfte, bleibt ebenso unklar wie die Tat­
sache, daß ein Jahr »reiche Ernten« erbrachte, während es in einem
anderen Jahr »Überschwemmungen überall« gab. Soziale Ereignisse
sind anscheinend ebenso unbegreiflich wie natürliche Ereignisse. Die
Wichtigkeit oder Unwichtigkeit der Ereignisse erscheint von gleicher
Ordnung. Sie haben sich anscheinend einfach so zugetragen, und ihre
Wichtigkeit erscheint als nicht unterscheidbar von der Tatsache, daß
sie aufgezeichnet wurden. In der Tat will es scheinen, als gründe ihre
Wichtigkeit einzig und allein darin, daß sie aufgeschrieben wurden.
Von wem sie aufgeschrieben wurden, wissen wir nicht; ebensowenig
18

wissen wir, wann. Indem die Eintragung für das Jahr 725 - »Sarazenen
kamen zum ersten Mal« - suggeriert, daß zumindest dieses Ereignis
notiert wurde, nachdem die Sarazenen zum zweiten Mal gekommen
waren, wird eine Erwartung aufgebaut, die wir als genuin narrative
Erwartung bezeichnen könnten; die Ankunft der Sarazenen und ihre
Vertreibung aber sind nicht das Thema dieser Schilderung. Karls
Kampf »gegen die Sarazenen bei Poitiers am Samstag« wird erwähnt,
nicht aber der Ausgang der Schlacht. Und beunruhigend ist dieser
»Samstag« deshalb, weil Monat und Tag der Schlacht nicht angegeben
werden. Es gibt zu viele offene Enden - ein plot ist nicht in Sicht -,
was frustrierend, wenn nicht beunruhigend ist sowohl für die Erwar­
tungen des modernen Lesers an eine Geschichte als auch für sein
Bedürfnis nach speziellen Informationen.
Des weiteren beobachten wir, daß diese Darstellung keine richtige
Einleitung hat. Sie beginnt mit der »Überschrift« (ist es eine Über­
schrift?) Anni domini, mit der zwei Spalten überschrieben sind, die
eine für Daten, die andere für Ereignisse. Zumindest für das Auge
verknüpft diese Überschrift das Verzeichnis der Daten in der linken
Spalte mit dem Verzeichnis der Ereignisse in der rechten Spalte und
verspricht damit einen Sinn, den wir für mythisch halten würden, gäbe
es nicht die Tatsache, daß Anni domini uns sowohl auf eine in der
Bibel vorgegebene kosmologische Geschichte (story) verweist als auch
auf eine kalendarische Konvention, die die abendländischen Histori­
ker noch immer gebrauchen, um die einzelnen Einheiten ihrer Histo­
rien zu kennzeichnen. Wir sollten aber den Sinn des Textes nicht zu
schnell auf den mythischen Rahmen beziehen, auf den er anspielt,
wenn er die >'Jahre« als »die Jahre des Herrn« bezeichnet, denn diese
»Jahre« haben eine Regelmäßigkeit, wie sie der christliche Mythos mit
seiner klaren hypotaktischen Ordnung der Ereignisse, die er umfaßt
(Schöpfung, Sündenfall, Menschwerdung, Auferstehung, Wieder­
kunft Christi), nicht kennt. Die Regelmäßigkeit des Kalenders signa­
lisiert den »Realismus« der Darstellung, ihre Intention, sich mit
realem statt imaginärem Geschehen zu befassen. Der Kalender ortet
Ereignisse nicht in der Zeit der Ewigkeit, nicht in der kairotischen Zeit
also, sondern in der chronologischen Zeit, in der Zeit, die erlebt wird.
Diese Zeit hat keine Höhepunkte oder Tiefpunkte; man könnte sagen,
sie ist parataktisch und endlos. Sie hat keine Lücken. Die Liste der
Zeiten ist voll, obschon die Liste der Ereignisse es nicht ist.
Die Annalen schließen nicht ab; sie hören einfach auf. Die letzten
Einträge lauten:
19

1045
1053
1056
1057

1046 1047 1048 1049 1050 1051 1052
1054 1055
Kaiser Heinrich gestorben; und sein Sohn Heinrich bestieg den 1hron.
1058 1059 1060 1061 1062 1063 1064
1065 1066 1067 1068 1069 10701071 1072

Die Fortsetzung der Aufzählung der Jahre am Schluß der Darstellung
suggeriert ganz eindeutig eine Fortsetzung der Reihe ad infinitum
oder, besser, bis zur Wiederkunft Christi. Es gibt jedoch keinen
Schluß, und wie sollte es auch, existiert doch kein zentrales Thema,
über das eine Geschichte erzählt werden könnte.
Dennoch muß es eine Geschichte (story) geben, denn es existiert
durchaus ein plot - wenn wir unter plot eine Beziehungsstruktur ver­
stehen, die den in der Darstellung enthaltenen Ereignissen einen Sinn
verleiht, indem sie nun als Teile eines integrierten Ganzen identifizier­
bar werden. Ich berufe mich hier allerdings nicht auf den biblischen
Mythos vom Sündenfall und von der Erlösung (des »guten« Teils der
Menschheit), sondern auf das Verzeichnis der in der linken Textspalte
aufgeführten Jahresangaben, das den Ereignissen Kohärenz und Voll­
ständigkeit verleiht, indem es sie unter den jeweiligen Jahren, in denen
sie sich ereigneten, registriert. Anders formuliert, die Liste der Daten
ist das Signifikat, dessen Signifikanten die in der rechten Spalte ver­
zeichneten Ereignisse sind. Der Sinn der Ereignisse ist ihre Aufnahme
in ein derartiges Verzeichnis. Aus diesem Grunde hätte der Verfasser
der Annalen vermutlich kaum etwas von jener Ängstlichkeit empfun­
den, die den modernen Wissenschaftler ergreift, wenn er sich mit
scheinbaren Brüchen, Diskontinuitäten und dem Fehlen kausaler Ver­
bindungen zwischen den im Text geschilderten Ereignissen konfron­
tiert sieht. Der moderne Wissenschaftler sucht Vollständigkeit und
Kontinuität in einer Ereignisordnung; der Annalist findet beides
in der Aufeinanderfolge der Jahre. Welche Erwartung ist die »rea­
listischere« ?
Wir erinnern uns, daß wir es weder mit einem Traumdiskurs noch mit
einem kindlichen Diskurs zu tun haben. Es mag sogar falsch sein,
überhaupt von Diskurs zu sprechen; etwas Diskursives aber haftet
ihm an. Der Text liefert eine »Substanz«, er bewegt sich mehr im
Reich der Erinnerung als in dem des Traums oder der Phantasie; und
er entfaltet sich eher unter dem Zeichen "des Realen« als unter dem
"des Imaginären«. Tatsächlich erscheint er eminent rational und auf
den ersten Blick ziemlich überlegt in seinem manifesten Wunsch, nur
solche Ereignisse aufzunehmen, an deren Auftreten kein Zweifel be­
20

if


steht, sowie in seiner Entschlossenheit, Fakten nicht spekulativ ins
Wort zu fallen oder Argumente für den eigentlichen Zusammenhang
der Ereignisse zu liefern.
Moderne Kommentatoren haben betont, daß der Annalenschreiber
zwar die Schlacht von Poitiers von 732 notierte, nicht aber die
Schlacht von Tours, die im selben Jahr stattfand und die, wie man
weiß, eine der »zehn größten Schlachten der Weltgeschichte« warY
Doch selbst wenn der Annalist von Tours gewußt hätte, welches Sinn­
prinzip oder welche Sinnregel würde ihn dazu veranlaßt haben, es
aufzuschreiben? Nur weil wir die weitere Geschichte Westeuropas
kennen, können wir uns erlauben, Ereignisse im Sinne ihrer weithisto­
rischen Bedeutsamkeit zu klassifizieren; und selbst dann ist diese Be­
deutsamkeit nicht so sehr welthistorisch als schlicht und einfach west­
europäisch und repräsentiert eine bei zeitgenössischen Historikern
vorherrschende Tendenz, Ereignisse in den Aufzeichnungen hierar­
chisch in einer Perspektive zu bewerten, die kulturspezifisch ist und
keineswegs universell.
Erst dieses Bedürfnis oder dieser Anreiz, Ereignisse im Hinblick auf
ihre Signifikanz für die Kultur oder Gruppe, die ihre eigene Ge­
schichte schreibt, zu bestimmen, ermöglicht nämlich eine narrative
Darstellung realer Ereignisse. Sicher ist es viel »universalistischer«,
Geschehnisse einfach in der Reihenfolge, in der sie sich zugetragen
haben, aufzuschreiben. Und auf der Minimalebene, auf der sich die
Annalen entfalten, ist das, was in die Darstellung Eingang findet, von
weit größerer theoretischer Bedeutung für ein Verstehen der Spezifik
des Narrativen als das, was ausgelassen wird. Hier aber stellt sich die
Frage nach der Funktion der Notierung jener Jahre in diesem Text, in
denen »nichts geschah«. Jede Erzählung, wie scheinbar »rund« auch
immer, wird auf der Basis einer Reihe von Ereignissen konstruiert, die
hätten miteinbezogen werden können, aber weggelassen wurden; dies
I?~lt für fiktionale Erzählungen ebenso wie für realistische. Diese
Uberlegung führt uns zu der Frage, welche Art von Realitätsbegriff
einer Konstruktion narrativer Darstellung von Wirklichkeit zugrunde
liegt, bei der die Ausdrücke des Diskurses eher durch Kontinuität als
durch Diskontinuität geregelt werden.
Wenn wir einräumen, daß sich dieser Diskurs unter dem Zeichen des
Begehrens nach dem Wirklichen entfaltet was wir in dem Moment
müssen, in dem wir die Einbeziehung der Form der Annalen in den
Kreis der Typen der historischen Darstellung rechtfertigen wollen -,
dann müssen wir zu dem Schluß kommen, daß er das Produkt eines
21

Wirklichkeitsbildes ist, demzufolge das soziale System, das allein die
diakritischen Erkennungszeichen für eine Klassifizierung der Ereig­
nisse nach ihrer Wichtigkeit, liefern könnte, im Bewußtsein des Ver­
fassers nur schwach präsent ist oder daß, besser gesagt, das soziale
System gerade aufgrund seiner Abwesenheit als Faktor bei der Kom­
position des Diskurses präsent ist. Überall stehen Unordnung, natür­
liche wie menschliche, Gewalt und Zerstörung im Vordergrund. Die
Darstellung befaßt sich mehr mit Qualitäten als mit Akteuren und
zeigt eher eine Welt, in der den Menschen etwas zustößt, als eine Welt,
in der Menschen selbst aktiv werden. Es sind der stren~.e Winter von
709, das schwere Jahr 710 mit seinen Mißernten, die Uberschwem­
mungen von 712 und die unmittelbare Gegenwart des Todes, die sich
mit einer Häufigkeit und Regelmäßigkeit wiederholen, wie sie der
Darstellung von Sachverhalten, an denen Menschen beteiligt waren,
fehlt. Für den Autor der Annalen trägt die Wirklichkeit das Gesicht
der Adjektive, die das Vermögen der von ihnen modifizierten Sub­
stantive, sich ihrer Determinierung zu widersetzen, umstoßen. Karl
gelingt es tatsächlich, die Sachsen zu bezwingen, sie zu bekämpfen;
und Theudo schafft es ~ogar, die Sarazenen aus Aquitanien zu vertrei­
ben. Diese Taten aber scheinen derselben Seins ordnung anzugehören
wie die Naturereignisse, die entweder »reiche« oder »schlechte« Ern­
ten bringen; die kriegerischen Taten erscheinen als ebenso unbegreif­
lich wie die Naturkatastrophen.
Das Fehlen eines Prinzips, welches den Ereignissen Wichtigkeit oder
Signifikanz zuschreiben könnte, wird vor allem durch die Leerstellen
im Verzeichnis der Ereignisse in der rechten Spalte signalisiert, etwa
für das Jahr 711, in dem scheinbar »nichts geschah«. Die für das Jahr
712 notierten Wassermassen werden eingerahmt von Jahren, in denen
ebenfalls »nichts geschah«, was an Hegels Bemerkung erinnert, daß
die Perioden des menschlichen Glücks und der menschlichen Sicher­
heit leere Blätter in der Geschichte sind. Aber gerade diese leeren
Jahre in den Aufzeichnungen des Verfassers der Annalen vermitteln
einen Eindruck von den Anstrengungen, die eine Erzählung unter­
nimmt, um am Schluß alle Lücken ausgefüllt zu haben und an die
Stelle der Phantasien über Leere, Mangel und enttäuschte Wünsche,
die unsere Alpträume über die zerstörerische Macht der Zeit bevöl­
kern, ein Bild von Kontinuität, Kohärenz und Sinn zu setzen. Tat­
sächlich beschwört die Darstellung des Annalenschreibers eine Welt
herauf, in der die Not allgegenwärtig ist, das Leben vom Mangel
regiert wird und alle Möglichkeiten zur Befriedigung der Lebensbe­
22




dürfnisse entweder fehlen oder vorenthalten werden oder nur unter
unmittelbarer Lebensgefahr zu erlangen sind.
Die Idee einer möglichen Belohnung ist jedoch implizit in der linken
Spalte der Daten enthalten. Die Vollständigkeit dieser Liste belegt die
Fülle der Zeit, zumindest aber die Fülle der »Jahre des Herrn«. An
Jahren mangelt es nicht: in regelmäßiger Folge entsteigen sie ihrem
Ursprung, dem Jahr der Menschwerdung Christi, und gehen unerbitt­
lich auf ihr potentielles Ende zu, den Tag des Jüngsten Gerichts. Um
dem Verzeichnis der Ereignisse eine ähnliche Regelmäßigkeit und
Fülle zu verleihen, bedürfte es der Idee eines sozialen Zentrums, wel­
ches die Ereignisse zueinander in Beziehung setzt und ihnen ethische
oder moralische Signifikanz verleiht. Es ist das Fehlen jeglichen Be­
wußtseins eines sozialen Zentrums, das den Verfasser der Annalen
daran hindert, die Ereignisse, mit denen er sich auseinandersetzt, als
Elemente eines historischen Ereignisfeldes zu klassifizieren. Die Tat­
sache, daß dieses Zentrum nicht gegeben ist, blockiert oder untergräbt
den Impuls des Annalenschreibers, seinen Diskurs zu einer Erzählung
zu verdichten. Ohne ein solches Zentrum sind Karls Feldzüge gegen
die Sachsen nur Kämpfe; die Invasion der Sarazenen signalisiert ledig­
lich deren Kommen; und die Tatsache, daß die Schlacht von Poitiers
an einem Samstag stattfand, ist ebenso bedeutsam wie die Tatsache,
daß die Schlacht überhaupt stattgefunden hat. Aufgrund dieser Über­
legungen schließe ich mich Hegels Auffassung an, daß eine genuine
historische Darstellung nicht nur eine bestimmte Form, nämlich die
der Erzählung, haben muß, sondern auch einen bestimmten Inhalt,
nämlich den einer politisch-sozialen Ordnung.
In der Einleitung zu den Vorlesungen über die Philosophie der Ge­
schichte schrieb Hege!:
»Geschichte vereinigt in unserer Sprache die objektive sowohl als subjektive
Seite und bedeutet ebensogut die historiarn rerurn gestarurn als die res gestas
selbst; sie ist das Geschehene nicht minder wie die Geschichtserzählung. Diese
Vereinigung der beiden Bedeutungen müssen wir für höherer Art als für eine
bloß äußerliche Zufälligkeit ansehen: es ist dafür zu halten, daß Geschichtser­
zählung mit eigentlich geschichtlichen Taten und Begebenheiten gleichzeitig
erscheine; es ist eine innerliche gemeinsame Grundlage, welche sie zusammen
hervortreibt. Familienandenken, patriarchalische Traditionen haben ein Inter­
esse innerhalb der Familie und des Stammes; der gleichförmige Verlauf ihres
Zustandes ist kein Gegenstand für die Erinnerung, aber sich unterscheidende
Taten oder Wendungen des Schicksals mögen die Mnemosyne zur Fassung
solcher Bilder erregen, wie Liebe und religiöse Empfindungen die Phantasie

23

zum Gestalten solchen gestaltlos beginnenden Dranges auffordern. Aber der
Staat erst führt einen Inhalt herbei, der für die Prosa der Geschichte nicht nur
geeignet ist, sondern sie selbst mit erzeugt.«H

Hegel unterscheidet sodann zwischen einer »tieferen Empfindung«,
z. B. der »Liebe«, und der »religiösen Anschauung und deren Ge­
bilde« sowie der »bei ihren vernünftigen Gesetzen und Sitten zugleich
äußerlichen Existenz des Staates«. Letztere ist, laut Hegel, »eine un­
vollständige Gegenwart, deren Verstand zu ihrer Integrierung des Be­
wußtseins der Vergangenheit bedarf«. Es gibt desh:;t.lb »Zeiträume
[... ] welche mit Revolutionen, mit Wanderungen, mit den wildesten
Veränderungen mögen angefüllt gewesen sein«; doch sie sind ohne
»objektive Geschichte«. Und ihr Mangel an objektiver Geschichte ist
eine Funktion davon, daß sie »keine subjektive, keine Geschichtser­
zählung aufweisen«.
Wir dürfen nicht glauben, so Hegel, »[...] diese wärenur zufällig über
solche Zeiträume untergegangen, sondern weil sie nicht hat vorhanden
sein können, haben wir keine darüber«. Und er insistiert: »Erst im
Staate mit dem Bewußtsein von Gesetzen sind klare Taten vorhanden
und mit ihnen die Klarheit eines Bewußtseins über sie, welche die
Fähigkeit und das Bedürfnis gibt, sie so aufzubewahren.« Kurz gesagt,
wenn es darum geht, ein reales Geschehen in eine Erzählung zu über­
führen, dann müssen wir von der Existenz eines Gegenstands ausge­
hen, der den Anreiz zur Aufbewahrung seiner Bewegungen liefert.
Laut Hegel ist der eigentliche Gegenstand einer sokhen Aufzeichnung
der Staat; der Staat aber ist für ihn eine Abstraktion. Die für die
narrative Darstellung,geeignete Wirklichkeit ist der Konflikt zwischen
Begehren und Gesetz. Wo keine Gesetze existieren, da kann es weder
einen Gegenstand noch Ereignisse der Art geben, die sich für eine
narrative Darstellung eignen. Diese Behauptung ist natürlich nicht
empirisch verifizierbar oder falsifizierbar; daß wir uns vorstellen kön­
nen, wie sowohl »Historizität« als auch »Narrativität« möglich sind,
liegt in der Natur einer Hypothese. Sie gibt uns das Recht, die Be­
hauptung in Erwägung zu ziehen, daß ohne den Begriff eines Geset­
zesgegenstands, der als Akteur, Vermittlungsinstanz und Thema der
Geschichtserzählung in allen ihren Ausprägungen - von den Annalen
über die Chronik bis hin zum historischen Diskurs in seinen moder­
nen Realisierungen und Fehlschlägen - fungieren kann, weder das eine
noch das andere möglich ist.
Die Frage nach Gesetz, Legalität oder Legitimität taucht in den hier
24




untersuchten Teilen der Annales SangaLIenses Maiores nicht auf; zu­
mindest nicht die Frage nach dem menschlichen Gesetz. Wir finden
keinerlei Hinweis, daß mit dem Überfall der Sarazenen irgendeine
Grenze verletzt worden wäre, daß es nicht hätte dahin kommen dür­
fen oder daß es anders hätte kommen sollen. Da alles, was geschah,
anscheinend im Einklang mit dem Willen Gottes geschah, genügt es,
das Geschehene einfach zu notieren, es im entsprechenden »Jahr des
Herrn« zu vermerken. Der Einfall der Sarazenen ist moralisch gesehen
gleichbedeutend mit Karls Kampf gegen die Sachsen. Wir werden nie
erfahren, ob sich der Verfasser dieser Annalen veranlaßt gesehen hätte,
seine Auflistung der Ereignisse auszuschmücken und sich der Heraus­
forderung einer narrativen Schilderung zu stellen, wenn ihm beim
Schreiben die Bedrohung eines spezifischen Gesellschaftssystems und
der mögliche Rückfall in einen Zustand der Anarchie, gegen den das
Gesetzessystem möglicherweise errichtet worden war, bewußt ge­
wesen wären.
Ist uns jedoch die enge Beziehung, die Hegel zufolge zwischen Ge­
setz, Geschichdichkeit und Narrativität herrscht, bewußt geworden,
so muß uns die Häufigkeit überraschen, mit der Narrativität, ob fik­
tionaler oder faktischer Art, die Existenz eines Gesetzessystems vor­
aussetzt, gegen das oder um dessentwillen die typischen Akteure einer
narrativen Schilderung rebellieren. Und hier drängt sich der Verdacht
auf, daß die Erzählung, vom Volksmärchen bis zum Roman, von den
Annalen bis zur vollgültigen »Geschichtserzählung«, etwas mit dem
Themenbereich Gesetz, Legalität, Legitimität oder, allgemeiner ausge­
drückt, mit dem Problem der Autorität zu tun hat. Und sobald wir
uns vor Augen halten, was nach den Annalen als die nächsthöhere
Entwicklungsstufe der Geschichtsdarstellung gilt, nämlich die Chro­
nik, erhärtet sich diese Vermutung. Je geschichtsbewußter der Histo­
riograph ist, desto stärker ist seine Aufmerksamkeit für das soziale
System und das es tragende Gesetz, für die Autorität dieses Gesetzes
und für seine Rechtfertigung sowie für alles, was dieses Gesetz be­
droht. Wenn, wie Hegel zu verstehen gibt, Geschichtlichkeit als ty­
pisch menschliche Seinsweise undenkbar ist ohne die Voraussetzung
eines Systems von Gesetzen, für das ein spezifischer Gesetzesgegen­
stand konstituiert werden könnte, dann ist historisches Bewußtsein ­
ein Bewußtsein, das sich das Bedürfnis einer Darstellung der Wirk­
lichkeit als Historie vorzustellen vermag - nur im Sinne seines beson­
deren Interesses an Gesetz, Legalität und Legitimität denkbar usw.
Interesse an einem Gesellschaftssystem, d. h. an einem durch Gesetze
25

geregelten System menschlicher Beziehungen, schafft die Möglichkeit,
sich jene Spannungen, Konflikte, Auseinandersetzungen und ihre ver­
schiedenen Lösungsarten, wie wir sie in jeder Schilderung der Wirk­
lichkeit antreffen, die sich uns als »Geschichte« präsentiert, vorstellbar
zu machen. Wir können daher vermuten, daß Wachsen und Entwick­
lung des Geschichtsbewußtseins, verbunden mit dem gleichzeitigen
Wachsen und der Entwicklung der Fähigkeit zum Narrativen (vom
Schlage der Chronik im Unterschied zu den Annalen), mit dem Aus­
maß zu tun hat, in dem das Gesetzessystem als zentraler Gegenstand
des Interesses fungiert. Wenn jede vollständig realisierte Geschichte
(story) oder wie immer wir diese zwar vertraute, aber konzeptuell
unscharfe Größe definieren wollen, eine Form von Allegorie ist,
wenn sie auf eine Moral verweist oder den Ereignissen, ob real oder
imaginär, eine Bedeutung verleiht, die sie als bloße Aufeinanderfolge
nicht besitzen, dann scheint die Schlußfolgerung erlaubt, daß der
latente oder manifeste Zweck einer historischen Erzählung in dem
Wunsch liegt, dem erörterten Geschehen. eine moralische Dimension
zu verleihen. Wo hinsichtlich des Status des Gesetzessystems, der
Form also, in der das Subjekt das Gesellschaftssystem, in das es einge­
bunden ist, am unmittelbarsten erlebt, Doppeldeutigkeit oder Ambi­
valenz herrscht, fehlt der Boden, auf dem sich Geschlossenheit einer
über die Vergangenheit zu erzählenden Geschichte, sei sie öffentlicher
oder privater Natur, erzielen ließe. Damit liegt die Vermutung nahe,
daß Narrativität sicherlich im Falle des faktischen und wahrscheinlich
auch in dem des fiktionalen Geschichtenerzählens eng verbunden ist
mit dem Impuls oder gar eine Funktion des Impulses ist, die Realität
zu moralisieren, das heißt, sie mit dem Gesellschaftssystem zu identi­
fizieren, das die Quelle jeder für uns vorstellbaren Moral bildet.
Der Verfasser der Annales Sangallenses zeigt keinerlei Interesse für
irgendein bloß menschliches Moral- oder Gesetzessystem. Der Ein­
trag für das Jahr 1056: »Kaiser Heinrich gestorben; und sein Sohn
Heinrich bestieg den Thron«, enthält jedoch die Elemente einer Er­
zählung im Embryonalzustand. Es handelt sich hier in der Tat um eine
Erzählung, deren Narrativität trotz der durch die Partikel und sugge­
rierten Doppeldeutigkeit der Verbindung zwischen dem ersten Ereig­
nis (Heinrichs Tod) und dem zweiten (Heinrichs Nachfolge) abge­
schlossen wirkt aufgrund ihrer stillschweigenden Anspielung auf das
Gesetzessystem, auf die genealogische Nachfolgeregel, die der Anna­
lenschreiber als gültiges Prinzip für die Übergabe der Macht an
spätere Generationen akzeptiert. Dieses winzige narrative Element,
26

dieses »narreme« aber bewegt sich auf einem Meer von Daten, das die
Aufeinanderfolge selbst als ein kosmisches Organisationsprinzip vor­
stellt. Diejenigen unter uns, die wissen, was den jüngeren Heinrich bei
seinen Streitigkeiten mit Adel und Päpsten in der Zeit des Investitur­
streits erwartete, bei dem es um die Frage ging, wo letztlich die höch­
ste irdische Autorität verankert sei, mögen sich über die Knappheit
ärgern, mit der der Annalenschreiber ein so mit zukünftigen mora­
lischen und rechtlichen Implikationen befrachtetes Geschehen ver­
merkt. Die Jahre 1057-72, die der Annalenschreiber am Ende seiner
Aufzeichnungen lediglich anführt, lieferten mehr als genug »Ereig­
nisse«, die bedeutsam waren für diesen Streit, mehr als genug Kon­
fliktstoff, um eine vollständige narrative Schilderung seiner Anfänge
zu gewährleisten. Der Annalenverfasser aber ignorierte sie. Er hatte
wohl das Gefühl, durch das bloße Benennen der Jahre seine Pflicht
erfüllt zu haben. Was also sind die Hintergründe für diese Verweige­
rung des Erzählens?
Sicherlich können wir Frank Kermodes Feststellung, daß der Verfas­
ser der Annales Sangallenses Maiares kein sehr guter Tagebuchschrei­
ber war, beipflichten. Zwischen dem Unvermögen und der mangeln­
den Bereitschaft, ein Tagebuch zu führen, läßt sich indes schwerer
entscheiden. Und will man das Interesse an der Erzählung selbst beur­
teilen, so vermag eine »schlechte« Erzählung mehr über Narrativität
auszusagen als eine gute. Wenn es zutrifft, daß der Annalenverfasser
ein ungenauer oder fauler Erzähler war, dann müssen wir fragen, was
im Vergleich zu einem kompetenten Erzähler fehlte. Woran aber
mangelt es seiner Schilderung, was genau hätte seine Chronologie in
eine historische Erzählung zu verwandeln vermocht?
Die vertikale Anordnung der Ereignisse selbst suggeriert, daß es dem
Annalenschreiber keineswegs an metaphorischem oder paradigmati­
schem Bewußtsein mangelte. Er leidet nicht an dem, was Roman Ja­
kobson -als »Unordnung der Similarität« bezeichnete. Tatsächlich
scheinen alle in der rechten Spalte genannten Ereignisse als gleich­
artige Ereignisse zu gelten; alle sind sie Metonymien des generellen
Mangel- oder Überflußzustands der »Wirklichkeit«, die der Verfasser
der Annalen verzeichnet. Differenz, eine signifikante Variation im
Ähnlichen, erscheint nur in der linken Spalte, in der Liste der Daten.
Jedes einzelne Datum wirkt als Metapher der Fülle und Vollendung
der Zeit des Herrn. Das Bild eines geordneten Ablaufs, das diese
Spalte vermittelt, findet in der Liste der natürlichen und menschlichen
Ereignisse der rechten Spalte keine Entsprechung. Um aus der Ge­
27




" ~ ;' \
r\ ,'I ,\

schehensfolge eine Erzählung zu machen, fehlte dem Schreiber die
Fähigkeit, den Ereignissen dieselbe Art von >,Propositionalität« einzu­
räumen, die in seiner Darstellung der Aufeinanderfolge der Daten
implizit gegenwärtig ist. Dieser Mangel ähnelt dem, was Jakobson
»Unordnung der Kontiguität« nennt, ein Phänomen, das sich in der
Rede durch »Agrammatismus« äußert und im Diskurs durch eine
Auflösung »der Bande der grammatischen Koordination und Subor­
dination«, mittels derer »Worthaufen« zu sinnvollen Sätzen vereinigt
werden können. 15 Unser Annalenschreiber litt natürlich nicht an
Aphasie - wie seine Fähigkeit zur Bildung sinnvoller Sätze beweist;
aber ihm fehlte jene Fähigkeit zur Sinnsubstitution in semantischen
Metonymieketten, welche seine Liste der Ereignisse in einen Diskurs
über die Ereignisse verwandeln würde, der so beschaffen ist, daß die
Ereignisse als eine sich im Laufe der Zeit entwickelnde Totalität dar­
gestellt werden.
Nun aber verlangt das Vermögen, sich eine Ereignisfolge als zu einer
einzigen Sinnordnung gehörig vorzustellen, ein metaphysisches Prin­
zip, um den Unterschied in Ähnlichkeit zu verwandeln. Mit anderen
Worten, verlangt wird ein allen Referenten der verschiedenen Sätze,
welche die Ereignisse als geschehen registrieren, gemeinsamer »Ge­
genstand«. Wenn ein derartiger Gegenstand existiert, dann ist es »Der
Herr«, dessen »Jahre« als Manifestationen seiner Macht, Verursacher
der im Laufe dieser Jahre aufgetretenen Ereignisse zu sein, aufgefaßt
werden. Damit existiert der Gegenstand der Darstellung nicht in der
Zeit und könnte daher nicht als Gegenstand einer Erzählung fungie­
ren. Folgt daraus, daß es für das Zustandekommen einer Erzählung
irgendein Äquivalent des Herrn geben muß, irgendein heiliges Wesen
mit der Autorität und Macht des Herrn, das sein Dasein in der Zeit
hat? Wenn ja, was könnte ein solches Äquivalent sein?
Die Beschaffenheit eines Wesens, das als zentrales Organisationsprin­
zip des Sinns eines Diskurses, der in seiner Struktur ebenso realistisch
wie narrativ ist, dienen könnte, tritt in der Weise der historischen
Darstellung zutage, die wir Chronik nennen. Bei den Geschichtstheo­
retikern herrscht Einigkeit darüber, daß die Chronik eine »höhere«
Form der Konzeptualisierung von Geschichte ist und eine den Anna­
len überlegene historiographische Darstellungsweise repräsentiert. 16
Ihre Überlegenheit besteht in ihrem größeren Umfang, in der Organi­
sation ihres Materials »nach Themenbereichen und Regierungszeiten«
sowie in ihrer größeren narrativen Kohärenz. Auch die Chronik hat
einen zentralen Gegenstand das Leben eines Individuums, einer
28




Stadt oder Region; eine große Unternehmung wie etwa ein Kreuzzug
oder ein Krieg; oder auch eine Institution - eine Monarchie, ein Epis­
kopat oder ein Kloster. Als Bindeglied zwischen Chronik und Annale
gilt die Wahrung der Ch.onologie als Organisationsprinzip des Dis­
kurses, und gerade dadurch wird aus der Chronik etwas weniger als
eine vollgültige Geschichtserzählung. Hinzu kommt, daß die Chronik
zwar wie die Annale, aber anders als die Geschichtserzählung einfach
abbricht, anstatt abzuschließen; bezeichnenderweise fehlt ihr die Ge­
schlossenheit, jene Subsumierung des "Sinns« der betrachteten Ereig­
niskette, die wir normalerweise von einer gut durchkomponierten
Geschichte erwarten. Es ist typisch für die Chronik, einen Schluß zu
versprechen, dieses Versprechen aber nicht einzulösen was einer der
Gründe dafür ist, weshalb die Herausgeber mittelalterlicher Chroni­
ken im 19. Jahrhundert den Chroniken den Rang echter »Historien«
nicht zuerkannten.
Gesetzt den Fall, man betrachtet diesen Sachverhalt aus einer anderen
Perspektive. Gesetzt den Fall, es würde eingeräumt, nicht etwa, daß
die Chronik eine "höhere« oder differenziertere Darstellung der
Wirklichkeit sei als die Annalen, sondern daß sie lediglich eine andere
Art der Darstellung ist, gekennzeichnet vom Verlangen nach einer
Form VOn Ordnung und Fülle in der Schilderung der Realität, die
theoretisch nicht gerechtfertigt ist, ein Verlangen, das bis zum Beweis
des Gegenteils durchaus unbegründet ist. Was impliziert die Auferle­
gung dieser Ordnung, die Herstellung dieser Fülle (der Einzelheiten),
die die Unterschiede zwischen Annalen und Chronik markieren?
Als Beispiel für den Typus der Chronik in der historischen Darstel­
lung nehme ich die Histoire de France des Richerus VOn Reims, ge­
schrieben am Vorabend des Jahres 1000 A. D. (etwa um 998).17 Wir
erkennen in diesem Text unschwer eine Erzählung. Er besitzt ein
zentrales Thema (>die Streitigkeiten der Franzosen<), einen eigent­
lichen geographischen Mittelpunkt (Gallien) und ein eindeutiges so­
ziales Zentrum (der erzbischöfliche Stuhl von Reims, bedrängt von
einem Disput, welcher von zwei Bewerbern, die beide Anspruch auf
das Amt des Erzbischofs erhoben, der legitime Anwärter sei) sowie
einen angemessenen Anfang in der Zeit (in Gestalt einer Zusammen­
fassung der Weltgeschichte von der Inkarnation bis hin zu Zeit und
Ort von Richerus' Niederschrift seiner Darstellung). Als Historie im
eigentlichen Sinne indes versagt, zumindest nach Meinung späterer
Kommentatoren, das Werk, da erstens die Ordnung des Diskurses der
Ordnung der (.:hronologie folgt; sie präsentiert Ereignisse nach Maß­
29

gabe ihres Auftretens und kann deshalb nicht jene Art von Sinn lie­
fern, den eine narratologisch organisierte Darstellung zu entbinden
vermag. Zweitens findet wahrscheinlich aufgrund der »annalenhaften«
Ordnung des Diskurses die Darstellung keinen Abschluß, sondern
hört einfach auf; sie bricht ab mit der Flucht des einen der beiden
Anwärter auf das Amt des Erzbischofs und überläßt es dem Leser, im
Rückblick über die Verbindungen zwischen Anfang und Schluß der
Darstellung zu reflektieren. Die Darstellung führt bis zum »gestern«
ihres Verfassers, fügt der Serie, die mit der Inkarnation begann, ein
weiteres Faktum hinzu und hört dann auf. Es bleiben alle normalen
narratologischen Erwartungen des Lesers (dieses Lesers) unerfüllt.
Das Werk scheint einen plot zu entwickeln, straft dann aber sein
eigenes Erscheinungsbild Lügen, indem es in medias res aufhört mit
der kryptischen Notiz: »Papst Gregor ermächtigt Arnulf, die erz­
bischöflichen Funktionen vorläufig zu übernehmen, während er die
gerichtliche Entscheidung erwartet, die sie ihm entweder überträgt
oder ihm das Recht auf sie wieder entzieht. ,,18
Und doch ist Richerus ein bewußter Erzähler. Am Anfang seiner
Darstellung bekundet er ausdrücklich, »insbesondere die Kritge, Wir­
ren und Angelegenheiten« der Franzosen »schriftlich aufzubewahren«
(ad memoriam recuere scripto specialiter propositum est) und sie
überdies in einer Weise zu notieren, die anderen Darstellungen überle­
gen sei, insbesondere derjenigen eines gewissen Flodoard, eines frühe­
ren Stadtschreibers von Reims, der eine Annale verfaßt hatte, aus der
nun Richerus Informationen schöpft. Richerus sagt, daß er sich zwar
freizügig des Flodoardschen Werkes bediene, jedoch häufig »die
Dinge mit anderen Worten ausgedrückt« habe als dieser und daß er
»den Stil der Darstellung völlig modifiziert [pro aliis longe diversis­
simo orationis scemate disposuisse]« habe. 19 Auch siedelt er sich selbst
innerhalb einer Tradition der Geschichtsschreibung an, indem er sich
auf Klassiker wie Cäsar, Orosius, Hieronymus und Isidor als Autori­
täten für die Frühgeschichte Galliens beruft und suggeriert, daß er
aufgrund persönlicher Beobachtungen Einsicht in die von ihm geschil­
derten Tatsachen gewonnen habe, über die sonst niemand verfüge. All
dies deutet auf eine gewisse Bewußtheit hinsichtlich des eigenen Dis­
kurses hin, die dem Verfasser der Annales Sangallenses offenkundig
fehlt. Richerus' Diskurs ist ein gestalteter Disk,!rs, dessen Narrativität
verglichen mit der des Annalenschreibers eine Funktion der Bewußt­
heit ist, mit der diese Gestaltung in Angriff genommen wird.
Paradoxerweise aber ist es gerade dieses bewußte Gestalten, das Ri­
30




cherus' Werk den Anstrich einer historischen Erzählung verleiht, was
dessen »Objektivität« als historische Darstellung mindert - so wenig­
stens lautet die übereinstimmende Meinung moderner Analytiker di~­
ses Textes. Beispielsweise sieht ein moderner Herausgeber des Textes,
Robert Latouche, im Stolz des Richerus auf die Originalität seines
Stils die Ursache für das Scheitern seines Werks als echte Geschichts­
darsteIlung. »Letztlich«, so Latouche, »ist Richerus' Geschichte nicht
eine Geschichte im eigentlichen Sinne [proprement par/er], sondern
eine rhetorische Arbeit, die von einem Mönch komponiert wurde,
[...] der darauf aus war, die Technik Sallusts zu imitieren.« Und er
fügt hinzu, »Ihn interessierte nicht das Material [matiere], das er nach
seinem Geschmack formte, sondern die Form.«2o
Latouche hat sicher recht, wenn er sagt, Richerus scheitere als Histori­
ker, der angeblich an den »Tatsachen« einer bestimmten historischen
Epoche interessiert war; doch geht er fehl mit seiner Vermutung, das
Werk versage deshalb als Historie, weil sein Verfasser mehr an der
»Form« als an der }>Sache« interessiert gewesen sei. Unter matiere
versteht Latouche natürlich die Diskursreferenten, die für sich ge­
nommenen Ereignisse als Gegenstände der Darstellung. Richerus' In­
teresse aber gilt »den Streitigkeiten der Franzosen« (Gallorum con­
gressibus in volumine regerendisl l , insbesondere dem Streit, in den
sein Gönner und Schutzherr, Gerbert, Erzbischof von Reims, zu jener
Zeit verwickelt war und in dem es um die Kontrolle des Erzbistums
ging. Weit davon entfernt, mehr an der Form statt an der Sache oder
am Inhalt interessiert zu sein, galt Richerus' Anteilnahme ausschließ­
lich der Sache, denn an diesem Streit und seinem Ausgang hing auch
seine eigene Zukunft. Durch die Komposition seiner Erzählung hoffte
er, eine Antwort zu finden auf die Frage, wo die Autorität für die
Lenkung der Angelegenheiten des Erzbistums Reims verankert war.
Wir können daher mit Gründen vermuten, daß der Anstoß, eine Er­
zählung über diesen Konflikt zu schreiben, in gewisser Weise mit
seinem persönlichen Bedürfnis verbunden war, sich eine Autorität zu
verschaffen (sowohl im Sinne des Darüber-Schreibens als auch im
Sinne der aktiven Mitwirkung), deren Legitimität abhängig war von
der Feststellung von »Fakten«, und zwar »Fakten« einer spezifisch
historischen Ordnung.
Sobald uns nämlich die Autoritätsthematik in diesem Text bewußt
wird, erkennen wir auch, wie sehr die Wahrheitsansprüche der Erzäh­
lung, ja in der Tat geradezu das Recht, zu erzählen, von einem be­
stimmten Verhältnis zur Autorität per se abhängig sind. Die erste vom
31

Autor angerufene Autorität ist die seines Gönners Gerbert; kraft die­
ser Autorität kann die Darstellung komponiert werden (»imperii tui,
pater sanctissime G[ erbert], auctoritas seminarium dedit«?l; es folgen
die durch die klassischen Texte repräsentierten Autoritäten (Cäsar,
Orosius, Hieronymus usw.), aufdie er in seiner Rekonstruktion der
Frühgeschichte Frankreichs rekurriert. Daneben gibt es die Autorität
Flodoards, seines Vorgängers als Historiker des Erzbistums von
Reims, eine Autorität, mit der er als Erzähler konkurriert und dessen
Stil er zu verbessern sucht. Diese Verbesserung indes bewirkt er dank
seiner eigenen Autorität, indem er die Dinge »mit anderen Worten«
darzustellen sucht und Flodoards »Stil der Darstellung völlig« modifi­
ziert. Und schließlich gibt es nicht nur die Autorität des Himmlischen
Vaters, die als letzte Ursache allen Geschehens beschworen wird, son­
dern auch noch die Autorität von Richerus' eigenem Vater (auf den im
gesamten Manuskript als »p. m.« [pater meus] Bezug genommen
wird)22, der als zentrales Subjekt eines Teils des Werkes und als Zeuge,
auf dessen Autorität die Schilderung in diesem Werkteil beruht, fun­
giert.
Das Problem der Autorität spielt in dem Text von Richerus eine weit
größere Rolle als in dem Text des Annalisten von Sankt Gallen. Für
den Annalenschreiber besteht keine Veranlassung, sich zum Erzählen
eines Geschehens auf seine Autorität zu berufen, weil der Status der
Ereignisse als Manifestationen einer Wirklichkeit, die nicht angezwei­
felt wird, in keiner Weise erschüttert ist. Da nichts »angezweifelt«
wird, muß auch nichts in der Form einer Erzählung dargestellt wer­
. den; die Ereignisse haben es nicht nötig, »für sich selbst zu sprechen«
oder so dargestellt zu werden, als könnten sie »ihre eigene Geschichte
selbst erzählen«. Man muß sie lediglich in der Reihenfolge ihres Er­
scheinens aufzeichnen, denn wo es keine Kontroverse gibt, da gibt es
auch keine Geschichte zu erzählen. Weil es jedoch eine Kontroverse
gab, mußte Richerus die Ereignisse in der Form einer Erzählung dar­
stellen. Indes hat die von Richerus geschaffene Quasi-Erzählung nicht
deshalb keinen Schluß, weil der Konflikt nicht gelöst worden wäre;
denn tatsächlich wurde diese Auseinandersetzung gelöst - durch die
Flucht Gerberts an den Hof König Ottos und die Ausrufung Arnulfs
zum Erzbischof von Reims durch Papst Gregor.
Für eine angemessene diskursive Lösung, eine narrative (narrativ i­
zing) Lösung, fehlte das moralische Prinzip, in dessen Lichte Richerus
diese Lösung als entweder gerecht oder ungerecht hätte beurteilen
können. Das einzige Urteil, welches sich in Richerus' Chronik finden
32

läßt, ist jenes, welches die Wirklichkeit selbst fällt, dadurch, daß sie
den Konflikt löst. Zwar gibt es Hinweise, daß Gerbert durch König
Otto eine gewisse Gerechtigkeit widerfuhr, der, »als er Gerberts Ge­
lehrtheit und seine Fähigkeiten erkannte, ihn zum Bischof von Ra­
venna ernannte«. Diese Gerechtigkeit aber findet an einem anderen
Ort statt und wird von einer anderen Autorität, einem anderen König
erwiesen. Der Schluß des Diskurses vermag die berichteten Ereignisse
nicht neu zu beleuchten; die zwingende Kraft jenes Sinns, der allen
Ereignissen von Anfang an immanent war, vermag nicht neu verteilt
zu werden. Es gibt keine Gerechtigkeit, sondern nur Gewalt oder,
besser gesagt, nur eine Autorität, die sich in unterschiedlichen Formen
von Gewalt präsentiert.
Diese Überlegungen zum Verhältnis von Historiographie und Erzäh­
lung sollen dazu beitragen, den Unterschied zwischen Geschichtsele­
menten (story elements) und Plotelementen (plot elements) im histori­
schen Diskurs zu veranschaulichen. Nach allgemeinem Dafürhalten
stülpt der plot einer Erzählung den Ereignissen, die ihre Geschichts­
ebene bilden, einen Sinn über, indem er am Schluß eine Struktur
bloßlegt, die den Ereignissen immer schon immanent gewesen war.
Mir geht es darum, den besonderen Charakter dieser Immanenz in
allen Arten von Darstellungen eines realen Geschehens, eines Gesche­
hens, das sich als der eigentliche Inhalt des historischen Diskurses
darbietet, zu vergegenwärtigen. Diese Ereignisse sind real, nicht weil
es sie gab, sondern weil man sich, erstens, an sie erinnerte und weil sie,
zweitens, sich in eine chronologisch geordnete Abfolge einreihen las­
sen. D",mit ihre Schilderung jedoch als historische Schilderung gelten
darf, genügt es nicht, sie lediglich in der Ordnung ihres ursprüngli­
chen Auftretens aufzuzeichnen. Gerade die Tatsache, daß sie anders,
nämlich in der Ordnung einer Erzählung aufgeschrieben werden kön­
nen, stellt gleichsam ihre Authentizität in Frage und ermöglicht es, sie
als Zeichen des Realen zu lesen. Ereignisse, die als historische Ereig­
nisse verstanden werden wollen, müssen mindestens zwei Erzählun­
gen ihres Ablaufs zulassen. Wenn nicht wenigstens zwei Versionen
derselben Ereignisfolge denkbar sind, gibt es für den Historiker kei­
nen Grund, sich für befugt zu halten, die Wahrheit dessen, was damals
wirklich geschah, schildern zu können. Die Autorität der historischen
Erzählung ist die Autorität des Wirklichen selbst; die historische Dar­
stellung gibt dieser Wirklichkeit eine Form und macht sie zum Objekt
des Begehrens, indem sie ihren Prozessen eine formale Kohärenz ein­
pflanzt, die sonst nur Geschichten besitzen.
33

Die Historie gehört somit zur Kategorie dessen, was man »den Dis­
kurs des Realen« im Gegensatz zum »Diskurs des Imaginären« oder
zum »Diskurs des Begehrens« nennen könnte. Die Formulierung
stammt natürlich von Lacan; ich möchte ihre Lacanschen Aspekte
jedoch nicht überspitzen. Mir geht es hier lediglich darum, deutlich zu
machen, daß uns die Anziehungskraft des historischen Diskurses dann
verständlich wird, wenn wir erkennen, in welchem Maße er das Reale
begehrenswert, es zum Objekt der Begierde macht, dadurch, daß er
den als real repräsentierten Ereignissen die formale Kohärenz von
Geschichten auferlegt. Anders als die der Annalen spricht die in der
historischen Erzählung dargestellte Wirklichkeit zu uns, indem sie
"über sich selbst spricht«; sie ruft uns von weit her zu sich (dieses
»von weit her« ist das Land der Formen) und bezeugt eine formale
Kohärenz, die wir selbst ebenfalls anstreben. Im Kontrast zur Chro­
nik offenbart uns die Geschichtserzählung eine Welt, die vermeintlich
»fertig«, abgeschlossen, vorbei ist und die dennoch nicht aufgelöst ist,
nicht auseinanderfällt. In dieser Welt trägt die Realität die Maske eines
Sinns, dessen Vollständigkeit und Fülle wir uns lediglich vorstellen,
aber nie erfahren könpen. Insofern als historische Geschichten been­
det und zu narrativer Geschlossenheit geführt werden können, inso­
fern als gezeigt werden kann, daß sie schon immer einen plot hatten,
verleihen sie der Wirklichkeit den Anschein des Idealen. Deshalb ist
der plot einer Geschichtserzählung immer ein Störfaktor und muß als
in den Ereignissen »vorgefunden« präsentiert werden, nicht als mittels
narrativer Techniken dorthin verpflanzt.
Die Tatsache, daß der plot einen Störfaktor für die historische Erzäh­
lung bildet, bekundet sich auch in der nahezu universellen Gering­
schätzung, mit der moderne Historiker die »Philosophie der Ge­
schichte« betrachten, deren paradigmatisches Beispiel Hegel ist. Diese
(vierte) Form der historischen Darstellung wird deshalb' verdammt,
weil sie aus nichts als dem plot besteht; ihre Geschichtselemente exi­
stieren nur als Manifestationen, als Epiphänomene der Plotstruktur, in
deren Dienst ihr Diskurs steht. Hier ist die Wirklichkeit von solcher
Regelmäßigkeit, Ordnung und Kohärenz, daß für menschliches Han­
deln kein Raum mehr bleibt; hier wird eine solche Ganzheit und
Vollkommenheit präsentiert, daß die imaginative Identifikation eher
abgeschreckt als ermuntert wird. Doch im plot der Philosophie der
Geschichte erweisen sich die plots der Historien, die uns von bloß
regional begrenzten vergangenen Begebenheiten erzählen, als das, was
sie wirklich sind: Bilder jener Autorität, die uns zur Teilnahme an
34




einem moralischen Universum aufruft. Der einzige Anreiz' freilich,
den dieses moralische Universum auszuüben vermag, geht von der
Form aus, in die es sich kleidet, der Form einer Erzählung nämlich.
Damit können wir auch den Implikationen jener Forderung nach Ge­
schlossenheit in der Historie auf die Spur kommen, die dazu geführt
hatte, daß man der Chronik, eben weil es ihr an Geschlossenheit
mangelte, vorwarf, eine defizitäre Erzählung zu sein.
Die Forderung nach Geschlossenheit in der historischen Erzählung
impliziert meiner Meinung nach die Forderung nach einem mora­
lischen Sinn, eine Forderung, wonach reale Ereignisfolgen hinsichtlich
ihrer Signifikanz als Elemente eines moralischen Dramas zu bewerten
sind. Es gibt wohl keine einzige historische Erzählung, die nicht nur
vom moralischen Bewußtsein, sondern speziell von der moralischen
Autorität des Erzählers inspiriert ist. Es ist schwierig, sich ein im
19. Jahrhundert, dem klassischen Zeitalter der historischen Erzäh­
lung, entstandenes Geschichtswerk vorzustellen, dem nicht die Kraft
eines moralischen Urteils über die berichteten Ereignisse inne­
wohnte.
Es soll jedoch zu keiner Vorverurteilung dieses Sachverhalts durch die
Betrachtung von historischen Texten des 19. Jahrhunderts kommen.
Der Zusammenhang von moralischem Bewußtsein und narrativer
Fülle läßt sich auch an einem Beispiel spätmittelalterlicher Historio­
graphie zeigen: der Cronica des Dino Compagni, die zwischen 1310
und 1312 geschrieben wurde und allgemein als echte historische Er­
zählung gilt. 23 Dinos Werk füllt nicht nur die Lücken aus, die bei einer
annalenhaften Darlegung seines Themas (der Auseinandersetzungen
zwischen den Schwarzen und den Weißen Fraktionen der herrschen­
den Partei der Guelfen in Florenz zwischen 1280 und 1312) offenge­
blieben wären, und organisiert seine Geschichte entsprechend einer
gUt markierten dreifachen Plotstruktur, sondern es gewinnt narrative
Fülle dadurch, daß es explizit die Vorstellung eines sozialen Systems
evoziert, das als fester Bezugspunkt dienen soll, mit dessen Hilfe der
Fluß vergänglicher Ereignisse mit einem spezifisch moralischen Sinn
ausgerüstet werden kann. In dieser Hinsicht zeigt die Cronica sehr
deutlich, in welchem Maße sich die Chronik der Form der - mora­
lischen oder der anagogischen - Allegorie annähern muß, um grund­
sätzlich sowohl Narrativität als auch Geschichtlichkeit zu gewähr­
leisten.
Ebenso interessant ist die Beobachtung, daß in dem Moment, in dem
die Historiographie die Form der Chronik zu verdrängen beginnt,
35

auch bestimmte Merkmale der Chronik allmählich verschwinden. Zu­
allererst wird auf die Anrufung eines Schirmherrn oder Gönners ver­
zichtet. Dinos Erzählung entfaltet sich nicht wie die Richerus' unter
dem Schutz eines bestimmten Gönners. Er bekräftigt lediglich sein
Recht, bemerkenswerte Ereignisse (cose notevoli) zu berichten, die er
aufgrund eines höheren Vermögens zur Vorausschau »gesehen und
gehört« hat. »Niemand sah diese Geschehnisse in ihren Anfängen
(principi) mit größerer Gewißheit als ich«, so sein Kommentar. Wah­
rend Richerus sich explizit an Gerbert als idealen Leser gewandt hatte,
ist Dinos zukünftige Leserschaft eine Gruppe, von der angenommen
wird, daß sie seine Ansicht vom wahren Wesen aller Geschehnisse
teilt: diejenigen Bürger von Florenz, so Dino, die imstande sind, »die
Güte Gottes, der jetzt und immerdar herrscht und regiert«, zu erken­
nen. Zuglei.ch wendet er sich an eine andere Gruppe, die moralisch
verkommenen Bürger, die verantwortlich sind für die »Zwistigkeiten«
(discordie), die die Stadt seit etwa drei Jahrzehnten ruinierten. Jener
soll seine Erzählung Hoffnung auf ein Ende dieser Streitigkeiten ver­
mitteln; für diese ist sie als Ermahnung und Androhung von Ver­
geltung gemeint. Das Chaos der vergangenen zehn Jahre wird mit
»gedeihlicheren« Jahren kontrastiert, die kommen werden, nachdem
Kaiser Heinrich VII. Florenz erobert hat, um ein Volk zu bestrafen,
dessen »schlimme Sitten und falsche Gewinne die ganze Welt korrum­
piert und verdorben« haben. 24 Was Kermode »das Gewicht des Sinns«
der geschilderten Ereignisse nennt, wird »vorwärts geworfen« auf eine
Zukunft jenseits der aktuellen Gegenwart, eine Zukunft, die mit mo­
ralischem Gericht und der Bestrafung der Bösen befrachtet ist. 25
Die Jeremiade, mit der Dinos Werk schließt, belegt seine Zugehörig­
keit zu einer Epoche, in der noch keine historische »Objektivität« und
das heißt keine säkulare Ideologie herrschte - so die Meinung der
Kommentatoren. Es ist indes schwierig, einzusehen, wie die narrative
Fülle, für die Dino Compagni gerühmt wird, ohne die implizite Beru­
fung auf die moralische Norm, die er zur Differenzierung zwischen
berichtenswerten und nicht berichtenswerten Ereignissen gebraucht,
hätte zustande kommen können. Die in der Erzählung tatsächlich
berichteten Ereignisse erscheinen gerade deshalb real, weil sie einer
moralischen Daseinsordnung angehören, so wie sie auch ihren Sinn
aus ihrer Stellung innerhalb dieser Ordnung gewinnen. Gerade weil
die beschriebenen Ereignisse zur Etablierung einer sozialen Ordnung
hinführen oder aber dabei versagen, finden sie Platz in einer Erzäh­
lung, die ihre Realität verbürgt. Nur der Kontrast zwischen der Herr­
36




schaft und Regierung Gottes einerseits und der Anarchie der in Flo­
renz gerade herrschenden sozialen Situation andererseits konnte den
apokalyptischen Ton und die narrative Funktion des letzten Ab­
schnitts mit seinem Bild des Kaisers, der kommen wird, um jene zu
züchtigen, »die durch [ihre] schlechten Gewohnheiten Böses in die
Welt brachten«, begründen. Und nur eine moralische Autorität
konnte die Wendung in der Erzählung rechtfertigen, die ihr erlaubt,
zu enden. Dino identifiziert den Schluß seiner Erzählung ausdrücklich
mit einer »Wende« in der moralischen Ordnung der Welt: »Die Welt
beginnt nun sich erneut zu drehen (Ora vi si ricomincia il mondo a
revolgere adosso) [...]: der Kaiser kommt, euch zu ergreifen und zu
plündern, zu Lande und zu Wasser. ",26
Es ist dieser moralistische Schluß, der verhindert, daß Dinos Cronica
der Norm einer modernen »objektiven« historischen Darstellung ge­
nügt. Und doch erlaubt allein dieser Moralismus dem Werk, ein Ende
zu finden oder, besser, abzuschließen, und zwar anders als Annale
oder Chronik. Wie aber könnte eine Erzählung eines realen Gesche­
hens wohl sonst abschließen? Wenn es darum geht, das Zusammen­
fließen realer Ereignisse zu schildern, welch anderen »Schluß« könnte
eine Abfolge solcher Ereignisse haben als einen »moralisierenden«
Schluß? Woraus könnte narrative Geschlossenheit sonst bestehen,
wenn nicht aus dem Übergang von der einen moralischen Ordnung
zur anderen? Ich gebe zu, daß ich mir keine andere Art des »Abschlie­
ßens« einer Schilderung realer Geschehnisse vorstellen kann, denn wir
können sicher nicht sagen, daß jede Aufeinanderfolge realer Ereignisse
tatsächlich zu Ende geht, daß die Wirklichkeit selbst verschwindet,
daß Ereignisse von der Ordnung des Realen aufhören, zu geschehen.
Derartige Ereignisse konnten nur dann aufgehört haben, sich zu ereig­
nen, wenn der Sinn von einem physischen oder sozialen Raum auf einen
anderen verschoben wird, und zwar mit narrativen Mitteln. Wo mora­
lische Sensibilität fehlt, wie es in der annalenhaften Wirklichkeitsdar­
stellung der Fall zu sein scheint, oder sie nur potentiell präsent ist, wie
der Chronik, scheint nicht nur der Sinn, sondern auch das Mittel zur
Aufspürung solcher Sinnverschiebungen zu fehlen. Wo immer in einer
Schilderung der Wirklichkeit Narrativität gegenwärtig ist, da ist gewiß
auch Moral oder ein moralisierender Impuls präsent. Es gibt keine an­
dere Möglichkeit, der Realität jene Art von Sinn zu geben, der sich in
seiner Erfüllung präsentiert und sich zugleich vorenthält durch seine
Verschiebung auf eine weitere Geschichte, die jenseits der Grenzen des
»Endes« darauf »wartet, erzählt zu werden«.
37

Ich habe jenen mit Narrativität verbundenen Werten auf die Spur zu
kommen versucht, die insbesondere in Wirklichkeitsdarstellungen,
wie sie der historische Diskurs verkörpert, zum Zuge kommen. Man
könnte glauben, ich hätte ein abgekartetes Spiel zugunsten meiner
These getrieben - daß der erzählende (narrativizing) Diskurs den
Zwecken moralischer Urteile dient -, indem ich mich ausschließlich
mittelalterlicher Materialien bediente. Und vielleicht habe ich das,
aber es ist die moderne Historikerzunft, die zwischen Annalen, Chro­
nik und Historienformen des Diskurses unterschieden hat, und zwar
unter dem Gesichtspunkt, ob narrative Fülle erreicht oder nicht er­
reicht wird. Und ebendiese Wissenschaftlergemeinde ist eine Begrün­
dung dafür schuldig geblieben, daß just in dem Moment, in dem ihrer
eigenen Darstellung zufolge die Geschichtsschreibung in eine »objek­
tive« Disziplin umgewandelt wurde, es die Narrativität des histori­
schen Diskurses war, die man als eines der Zeichen ihrer Reifung zur
»objektiven« Disziplin feierte - eine Wissenschaft besonderer Art
zwar, aber dennoch eine Wissenschaft. Es waren die Wissenschaftler
selbst, die die Narrativität nicht länger als bloße Redeweise verstan­
den, sondern als Paradigma jener Form zu begreifen begannen, welche
die Realität selbst ei~em »realistischen« Bewußtsein offenbart. Sie
selbst erhoben die Narrativität zu einem Wert, so daß die Narrativität
eines Diskurses über »reale Ereignisse« schon genügte, um dessen
Objektivität, I Ernsthaftigkeit und Realismus zu gewährleisten.
Ich wollte verdeutlichen, daß der Wert, dem man der Narrativität in
der Darstellung eines realen Geschehens beimißt, aus dem nie erfüll­
baren Wunsche entsteht, reale Ereignisse möchten die Kohärenz, In­
tegrität, Fülle und Geschlossenheit eines Bildes vom Leben haben. Die
Vorstellung, wonach reale Ereignisfolgen die formalen Attribute der
Geschichten, die wir über imaginäre Ereignisse erzählen, besitzen,
kann ihren Ursprung nur in Wünschen, Tagträumen und Träumereien
haben. Präsentiert sich die Welt der Wahrnehmung denn wirklich in
der Gestalt gut konstruierter Geschichten mit zentraler Thematik,
richtigen Anfängen, Mittelteilen und Schlüssen und einer Kohärenz,
die uns erlaubt, in jedem Anfang bereits das »Ende« zu erkennen?
Oder präsentiert sich uns die Welt eher in den Formen, die die Anna­
len und die Chronik andeuten: entweder als bloße Aufeinanderfolge
ohne Anfang und Schluß oder als Aufeinanderfolge von Anfängen, die
lediglich aufhören und nie abschließ~n? Begegnet uns die Welt, sogar
die soziale Welt, je wirklich als bereits zu einer Geschichte geformte,
als Welt, die von jenseits des Horizonts unseres Vermögens, sie wis­
38

senschaftlich zu verstehen, bereits »über sich selbst spricht«? Oder ist
die Fiktion von einer Welt, welche in der Lage ist, über sich selbst zu
sprechen und sich als Geschichte zu präsentieren, eine notwendige
Voraussetzung für die Errichtung jener moralischen Autorität, ohne
die der Begriff einer spezifisch sozialen Realität undenkbar wäre?
Wäre es nur eine Frage des Realismus in der Darstellung, dann ließen
sich ziemlich gute Argumente dafür finden, daß sowohl die Annalen
als auch die Chronik Paradigmen jener Formen sind, in denen sich
Realität der Wahrnehmung darbietet. Besteht die Möglichkeit, daß ihr
angeblicher Mangel an Objektivität, der sich in ihrem Scheitern bei
der adäquaten Umformung von Wirklichkeit in Geschichten manife­
stiert, ganz und gar nichts zu tun hat mit den Formen der Wahrneh­
mung, die sie voraussetzen, sondern mit ihrem Versagen, die Moral
unter dem Aspekt des Ästhetischen darzustellen? Und können wir
diese Frage beantworten, ohne eine narrative Darstellung der Ge­
schichte der Objektivität selbst zu liefern, eine Darstellung, die bereits
das Ergebnis der Geschichte, die wir erzählen würden, zugunsten der
Moral generell beeinflussen würde? Können wir jemals Geschichten
erzählen, ohne zu moralisieren?

Das Problem der Erzählung
in der modernen Geschichtstheorie

In der neueren Geschichtstheorie ist die Erzählung Gegenstand außer­
ordentlich intensiver Diskussionen geworden. Dies ist einigermaßen
erstaunlich, denn auf den ersten Blick sollte man meinen, daß es über
Erzählung nicht viel zu diskutieren gibt. Erzählen ist eine Form des
Sprechens, die so universell ist wie Sprache selbst, und die Erzählung
ist eine dem menschlichen Bewußtsein so selbstverständlich erschei­
nende verbale Darstellungsform, daß es an Pedanterie grenzt, aus ihr
ein Problem zu machen. 1
Doch gerade weil die narrative Darstellungsform dem menschlichen
Empfinden so selbstverständlich scheint, weil sie so sehr ein Moment
der Umgangssprache und des alltäglichen Diskurses ist, muß ihre An­
wendung in jeder Art von Forschung, die den Rang einer Wissen­
schaft anstrebt, verdächtig sein. Denn abgesehen von allem, was eine
Wissenschaft sonst noch auszeichnen mag: sie ist auch ein Verfahren,
die Art und Weise, in der Forschungsobjekte beschrieben werden,
einer ebenso kritischen Analyse zu unterziehen wie die Art und
Weise, ihre Strukturen und Prozesse zu erklären. Aus dieser Sicht ist
die Entwicklung der modernen Wissenschaften ablesbar am fort­
schreitenden Abbau narrativer Darstellungsformen zur Beschreibung
der Phänomene, aus denen sich ihre spezifischen Forschungsobjekte
zusammensetzen. Diese Tatsache erklärt wenigstens zum Teil, warum
das schlichte Thema »Erzählung« von Geschichtstheoretikern derzeit
so breit diskutiert wird; denn für viele von denen, die die historische
Forschung gern in eine Wissenschaft umgewandelt sähen, ist der fort­
gesetzte Gebrauch narrativer Darstellungsweisen bei den Historikern
ein Indiz für ein gleichermaßen methodisches wie theoretisches Versa­
gen. Eine Disziplin, die über ihren Gegenstand narrative Schilderun­
gen produziert, erscheint methodisch unsolide; eine Disziplin, die ihre
Daten untersucht, um darüber eine Geschichte zu erzählen, erscheint
theoretisch defizient. 2
In der Geschichtsforschung ist die Erzählung jedoch im Grunde we­
der als das Produkt einer Theorie noch als Basis einer Methode begrif­
40

fen worden. Sie galt eher als eine Form des Diskurses, ,die für die
Darstellung historischer Ereignisse verwendet oder nicht verwendet
werden kann, je nachdem, ob primär eine Situation beschrieben, ein
historischer Prozeß analysiert oder eine Geschichte (story) erzählt
werden soll. J Deshalb wird der Erzählanteil in einer bestimmten Dar­
stellung variieren. Seine Funktion wird sich ändern, je nachdem, ob
die Erzählung als Selbstzweck oder lediglich als Mittel zu irgendeinem
anderen Zweck konzipiert ist. Es ist naheliegend, daß der Anteil des
Erzählens dort am größten ist, wo eine Geschichte erzählt werden
soll; er ist am' geringsten in solchen Darstellungen, deren Absicht in
der Analyse der behandelten Ereignisse besteht. Steht das Erzählen
einer Geschichte im Vordergrund, konzentriert sich das Problem der
Narrativität auf die Frage der wahrheitsgetreuen Darstellung histori­
scher Ereignisse, sofern diese Strukturen und Prozesse aufweisen, wie
sie üblicherweise in bestimmten Formen des »imaginativen« Diskur­
ses vorgefunden werden, also in fiktionalen Texten wie Epen, Mär­
chen, Mythen, Romanzen, Tragödien, Komödien, Farcen usw. Was
demnach »historische« von »fiktionalen« Geschichten unterscheidet,
ist in erster Linie ihr Inhalt und weniger ihre Form. Historische Ge­
schichten haben reale Geschehnisse zum Inhalt: ein tatsächlich statt­
gefundenes Geschehen und nicht imaginäre Ereignisse, Ereignisse, die
vom Erzähler erfunden wurden. Dies heißt, daß die Form, in der sich
historische Ereignisse dem künftigen Erzähler präsentieren, eher vor­
gefunden als konstruiert wird.
Für den narrativen Historiker besteht die historische Methode in der
Untersuchung der Dokumente, um entscheiden zu können, welches
die wahre oder plausibelste Geschichte ist, die sich aufgrund des gege­
benen Beweismaterials über die Ereignisse erzählen läßt. So verstan­
den ist eine wahre narrative Schilderung nicht das Produkt der poeti­
schen Talente des Historikers wie im Falle der narrativen Schilderung
imaginärer Ereignisse, sondern das notwendige Resultat des richtigen
Gebrauchs einer historischen »Methode«. Die Form des Diskurses,
die Erzählung, fügt dem Inhalt der Darstellung nichts hinzu, sie ist
vielmehr ein Abbild der Struktur und der Prozesse der realen Ereig­
nisse. Insoweit als diese Darstellung den geschilderten Ereignissen
gleicht, darf sie als wahre Darstellung betrachtet werden. Die in der
Narration erzählte Geschichte ist eine »Mimesis« der Geschichte, die
in irgendeinem Bereich der historischen Realität erlebt wurde. Da sie
deren genaue Imitation ist, kann sie als wahre Darstellung gelten.
In der traditionellen Geschichtstheorie wurde - zumindest seit Mitte
41

einer Ambiguität. Einerseits galt die Erzählung als nur eine Form des
Diskurses, eine Form, deren Inhalt die Geschichte war. Andererseits
war diese Form selbst ein Inhalt, weil davon ausgegangen wurde, daß
historische Ereignisse sich in der Realität als Elemente und Aspekte
von Geschichten manifestieren. Die Form der erzählten Geschichte
folgte notwendig aus der Form der von den historischen Akteuren
erlebten Geschichte. Welche Rolle aber spielten dann durch Quellen
belegte Ereignisse und Prozesse, die sich jedoch nicht in einer Ge­
schichte, sondern lediglich als Gegenstand der Betrachtung in anderer
diskursiver Form wie etwa Enzyklopädien, Epitomen, Graphiken,
Bildern, Statistiken oder Serien usw. darstellen ließen? Waren solche
»Gegenstände« deshalb »unhistorisch« und gehörten vielleicht gar
nicht zur Historie, oder zeigte sich in der Möglichkeit, sie in einer
nichtnarrativen Diskursform darstellen zu können, eine Begrenztheit
der narrativen Methode, ja sogar eine Voreingenommenheit gegen­
über dem, was als historisch betrachtet werden konnte?
Hegel hatte darauf insistiert, daß eine spezifisch historische Seinsweise
mit einer narrativen Darstellungsform durch eine »innerliche gemein­
same Grundlage« verknüpft sei. 6 Diese Grundlage war für ihn nichts
anderes als die Politik, die sowohl die Vorbedingung für ein das histo­
rische Bewußtsein prägendes Interesse an der Vergangenheit als auch
die pragmatische Basis für die Produktion und Bewahrung jener Art
von Aufzeichnungen war, die historische Forschung überhaupt erst
ermöglichten:

des 19. Jahrhunderts - die über die Vergangenheit erzählte Geschichte
unterschieden von der wie auch immer gearteten Erklärung des
»wann, wo und wie« der berichteten Ereignisse. Nachdem der Histo­
riker die wahre Geschichte des Geschehens entdeckt und sie in einer
Erzählung exakt wiedergegeben hatte, durfte er die erzählende Rede­
weise aufgeben und sich sozusagen mit eigenen Worten direkt an den
Leser wenden. Ihm unterbreitete er seine wohlbegründeten Ansichten
als Kenner des menschlichen Lebens und ließ sich darüber aus, was die
von ihm erzählte Geschichte über die Eigentümlichkeit der unter­
suchten Epoche, der lokalen Gegebenheiten, der Akteure, Handlun­
gen und Prozesse (soziale, politische, kulturelle und so weiter) aus­
sagte. Dieser Aspekt des historischen Diskurses wurde von einigen
Theoretikern als reflektierende (»dissertative«) Darstellungsform be­
zeichnet, die sich nach Form und Inhalt von der Erzählung unter­
schied. 4 Ihre Form war die der logischen Demonstration, ihr Inhalt
gab die Meinung des Historikers zu den Ereignissen wieder, die sich
entweder auf die Ursachen oder auf die Bedeutung für das Verstehen
der jeweiligen Ereignistypen bezog, deren Exemplifikation die erlebte
Geschichte war. Dies bedeutete unter anderem, daß für die Bewertung
des reflektierenden Teils eines historischen Diskurses andere Kriterien
gelten mußten als für die des narrativen Teils. Die vom Historiker
vorgelegte Abhandlung war eine Interpretation dessen, was er für die
reale Geschichte hielt, während seine Erzählung eine Darstellung die­
ser wahren Geschichte war. Ein bestimmter historischer Diskurs mag
faktisch exakt und in narrativer Hinsicht so wahr sein, wie es das
Beweismaterial zuläßt; dennoch kann er in seinem reflektierenden Teil
als falsch, ungültig oder inadäquat erscheinen. Die Fakten sind mög­
licherweise wahrheitsgetreu herausgearbeitet, ihre Interpretation aber
ist verfehlt. Umgekehrt kann eine bestimmte Interpretation der Ereig­
nisse einleuchtend, brillant, luzid und so weiter sein und dennoch
nicht durch Fakten belegt sein oder mit der im narrativen Teil des
Diskurses erzählten Geschichte übereinstimmen. Doch ungeachtet
der jeweiligen Vorzüge des narrativen und des reflektierenden
Aspekts eines historischen Diskurses: der narrative war fundamental,
der reflektierende sekundär. Croce prägte den berühmten Satz: »[...]
außerhalb der Erzählung [... ] gibt es keine Geschichte. «5 Bevor nicht
die reale Geschichte ermittelt und die wahre Geschichte erzählt war,
gab es nichts spezifisch Historisches zu interpretieren.
Diese aus dem 19. Jahrhundert stammende Ansicht von Eigenart und
Funktion der Erzählung im historischen Diskurs gründete indes in

..] es ist dafür zu halten, daß Geschichtserzählung mit eigentlich geschicht­
lichen Taten und Begebenheiten gleichzeitig erscheine; [...] Familienandenken,
patriarchalische Traditionen haben ein Interesse innerhalb der Familie und des
Stammes; der gleichförmige Verlauf ihres Zustandes ist kein Gegenstand für die
Erinnerung [... ]. Aber der Staat erst führt einen Inhalt herbei, der für die Prosa
der Geschichte nicht nur geeignet ist, sondern sie selbst mit erzeugt. «7

Mit anderen Worten, für Hegel war der Inhalt (oder Referent) des
spezifisch historischen Diskurses nicht die reale Geschichte der Ereig­
nisse, sondern die besondere Beziehung zwischen einer öffentlichen
Gegenwart und einer Vergangenheit, die ein mit einer Verfassung
ausgestatteter Staat begründete.
>,Die tiefere Empfindung überhaupt, wie die der Liebe, und dann die religiöse
Anschauung und deren Gebilde sind an ihnen selbst ganz gegenwärtig und
befriedigend, aber die bei ihren vernünftigen Gesetzen und Sitten zugleich
äußerliche Existenz des Staates ist eine unvoUständige Gegenwart, deren Ver­
stand zu ihrer lntegrierung des Bewußtseins der Vergangenheit bedarf.«8

43

42

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Daher rührt die Ambiguität des Begriffs »Geschichte«; sie »vereinigt
in unserer Sprache die objektive sowohl als die subjektive Seite und
bedeutet ebensogut die historiam rerum gestarum als die res gestas
selbst; sie ist das Geschehene nicht minder wie die Geschichtserziih­
lung«. Diese Ambiguität, sagt Hegel, »müssen wir für höherer Art als
für eine bloß äußerliche Zufälligkeit ansehen«.9 Es war weder Erzäh­
lung per se, durch die sich die Historiographie von anderen Formen
des Diskurses unterschied, noch war es die Realität der erzählten
Ereignisse, die historische von anderen Erzählungen unterschied. Es
war das Interesse an einer spezifisch politischen Form der mensch­
lichen Gemeinschaft, die eine bestimmte historische Form der For­
schung ermöglichte, und die politische Natur dieser Form der Ge­
meinschaft, die zu ihrer Darstellung eine narrative Form erforderte.
So betrachtet hatte die Geschichtsforschung ihr eigenes Forschungs­
objekt, nämlich »die großen Kollisionen zwischen den bestehenden,
anerkannten Pflichten, Gesetzen und Rechten und den Möglichkeiten,
[... ] welche diesem System entgegengesetzt sind, [... ]«10; sie besaß ihr
eigenes Ziel, nämlich die Schilderung dieser Arten von Konflikten,
und ihre eigene Darstellungsform, nämlich die (Prosa-)Erzählung.
Fehlen in einem DIskurs Gegenstand, Zweck oder Darstellungsform,
so kann er zwar immer noch zur Erkenntnis beitragen, er ist jedoch
kein vollständiger Beitrag zur historischen Erkenntnis.
Hegels Auffassung von der Eigenart des historischen Diskurses macht
explizit, was in der herrschenden Geschichtsforschung des 19. Jahr­
hunderts implizit eingeräumt wurde, nämlich ein Interesse an der po­
litischen Geschichte, das sich indes oft hinter vagen Beteuerungen
eines Interesses an der Narration um ihrer selbst willen verbarg. An­
ders ausgedrückt, die doxa der historischen Zunft erachtete die Form
des historischen Diskurses - was ihr als die wahre Geschichte galt ­
für den Inhalt des Diskurses, während der wirkliche Inhalt, d. h. die
Politik, in erster Linie bloß als Vehikel oder Anlaß für das Geschich­
ten-Erzählen vorgestellt wurde. Obwohl auf die politische Geschichte
spezialisiert, sah die Mehrheit der aktiven Historiker des 19. Jahrhun­
derts in ihrer Arbeit weniger einen Beitrag zu einer politischen Wis­
senschaft, als vielmehr einen Beitrag zu einer politischen Lehre von
den nationalen Gemeinschaften. Die narrative Form ihrer Diskurse
entsprach dieser Absicht. Darin äußert sich jedoch sowohl eine man­
gelnde Bereitschaft, die Geschichtsforschung zu verwissenschaft­
lichen, als auch, und dies muß als das Wichtigere betrachtet werden,
eine Abneigung gegenüber der Vorstellung, die Politik könnte zum
44

Objekt wissenschaftlicher Forschung werden, zu der die Historiogra­
phie einen Beitrag leisten könnte. 11 Mehr als jedes offene Eintreten für
ein bestimmtes politisches Programm oder eine spezielle Sache ist
dieser Umstand dafür verantwortlich, daß die professionelle Ge­
schichtsschreibung des 19. Jahrhunderts als ideologisch geprägt emp­
funden werden kann. Wenn nun Ideologie bedeutet, die Form eines
Dings als Inhalt oder als das Wesentliche aufzufassen, dann ist die Ge­
schichtsschreibung des 19. Jahrhunderts deshalb ideologisch, weil sie
die typische Form ihres Diskurses, die Narration, als Inhalt, d. h. als
Narrativität auffaßt. Sie begreift die »Narrativität« als ein Wesensele­
ment, das sowohl Diskursen als auch Ereignisfolgen gemeinsam ist.
Im Zusammenhang solcher Überlegungen können wir es wagen, jene
Diskussionen zu charakterisieren, die im Westen in den letzten zwei
oder drei Jahrzehnten zum Problem der Erzählung in der Geschichts­
theorie stattgefunden haben. In dieser Auseinandersetzung lassen sich
vier grundlegende Richtungen unterscheiden:
- Erstens die anglo-amerikanischen Philosophen der analytischen
Schule (Walsh, Gardiner, Dray, Gallie, Morton White, Danto, Mink);
diese Wissenschaftler versuchen, den epistemologischen Status von
Narrativität als eine für die Erklärung historischer Ereignisse und
Prozesse im Gegensatz zu natürlichen Ereignissen - besonders ge­
eignete Form der Explanation zu etablieren. 12
- Zweitens die sozialwissenschaftlich orientierten Historiker, für die
die Mitglieder der Annales als exemplarisch gelten können. Diese
Gruppe (Braudel, Furet, Le Goff, Le Roy Ladurie u. a.) wertete die
narrative Historiographie als nichtwissenschaftliehe, sogar als ideolo­
gierepräsentierende Strategie, deren Überwindung für die Umwand­
lung der historischen Forschung in genuine Wissenschaft unerläßlich
seiY
- Drittens die semiologisch orientierten Literaturtheoretiker und Phi­
losophen (Barthes, Foucault, Derrida, Todorov, Julia Kristeva, Ben­
veniste, Genette, Eco), die Erzählung in allen Versionen untersucht
haben und sie lediglich als diskursiven »Code« unter anderen Codes
betrachten, der für die Darstellung von »Realität« geeignet oder nicht
geeignet sein kann, abhängig allein von der pragmatischen Absicht des
jeweiligen Sprechers. 14
- Viertens die hermeneutisch orientierten Philosophen wie Gadamer
und Ricceur, die die Erzählung als die Manifestation im Diskurs einer
spezifischen Art von Zeitbewußtsein oder Zeitstruktur aufgefaßt ha­
ben. 15
.
45

- Eine fünfte Kategorie ließe sich hinzufügen in Gestalt jener Histori­
ker, die keiner bestimmten philosophischen oder methodologischen
Schule angehören, sondern eher vom Standpunkt der doxa des Berufs­
standes als Verteidiger des Handwerks der Geschichtsforschung auf­
treten und denen zufolge die Erzählung eine absolut respektable Art
und Weise ist, Geschichte zu »betreiben« (wie es J. H. Hexter formu­
liert) oder zu »praktizieren« (wie Geoffrey Elton sagen würde). 16
Diese Gruppe verkörpert jedoch weniger eine theoretische Position
als vielmehr eine traditionell eklektizistische Haltung in der Ge­
schichtswissenschaft - einen Eklektizismus, der wiederum ein gewis­
ses Mißtrauen gegenüber der Theorie als einem Hindernis für die
eigentliche Praxis der historischen Forschung, die als empirische For­
schung verstanden wird, offenbart. 17 Für diese Gruppe bedeutet die
narrative Darstellung kein signifikantes theoretisches Problem. Es ge­
nügt daher, diese Position lediglich zu erwähnen als die doxa, gegen
die sich eine wirklich theoretisch orientierte Forschung entwickeln
muß. Wir können uns nun Positionen zuwenden, für die die Erzäh­
lung zum Problem, also zum Anlaß theoretischer Erwägungen wird.
Die von der GJ::uppe der Annales gegenüber der narrativen Historie
eingenommene Haltung war äußerst kritisch, wenngleich sie sich auf
eher polemische als eindeutig theoretische Weise artikulierte. Narra­
tive Geschichte galt den Annales als die Geschichte vergangenen poli­
tischen Geschehens und überdies als eine nur der augenblicklichen
Lage Rechnung tragende politische Geschichte »dramatischer« Kon­
flikte und Krisen, die sich für »romanhafte« Darstellungen von eher
»literarischem« als genuin »wissenschaftlichem« Charakter anboten.
Braudel hat diesen Sachverhalt folgendermaßen formuliert:

Diese Auffassung wurde von anderen Mitgliedern der Annales weit­
gehend pauschal übernommen (wie beispielsweise die Schriften von
Furet beweisen), allerdings eher im Sinne einer Rechtfertigung ihres
Eintretens für eine Geschichtsschreibung, die sich mit der Analyse
»langfristiger« Trends in Demographie, Ökonomie und Ethnologie,
d. h. mit »unpersönlichen« Prozessen befaßt, denn als Anreiz einer
Analyse der »Erzählung« als solcher sowie der Gründe für ihre tau­
sendjährige Popularität als der »eigentlichen« Form der historischen
Darstellung. 19
Es muß deutlich gesagt werden, daß die Annales ihre Ablehnung der
narrativen Historie ebensosehr auf ihre Mißbilligung der konventio­
nellen thematischen Ausrichtung dieser Geschichtsschreibung, i. e.
des politischen Geschehens der Vergangenheit, gründeten, wie auf
ihre Überzeugung, daß narrative Geschichte ihrem Wesen nach eher
»romanhaft« und »dramatisierend« als »wissenschaftlich« sei. 20 Ihre
Überzeugung, daß sich politische Sachverhalte aufgrund ihres flüchti­
gen Charakters und ihres Status als Randphänomene von Prozessen,
die für die Geschichte von grundlegender Bedeutung scheinen, einer
wissenschaftlichen Erforschung entziehen, stand im Einklang mit dem
Scheitern der modernen Politologie (für diesen nützlichen Begriff bin
ich Topolski zu Dank verpflichtet), eine echte politische Wissenschaft
zu schaffen. Die Zurückweisung von Politik als möglichem For­
schungsobjekt einer wissenschaftlichen Historiographie ergänzt indes
in bemerkenswerter Weise die Voreingenommenheit der Historiker
des 19. Jahrhunderts gegenüber den Vorstellungen von einer verwis­
senschaftlichten Politik. Die Behauptung, eine politische Wissenschaft
sei unmöglich, ist natürlich ebenso ideologisch wie die Behauptung,
eine derartige Wissenschaft sei nicht wünschenswert.
Was aber hat die Erzählung mit all dem zu tun? Die Vertreter der
Annales erheben den Vorwurf, es liege in der Natur der Narrativität,
ihren Gegenstand zu »dramatisieren« oder »romanhaft« zu gestalten,
gerade so, als ob es in der Geschichte keine dramatischen Ereignisse
gäbe oder, wenn es sie denn gibt, als ob sie aufgrund ihres dramati­
schen Charakters kein tauglicher Gegenstand historischer Untersu­
chungen sein könnten. 21 Was ist von diesem seltsamen Meinungswirr­
warr zu halten? Man kann »narrativisieren», ohne zu dramatisieren,
wie die gesamte moderne Literatur beweist; ebenso kann man drama­
tisieren, ohne zu »theatralisieren«, wie das moderne Theater seit Pi­
randello und Brecht eindeutig gezeigt hat. Mit welchem Recht darf
man also die Erzählung mit der Begründung verdammen, sie habe ein

»[... ] die narrative Historie, die Ranke so sehr am Herzen lag, bietet uns [... ]
einen Schimmer, aber keine Erleuchtung; Fakten, aber keine echte Humanität.
Man muß sehen, daß diese narrative Historie immer von sich behauptet, sie
berichte die >Dinge ~o, wie sie wirklich gewesen sind< [... ]. In Wirklichkeit
aber ist narrative Historie auf verdeckte und indirekte Art eine Interpretation,
eine authentische Philosophie der Geschichte. Für den narrativen Historiker
ist das menschliche Leben beherrscht von dramatischen Ereignissen, von den
Taten jener außergewöhnlichen Figuren, die gelegentlich auftauchep. und die
oftmals Herren ihres eigenen Schicksals und viel mehr noch des unseren sind.
Wenn sie von >allgemeiner Geschichte< sprechen, meinen sie in Wirklichkeit
das Sich-Überkreuzen solch außergewöhnlicher Schicksale, denn es liegt auf
der Hand, daß jeder Held an einem anderen Helden gemessen werden muß.
Ein Trugschluß, wie wir alle wissen [... ].«18

46

47

-~------~:--:.-~.

_.'

»romanhaftes« Resultat? Der Verdacht drängt sich auf, daß es nicht
die "dramatische« Natur des Romans ist, um die es hier geht, sondern
das Mißbehagen an einer literarischen Gattung, 'die eher menschliche
Akteure als unpersönliche Prozesse in den Mittelpunkt stellt und zu
verstehen gibt, daß diese Akteure in signifikanter Weise ihr eigenes
Schicksal kontrollieren. 22 Aber Romane sind so wenig notwendig
»humanistisch« wie notwendig »dramatisch«. Wie dem auch sei, das
Problem »freier Wille kontra Determinismus« ist genauso ideologisch
wie die Frage nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer politi­
schen Wissenschaft. Ohne die positiven Leistungen der Annales im
Hinblick auf eine Reform der Geschichtswissenschaft beurteilen zu
wollen, muß daher der Schluß gezogen werden, daß die von ihnen
angeführten Gründe für ihre Unzufriedenheit mit der »narrativen Ge­

schichte« dürftig sind.

Nun kann es allerdings sein, daß einige ihrer Äußerungen zu diesem

Thema nur das Stenogramm einer viel umfassenderen Analyse und

Dekonstruktion von Narrativität sind, die in den sechziger Jahren von

Strukturalisten und Poststrukturalisten ausging. Sie versuchten nach­

zuweisen, daß die ,Erzählung nicht nur ein Werkzeug von Ideologien,
sondern das zentrale Paradigma des ideologisierenden Diskurses
schlechthin sei.
.
Dies ist nicht der Ort für eine weitere Erörterung von Strukturalismus
23
und Poststrukturalismus, deren es bereits mehr als genug gibt. Die
Bedeutung dieser beiden Bewegungen für die Diskussion der narrati­
ven Geschichte soll indes kurz skizziert werden. Sie ist nach meinem
Dafürhalten dreifacher Art: anthropologisch, psychologisch und se­
miologisch. Aus der anthropologischen Perspektive, wie sie vor allem
Claude Levi-Strauss repräsentiert, war weniger die »Erzählung« pro­
blematisch als die »Geschichte« selbst. 24 In seiner gegen Sartres Kritik
der dialektischen Vernunft gerichteten Polemik bestritt Lhi-Strauss
insbesondere die Validität der Unterscheidung zwischen "histori­
schen« (oder »zivilisierten«) und »prähistorischen« (oder »primiti­
ven«) Gesellschaften. Damit verneinte er auch die Legitimität der Vor­
stellung von einer spezifischen »Methode« zur Erforschung und zur
Darstellung der Strukturen »zivilisierter« Gesellschaften. Die Art von
Erkenntnis, die die sogenannte »historische Methode« angeblich lie­
ferte, und das heißt »historische Erkenntnis«, war, nach Levi-Strauss,
kaum vom Mythenschatz »wilder« Gesellschaften zu unterscheiden.
In Wahrheit war Geschichtsschreibung - und Levi-Strauss meinte
damit die traditionelle »narrative« Geschichtsschreibung - nichts an­
48

deres als der Mythos der westlichen, insbesondere der modernen,
bürgerlichen, imperialistischen Industriegesellschaften. Der Kern die­
ses Mythos bestand in der Verwechslung einer Darstellungsmethode
der Erzählung - mit einem Inhalt, d. h. dem Begriff einer Menschheit,
die ausschließlich mit jenen Gesellschaften identifiziert wird, die im­
stande sind zu glauben, daß sie die ihnen von den westlichen Histori­
kern über ihre Vergangenheit erzählten Geschichten auch wirklich
erlebt haben. Die historische, das heißt die diachrone Darstellung von
Ereignissen ist eine Analysemethode, wie Levi-Strauss einräumte, aber
sie ist »eine Methode, der kein genaues Objekt entspricht«, und noch
weniger eine Methode, die das Verständnis der »Menschheit« oder
"zivilisierter Gesellschaften« besonders beförderte. 25 Die Darstel­
lung von Ereignissen in der chronologischen Ordnung ihres Auftre­
tens, die Levi-Strauss als die putative »Methode« der Geschichtswis­
senschaft bezeichnete, ist für ihn nichts anderes als ein heuristisches
Verfahren, das in allen Bereichen wissenschaftlicher Forschung, ob
Natur oder Kultur, vorkommt. Es geht der Anwendung aller Analy­
setechniken voraus, die zur Bestimmung der gemeinsamen Eigen­
schaften der Ereignisse als den Elementen einer Struktur erforderlich
sind. 26
Die für dieses Anordnungsverfahren verwendete spezielle chronologi­
sche Skala ist stets kulturspezifisch und zufällig, ein rein heuristisches
Werkzeug, dessen Validität von den jeweiligen Intentionen und Inter­
essen der wissenschaftlichen Disziplinen abhängt, in denen es zum
Einsatz kommt. Es ist wichtig zu betonen, daß es, nach Levi-Strauss,
nicht nur eine einzige Skala für die Anordnung der Ereignisse gibt,
sondern ebenso viele Chronologien, wie es kulturspezifische Darstel­
lungsweisen für das Vergehen von Zeit gibt. Weit davon entfernt, eine
Wissenschaft oder auch nur die Basis einer Wissenschaft zu sein,
konnte die narrative Darstellung eines beliebigen Ereigniszusammen­
hangs bestenfalls als protowissenschaftliche Übung und im schlimm­
sten Falle als Bestandteil eines kulturellen Selbstbetrugs gelten. »Das
Fortschreiten der Erkenntnis und die Schaffung neuer Wissenschaften
geschieht durch Erzeugung von Gegengeschichten, die beweisen, daß
eine bestimmte Ordnung, die nur auf einer (chronologischen) Ebene
möglich ist, auf einer anderen aufhört, möglich zu sein. «27
Levi-Strauss hat dabei keineswegs die Erzählung als solche abgelehnt.
Sein Monumentalwerk Mythologica war im Gegenteil darauf gerich­
tet, die zentrale Bedeutung der Narrativität für die Strukturierung des
kulturellen Lebens in allen seinen Formen zu demonstrieren. 28 Sein
49

Protest zielte gegen die Zweckentfremdung der Narrativität als der
»Methode« einer »Wissenschaft«, die vorgibt, zum Forschungsobjekt
eine »Menschheit« zu haben, die besser in ihren »historischen« als in
ihren »prähistorischen« Ausdrücken erkennbar sei. Seine Kritik
wandte sich daher vor allem gegen jenen »Humanismus«, auf den die
westliche Zivilisation so stolz war, dessen ethische Prinzipien sie je­
doch eher brach als befolgte. Es war dies derselbe »Humanismus«,
den Jacques Lacan in seiner Revision der psychoanalytischen Theorie
zu unterminieren suchte, den Louis Althusser aus dem modernen
Marxismus verbannen wollte und mit dem Michel Foucault als der
Ideologie der westlichen Zivilisation in ihrer repressivsten und deka­
dentesten Phase abgerechnet hatte. 29 Für alle diese Wissenschaftler
und ebenso für Jacques Derrida und Julia Kristeva war nicht nur die
».Historie« schlechthin, sondern insbesondere die »Narrativität« le­
diglich eine Darstellungspraktik, mit deren Hilfe die Gesellschaft sich
ein menschliches »Subjekt« schuf, das den Lebensbedingungen im
modernen Rechtsstaat besonders angepaßt war. 30 Ihre Argumentation
ist zu vielschichtig, um in unserem Kontext vorgestellt zu werden; die
Eigenart ihrer feindseligen Haltung gegenüber einer »narrativen« Ge­
schichtskonzeption soll indes eine kurze Analyse von Roland Barthes'
Aufsatz »Le discours de l'histoire« (1967) verdeutlichen.
Barthes greift in diesem Aufsatz die dem Historizismus in jeglicher
Gestalt zugrunde liegende Unterscheidung zwischen »historischem«
und »fiktionalem« Diskurs an. Der für seine Argumentation gewählte
Angriffspunkt ist jene Art von Geschichtsschreibung, die eine narra­
tive Darstellung vergangener Ereignisse und Prozesse bevorzugt.
Barthes fragte sich:
»Unterscheidet sich die Narration vergangener Ereignisse, die in unserer Kultur
seit den Griechen allgemein der Sanktionierung durch die Geschichts->Wissen­
schaft< unterworfen war, gebunden an die herrschende Norm des >Realen< und
legitimiert durch die Prinzipien der >rationalen< Darlegung - unterscheidet sich
diese Form der Narration wirklich in irgendeinem spezifischen Zug, einem un­
zweifelhaften, entscheidenden Merkmal von der imaginativen Narration, wie
sie uns in Epik, Roman und Drama begegnet?«}1

Aus der Art der Fragestellung geht eindeutig hervor - wie die in
Anführungszeichen gesetzten Begriffe »Wissenschaft«, das »Reale«
und »rational« verdeutlichen -, daß Barthes' Einspruch in erster Linie
der prahlerischen Objektivität der traditionellen Historiographie galt,
wobei er die ideologische Funktion der narrativen Darstellungsweise
aufdeckte, mit der sie verknüpft war.
50

Wie schon in den Mythen des Alltags ging es Barthes weniger um eine
Gegenüberstellung von Wissenschaft und Ideologie als vielmehr um
die Unterscheidung zwischen progressiven und reaktionären, be­
freienden und unterdrückenden IdeologienY In »Le discours de l'hi­
stoire« zeigte er, daß es verschiedene Möglichkeiten der Darstellung
von Geschichte gibt, von denen einige weniger »mythologisch« sind
als andere, insofern sie die Aufmerksamkeit offen auf ihren Entste­
hungsprozeß lenken und eher auf die »gemachte« als auf die »vorge­
. fundene« Natur ihrer Referenten verweisen. Nach seiner Auffassung
aber hinkte der traditionelle historische Diskurs sowohl der modernen
Wissenschaft als auch der modernen Kunst hinterher, die beide -laut
Barthes - den erfundenen Charakter ihrer »Inhalte« signalisieren. Die
historische Forschung war unter den Disziplinen, die Anspruch auf
Wissenschaftlichkeit erhoben, die einzige, die ein Opfer dessen blieb,
was er »den Trugschluß der Referentialität« nannte. Barthes formu­
lierte diesen Sachverhalt folgendermaßen: »Wie wir allein schon durch
die Betrachtung seiner Struktur, und ohne erst das Eigentliche seines
Inhalts ausfindig machen zu müssen, erkennen können, ist der histori­
sche Diskurs seinem Wesen nach eine Art ideologischer Konstruktion
oder, genauer ausgedrückt, eine imaginäre Konstruktion [...].« Damit
meinte er einen »Sprechakt« mit »Performanz«-Charakter, »durch
den der den Diskurs Äußernde (eine rein sprachliche Entität) den
Platz des Subjekts der Äußerung (eine psychologische oder ideolo­
gische Entität) >ausfüllt«(. 33
Es ist zu beachten, daß Barthes' Interesse vorwiegend einem mit einer
»narrativen Struktur« versehenen historischen Diskurs gilt, auch
wenn er sich hier auf ihn allgemein bezieht. Dies aus zwei Gründen:
erstens erscheint es ihm paradox, daß die »narrative Struktur, die
ursprünglich im Schmelztiegel der Fiktion (in Mythen und den frühe­
sten Epen) entwickelt worden war«, in der traditionellen Historiogra­
phie »zugleich Zeichen und Beweis von Realität« geworden sein
34
sollte. Schwerer wiegt allerdings der zweite Grund: In Anlehnung
an Lacan wurde für Barthes die Erzählung zum Hauptinstrument, mit
dem die Gesellschaft das narzißtische, infantile Bewußtsein in eine
»Subjektivität« umformte, die fähig ist, die »Verantwortlichkeiten«
eines dem Gesetz Unterworfenen in allen Belangen zu übernehmen.
Beim Erwerb der Sprache, so Lacan, erlernt das Kind auch den Inbe­
griff des geordneten, normalen, den Normen entsprechenden Verhal­
tens. Bei der Entwicklung der Fähigkeit, »Geschichten« aufzunehmen
und zu erzählen, lernt es jedoch auch, wie Barthes hinzufügt, was es
51

heißt, jenes Wesen zu sein, das, nach Nietzsche, in der Lage ist, Ver­
sprechungen zu machen, sich sowohl »nach vorn« als auch »zurück«
zu erinnern. Es verknüpft damit sein Ende mit seinem Anfang in einer
Weise, daß es die »Integrität« ausbildet, die jedes Individuum besitzen
muß, wenn es »Subjekt« eines (beliebigen) Rechts-, Moral- oder Sit­
tensystems werden will. Das »Imaginäre« an jeder Art von narrativer
Schilderung ist die Illusion eines zentrierten Bewußtseins, das die Fä­
higkeit hat, auf die Welt zu blicken, ihre Strukturen und Prozesse zu
erfassen und sie sich so darzustellen, als ob sie selbst alle Elemente der
formalen Kohärenz der Narrativität besäßen. Das aber bedeutet, so
Barthes, einen »Sinn« (der immer konstituiert, und nicht vorgefunden
ist) mit »Realität« (die immer vorgefunden und nicht konstituiert ist)
zu verwechseln. 35
Es braucht nicht eigens erwähnt zu werden, daß diese Formulierung
auf einer Reihe höchst problematischer, Sprache, Diskurs, Bewußtsein
und Ideologie betreffender Theorien beruht, die insbesondere mit den
Namen von Jacques Lacan und Louis Althusser verbunden sind. Bar­
thes bediente sich dieser Theorien für seinen eigenen Zweck. Dieser
Zweck bestand in nichts Geringerem als in der Demontage des ge­
samten Erbes des ~Realismus« des 19. Jahrhunderts, den Barthes als
den pseudowissenschaftlichen Inhalt jener Ideologie betrachtete, die
sich den Anschein eines »Humanismus« in höchster Vollendung
gab.
Für Barthes war es daher kein Zufall, daß sich »Realismus« im Roman
des 19. Jahrhunderts und »Objektivität« in der Geschichtsschreibung
des 19. Jahrhunderts Seite an Seite entwickelt hatten. Beiden gemein­
sam war die Abhängigkeit von einer spezifisch narrativen Form des
Diskurses, deren vorrangiger Zweck in der heimlichen Substitution
eines konzeptuellen Inhalts (eines Signifikats) anstelle eines Referen­
ten bestand, den sie lediglich zu beschreiben vorgab. In seiner grund­
legenden Schrift Introduction a ['analyse structurelle des recits (1966)
schreibt Barthes:
»Behauptungen, die den >Realismus< der Erzählung betreffen, sind deshalb nur
zum Teil richtig [ ... ]. Die Funktion der Erzählung besteht nicht darin, >darzu­
stellen<, sondern ein Schauspiel zu bieten ... Eine Erzählung zeigt nicht, imi­
tiert nicht [...]. Was in einer Erzählung >geschieht<, ist vom referentiellen
Standpunkt (Realität) aus gesehen buchstäblich nichts; >was geschieht<, ist al­
lein die Sprache, das Abenteuer der Sprache, die unaufhörliche Feier ihrer
Ankunft. ,,36

52

Diese Passage bezieht sich natürlich auf Erzählung schlechthin, doch
die genannten Prinzipien könnten ebensogut auf die historische Er­
zählung ausgedehnt werden. So gesehen wird klar, warum er am
Schluß von »Le discours de l'histoire« darauf beharrt, daß »[... ] in der
>objektiven< Historie das >Reale< nie mehr ist als ein nichtformuliertes
Signifikat, das hinter dem scheinbar allmächtigen Referenten Schutz
sucht. Diese Situation charakterisiert, was man den realistischen Effekt
(effet de reell nennen könnte.«37
Zu dieser Konzeption von Erzählung und ihrer vermuteten ideolo­
gischen Funktion wäre noch viel zu sagen, nicht zuletzt über die
Psychologie, auf der sie aufbaut, und über die Ontologie, die sie vor­
aussetzt. Sie ist - offensichtlich eine Reminiszenz an Nietzsches
Gedanken über Sprache, Literatur und Geschichtsschreibung, die aber
hinsichtlich des Problems des historischen Bewußtseins nicht viel zu
sagen hat, was über Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das
Leben und Zur Genealogie der Moral hinauswiese. Diese Anlehnung
an Nietzsche wird von Poststrukturalisten wie Derrida, Kristeva und
Foucault offen zugegeben, und es ist diese nietzscheanische Wendung
im französischen Denken der letzten 20 Jahre, durch die sich die
Poststrukturalisten von ihren stärker »wissenschaftlich« orientierten
strukturalistischen Vorläufern wie Levi-Strauss, Roman Jako bson und
dem frühen Barthes unterscheiden. Überflüssig zu betonen, daß der
Poststrukturalismus wenig gemein hat mit den Bestrebungen jener
Historiker der Annales, die davon träumten, die historische For­
schung in eine Wissenschaft umzuwandeln. Die »Dekonstruktion«
von Narrativität, wie sie von Barthes und den Poststrukturalisten be­
trieben worden war, deckt sich jedoch mit den von den Annales erho­
benen Einwänden gegen die narrative Darstellungsform in der Histo­
riographie.
Barthes' Formulierung der Problematik einer »narrativen« Historie
verdeutlicht indes den signifikanten Unterschied zwischen der Dis­
kussion dieses Themas im Frankreich der sechziger Jahre und jener
während der vorangegangenen Jahrzehnte im Umkreis der anglopho­
nen Philosophie, die damals von der analytischen Philosophie be­
herrscht war. Der markanteste Unterschied zu den von Frankreich
ausgehenden Angriffen besteht in der Konsistenz, mit der analytische
Philosophen Erzählung als eine vollständig berechtigte Form der Dar­
stellung und der Erklärung historischer Sachverhalte verteidigten.
Zwar lieferten verschiedene Philosophen verschiedene Begründungen
für diese Auffassung. Aber im Gegensatz zur Diskussion in Frank­
53

reich wurde die narrative Geschichtsschreibung mehrheitlich nicht als
Ideologie aufgefaßt, sondern eher als Gegenmittel gegen die verhäng­
nisvolle »Geschichtsphilosophie« a la Hegel und Marx, hinter denen
man den ideologischen »Achs nagel« »totalitärer« politischer Systeme
vermutete.
Doch auch hier waren die Konturen der Diskussion verwischt durch
die Frage nach dem Rang der Historie als einer Wissenschaft und die
Debatte über die Art der epistemologischen Autorität, die historische
Erkenntnis im Vergleich zu den von der Physik gelieferten Erkennt:­
nissen beanspruchen durfte. Auch im marxistischen Lager wurde
heftig gestritten; in den siebziger Jahren erreichte die Auseinander­
setzung ihren Höhepunkt am Beispiel der Frage, inwieweit eine marxi­
stische »wissenschaftliche« Historiographie die Form des narrativen
statt des eigentlich angemessenen analytischen Diskurses annehmen
durfte. Die dabei zur Sprache gebrachten Probleme waren jenen nicht
unähnlich, durch die sich die Annales- Historiker von ihren Berufskol­
legen unterschieden. Allerdings drehte sich die Diskussion hier viel
weniger um Narrativität als um das Problem von »Materialismus kon­
tra Idealismus«.3s Insgesamt aber stellten weder Historiker noch Phi­
losophen, ob Marxisten oder Nichtmarxisten, die Legitimität einer
spezifisch »historischen« Forschung ernsthaft in Frage, wie es Levi­
Strauss in Frankreich getan hatte; auch die Tauglichkeit der Erzählung
zur wahrheitsgetreuen und objektiven Darstellung der mit welchen
historischen Methoden auch immer gewonnenen »Wahrheiten«
wurde nicht angezweifelt, wie es Foucault und Barthes in Frankreich
taten. Solche Fragen wurden zwar von einigen Sozialwissenschaftlern
gestellt, doch angesichts der Dürftigkeit ihres eigenen Anspruchs an
methodische Strenge und der Unerheblichkeit ihrer »Wissenschaft­
lichkeit« erwiesen sie sich für das Thema einer »narrativen Historie«
als wenig ergiebig. 39
Die Unterschiede zwischen diesen bei den Richtungen in der Diskus­
sion der historischen Erzählung brachten aber auch die grundsätzlich
verschiedenen Konzeptionen in bezug auf die Natur des Diskurses
selbst ans Licht. In der Literatur- und Sprachtheorie gilt als Diskurs
normalerweise jeder beliebige Ausdruckszusammenhang, der größer
ist als der (komplexe) Satz. Welches sind nun die Prinzipien der Dis­
kursbildung, die den grammatischen Regeln der Satzbildung entsprä­
ehen? Es leuchtet ein, daß diese Prinzipien ihrerseits nicht grammatisch
sind, denn es ist möglich, Ketten von grammatikalisch richtigen Sätzen
zu bilden, die sich nicht zu einem erkennbaren Diskurs verbinden.

Es ist offensichtlich, daß für die Rolle des Organons der Diskursbil­
dung die Logik in Betracht kommt, deren Gesetze für die Bildung
aller »wissenschaftlichen« Diskurse zuständig sind. Im poetischen
Diskurs macht die Logik allerdings auch anderen Prinzipien wie etwa
Phonetik, Reim, Metrum usw. Platz, die die Verletzung logischer
Gesetze im Interesse der Erzeugung einer formalen Kohärenz anderer
Art verlangen und legitimieren. Hinzu kommt die Rhetorik, die zum
Prinzip der Diskursbildung in solchen Sprechsituationen wird, die
eher auf Überredung oder Anreiz zum Handeln als auf Deskription,
Demonstration oder Explikation gerichtet sind. Auch wenn sowohl
im poetischen wie im rhetorischen Sprechen die Kommunikation ei­
ner Botschaft über irgendeinen extrinsischen Referenten involviert ist,
können die Funktionen der »Expression« einerseits und der »Kona­
tion« andererseits einen übergeordneten Rang einnehmen. Daher er­
laubt die Unterscheidung zwischen »Kommunikation«, »Expression«
und »Konation«, bezogen auf ihre Funktion, eine Differenzierung
zwischen den verschiedenen Regeln der Diskursbildung, von denen
die Logik nur eine und keineswegs die wichtigste ist.
Wie Roman Jakobson sagt, hängt alles von der Einstellung zu der im
jeweiligen Diskurs enthaltenen »Botschaft« ab. 40 Ist die Vermittlung
einer Botschaft über einen extrinsischen Referenten das primäre Ziel
des Diskurses, dann können wir sagen, daß die Rolle der Kommuni­
kation überwiegt; der einzelne Diskurs wird dann hinsichtlich der
Klarheit seiner Formulierung und seines Wahrheitswertes (der Validi­
tät der gelieferten Information) zu bewerten sein. Wenn andererseits
die Botschaft primär zum Anlaß wird, die emotionale Situation des .
Diskurssprechers auszudrücken (wie oftmals in der Lyrik) oder um
im Rezipienten der Botschaft eine Einstellung hervorzurufen, die eine
bestimmte Handlungsweise zur Folge hat (wie in hortatorischen Re­
den), dann ist der Diskurs weniger aufgrund seiner Klarheit oder
seines Wahrheitswertes in bezug auf seinen Referenten zu bewerten
als vielmehr hinsichtlich der Überzeugungskraft seiner Performanz ­
eine rein pragmatische Überlegung.
Dieses Funktionsmodell des Diskurses stuft Logik, Poetik und Rhe­
torik gleichermaßen auf den Rang von »Codes« zurück, mittels derer
unterschiedliche Arten von »Botschaften« ausgedrückt und mit ganz
verschiedenen Zielen übermittelt werden können: kommunikative,
expressive oder konative, entsprechend dem jeweiligen Einzelfall. 41
Diese Ziele schließen sich keineswegs gegenseitig aus; tatsächlich kann
jeder Diskurs Momente aller drei Funktionen enthalten. Dies gilt für
55

54

"

\

den »faktischen« wie für den »fiktionalen« Diskurs. Als Grundlage
einer allgemeinen Theorie des Diskurses aber erlaubt uns dieses Mo­
dell zu fragen, wie insbesondere der narrative Diskurs diese drei
Funktionen verwendet. Von größerer Bedeutung ist allerdings die
Tatsache, daß uns dieses Modell zu sehen erlaubt, wie die gegenwärti­
gen Diskussionen über die Eigenart einer narrativen Historie eine
Tendenz zur Leugnung der einen oder anderen dieser Funktionen
verraten, um so entweder die narrative Geschichte für die »Wissen­
schaft« zu retten oder sie auf die Kategorie einer »Ideologie« zu redu­
zIeren.
Fast alle Verteidiger der Erzählung als einer legitimen Art der histori­
schen Darstellung und als einer gültigen Form selbst der Explanation
. (zumindest für die Geschichte) unterstreichen die kommunikative
Funktion. So gesehen wird Geschichte zur »Botschaft« über einen
»Referenten« (die Vergangenheit, historische Ereignisse usw.), deren
Inhalt sowohl aus »Information« (die »Fakten«) als auch aus »Erklä­
rung« (die »narrative« Schilderung) besteht. Sowohl die Fakten in
ihrer Besonderheit als auch die narrative Schilderung in ihrer Allge­
meinheit müssen ein Korrespondenz- und ein Kohärenzkriterium für
ihren Wahrheitswert erfüllen. Das entsprechende Kohärenzkriterium
ist ohne Frage das der Logik eher als das der Poetik oder Rhetorik.
Individuelle Propositionen müssen untereinander logisch konsistent
sein, und die Prinzipien, die den syntagmatischen Zusammenhang
regeln, müssen in konsistenter Weise angewandt werden. So kann
beispielsweise ein früheres Ereignis als Ursache eines späteren Ereig­
nisses dargestellt werden, was umgekehrt nicht möglich ist. Dagegen
kann ein späteres Ereignis dazu beitragen, die »Bedeutung« eines frü­
heren Geschehens zu erklären, nicht aber umgekehrt (zum Beispiel
erklärt die Geburt Diderots nicht die Bedeutung von Rameaus Neffe,
doch Rameaus Neffe erläutert sozusagen im Rückblick die »Bedeu­
tung« von Diderots Geburt). Und so weiter ... 42
Anders verhält es sich mit dem Korrespondenzkriterium. Die speziel­
len Existenzaussagen, aus denen sich die »Chronik« der historischen
Schilderung zusammensetzt, müssen nicht nur mit den Ereignissen,
deren Prädikationen sie sind, korrespondieren, sondern die Erzählung
als Ganzes muß mit der allgemeinen Konfiguration der Ereignisfolge,
deren Schilderung sie ist, »korrespondieren«. Das heißt, die Aufeinan­
derfolge der »Tatsachen«, wie sie miteinander verknüpft sind (as they
are emplotted), um eine »Geschichte« aus dem zu machen, was sonst
lediglich eine »Chronik« wäre, muß mit der allgemeinen Konfigura­
56

tion der »Ereignisse« korrespondieren, deren propositionale Indikato­
ren »Tatsachen« sind.
Für diejenigen Theoretiker, die die Kommunikationsfunktion des nar­
rativen historischen Diskurses betonen, ist die Korrespondenz der
»Geschichte« mit den in ihr berichteten Ereignissen auf der Ebene des
konzeptuellen Inhalts der »Botschaft« gegeben. Diesen konzeptuellen
Inhalt hat man sich vorzustellen entweder als aus denjenigen Faktoren
bestehend, die Ereignisse in U rsache-Wirkungs- Ketten verknüpfen,
oder als die »Gründe« (oder »Intentionen«), die die menschlichen Ak­
teure der jeweiligen Ereignisse zu ihrem Tun motivieren. Die (notwen­
digen, wenngleich nicht hinreichenden) Ursachen oder die (bewußten
oder unbewußten) Gründe dafür, daß Ereignisse sich zutrugen, wie sie
sich wirklich zugetragen haben, werden in der Erzählung in der Form
der Geschichte, die sie erzählt, zum Ausdruck gebracht. 43
So gesehen ist die narrative Form des Diskurses nur ein Medium für
die Botschaft, das nicht mehr Wahrheitswert oder informatorischen
Gehalt besitzt als jede andere formale Struktur, etwa ein logischer
Syllogismus, eine metaphorische Figur oder eine mathematische Glei­
chung. Als Code betrachtet entspricht die Erzählung einem Vehikel
etwa in dem Sinne, in dem das Morsealphabet ein Vehikel für die
telegraphische Nachrichtenübermittlung ist. Dies bedeutet unter an­
derem, daß, so verstanden, der narrative Code nichts an Information
oder Erkenntnis hinzufügt, was durch ein anderes System der diskur­
siven Verschlüsselung nicht ebenfalls vermittelt werden könnte. Den
Beweis dafür liefert die Tatsache, daß der Inhalt jeder narrativen
Schilderung eines realen Geschehens aus der Schilderung selbst extra­
hiert, in reflektierender (dissertative) Form dargestellt und denselben
Kriterien der logischen Konsistenz und Stimmigkeit der Fakten unter­
worfen werden kann wie eine wissenschaftliche Beweisführung. Die
vom jeweiligen Historiker entworfene Erzählung kann inhaltlich
mehr oder weniger "dicht« und in ihrer Ausführung mehr oder weni­
ger »künstlerisch« sein; sie kann mehr oder weniger elegant formuliert
sein - vergleichbar dem »Anschlag« unterschiedlicher Telegrafisten.
Nach Meinung der Befürworter dieser Auffassung ist dies jedoch nur
eine Frage des individuellen »Stils«, nicht des »Inhalts«. "Wahrheits­
wert« besitzt in der historischen Erzählung allein der »Inhalt«. Alles
andere ist "Ornament«.
Diese Deutung des narrativen Diskurses muß jedoch scheitern, wenn
es darum geht, die gewaltige Menge verschiedener Arten von Erzäh­
lungen zu berücksichtigen, die jede Kultur denen zur Verfügung stellt,
57

die sich ihrer zur Verschlüsselung und Übermittlung von Botschaften
bedienen wollen. Überdies besteht jeder narrative Diskurs nicht nur
aus einem einzigen monolithisch gebrauchten Code, sondern vielmehr
aus einer komplexen Reihe von Codes, deren Verknüpfung (zur Her­
stellung einer Geschichte, die unendlich reich ist an Suggestivität und
Varietät des Affektes, ganz zu schweigen von der Einstellung zu ihrem
Gegenstand und seiner subliminalen Wertung) das Talent des Autors
als Künstler, als Meister, nicht als Diener der ihm zu Gebote stehen­
den Codes unter Beweis stellt. Daher die »Dichte« solch relativ infor­
meller Diskurse wie »Literatur« und »Dichtung« im Gegensatz zu den
Diskursen der »Wissenschaft«. Laut dem russischen Texttheoretiker
J. LotmanH ist der künstlerische Text in viel stärkerem Maße Träger
von»Information« als der wissenschaftliche, weil ersterer mehr Codes
und mehr Verschlüsselungen verwendet als letzterer. Gleichzeitig
lenkt der künstlerische Text im Gegensatz zum wissenschaftlichen die
Aufmerksamkeitebensosehr auf die bei seiner Produktion beteiligte
Virtuosität wie auf die »Information«, die die verschiedenen bei seiner
Entstehung verwendeten Codes vermitteln.
Es ist diese komplexe Vielschichtigkeit des Diskurses und seine daraus
resultierende Kapazität, Träger eines breiten Interpretationsspek­
trums seines Sinns zu sein, die das Performanz modell des Diskurses zu
untersuchen trachtet. Aus der Perspektive dieses Modells erscheint
der Diskurs eher als Apparat für die Produktion von Sinn denn als ein
Vehikel für die Übermittlung von Information über einen extrin­
sischen Referenten. In dieser Sichtweise besteht der »Inhalt« des Dis­
kurses ebensosehr aus seiner Form wie aus der seiner Lektüre entnom­
menen Information. 45 Daraus folgt, daß eine Veränderung der Form
des Diskurses nicht gleichbedeutend mit einer Veränderung der Infor­
mation über seinen textexternen Referenten sein muß; mit Sicherheit
aber würde dadurch der von ihm produzierte Sinn verändert.
Ein Beispiel: Eine nur in der chronologischen Ordnung ihres ur­
sprünglichen Erscheinens aufgelistete Ereignisreihe ist, ohne Levi­
Strauss zu nahe treten zu wollen, nicht ohne Sinn. Ihr Sinn ist von
genau der Art, wie ihn jede Auflistung erzeugt - wie der Gebrauch
dieses Verfahrens durch Rabelais und loyce beweist. Eine Auflistung
von Ereignissen mag nur eine »dünne« Chronik (wenn die einzelnen
Details der Liste chronologisch präsentiert sind) oder eine »schlanke~ .
Enzyklopädie (wenn eine topische Anordnung vorliegt) sein. In bei­
den Fällen wird die gleiche Information vermittelt, aber ein unter­
schiedlicher Sinn produziert.
58

Eine Chronik aber ist keine Erzählung, selbst dann nicht, wenn sie als
informatorischen Inhalt dieselbe Tatsachenreihe enthält, und zwar
deshalb nicht, weil ein narrativer Diskurs eine andere Performanz
besitzt als eine Chronik. »Chronologie« ist zweifellos ein »Code«,
den Chronik wie Erzählung besitzen; die Erzählung aber verwendet
auch noch andere Codes und produziert einen Sinn, der vom Sinn
jeder Art von Chronik gänzlich verschieden ist. .
Das soll nicht heißen, daß der Code der Erzählung »literarischer«
wäre als derjenige der Chronik - wie zahlreiche Historiker vorge­
schlagen haben. Es bedeutet auch nicht, daß die Erzählung mehr oder
umfassender »erklärt« als die Chronik. Der zentrale Punkt ist viel­
mehr, daß die Narrativisierung einen ganz anderen Sinn produziert als
die Chronikalisierung. Durch Narrativisierung wird den Ereignissen,
die ihre eigene Chronik enthalten, aufgrund poetischer Mittel eine
diskursive Form auferlegt. Der narrative Code ist also eher dem Per­
formanzbereich der poiesis als dem der noesis entnommen. Barthes
berief sich auf diesen Sachverhalt, als er sagte: »Die Erzählung zeigt
nicht, imitiert nicht [...] [ihre] Funktion besteht nicht in der >Darstel­
lung<, sondern in der Konstituierung eines Schauspiels [...].« (Hervor­
hebung H. White)
Es ist allgemein anerkannt, daß eine Möglichkeit der Unterscheidung
des poetischen Diskurses vom prosaischen das stärkere Hervortreten
von patterns in jenem ist - eine Strukturiertheit durch Klang, Rhyth­
mus, Metrum und so weiter -, die die Aufmerksamkeit auf die Form
des Diskurses lenken, unabhängig davon (oder als Hinzufügung
dazu), welche »Botschaft« er auf der Ebene seiner wörtlichen Äuße­
rungen auch immer enthält. Die Form des poetischen Textes produ­
ziert einen ganz anderen »Sinn« als alles, was in einer Prosaparaphrase
seines verbalen Inhalts wiedergegeben werden könnte. Dasselbe gilt
allerdings auch für die verschiedenen Gattungen der Kunstprosa (ora­
torische Deklamation, juristischer Schriftsatz, Prosaromanze, Roman
und so weiter), zu denen die historische Erzählung unleugbar gehört.
Freilich betrifft hier die Bildung der »patterns« weniger Klang und
Metrum als vielmehr Rhythmen und Wiederholungen motivischer
Strukturen, die zu Themen verschmelzen, und Themen, die sich zu
»plot-Strukturen« verbinden. Das heißt natürlich nicht, daß sich sol­
che Gattungen nicht auch der verschiedenen Codes der logischen Ar­
gumentation und der wissenschaftlichen Beweisführung bedienen; sie
tun es in der Tat. Aber diese Codes haben nichts mit der Produktion
jener Art von Sinn zu tun, die durch Narrativisierung entsteht.
59

1

In einigen narrativen Diskursen können Argumente in Gestalt von
"Erklärungen« für das Warum eines bestimmten Geschehens einge­
bettet sein, die als direkte Anrede des Autors an den Leser gerichtet
und als solche wahrnehmbar sind. Solche Argumente aber sind eher
als ,>Kommentar« denn als Teil der Erzählung zu verstehen. Im histo­
rischen Diskurs dient die Erzählung dazu, eine Liste von geschicht­
lichenEreignissen, die andernfalls nur eine Chronik wäre, in eine
Geschichte umzuwandeln. Für diese Transformation müssen die in
der Chronik dargestellten Ereignisse, Akteure und Handlungen als
>,Geschichten-Elemente« (story-elements) codiert, das heißt als die­
jenigen Arten von Ereignissen, Akteuren und Handlungen usw. ge­
kennzeichnet werden, die als Elemente spezifischer »Geschichten­
Typen« (story-types) wahrgenommen werden können. Im Zeichen
solcher Codierung lenkt der historische Diskurs die Aufmerksamkeit
des Lesers auf einen sekundären Referenten, der sich seinem Wesen
nach von den Ereignissen, aus denen der primäre Referent zusammen­
gesetzt ist, unterscheidet, nämlich auf die »plot-Strukturen« (plot­
structures) der verschiedenen »Geschichten-Typen«, die in einer be­
stimmten Kultur vorherrschend sind. 46 Wenn der Leser die in
historischen N arration erzählte Geschichte als eine spezifische
schichten-Gattung, z. B. als Epos, Romanze, Tragödie, Komödie,
Farce etc. wiedererkennt, dann kann man sagen, daß er den vom
Diskurs produzierten »Sinn« »verstanden« hat. Dieses "Verstehen« ist
nichts anderes als das Wiedererkennen der ,>Form« der Erzählung.
Die Sinnproduktion kann in diesem Falle als Performanz betrachtet
werden, weil jede gegebene Reihe realer Ereignisse auf vielfältige
Weise innerlich verknüpft (emplotted) sein kann, weil sie tragfähig
genug ist, um als beliebige Menge verschiedener Geschichten-Gattun­
gen erzählt zu werden. Da keine Reihe oder Folge realer Ereignisse
von sich aus »tragisch«, »komisch«, ,>farcenhaft« etc. ist, sondern erst
durch die Auferlegung der Struktur eines entsprechenden Geschich­
ten-Typs auf die Ereignisse dazu gemacht wird, ist es die Wahl des
Geschichten-Typs und seine Auferlegung auf die Ereignisse, die ihnen
Sinn verleihen. Der Effekt einer derartigen inneren Verknüpfung (em­
plotment) kann, wenn man so will, als »Erklärung« aufgefaßt werden,
wobei allerdings zu berücksichtigen wäre, daß die in den verschiede­
nen Versionen der nomologisch-deduktiven Argumentation als allge­
meine Gesetzmäßigkeiten fungierenden Generalisierungen hier eher
die Topoi literarischer »plots« sind als die Kausalgesetze der Wissen­
schaft.
60

Deshalb darf narrative Historie zu Recht als etwas anderes angesehen
werden denn als wissenschaftliche Schilderung der Ereignisse - wie
die Annales-Historiker richtig argumentiert haben. Das allein ist je­
doch noch nicht Grund genug, der narrativen Geschichte einen real~n
"Wahrheitswert« abzusprechen. Narrative Historiographie mag, wie
Furet feststellt, historische Ereignisse durchaus »dramatisieren« und
historische Prozesse »romanhaft« gestalten, doch zeigt sich darin nur,
daß die Wahrheiten, von denen narrative Geschichte handelt, einer
anderen Ordnung angehören als die Wahrheiten ihres sozialwissen­
schaftlichen Gegenstücks. In der historischen Erzählung werden die
für eine bestimmte Kultur oder Gesellschaft typischen Systeme der
Sinnproduktion gegen die Fähigkeit einer beliebigen Reihe »realer«
Ereignisse, sich solchen Systemen zu unterwerfen, getestet. Obschon
diese Systeme ihre reinste, vollkommenste und formal kohärenteste
Darstellung in der "literarischen« oder »poetischen« Ausstattung mo­
derner, säkularisierter Kulturen finden, ist das noch lange kein Grund,
sie als bloß imaginäre Konstruktionen auszuschließen. Damit würde
man leugnen, daß Literatur und Dichtung uns gültige Erkenntnisse
über »Realität« vermitteln können.
Die Beziehung zwischen Historiographie und Literatur ist in der Tat
ebenso heikel und schwierig zu definieren wie die Beziehung zwi­
schen Historiographie und Wissenschaft. Dies rührt zweifellos zum
Teil daher, daß die westliche Historiographie vor dem Hintergrund
eines ausgeprägt »literarischen« (besser gesagt »fiktionalen«) Diskur­
ses entstand, der sich seinerseits gegen den archaischen »mythischen«
Diskurs entwickelt hatte. Seinen Ursprüngen nach unterscheidet sich
der historische Diskurs vom literarischen eher kraft seines Gegen­
stands (»reale« eher als »imaginäre« Ereignisse) als in seiner Form.
Form hat hier allerdings eine doppelsinnige Bedeutung: sie meint
nicht nur das offensichtliche Erscheinungsbild historischer Diskurse
(ihre Erscheinung als Geschichten), sondern auch die Systeme der
Sinnproduktion (die Weisen des emplotment), die die Geschichts­
schreibung mit »Literatur« und »Mythos« teilte. Dieser Anschluß von
narrativer Historiographie an Literatur und Mythos sollte uns indes
nicht in Verlegenheit bringen, da die allen dreien gemeinsamen Sy­
steme der Sinnproduktion aus der historischen Erfahrung eines Vol­
kes, einer Gruppe, einer Kultur herausdestilliert sind. Die von der
narrativen Historie gelieferte Erkenntnis ist das Produkt der Überprü­
fung jener sinnproduzierenden Systeme, die ursprünglich im Mythos
geformt worden waren und ihre Vervollkommnung in der Retorte des
61

hypothetischen Modus der fiktionalen Artikulation erfahren haben.
In der historischen Erzählung werden die zu Fiktion destillierten Er­
fahrungen als Typisierungen auf ihre Leistungsfähigkeit, »reale« Er­
eignisse mit Sinn auszustatten, überprüft. Es wäre Kulturphilisterturn
höchster Vollendung, wollte man den Ergebnissen dieser Überprü­
fung den Rang genuiner Erkenntnis verweigern.
Mit anderen Worten: ebenso wie mythische Inhalte durch die Fiktion
überprüft werden, geschieht dies auch mit den Formen der Fiktion
durch die (narrative) Geschichtsschreibung. Wenn der Inhalt narrati­
ver Geschichtsschreibung in vergleichbarer Weise auf die Angemes­
senheit seiner Darstellung und Explanation einer anderen Ordnung
von »Realität« als der von traditionellen Historikern vorausgesetzten
überprüft wird, so sollte darin weniger ein Gegensatz zwischen »Wis­
senschaft« und »Ideologie« gesehen werden eine von den Annales
scheinbar häufig vertretene Ansicht -, sondern eher eine Fortsetzung
jenes Prozesses der Vermessung des Grenzverlaufs zwischen dem
Imaginären und dem Realen, ein Prozeß, der mit der Erfindung der
»Fiktion« beginnt.
Die historische Erzählung, als Erzählung, verhindert nicht etwa fal­
sche Überzeugungen von vergangenen Zeiten, menschlichem Leben,
der Natur der Gemeinschaft und so weiter. Ihre Leistung besteht
darin, die Fiktionen einer Kultur auf ihre Fähigkeit zu überprüfen,
reale Ereignisse mit jenen Arten von Sinn auszustatten, den die Litera­
tur dem Bewußtsein anbietet, indem sie »imaginäre« Ereignisse zu
patterns gestaltet. Und insoweit, als die historische Erzählung reale
Ereignisreihen mit jener Art von Sinn ausstattet, die ansonsten nur im
Mythos und in der Literatur zu finden ist, können wir sie zu Recht als
das Produkt von Allegorese bezeichnen. Statt daher jede historische
Erzählung als »mythisch« oder »ideologisch« zu beargwöhnen, wäre
es richtiger, sie als Allegorie zu verstehen, das heißt: sie sagt etwas und
meint etwas anderes.
Die Erzählung formt den Ereignis zusammenhang, der als Primär­
Referent dient, und verwandelt diese »Ereignisse« in Evokationen von
Sinn-»patterns« - eine Leistung, wie sie die wörtliche Präsentation der
»Ereignisse« als reine »Tatsachen« niemals hervorbringen könnte. Das
soll jedoch nicht heißen, daß ein historischer Diskurs nicht auch auf­
grund des Wahrheits wertes seiner faktischen Aussagen (speziellen
Existenzaussagen), für sich genommen, und aufgrund der logischen
Verbindung der gesamten Aussagenreihe, distributiv betrachtet, ange­
messen bewertet werden könnte. Denn wenn sich ein historischer
62

Diskurs nicht einer so formulierten Bewertung unterziehen ließe,
wäre sein Anspruch, spezifisch »reale« Ereignisse zu klären, ohne jede
Berechtigung. Eine derartige Bewertung berührt jedoch nur den
Aspekt des historischen Diskurses, der traditionell als seine ~Chro­
nik« bezeichnet wird. Eine Bewertung des Inhalts der Erzählung
selbst ist dadurch nicht gegeben.
Dieser Punkt ist äußerst treffend von dem Philosophen Louis
O. Mink beschrieben worden:
»Jeder Text im direkten Diskurs kann als logische Verbindung von Aussagen
betrachtet werden. Der Wahrheitswert des Textes ist dann einfach nur eine
logische Funktion der Wahrheit oder Falschheit der einzelnen Aussagen für
sich genommen: die Verbindung ist wahr, wenn, und nur dann, wenn jede
einzelne Proposition wahr ist. Die Erzählung ist mehr als gründlich analysiert
worden, und zwar besonders von Philosophen, die vor allem die Form der
Erzählung mit der Form von Theorien vergleichen wollten, so, als ob sie
nichts anderes sei als eine logische Konjunktion von auf die Vergangenheit
bezogenen Aussagen; und bei einer derartigen Analyse taucht das Problem der
narrativen Wahrheit nicht auf. Die Schwierigkeit des Modells der logischen
Konjunktion besteht jedoch darin, daß es kein Erzählmodell ist. Es ist viel­
mehr das Modell der Chronik. Die logische Konjunktion eignet sich bestens
zur Darstellung des einzigen Ordnungsprinzips innerhalb von Chroniken,
nämlich >[...] und dann ... und dann ... und dann ... und dann ... <. Erzäh­
lungen aber enthalten unendlich viele ordnende Beziehungen und unendlich
viele Möglichkeiten, diese Beziehungen zu kombinieren. Wir meinen eine
derartige Kombination, wenn wir von der Kohärenz oder auch der mangeln­
den Kohärenz einer Erzählung sprechen. Es ist eine noch ungelöste Aufgabe
der Literaturtheorie, die ordnenden Beziehungen der narrativen Form zu klas­
sifizieren; von der Klassifizierung abgesehen, sollte es jedoch klar sein, daß
eine historische Erzählung nicht nur für jede ihrer individuellen Aussagen,
distributiv verstanden, sondern auch für die komplexe Form der Erzählung
selbst Anspruch auf Wahrheit erhebt.«4?

Die »Wahrheit« der »narrativen Form« aber kann sich nur indirekt,
das heißt durch Allegorese zeigen. Was sonst könnte involviert sein,
wenn eine Ereignisreihe als Tragödie, Komödie, Farce usw. dargestellt
wird? Gibt es irgendein Testverfahren, ob logisch oder empirisch, mit
dem sich beispielsweise der Wahrheitswert von Marx' Behauptung
ermitteln ließe, die Ereignisse »des 18. Brumaire von Louis Bona­
parte« seien eine »farcenhafte« Neuauflage der »Tragödie« von 1789?
Gewiß ist der Marxsche Diskurs durch Kriterien für die Richtigkeit
der Fakten bei der Darstellung spezieller Ereignisse und durch Krite­
rien für die logische Konsistenz seiner Erklärung für das »Warum
63

"-,.,.~­

geschah es« bewertbar. Welches aber ist der Wahrheitswert seiner
durch narrative Verfahren geleisteten Gestaltung der ganzen Ereignis­
reihe als Farce? Sollen wir darin lediglich eine sprachliche Figur, einen
metaphorischen Ausdruck erkennen, der fQlglich nicht Gegenstand
einer Bewertung auf der Basis seines»Wahrheitswertes(( sein kann?
Dies würde bedeuten, den narrativen Aspekt des Marxschen Diskur­
ses, die Geschichte, die er uns über das Geschehen erzählt, als bloßes
Ornament und nicht als Bestandteil des Diskurses insgesamt zu be­
greifen.
Marx artikuliert den farcenhaften Charakter des von ihm beschriebe­
nen Geschehens nur indirekt (durch den seinem Diskurs vorangestell­
ten Aphorismus und durch die Narrativisierung des Geschehens:
durch die Geschichte, die er daraus macht), und das heißt allegorisch.
Das gibt uns jedoch nicht das Recht anzunehmen, Marx habe nicht
beabsichtigt, daß wir diese Behauptung »ernst« nehmen und ihren
Inhalt als »wahr« betrachten. Welche Art von Beziehung aber herrscht
zwischen der Behauptung der Ereignisse als Farce und den im Diskurs
verzeichneten »Tatsachen« einerseits sowie ihrer dialektischen Ana­
lyse andererseits,. die Marx in bestimmten Passagen als Autor und
vermeintlicher »Erforscher« der Gesellschaft für deren »Erklärung«
liefert? Bestätigen die Fakten die Charakterisierung des Geschehens
als Farce? Steht die Logik der von Marx gegebenen Erklärung im
Einklang mit der Logik der Erzählung? Welche »Logik« regelt diesen
erzählerischen Teil des Marxschen Diskurses?
Die Logik von Marx' expliziter Erörterung der Ereignisse, seine Er­
klärung der Tatsachen, ist offenkundig »dialektisch«, d. h. seine eigene
Version der Hegelschen Logik. Gibt es noch eine andere »Logik«, die
die Strukturierung des Geschehens als »Farce« steuert? Bei der Beant­
wortung dieser Frage hilft uns die dreifache Unterscheidung zwischen
der Chronik der Ereignisse, ihrer als Kommentar unmittelbar im Dis­
kurs gegebenen Erklärung und der durch Allegorese ermöglichten
Narrativisierung der Ereignisse. Die Frage ist genau dann beantwor­
tet, wenn wir den allegorischen Aspekt der Charakterisierung des
Geschehens des ),18. Brumaire« als »Farce« erkennen. Es ist nicht das
»Faktum«, das die Darstellung der Ereignisse als »Farce« legitimiert,
und es ist nicht die »Logik«, die die Darstellung des Faktums als
»Farce« erlaubt. Aus logischen Gründen zu folgern, daß eine beliebige
Reihe »realer« Ereignisse eine Farce ist, ist nicht möglich. Wir haben
es hier mit einem Urteil und nicht mit einer Schlußfolgerung zu tun;
dieses Urteil aber ist nur aufgrund einer poetischen Tropisierung der
64

»Fakten« gerechtfertigt, um ihnen schon im Prozeß ihrer allerersten
Beschreibung den Anschein jener Geschichtenform zu verleihen, die
im literarischen Code unserer Kultur als »Farce« bekannt ist. 48
Wenn im Diskurs beim Übergang von der Ebene des Faktums oder
des Ereignisses zu der Erzählung überhaupt Logik im Spiel ist, dann
ist es die der Figuration, das heißt die Tropologie. Dieser Übergang
entsteht infolge einer Verpflanzung der Fakten auf den Boden literari­
scher Fiktionen oder, was auf dasselbe hinausläuft, der Projizierung
der »plot-Strukturen(( der einen oder anderen Gattung literarischer
Figuration auf die Fakten. Anders ausgedrückt, der Übergang kommt
durch einen Umkodierungsprozeß zustande, bei dem ursprünglich im
Code der Chronik transkribierte Ereignisse nun im literarischen Code
der Farce neu transkribiert werden.
Wird die Frage der Narrativisierung in der Geschichtsschreibung so
präsentiert, dann stellt sich natürlich die generelle Frage nach der
»Wahrheit« der Literatur selbst. Insgesamt ist diese Frage von den
analytischen Philosophen, die sich mit der Analyse der Logik narrati­
ver Erklärungen in der Geschichtsschreibung befassen, ignoriert wor­
den. Und dies - wie ich zumindest annehme deshalb, weil der von
ihnen in die Untersuchung eingebrachte Erklärungsbegriff die Vor­
stellung, daß auch der metaphorisch gestaltete Diskurs echte Erkennt­
nis hervorbringen kann, ausschließt. Weil sich historische Erzählun­
gen eher auf »reale« denn auf ),imaginäre« Ereignisse beziehen, gilt die
Annahme, daß ihr»Wahrheitswert« entweder in den in ihnen enthal­
tenen wörtlichen Tatsachenaussagen liege oder in einer Kombination
dieser wörtlichen Tatsachenaussagen mit einer streng wörtlichen Para­
phrase von in metaphorischer Sprache formulierten Aussagen. Da all­
gemein davon ausgegangen wurde, daß metaphorische Ausdrucksfor­
men entweder falsch, mehrdeutig oder logisch unhaltbar sind (weil sie
nach Meinung einiger Philosophen aus »Kategoriefehlern« bestehen),
wurde gefolgert, daß alle in einer historischen Erzählung möglicher­
weise enthaltenen Erklärungen nur in wörtlicher Form ausgedrückt
werden sollten. In ihren Überblicken über die Erklärung in histori­
schen Erzählungen zeigten diese Analytiker der Form folglich eine
Tendenz zur Reduzierung der untersuchten Erzählung auf einzelne
Propositionsreihen, für die der einfache Aussagesatz als Modell
diente. Tauchte in solchen Sätzen ein metaphorisches Sprachelement
auf, dann wurde es einfach nur als metaphorische Figur behandelt,
deren Inhalt entweder in ihrer wörtlichen Bedeutung bestand oder
einer streng wörtlichen Paraphrase dessen, was ihre grammatisch
65

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»korrekte« Formulierung zu sein schien. Bei diesem Prozeß der Ver­
wörtlichung bleiben gerade diejenigen Figurationselemente, die in der
Rhetorik als Tropen und Denkfiguren bezeichnet werden, ausgeklam­
mert; ohne sie könnte die Narrativisierung realer Ereignisse, die
Transformation einer Chronik in eine Geschichte, niemals zustande
kommen. Wenn in dieser Verwörtlichungsprozedur überhaupt ein
»Kategoriefehler« enthalten ist, dann liegt er in der Verwechslung
einer narrativen Schilderung realer Ereignisse mit deren wörtlicher
Schilderung. Eine narrative Schilderung ist immer eine metaphorisch
gestaltete Schilderung, sie ist immer eine Allegorie. Dieses metaphori­
sche Element in der Analyse einer Erzählung nicht zu berücksichtigen
heißt nicht nur, sich seinen allegorischen Aspekt entgehen zu lassen;
gleiches gilt auch für die sprachliche Performanz, durch die eine
Chronik in Erzählung umgewandelt wird. Es ist nichts weiter als ein
modernes Vorurteil gegen die Allegorie oder, was auf dasselbe hinaus­
läuft, eine szientistische Voreingenommenheit zugunsten des Wort­
lichen, weshalb diese Tatsache von so vielen modernen Analytikern
des historischen Erzählens nicht erkannt wird. Wie dem auch sei, die
zweifache Über2{eugung, daß einerseits Wahrheit in wörtlichen Tatsa­
chenaussagen dargestellt werden muß und andererseits die Erklärung
sich dem wissenschaftlichen Modell oder seiner Entsprechung im
»common sense« anpassen muß, hat jedenfalls die meisten Analytiker
veranlaßt, den spezifisch »literarischen« Aspekt der historischen Er­
zählung und damit auch jede Art von »Wahrheit«, die sie auf meta­
phorische Weise vermitteln könnte, zu ignorieren.
Es muß wohl nicht eigens erwähnt werden, daß die Vorstellung einer
literarischen, ja sogar mythischen Wahrheit jenen Philosophen nicht
fremd ist, die eine geistige Tradition weiterführen, deren Ursprünge
im hegelianischen Idealismus liegen, die durch Dilthey ihre Fortset­
zung erfuhr und deren neuere existentialistisch-phänomenologische
Verkündigung eine heideggersche Hermeneutik ist. Für Denker dieser
Provenienz war »Geschichte« stets weniger ein Forschungsobjekt, et­
was zu Erklärendes, als vielmehr eine Form des In-der-Welt-Seins, die
»Verstehen« nicht nur erst ermöglicht, sondern als eine Bedingung
seiner eigenen Enthüllung hervorruft. Das bedeutet, daß historische
Erkenntnis nur auf der Basis einer Forschung entstehen kann, die sich
von der Forschung der (nomologisch-deduktiven) Naturwissenschaf­
ten und der (struktural-funktionalen) Sozialwissenschaft fundamental
unterscheidet. Nach Gadamer und Ricreur ist die »Methode« der hi­
storisch-genetischen Wissenschaften die Hermeneutik, und zwar we­
66

niger im Sinne einer Dechiffrierung denn als »Inter-Pretation«, als
»Übertragung« im wörtlichen Verstande des Wortes: ein ),Übertra­
gen« von Sinn von einer Diskursgemeinschaft zur anderen. Sowohl
Gadamer als auch Rica:ur unterstreichen den »traditionalistischen«
Aspekt des hermeneutischen Unternehmens oder, was auf dasselbe
hinausläuft, den »übertragenden« Aspekt der Tradition. Es ist die
Tradition, die den Interpreten mit dem interpretandum - wahrgenom­
men in der ganzen Fremdheit dessen, was aus der »Vergangenheit«
herüberkommt - in einem Tun vereint, das die Individualität und
Gemeinsamkeit beider hervorbringt. Ist diese Individualität-in-der­
Gemeinsamkeit über eine zeitliche Distanz hinweg hergestellt, dann
ist die hervorgebrachte Erkenntnis-als-Verstehen eine spezifisch
historische Erkenntnis. 49
Soviel ist jedem Kenner dieser Tradition des philosophischen Diskur­
ses bekannt und selbstverständlich traditionellen Historikern und sol­
chen, die eine Verwissenschaftlichung der Geschichtsschreibung für
wünschenswert halten, äußerst fremd. Und warum auch nicht? Die
Terminologie ist metaphorisch, der Tonfall fromm, die Epistemologie
mystisch - alles, was sowohl traditionelle Historiker als auch ihre
modernen, sozialwissenschaftlich orientierten Gegenspieler aus der
Geschichtsforschung verbannt sehen möchten. Dennoch besitzt diese
geistige Tradition eine besondere Bedeutung für die Erörterung unse­
res Themas, denn es war einer ihrer Vertreter, Paul Rica:ur, der sich
an einer Metaphysik der Narrativität versuchte.
Rica:ur hat sich mit allen wichtigen Diskurs-, Text- und Lesekonzep­
tionen der gegenwärtigen Theorieszene auseinandergesetzt und dar­
über hinaus zeitgenössische Theorien der Geschichtsschreibung und
den Begriff der Erzählung, wie er in der gegenwärtigen Geschichts­
philosophie und in den Sozialwissenschaften gebraucht wird, einge­
hend untersucht. Insgesamt findet Rica:ur viel Lohnendes in der Ar­
gumentation der analytischen Philosophen, insbesondere bei Mink,
Danto, Gallie und Dray, aus deren Sicht die Erzählung eine Weise des
Erklärens ist, die sich von »nomologisch-deduktiven« Erklärungen
zwar unterscheidet, aber keinen totalen Gegensatz zu ihnen bildet.
Rica:ur ist jedoch der Ansicht, daß Narrativität in der Geschichts­
schreibung eher zum»Verstehen« des beschriebenen Geschehens bei­
trägt als zu seiner »Erklärung«, die doch nur eine schwächere Version
jener Arten von Erklärung ist, die in der Physik und in den Sozialwis­
senschaften zu finden sind. Das heißt nun nicht, daß Rica:ur Verste­
hen in Opposition zu Erklären setzen würde. Denn, so Rica:ur, diese
67

beiden Arten des Verstehens stehen in einer »dialektischen« Relation
als die »unmethodischen« und »methodischen« Momente jeglicher
Erkenntnis, die sich mehr mit (menschlichem) Handeln als mit (Na­
tur- )Ereignissen befaßt. 50
Nach Ricreur ähnelt das »Lesen« einer Handlung dem Lesen eines Tex­
tes; das Verstehen des einen wie des anderen beruht auf denselben her­
meneutischen Prinzipien. Da »Geschichte von den Handlungen der
Menschen in vergangenen Zeiten handelt«, ist das eigentliche Vorhaben
der Erforschung der Vergangenheit auf ein hermeneutisches »Verste­
hen« menschlichen Handeins gerichtet. 51 Für diesen Verstehensprozeß
werden verschiedene Möglichkeiten des Erklärens gebraucht, ver­
gleichbar etwa der Art und Weise, wie in einer Geschichte Erklärungen
für das, »was geschah«, benutzt werden, um die Geschichte zur vollen
Entfaltung zu bringen. Diese Erklärungen aber dienen dem Verstehen
dessen, »was geschah«; sie sind kein Selbstzweck. Folglich sollte beim
Schreiben des historischen Textes die Darstellung menschlicher Ereig­
nisse als Ziel ins Auge gefaßt werden, und zwar so, daß ihr Status als
Teil eines sinnvollen Ganzen zutage tritt. 52
Den Sinn einer komplexen Aufeinanderfolge menschlicher Ereignisse
zu erfassen ist nicht dasselbe, wie erklären zu können, warum oder gar
wie sich die speziellen Ereignisse abgespielt haben, aus denen die
Aufeinanderfolge zusammengesetzt ist. Man könnte vielleicht erklä­
ren, warum und wie jedes einzelne Ereignis im jeweiligen Ereigniszu­
sammenhang auftrat, und hätte trotzdem nicht den Sinn des ganzen
Zusammenhangs verstanden. Wenn man die Analogie des Lesens auf
den Prozeß des Verstehens anwendet, wird deutlich, daß man zwar
jeden Satz einer Geschichte verstehen kann, aber dennoch nicht be­
griffen haben muß, »worum es geht«. Ebenso verhält es sich, laut
Ricreur, mit unseren Bemühungen, den Sinn menschlicher Handlun­
gen zu begreifen. Texte haben einen Sinn, der nicht auf die spezifi­
schen, bei ihrer Herstellung verwendeten Wörter und Sätze reduzier­
bar ist; dasselbe gilt auch für Handlungen. Handlungen produzieren
Sinn durch ihre vorhersehbaren und intendierten oder nichtvorher­
sehbaren und nichtintendierten Konsequenzen, die ihre Verkörperung
in den Institutionen und Konventionen bestimmter sozialer Gebilde
finden. 53 Historische Handlungen zu verstehen heißt demnach, die
zum Handeln motivierenden Intentionen, die Handlungen selbst und
die Folgen dieser Handlungen, gespiegelt in den sozialen und kultu­
rellen Kontexten, »zusammenzufassen« als Teile »sinnvoller« Ganz­
heiten. 54
68

In der Geschichtsschreibung, so Ricreur, kommt dieses "Zusammen­
fassen« der Elemente von Situationen, in denen sich »sinnvolles Han­
deln« vollzogen hat, durch ihre »Konfiguration« mittels des »plot«
zustande. Anders als bei vielen Autoren, die sich zur historischen
Erzählung geäußert haben, ist· der »plot« bei Ricreur nicht nur eine
Struktur komponente von ausschließlich fiktionalen oder mythischen
Geschichten, sondern er ist auch für die Darstellung historischer Er­
eignisse vOn entscheidender Bedeutung. Deshalb schreibt Ricreur:
»Jede Erzählung kombiniert zwei Dimensionen in unterschiedlichen
Proportionen, eine chronologisch, die andere nichtchronologisch. Er­
stere kann als die episodische Dimension bezeichnet werden; sie cha­
rakterisiert die aus Ereignissen zusammengesetzte Geschichte. Die
zweite ist die Dimension der Konfiguration, aufgrund derer der plot
aus versprengten Ereignissen signifikante Ganze konstruiert. «55
Dieser »plot« aber wird den Ereignissen nicht vom Historiker auf­
erlegt; er ist kein Code, der dem Repertoire literarischer Modelle
entlehnt und »pragmatisch« verwendet wird, um in eine bestimmte
rhetorische Form zu kleiden, was sonst bloß eine Ansammlung von
Fakten wäre. Es ist der »plot«, der für Ricreur die »Geschichtlichkeit«
der Ereignisse zum Vorschein bringt. Er schreibt dazu: »Der plot [...]
stellt uns an den Schnittpunkt von Zeitlichkeit und Narrativität: um
historisch zu sein, muß ein Ereignis mehr sein als eine singuläre Er­
scheinung, ein einzigartiges Vorkommnis. Es erhält seine Definition
durch seinen Beitrag zur Entwicklung eines plot. «56
So gesehen kann ein spezifisch historisches Ereignis nicht nach Belie­
ben des Autors in eine »Geschichte« eingebaut werden, denn es ist
immer eine Art von Ereignis, das »zur Entwicklung eines plot beitra­
gen« kann. Es scheint, als ob der plot eine im Prozeß der Entwicklung
begriffene Größe noch vor dem Eintreten eines jeweiligen Ereignisses
wäre und als ob ein jeweiliges Ereignis nur in dem Maße »Geschicht­
lichkeit« besitzt, wie es zu diesem Prozeß beiträgt. Das scheint in der
Tat der Fall zu sein, denn für Ricreur ist »Geschichtlichkeit« ein
strukturaler Modus oder eine strukturale Ebene der »Zeitlichkeit«
selbst.
Zeit, so scheint es, besteht aus drei »Organisationsgraden«: »Innerzei­
tigkeit«, »Geschichtlichkeit« und »Tiefenzeitlichkeit«. Diese ),Orga­
nisationsgrade« werden ihrerseits durch drei Arten von Erfahrung
oder Darstellungen von Zeit im Bewußtsein reflektiert: »gewöhnliche
Darstellungen von Zeit [...] solche, ,in< denen Ereignisse stattfinden«;
diejenigen, bei denen »die Betonung auf der Bedeutung der Vergan­
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genheit liegt und mehr noch [ ... ] auf der Fähigkeit, die >Erstreckung<
zwischen Geburt und Tod mittels der >Wiederholung< zurückzuerhal­
ten«; und schließlich jene, die »die plurale Einheit von Zukunft, Ver­
gangenheit und Gegenwart [...]« zu erfassen trachten. 57 In der histo­
rischen Erzählung - und eigentlich in jeder Erzählung, sogar in der
einfachsten ist es die Narrativität, die »uns von der Innerzeitigkeit
zur Geschichtlichkeit zurückführt, vom ,Rechnen mit der Zeit< zur
>Erinnerung<<<. Kurz, »die Funktion des Narrativen schafft einen
Übergang von der Innerzeitigkeit zur Geschichtlichkeit«, indem sie
bloßlegt, was als die plot-förmige Natur der Zeitlichkeit bezeichnet
werden muß.58
So gesehen besitzt jede historische Schilderung auf der narrativen
Ebene einen Referenten, der sich von dem auf der Ebene ihrer »Chro­
nik« klar unterscheidet. Wahrend die Chronik Ereignisse als >,in der
Zeit« existierend darstellt, repräsentiert die Erzählung den Aspekt von
Zeit, in dem erkennbar wird, wie Schlußpunkte mit Anfängen ver­
knüpft sind, um eine Kontinuität innerhalb einer Differenz zu bilden.
»The sense of an ending«, die Verknüpfung des Endes eines Prozesses

mit seinem Ursprung dergestalt, daß alles, was sich dazwischen ereig­

net hat, eine nur'im »Rückblick« zu ermittelnde Signifikanz erhält,

wird durch die spezifisch menschliche Fähigkeit zur »Wiederholung«,

wie Heidegger sagt, erreicht. Diese» Wiederholung« ist die spezifische

Existenzmodalität von Ereignissen in der »Geschichtlichkeit«, im Ge­
gensatz zu ihrer Existenz »in der Zeit«. In der als»Wiederholung«
verstandenen »Geschichtlichkeit« ergreifen wir die Möglichkeit der
>,Wiedergewinnung unserer elementarsten Potentialitäten, die wir von
unserer Vergangenheit in Gestalt des persönlichen Schicksals und der
kollektiven Bestimmung ererbt haben«.59 Aus diesem Grunde _
selbstverständlich gibt es noch andere - glaubt sich Ricceur in der
Annahme gerechtfertigt, daß die »Zeitlichkeit diejenige existentielle
Struktur ist, die die Sprache in der Narrativität erreicht, und daß die
Narrativität die Sprachstruktur ist, die als ihren fundamentalen Refe­
renten die Zeitlichkeit hat«.60 Diese Argumentation gibt mir, wie ich
glaube, das Recht, Ricceurs Beitrag zur Theorie der Geschichte als den
Versuch einer »Metaphysik der Narrativität« zu beschreiben.
Die Bedeutung dieser Metaphysik der Narrativität für die Theorie der
Geschichtsschreibung liegt in Ricceurs Vorschlag, die historische Er­
zählung müsse kraft ihrer Narrativität nichts anderes als die »Zeitlich­
keit« selbst zu ihrem »fundamentalen Referenten« haben. Im größeren
Zusammenhang seines Werks betrachtet, geht aus dieser Äußerung
70

hervor, daß Ricceur die historische Erzählung der Kategorie des sym­
bolischen Diskurses zuordnet, das heißt einem Diskurs, dessen haupt­
sächliche Kraft weder auf seinem informatorischen Inhalt noch auf
seiner rhetorischen Wirkung, sondern eher auf seiner bildhaften
Funktion beruht. 61 Für ihn ist eine Erzählung weder ein lkon der
berichteten Ereignisse, eine Erklärung dieser Ereignisse, noch ein rhe­
torisches Zurechtstilisieren von»Tatsachen« um eines spezifisch über­
redenden Effekts willen. Sie ist vielmehr ein Symbol, das zwischen
verschiedenen Sinnuniversa vermittelt, indem sie die Dialektik ihrer
Beziehung in einem Bild »konfiguriert«. Dieses Bild ist nichts anderes
als die Erzählung selbst, jene »Konfiguration« von Ereignissen, über
die in der Chronik durch die Enthüllung ihrer »plot-förmigen« Natur
berichtet wird.
Indem er eine Geschichte erzählt, legt der Historiker also zwangsläu­
fig einen plot frei. Dieser plot »symbolisiert« Ereignisse, indem er
zwischen ihrem Status als »in der Zeit« existierend und ihrem Status
als Indikatoren der >,Geschichtlichkeit«, an der diese Ereignisse parti­
zipieren, vermittelt. Weil diese Geschichtlichkeit nur angedeutet, nie­
mals unmittelbar dargestellt werden kann, folgt, daß die historische
Erzählung, wie alle symbolischen Strukturen, »etwas anderes sagt, als
sie sagt, und [...] mich ergreift, weil sie in ihrem Sinn einen neuen
Sinn geschaffen hat«.62
Ricceur räumt ein, daß er symbolische Sprache durch eine derartige
Charakterisierung fast mit »Allegorie« identifiziert, was aber nicht
heißen soll, daß sie reine Phantasie ist. Und zwar deshalb nicht, weil
die Allegorie für Ricceur eine Möglichkeit ist, den »5innüberschuß«
auszudrücken, der in den Wahrnehmungen von »Wirklichkeit« als
einer Dialektik von »menschlichem Begehren« einerseits und »kos­
mischer Erscheinung« andererseits präsent ist. 63 Eine historische Er­
zählung ist demnach als Allegorisierung der Erfahrung der »Inner­
zeitigkeit« zu verstehen, deren übertragener Sinn die Struktur der
Zeitlichkeit ist. Die Erzählung drückt einen »anderen« Sinn aus als
den von der Chronik vermittelten, nämlich die »gewöhnliche Darstel­
lung von Zeit [... ] als demjenigen Element, >in< dem sich Ereignisse
vollziehen«. Dieser sekundäre oder übertragene Sinn ist weniger
»konstruiert« als »vorgefunden« in der universellen menschlichen Er­
fahrung einer »Erinnerung«, die eine Zukunft verspricht, weil sie
in jeder Beziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart einen
»Sinn« entdeckt. Im »plot« der historischen Erzählung erkennen
wir eine »Figur« der »Möglichkeit, die >Erstreckung< zwischen
71

Geburt und Tod durch das Werk der >Wiederholung< zurückzuerhal­
ten«.64
Für Ricceur ist deshalb die Erzählung mehr als eine Form des Erklä­
rens, mehr als ein Code und viel mehr als ein Vehikel zur Vermittlung
von Information. Sie ist keine diskursive Strategie oder Taktik, die der
Historiker je nach pragmatischem Ziel oder Zweck anwendet oder
nicht anwendet. Sie ist ein Mittel, Ereignisse zu symbolisieren, ohne
das ihre »Geschichtlichkeit« nicht hervortreten kann. Es ist möglich,
wahre Aussagen über Ereignisse zu machen, ohne sie zu symbolisie­
ren - wie in der Chronik. Man kann diese Ereignisse sogar erklären,
ohne sie zu symbolisieren - wie es fortwährend in den (struktural­
funktionalen) Sozialwissenschaften geschieht. Man kann jedoch den
Sinn historischer Ereignisse nicht darstellen, ohne sie zu symbolisie­
ren, und zwar deshalb nicht, weil »Geschichtlichkeit« selbst zugleich
Realität und Geheimnis ist. Alle Erzählungen offenbaren dieses Ge­
heimnis und verhindern gleichzeitig, daß wir über die Unmöglichkeit,
es zu lösen, verzweifeln. Denn sie enthüllen uns seine Form in Gestalt
des »plot« und seinen Inhalt in Gestalt des Sinns, mit dem der »plot«
ausstattet, was sonst nur Ereignisse wären. Insofern Ereignisse und
ihre Aspekte mit den Methoden der Wissenschaft »erklärt« werden
können, erweisen sie sich dabei, so will es scheinen, weder als »ge­
heimnisvoll« noch als besonders »historisch«, Was an historischen
Ereignissen erklärt werden kann, ist genau das, was ihren nichthistori­
schen oder ahistorischen Aspekt ausmacht. Was nach der Erklärung
von Ereignissen bleibt, ist sowohl »historisch« als auch »sinnvoll«
insofern, als es verstanden werden kann. Dieser Rest wiederum ist
versteh bar, sofern er in einer Symbolisierung »erfaßt« werden kann,
d. h. es wird gezeigt, daß er diejenige Art von Sinn besitzt, mit dem ein
»plot« Geschichten ausstattet.
Es ist der Erfolg der Erzählung bei der Offenlegung von Sinn, Kohä­
renz oder Signifikanz von Ereignissen, der ihre Legitimität als histo­
riographische Praxis bekräftigt. Es ist der Erfolg der Historiographie
in der Narrativisierung historischer Ereigniszusammenhänge, der den
»Realismus« der Erzählung bestätigt. Durch eine Form der Sym­
bolisierung, wie sie die historische Erzählung verkörpert, ist dem
Menschen ein diskursives Instrument gegeben, mit dessen Hilfe er
(sinnvoll) zeigen kann, daß die Welt menschlicher Taten real und
geheimnisvoll zugleich, das heißt auf geheimnisvolle Weise wirklich
ist (das ist nicht dasselbe, wie zu sagen, sie sei ein wirkliches Geheim­
nis); daß das Nicht-Erklärbare im Prinzip verstehbar ist; und daß
72

dieses Verstehen letztlich nichts anderes ist als seine Darstellung in der
Form einer Erzählung.
Somit liegt eine gewisse Notwendigkeit in der Beziehung zwischen
der Erzählung als einer symbolischen oder symbolisierenden Diskurs­
struktur und der Darstellung spezifisch historischer Ereignisse. Diese
Notwendigkeit entspringt der Tatsache, daß menschliche Ereignisse
Produkte menschlicher Handlungen sind oder waren, deren Konse­
quenzen die Struktur von Texten - genauer gesagt: die Struktur narra­
tiver Texte - haben. Das Verstehen dieser als Produkte von Handlun­
gen konzipierten Texte ist abhängig davon, ob wir in der Lage sind,
ihre Entstehungsprozesse wiederzugeben, das heißt, ob wir fähig sind,
diese Handlungen zu narrativisieren. Weil aber diese Handlungen tat­
sächlich erlebte Narrativisierungen sind, können sie folglich nur durch
die Erzählung selbst dargestellt werden. In diesem Falle entspricht die
Form des Diskurses deshalb seinem Inhalt, weil die Form die Erzäh­
lung ist und der Inhalt das, was narrativisiert wurde. Das Ineinander
von Form und Inhalt erzeugt das Symbol, »das mehr sagt, als es sagt«,
das aber im historischen Diskurs immer nur eines sagt: »Geschicht­
lichkeit«.
Von allen neueren Theoretikern der Geschichtsschreibung ist Ricceur
sicherlich derjenige, der sich am nachdrücklichsten für die Erzählung
als einer adäquaten Form der Realisierung historischer Forschungs­
projekte einsetzt. Das Problem der Beziehung zwischen Erzählung
und Historiographie glaubt er zu lösen, indem er den Inhalt der erste­
ren (d. h. Narrativität) mit dem »fundamentalen Referenten« der letz­
teren (d. h. Geschichtlichkeit) identifiziert. In der nachfolgenden
Identifikation des Inhalts von »Geschichtlichkeit« mit einer »Zeit­
struktur«, die nur im Modus der Narrativität dargestellt werden kann,
bestätigt er jedoch den Verdacht all derer, welche die narrative Dar­
stellung historischer Phänomene für »mythisch« halten; Dennoch, in­
dem er zu zeigen versucht, daß Geschichtlichkeit ein Inhalt ist, dessen
Form die Narrativität ist, gibt er zu verstehen, daß das eigentliche
Thema jeder Diskussion über die angemessene Form des historischen
Diskurses letztlich von einer Theorie des wahren Inhalts der »Histo­
rie« selbst abhängt.
Ich selbst bin der Ansicht, daß· sich alle theoretischen Erörterungen
über die Historiographie im Netz der Ambiguität verstricken, die im
Begriff »Geschichte« enthalten ist. Diese Ambiguität entspringt weni­
ger der Tatsache, daß sich der Begriff »Geschichte« sowohl auf ein
Forschungsobjekt als auch auf die Darstellung dieses Objekts bezieht,
73

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I

sie ist vielmehr darauf zurückzuführen, daß das Forschungsobjekt
selbst nur auf der Basis eines Doppelsinns faßbar ist. Ich meine natür­
lich jenen Doppelsinn, der in der Vorstellung einer gemeinsamen
menschlichen Vergangenheit enthalten ist, die in zwei Teile zerfällt,
einen »historischen« und einen »unhistorischen«. Diese Unterschei­
dung ist nicht von der gleichen Art wie die Unterscheidung zwischen
»menschlichem Geschehen« und »Naturereignissen«, mittels derer die
historische Forschung eine andere Kategorie von Fakten konstituiert
als diejenigen, die in den Naturwissenschaften untersucht werden. Die
Unterschiede zwischen einem in .der Natur und einem in der Kultur
gelebten Leben sind Grund genug für eine Trennung zwischen Na­
turereignissen und menschlichen Ereignissen, so daß die historische
Forschung und die Humanwissenschaften auf dieser Grundlage die
Ausbildung adäquater Methoden zur Erforschung dieser menschli­
chen Ereignisse beginnen können. Ist eine Ordnung allgemein
menschlicher Ereignisse erst einmal konzipiert und nach vergangenen
und gegenwärtigen differenziert, dann ist die Frage sicher legitim, in
welchem Maße verschiedene Methoden zur Untersuchung der als ver­
gangen klassifizierten Ereignisse angewandt werden können, um sie
dann mit jenen Methoden zu vergleichen, die bei der Untersuchung
gegenwärtiger Ereignisse (in welchem Sinn auch immer man »gegen­
wärtig« interpretiert) angewandt werden.
Ist diese menschliche Vergangenheit erst postuliert, dann ist es jedoch
etwas ganz anderes, sie weiter aufzuspalten in eine Ereignisordnung,
die »historisch« ist, und eine andere, die »nichthistorisch« ist. Denn
damit wird unterstellt, daß es zwei Menschheitsordnungen gibt, von
denen eine menschlicher, weil historischer ist als die andere.
Die Unterscheidung zwischen einer historischen Menschheit oder
Kultur oder Gesellschaft und einer nichthistorischen ist nicht von der
gleichen Art wie die Differenzierung zwischen zwei Zeitperioden in
der Entwicklung der menschlichen Spezies: der prähistorischen und
der historischen, weil nämlich diese Unterscheidung nicht an die
Überzeugung gebunden ist, daß sich vor dem Beginn von »Ge­
schichte« menschliche Kultur nicht entwickelt habe oder daß diese
Entwicklung keine »historische« gewesen sei. Sie hängt vielmehr von
der Überzeugung ab, daß es in der Evolution der menschlichen Kultur
einen Punkt gibt, von dem an ihre Entwicklung in einem Diskurs
darstellbar wird, der anders ist als der Diskurs, durch den diese Evolu­
tion in ihrer früheren Phase dargestellt werden kann. Wie allgemein
bekannt und zugegeben, beruht die Möglichkeit, die Entwicklung be­
74

stimmter Kulturen in einem spezifisch »historischen« Diskurs darzu­
stellen, auf dem Umstand, daß diese Kulturen eine bestimmte Art von
Aufzeichnungen hervorgebracht, aufbewahrt und verwendet haben,
nämlich schriftliche Aufzeichnungen. Allerdings ist die Möglichkeit
zur Darstellung der Entwicklung bestimmter Kulturen in einem spe­
zifisch historischen Diskurs noch kein hinreichender Grund, Kultu­
ren, deren Entwicklung, bedingt durch das Fehlen solcher Aufzeich­
nungen, nicht auf diese Weise darstellbar ist, weiterhin im Zustand der
,>Vorgeschichtlichkeit« befindlich zu betrachten.
Dafür gibt es mindestens zwei Gr~nde: erstens, der Eintritt der
menschlichen Spezies in die "Geschichte« vollzieht sich nicht nur
»zum Teik Allein der Begriff »menschliche Spezies« impliziert be­
reits, daß, wenn irgendein Teil von ihr »in der Geschichte« existiert,
dies auch für die Spezies insgesamt gilt. Zweitens, die Vorstellung, daß
irgendein Teil der menschlichen Spezies ,.in die Geschichte« eintritt,
ist als rein intramuraler Vorgang, als Transformation, die bestimmte
Kulturen oder Gesellschaften isoliert erfahren, überhaupt nicht denk­
bar. Im Gegenteil, der Eintritt bestimmter Kulturen in die Geschichte
bedeutet, daß ihre Beziehungen zu jenen "außerhalb« der Geschichte
gebliebenen Kulturen radikale Wandlungen erfahren haben, so daß
das, was früher ein Prozeß relativ autonomer oder autochthoner Be­
ziehungen gewesen war, nun zu einem Prozeß progressiver Interak­
tion und Integration zwischen den sog. »historischen« und den
»nichthistorischen« Kulturen wird. Dieses Panorama der Herrschaft
so genannter "höherer« Zivilisationen über die »neolithischen« Kul­
turen sowie die »Expansion« der westlichen Zivilisation über den
Erdball ist Gegenstand der Standarderzählung der Weltgeschichte, ge­
schrieben aus der Perspektive »historischer« Kulturen. Diese »Ge­
schichte« »historischer« Kulturen aber ist gerade durch ihre Eigen­
tümlichkeit als Panorama von Herrschaft und Expansion gleichzeitig
Dokumentation der "Geschichte« jener als »nichthistorisch« apostro­
phierten Kulturen und Völker, die die Opfer dieses Prozesses sind.
Daraus können wir folgern, daß gerade jene Aufzeichnungen, die das
Schreiben der Geschichte historischer Kulturen ermöglichen, auch die
Dokumente sind, die gleiches für die sog. »nichthistorischen« Kultu­
ren erlauben. Daraus folgt, daß eine Trennung nach historischen und
nichthistorischen Teilbereichen der menschlichen Vergangenheit, die
auf der Unterscheidung der jeweils zur Verfügung stehenden Arten
von Dokumenten beruht, ebenso fragwürdig ist wie die Vorstellung,
es gebe zwei Arten einer spezifisch menschlichen Vergangenheit, eine,

75

,
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II
die mit »historischen« Methoden untersucht werden kann, und eine,
zu deren Erforschung »nichthistorische« Ansätze wie die der Anthro­
pologie, Ethnologie und ähnliches erforderlich sind.
Insoweit der Begriff der »Geschichte« eine Trennung der gemeinsa­
men menschlichen Vergangenheit in ein spezifisch ),historisches« und
ein »nichthistorisches« Segment oder System von Ereignissen voraus­
setzt, enthält dieser Begriff einen Doppelsinn. Wenn nämlich der Be­
griff der "Geschichte« auf eine gemeinsame menschliche Vergangen­
heit verweist, dann kann er durch die Auf teilung dieser Vergangenheit
in eine "historische Geschichte« einerseits und eine »nichthistorische
Geschichte« andererseits nicht weiter spezifiziert werden. So formu­
liert ist der Begriff der »Geschichte« einfach nur eine Replik der Am­
biguität, die dem Unvermögen innewohnt, zwischen einem For­
schungsobjekt (die menschliche Vergangenheit) einerseits und dem
Diskurs über dieses Objekt andererseits zu differenzieren.
Liefert das Erkennen dieses Netzes aus Ambiguitäten und Mehrdeu­
tigkeiten, aus denen der Begriff der »Geschichte« zusammengesetzt
ist, eine Möglichkeit, die jüngsten Diskussionen zum Problem der
Erzählung in der Geschichtstheorie besser zu verstehen? Ich habe
bereits festgestellt, daß der Begriff der Erzählung selbst die gleiche
Ambiguität enthält wie die, die bezeichnenderweise im Begriff der
"Geschichte« enthalten ist. Die Erzählung ist gleichzeitig eine Dis­
kursmodalität, eine Sprechweise und das durch den Gebrauch dieser
Diskursmodalität erzeugte Produkt. Wird diese Diskursmodalität zur
Darstellung '}realer« Ereignisse eingesetzt wie im Falle der »histori­
schen Erzählung«, so entsteht eine Diskursart mit speziellen sprach­
lichen, grammatischen und rhetorischen Merkmalen, i. e. },narrative
Historie«. Sowohl das Gefühl der Tauglichkeit dieser Diskursart zur
Darstellung spezifisch »historischer« Ereignisse als auch die von jenen
empfundene Untauglichkeit, die der Narrativität den Rang einer
»Ideologie« unterstellen, sind auf die Schwierigkeit zurückzuführen,
den Unterschied zwischen einer Sprechweise und der bei ihrem Ge­
brauch produzierten Darstellungsform zu fassen.
Die Tatsache, daß die Erzählung eine »historischen« wie »nichthisto­
rischen« Kulturen gemeinsame Diskursform ist und im mythischen
wie im fiktionalen Diskurs überwiegt, macht sie als Form des Spre­
chens über »reale« Ereignisse verdächtig. Die nichtnarrative Sprech­
weise, wie sie in der Physik üblich ist, scheint der Darstellung »realer«
Ereignisse angemessener. Dabei aber ist die Vorstellung von dem, was
ein »reales« Ereignis ist, nicht von der Unterscheidung zwischen
76

"wahr« und »falsch« abhängig (denn dies ist eine Unterscheidung, die
zur Ordnung der Diskurse und nicht zur Ordnung der Ereignisse
gehört), sondern eher von der Differenzierung zwischen »real« und
»imaginär« (die sowohl zur Ordnung der Ereignisse als auch zur Ord­
nung der Diskurse gehört). Man kann einen imaginären Diskurs über
reales Geschehen führen, der, obschon er "imaginär« ist, deshalb .
weniger »wahr« zu sein braucht. Alles hängt davon ab, wie man das
Wirken der menschlichen Imaginationsfähigkeit interpretiert.
Gleiches gilt auch für narrative Darstellungen von Realität, insbeson­
dere dann, wenn es sich, wie in historischen Diskursen, um Darstel­
lungen der »menschlichen Vergangenheit« handelt. Wie denn sonst
ließe sich eine »Vergangenheit«, die per definitionem aus als nicht
wahrnehmbar geltenden Ereignissen, Prozessen, Strukturen und
so weiter besteht, entweder im Bewußtsein oder im Diskurs darstel­
len, wenn nicht durch die »Imagination«? Impliziert nicht das Pro­
blem der Erzählung in allen historischen Theoriediskussionen letztlich
immer auch die Frage nach der Rolle der Imagination bei der Herstel­
lung einer spezifisch menschlichen Wahrheit?

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