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White Die Bedeutung der Narrativität.pdf


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erzählten Ereignisse unablässig durch Sinn«. Daraus ließe sich folgern,
daß das Fehlen des narrativen Vermögens oder die Zurückweisung der
Erzählung auf das Fehlen oder die Zurückweisung von Sinn selbst
verweist.

Welcherart aber ist dieser fehlende oder zurückgewiesene Sinn? Das

Los der Erzählung in der Geschichte der Historiographie vermittelt
Einblick in diese Frage. Historiker sind nicht verpflichtet, ihre Wahr­
heiten über die reale Welt in "narrativer Form zu berichten. Sie können
andere, nichtnarrative oder sogar antinarrative Darstellungsweisen
wählen, so etwa Meditation, Anatomie oder Epitome. Tocqueville,
Burckhardt, Huizinga und Braudel, um nur die bedeutendsten Mei­
ster der modernen Historiographie zu erwähnen, lehnten die Er­
zählung für bestimmte historiographische Werke ab, wohl aus der
Annahme, daß der Sinn der zu behandelnden Ereignisse nicht in nar­
rativer Form darstellbar sei. 3 Sie weigerten sich, über die Vergangen­
heit eine Geschichte zu erzählen oder besser: sie erzählten keine Ge­
schichte mit Anfang, Mitte und Schluß; sie stülpten den Prozessen,
auf die sie sich konzentrierten, nicht die Form über, die wir normaler­
weise mit Geschichtenerzählen assoziieren. Ihre Darstellungen der
Wirklichkeit, die sie in oder hinter der von ihnen untersuchten Evi­
denz erkannten oder zu erkennen glaubten, beschrieben zwar (narra­
ted), sie erzählten (narrativized) diese Realität jedoch nicht, indem sie
ihr die Form einer Geschichte auferlegten. Ihr Beispiel erlaubt uns,
zwischen einem historischen Diskurs, der beschreibt (narrated), und
einem Diskurs, der erzählt (narrativizes), zu unterscheiden - zwi­
schen einem Diskurs also, der offen eine Perspektive auf die darge­
stellte Welt riChtet und über sie berichtet, und einem Diskurs, der so
tut, als lasse er die Welt für sich selbst sprechen, und zwar in der Form
einer Geschichte.
Der Gedanke, die Erzählung sei weniger als Darstellungsform denn
als Redeweise über Ereignisse, ob real oder imaginär, zu verstehen,
wurde jüngst im Zusammenhang mit der Diskussion des Verhältnisses
von Diskurs und Erzählung entwickelt. Entstanden in der Nachfolge
des Strukturalismus, wird diese Diskussion heute insbesondere mit
den Arbeiten Jakobsans, Benvenistes, Genettes, Todorovs und Bar­
thes' in Verbindung gebracht. Die Erzählung wird hierbei als Form
der Rede gefaßt, die, wie Genette es formulierte, charakterisiert ist
»durch eine bestimmte Zahl von Ausschlüssen und Restriktionsbedin­
gungen«, wie sie die »offenere« Form des Diskurses dem Sprecher
nicht auferlegt. 4 Laut Genette zeigte Benveniste, daß
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»[... ] bestimmte grammatische Formen wie etwa das Pronomen >ich, (und sein
impliziter Bezug >du<), die Pronominal->Indikatoren< (bestimmte Demonstra­
tivpronomen), die Adverbial->Indikatoren< (z. B. >hier<, >jetzt<, 'gestern<,
,heute<, ,morgen< etc.) und - zumindest im Französischen bestimmte Tem­
pora des Verbs wie Präsens, Perfekt und Futur auf den Diskurs beschränkt
sind, wohingegen die Erzählung im strengsten Sinne durch den ausschließ­
lichen Gebrauch der dritten Person und solcher Formen wie Präteritum und
Plusquamp,erfekt charakterisiert ist. ,,5

Diese Unterscheidung zwischen Diskurs und Erzählung beruht natür­
lich ausschließlich auf einer Analyse der grammatikalischen Merkmale
zweier Diskursformen, bei denen die ,>Objektivität« der einen und die
»Subjektivität« der anderen primär aufgrund einer »sprachlichen Kri­
terienordnung« zu bestimmen sind. Die »Subjektivität« des Diskurses
ist durch die explizite oder implizite Gegenwart eines }>Ich« gegeben,
das »nur als die Person, die den Diskurs trägt«, definiert werden kann.
Im Gegensatz dazu ist die »Objektivität der Erzählung durch das
Fehlen jeglicher Bezugnahme auf den Erzähler definiert«. Wir können
folglich mit Benveniste sagen, daß es im erzählenden (narrativizing)
Diskurs »[...] tatsächlich keinen ,Erzähler< mehr gibt. Die Ereignisse
werden chronologisch in der Reihenfolge ihres Auftauehens am Hori­
zont der Geschichte berichtet. Es gibt keinen Sprecher. Die Ereignisse
scheinen sich selbst zu erzählen«. 6
Was also impliziert die Produktion eines Diskurses, bei dem »die
Ereignisse sich selbst zu erzählen scheinen«, speziell dann, wenn es
sich um solche Ereignisse handelt, die explizit eher als real denn als
imaginär identifiziert werden wie im Falle historischer Darstellun­
gen?7 Bei fiktionalen Diskursen, die offenkundig von imaginären Er­
eignissen handeln, ist diese Frage leicht zu beantworten. Denn warum
sollten imaginäre Ereignisse nicht so dargestellt werden, als »sprächen
sie für sich selbst«? Warum sollten im Reich des Imaginären nicht
selbst noch die Steine für sich selbst sprechen - wie die Memnonsäule,
wenn sie von den Strahlen der Sonne gestreift wurde? Reale Ereignisse
aber sollten sich nicht äußern, sollten nicht für sich selbst sprechen.
Reale Ereignisse sollten einfach dasein; mit vollem Recht können sie
als Referenten eines Diskurses fungieren, man kann über sie reden,
aber sie sollten nicht als Gegenstand einer Erzählung auftreten. Die
Tatsache, daß der historische Diskurs recht spät erfunden worden ist,
und die Schwierigkeit, ihn in Zeiten des kulturellen Zusammenbruchs
aufrechtzuerhalten (wie im frühen Mittelalter), verdeutlichen die
Künstlichkeit der Vorstellung, daß reale Ereignisse »für sich selbst
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