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2 | LEBENSART

KLEINE ZEITUNG
SONNTAG, 24. JUNI 2012

PORTRÄT | 3

KLEINE ZEITUNG
SONNTAG, 24. JUNI 2012

DAS PORTRÄT AM SONNTAG
Er hat dreitausend Paare analysiert, Beziehungsmeister
und Beziehungsversager. Und er konnte, sagt John
Gottman, einer der berühmtesten Paartherapeuten der
Welt, in 90 Prozent vorhersagen, ob eine Ehe hält. Ein
Wissenschafter, der selbst vorlebt, wie es funktioniert.

ZUR PERSON
John Gottman, geboren 1942,
lehrte als Professor für
Psychologie an der
Universität von Washington.
Veröffentlichungen: „Lass
uns glücklich sein“, „Die 7
Geheimnisse der glücklichen
Ehe“. Auf Einladung der
Akademie für Jugend und
Familie referierte er mit
seiner Frau Julie Schwartz
in Graz.

„Julie, Schatz,
wie geht
es dir?“
E

in Mann steht am Fenster
und meint: „Was für ein schöner Tag.“ Seine Frau sitzt hinter ihm am Frühstückstisch,
blickt nicht auf, isst weiter. Eine
von Tausenden Szenen, die John
Gottman in seinem Ehelabor in
Washington aufgenommen hat.
Eine jener Szenen, die er soeben
auch bei einem Vortrag in Graz
zeigte. Als Beispiel für Ehen, in
denen sich Gleichgültigkeit wie
ein Tumor mit Metastasenbildung breitgemacht hat.
Mit einer Semmel in der Hand
kommt John Gottman, jener
Mann, der vier Jahrzehnte lang in
den USA dreitausend Paare
beobachtet und therapiert hat,
aus dem Frühstücksraum des
Schlossberghotels in Graz, setzt
sich neben seine Frau, die Psychologin und Co-Autorin vieler
seiner Bücher, Julie SchwartzGottman. In 37 Büchern hat er
über seine Erkenntnisse über das
Gelingen und Scheitern von Beziehungen geschrieben. Liebevoll schaut er seine Frau an und
fragt: „Alles in Ordnung, Julie?“
Als ob der Meister der Beziehung
dem Besucher gleich zu Beginn
klarmachen will, worauf eine er-

CARINA KERSCHBAUMER

folgreiche Beziehung basiert. „In
allen Ehen, die erfolgreich sind“,
sagt er, „haben wir beobachtet,
dass sie sich in einer Situation, in
der er sagt ‚Was für schönes Wetter‘, ihm zuwenden und sagen
wird: ‚Ja, wunderschön.‘ Oder:
‚Wäre schön, zu wandern.‘“
Was das Geheimnis seiner Ehe
ausmacht? Er kaut an seiner Semmel und erzählt, dass seine Frau
anfangs enorm beschäftigt war
und er sie gefragt habe, was mit
ihr los sei, was falsch laufe. Sie hat
ihm wie immer ihre Hand gegeben, die er aber nicht wollte. Er
ist dann ins Labor gegangen und
hat bei Beziehungsmeistern beobachtet, wie sie agieren.
Schließlich startete er einen neuen Anlauf und sagte: „Julie, ich
vermisse dich, ich brauche mehr
von dir. Als wir das letzte Mal geredet haben, war das einfach

schön.“ Das habe, erzählt er lächelnd, funktioniert. „Statt
dass ich mit dem Finger auf sie
gezeigt habe und ihr vorwarf,
dass mit ihr etwas nicht stimme,
habe ich auf mich gezeigt.“
In neunzig Prozent der Fälle
hat er bisher vorausgesagt, ob
eine Ehe hält oder nicht. Was ihn
so sicher macht? Er wirft wieder
einen liebevollen Blick zu seiner
Frau und erklärt, dass er dies von
der Art, wie Paare streiten, erkennen kann. „Alle Paare streiten, es
geht aber darum, wie sie streiten,
ob mit Respekt oder Verachtung,
ob ein Streit sofort negativ, anklagend beginnt. Erfolgreiche Paare
streiten, ohne dabei den Respekt
für den anderen zu verlieren.“

Freundschaft
Was er selbst sich in seiner Ehe
erhalten hat, ist tiefe Freundschaft. „Dazu gehört gegenseitiger Respekt, sich einander zuzuwenden und vor allem die Zuneigung und Bewunderung füreinander zu pflegen. Beides ist
schnell gefährdet, wenn man sich
nicht bewusst macht, dass sie der
Kern jeder guten Ehe sind.“
Er selbst hat sich über seine

Für John Gottman
besteht eine
erfolgreiche Ehe
aus vielen
Puzzlesteinen wie
Zuwendung,
Respekt,
Wertschätzung



65 Prozent der
Probleme in einer
Ehe sind nicht lösbar.
Es gibt unüberwindbare Konflikte.

iner Frau Julie

John Gottman mit se

Frau eine Landkarte mit ihren
Hoffnungen, Wünschen, Zielen
angefertigt. Bei unglücklichen
Paaren, sagt er, sei diese Landkarte ein leerer Fleck. Weil sie irgendwann aufhören würden, zu
reden, Anteil zu nehmen am anderen. „Das ist der Grund, warum
wir als Erstes einem Paar Fragebögen über sich und den Partner
in die Hand drücken. Viele sind
überrascht, wie wenig sie vom
anderen, seinen Wünschen,
Sehnsüchten wissen.“
Überrascht sind auch viele,
wenn sie erkennen, wie stark
kleine Gesten wirken. „Bei allen
erfolgreichen Paaren haben wir
beobachtet, dass sie tagein, tagaus Wertschätzung für den anderen ausdrückten, vor allem in
kleinen Dingen. Da sagt der eine:

‚Danke, dass du eingekauft hast.‘
Das sind kleine, aber extrem
wichtige Gesten, die dazu führen,
dass auf dem emotionalen Konto
insgesamt die positiven Gefühle
überwiegen werden.“

Apokalyptische Reiter
Manchen Paaren sagt er es auch
direkter: „Zwei Wochen Bahamas oder ein toller Schmuck zum
Geburtstag bringen nichts, wenn
die Festigkeit einer Beziehung
nicht durch tägliche Wertschätzung aufgebaut wird.“ Er macht
eine kurze Pause und fragt: „Julie,
Darling, wie geht es dir?“
Zuwendung ist für Gottman eines der großen Geheimnisse einer guten Ehe. Was er bei Beziehungsversagern festgestellt hat?
„In solchen Beziehungen galoppieren die apokalyptischen Reiter, wie ich sie nenne, frei he-



rum.“ Zu diesen zählt er Kritik
mit Verurteilung und Schuldzuweisungen, Rechtfertigung, Verachtung und Mauern, wenn sich
einer zurückzieht. „Diese Reiter
können tödlich sein. Der gefährlichste ist die Verachtung, ob in
Form von Zynismus oder Geringschätzung. Er vergiftet eine Beziehung.“ Julie Schwartz-Gottman legt ihre Hand auf seinen
Arm und unterbricht: „Wesentlich ist, ob die positiven oder negativen Gefühle überwiegen.
Paare, bei denen die negativen
überwiegen, können auch die positiven nicht mehr wahrnehmen.
Es wird alles negativ. Da sagt eine
Frau: ‚Man soll den Kühlschrank
nicht zu hoch einstellen.‘ Ihr
Mann empfindet das als Angriff
und kontert: ‚Wer hat die Gebrauchsanweisung gelesen? Sag
mir nicht, was ich tun soll.‘“

Ein Paar mit einer derart feindseligen Kommunikation, sagt sie,
gehöre in die Therapie. „Denn sie
dorthin zurückzubringen, wo sie
vielleicht einmal waren, ist, wie
wenn sie in einem Wildwasser
rückwärts paddeln müssten.“
Solchen Paaren lehrt Gottman
zunächst, sich wieder über den
Beginn ihrer Beziehung, über Positives zu unterhalten. Welchen
Schluss er nach der Beobachtung
Tausender streitender Paare gezogen hat? „Dass es nie darum
geht, ob der Rasen gemäht ist, der
WC-Deckel heruntergeklappt ist
oder nicht. Dahinter stehen tiefere Themen, die den Konflikt über
den WC-Deckel verletzender
machen, als er sonst wäre.“
Nach 40 Jahren Forschung hat
Gottman aber ohnehin erkennen
müssen, dass 65 Prozent der Konflikte in einer Ehe nicht lösbar
sind. „Der Großteil der Paare hat
sich nach vier Jahren noch über
die gleichen Themen gestritten.
Der Grund ist meist Uneinigkeit
über Lebensstil, Werte. Wenn
man darüber streitet, bringt das
nichts. Es gefährdet nur die Ehe.
Auch wenn viele Therapeuten
anderes sagen: Damit eine Ehe



CORIBS

Viele Paare sind
überrascht, wie wenig
sie über die Wünsche
und Sehnsüchte ihres
Partners wissen.



funktioniert, müssen Paare nicht
ihre wichtigsten Probleme lösen.
Unüberwindbare Konflikte werden ein ständiges Thema in einer
Ehe sein. Erfolgreiche Paare lernen aber, damit zu leben und darüber zu reden ohne sich zu verletzen.“
Zwischendurch wird er gefragt, warum trotz der vielen Ratgeber so viele Paare scheitern.
Viele seien, antwortet er, gegenüber Ratschlägen sehr aufgeschlossen. Er macht eine kurze
Pause und fügt lächelnd hinzu:
„Aber dann ignorieren sie sie in
ihrem Alltag.“
Was bei ihm selbst selten vorgekommen sein dürfte. Er schaut
seine Frau an, sie nickt bestätigend und meint stolz und anerkennend wie im Lehrbuch: „Jetzt
wissen Sie, warum ich diesen
Mann geheiratet habe.“


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