Infos und Adressen rund ums Autismus Spektrum.pdf


Preview of PDF document infos-und-adressen-rund-ums-autismus-spektrum.pdf

Page 1 2 3 456181

Text preview


Weiterhin gibt es Anlaufstellen, wo man zwar
prinzipiell die nötige Fachkompetenz besitzen
könnte, aber dennoch willkürlich „quer durch den
psychiatrischen Gemüsegarten“ diagnostiziert.
Dies geschieht beispielsweise dann, wenn eine
Fachkraft eigene (wissenschaftlich nicht haltbare)
Diagnosekriterien erfindet oder auf persönlicher
Ebene den Betreffenden bzw. dessen Eltern nicht
mag. Über die Behandlung wird das oft auch
(unbeabsichtigt) zum Ausdruck gebracht. Ferner
gibt es Fachkräfte, die ein ernstes Problem mit
mündigen, informierten und/oder charakterstarken Patienten haben. Man darf an dieser Stelle
nicht vergessen, dass auch Fachkräfte – egal
was sie studiert haben oder wie viel Erfahrung sie
haben mögen – nur Menschen sind und genau
die gleichen Stärken und Schwächen haben wie
jeder andere Mensch auch. Bei bestehender Antipathie ist es ratsam, umgehend die Fachkraft zu
wechseln, denn in so einem Fall ist die Wahrscheinlichkeit für Fehldiagnosen und unzutreffende Therapiemaßnahmen stark erhöht.

Um nicht zu einseitig zu berichten, soll an dieser
Stelle auch eine sprichwörtliche Lanze für die
Fachkräfte gebrochen werden. Vor allem durch
die Gesundheitsreformen und fortschreitende
Privatisierung werden die Arbeitsbedingungen für
jene, die eigentlich zum Wohle des Patienten da
sind, immer schlechter. Die Arbeitszeiten sind
lang und finden teils im vollkontinuierlichen Betrieb statt. Die Arbeit selbst ist aufgrund wirtschafts-orientierten Personalmangels so dicht
gedrängt, dass kaum Zeit für Pausen bleibt. Und
als wäre das noch nicht genug, wird auch die
Bezahlung immer schlechter. Dadurch leiden
nicht nur die Fachkräfte, sondern auch deren
Patienten, weil kaum mehr Zeit mit dem einzelnen
verbracht werden kann. Dazu kommt die stetig
zunehmende Bürokratie, also die Schreibarbeit
pro Arbeitsschritt und Patientengespräch. Dieser
Aspekt sollte ebenso bedacht werden wie der
eigene Standpunkt, eine zutreffende Diagnose
und Behandlung zu bekommen. Verständnis
muss auf beiden Seiten stattfinden.

Nicht zuletzt gibt es auch noch Fachkräfte, die
nach irgendwelchen „Rain Man“-Klischees diagnostizieren und sich ihres mangelnden Wissens
nicht einmal bewusst sind. Auch dort entstehen
aufgrund der viel zu engen Autismus-Definition
hauptsächlich falsch-negative Diagnosen, die
weitere Untersuchungen erschweren können. –
„Rain Man“ ist ein Film von 1988 mit Dustin Hoffman und Tom Cruise. Das Vorbild für die Hauptfigur, die als Autist bekannt wurde, war der im
Jahre 2009 verstorbene Amerikaner Kim Peek,
der jedoch in erster Linie ein sogenannter Savant,
also ein Inselbegabter war. Aus der Bekanntheit
dieses Films resultieren auch eine ganze Reihe
gängiger Vorurteile: So gibt es außerhalb Hollywoods auch autistische Menschen, die anderen
in die Augen schauen, Berührungen zulassen,
kreativ sind, Phantasie haben, Witze und Redewendungen verstehen, Bilder malen können,
Kontakt zu anderen suchen, Freunde haben wollen, sich gut anpassen können, bisweilen herzhaft
lachen, Empathie oder Freude empfinden, Mimik
und Gestik einsetzen, kuscheln wollen, ihr Abitur
machen, studieren gehen, höhere Berufsziele
erreichen, heiraten, eine Familie gründen, etc.
etc. etc. – Autisten sind genauso vielfältig wie
„normale“ Menschen und neben denjenigen Ausprägungen, die viele als „typisch“ bezeichnen
würden, gibt es auch solche, die – und das ist ein
großer Anteil – für Außenstehende nicht unmittelbar als Autisten erkennbar sind. Man darf nicht
den Fehler machen, ein „Spricht dafür“-Kriterium
bei Nichterfüllung zum Ausschlusskriterium umzudeuten. Das wäre falsch und entspräche nicht
der Leitlinie zur Diagnostizierung einer autistischen Störung.

An dieser Stelle sei noch einmal deutlich gemacht, dass dieser Text nicht das Ziel verfolgt,
die Fachwelt in ein schlechtes Licht zu rücken
oder unbedingt irgendwelche Autismus-Diagnosen
zu erzwingen. Vielmehr soll dem Leser bewusst
gemacht werden, dass man aus den zuvor genannten Gründen nicht unvorbereitet sein sollte
und sich nicht blind auf die erstbeste Fachkraft
verlassen darf. Es gibt auch eine ganze Reihe
guter Fachleute, denen man vertrauen kann, aber
diese müssen zunächst ausfindig gemacht werden. Bis dahin ist es wichtig, sich selbst zu vertrauen und Fachkräfte gezielt auszuwählen oder
sich im Falle eines Fehlgriffs umgehend nach
jemand anderem umzusehen, bevor unzutreffende Diagnosen problematisch werden können.

Quelle und Kontakt: http://www.rehakids.de/phpBB2/ftopic44453.html

Zwischen Anspruch und Realität liegen zuweilen
Welten und die nachfolgende Sammlung an Erfahrungsberichten soll dem Leser einen Anhaltspunkt geben, wo er mit was rechnen darf oder
auch nicht. Ferner sollte man beim Lesen der
Erfahrungsberichte beachten, dass erst mehrere
positive oder negative Beschreibungen über einen bestimmten Zeitraum Rückschlüsse zulassen, wie gut oder schlecht eine Anlaufstelle wirklich ist. Einzelerfahrungen können auch Zufall
gewesen sein und auf günstigen oder ungünstigen Rahmenbedingungen basieren.

Stand: 01.07.2012

Seite 4 / 181