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nsu prozess special forces in heilbronn stand ende okt 13 .pdf


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Special Forces in Heilbronn
Immer klarer wird, dass der Nationalsozialistische Untergrund (NSU)
nicht an der Ermordung der Polizistin M ichèle Kiesewetter beteiligt
war. Vielmehr wurden in Tatortnähe über ein Dutzend Geheimagenten
registriert - darunter auch US-Amerikaner.

War der Täter, dem
das Phantombild
Nummer 8 gleicht
ein V-Mann der
Polizei?

Staatliche Schlapphüte waren auch
am Tattag in Heilbronn vor Ort.
Foto: Günter Havlena, pixelio

Eines der größten Rätsel in der NSU-Affäre ist
der Mord, dem am 25. April 2007 die Polizeimeisterin
Michèle Kiesewetter in Heilbronn zum Opfer gefallen
ist. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass das
Zwickauer NSU-Trio die Tat ganz alleine durchgeführt
hat, «ohne Mithilfe ortskundiger Dritter». Doch war­
um sollten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos von
Zwickau aus 400 Kilometer ins Schwabenland gefah­
ren sein, um eine Polizistin zu töten? Wie konnten sie
wissen, dass Frau Kiesewetter am Nachmittag auf
der Theresienwiese Dienst tat, wo sie doch nur ver­
tretungsweise eingesprungen war? Mittlerweile hat
die Lokalpresse sämtliche Phantombilder veröffent­
licht, die Zeugen nach der Bluttat mit Hilfe von Polizei­
experten gezeichnet haben, insgesamt 14 an der Zahl.
Kein einziges davon ähnelt auch nur im entferntesten
den beiden NSU-Uwes.
Etwas Licht ins Dunkel dieser Tat kam am 1. De­
zember 2011, als der Stern ein Aufsehen erregendes
Dokument des US-amerikanischen Militärgeheim­

dienstes DIA veröffentlichte. Das DIA-Observationsprotokoll wurde vom «Special Investigation Team
Stuttgart» erstellt, das an jenem 25. April 2007 in
Heilbronn war. Die Agenten beobachteten einige
Zielpersonen, die sich zur Theresienwiese bewegten,
wo die Observation endete, als es zu einer Schießerei
kam - dem Mord an Michèle Kiesewettter. Im eng­
lischen Original ist die Rede von einem «Shooting
incident involving BW OPS Officer with right wing
operatives and regular police patrol on the scene».
In den Schusswechsel waren demnach drei Parteien
involviert: «regular police patrol», also die reguläre
Polizeistreife, bestehend aus Michèle Kiesewetter
und einem Kollegen; «BW 0 P Í officer», also ein «ba­
den-württembergischer Einsatzbeamter», vermutlich
von einer Landesbehörde wie dem Verfassungsschutz
oder dem LKA; «right wing operatives», vom Stern als
«Rechtsextreme» übersetzt.

Fünf V-Leute vor Ort
In der Folge hat das Landesamt für Verfassungs­
schutz (LfV) in Stuttgart dementiert, dass einer seiner
Beamten («BW OPS officer») vor Ort war. Doch dank
der Recherchen der Online-Zeitung Kontext, die Zu­
gang zu den Ermittlungsakten hat, ist diese Ausrede
mittlerweile fadenscheinig geworden. Demnach trie-

ben sich nicht weniger als fünf V-Leute verschiedener
deutscher Behörden am Tatort oder zumindest in Heil­
bronn herum:
■ Ein Zeuge, der bei der Polizeidirektion Heilbronn
als «V-Person 1749» geführt wird, will kurz nach den
tödlichen Schüssen einen blutverschmierten Mann ge­
sehen haben. Der Zeuge meldete sich am selben Tag
bei der Polizei, mit seiner Hilfe wurde das Phantombild
Nummer 9 erstellt.

Der tote Zeuge hatte Erkenntnisse
über eine zweite rechtsradikale Un­
tergrundstruktur neben dem NSU,
die Neoschutzstaffel N55.
■ Daneben waren zwei weitere V-Personen der Heilbronner Polizei zeitlich und räumlich in der Nähe. «Laut
den Ermittlungsunterlagen machten sie unabhängig
voneinander ähnliche Angaben zu möglichen Tätern,
die im Bereich der "organisierten Kriminalität" (OK) zu
suchen waren. Wo sich die V-Leute am Tag des An­
schlags genau aufhielten, ist unklar», fasst KontextAutor Thomas Moser zusammen.
■ Vor dem Untersuchungsausschuss des Bundesta­
ges bestätigte der frühere LfV-Präsident Johannes
Schmalzl 2012, dass sich einer seiner Beamten am
Tattag gegen 15 Uhr von Stuttgart aus auf den Weg
nach Heilbronn gemacht hat.
■ Besonders interessant ist ein Hinweis, den Kontext
«aus dem Umfeld» des baden-württembergischen
Verfassungsschutzes bekommen hat. Demnach saß
ein früherer V-Mann des LfV etwa eine Stunde vor
dem Anschlag mit drei anderen Männern am Rand

des Festplatzes Theresienwiese im Gras. Besonders
elektrisierend: Dieser Ex-Spitzel sieht dem PhantomBild Nummer 8 ähnlich. War ein VerfassungsschutzKonfident einer der Mörder?
Um dieses «Phantom Nummer 8» ranken sich im
Internet weitere Spekulationen. Plausibel werden sie,
weil sie von Leuten mit Insiderkenntnissen vorgebracht
werden: Von Alexander Gronbach, einem früheren
Söldner-Werber, und seiner Freundin Petra Senghaas,
die als V-Frau Krokus für den Verfassungsschutz die
Heilbronner Nazi-Szene ausspionierte. Ihre Aussage
vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundesta­
ges wurde von den baden-württembergischen Behör­
den so lange hinausgezögert, dass sie fast nicht mehr
zustande gekommen wäre. Kein Wunder: Senghaas
und Gronbach widersprechen der Bundesanwaltschaft
darin, dass das NSU-Trio für den Mord an Michèle Kie­
sewetter verantwortlich sei, und sehen regionale NaziGrößen als Schuldige der Bluttat. Zu den wichtigsten
Figuren in diesem Zusammenhang gehört Alexander
Neidlein, der es im NPD-Jugendverband bis zum stell­
vertretenden Bundesvorsitzenden brachte und derzeit
NPD-Landesgeschäftsführer ist. Er kämpfte Anfang der
1990er Jahre für die faschistisch-kroatische HOS-Miliz
in Bosnien, hatte Kontakt zum Ku-Klux-Klan in Südaf­
rika und saß dort wegen zweifachen Mordversuchs an
Polizeibeamten in Auslieferungshaft. Antifaschisten
wollen Neidlein im Phantombild Nummer 8 wieder­
erkannt haben, Rechtsradikale widersprechen ihnen.
Vergessen wir nicht: Sowohl Neidlein als auch ein VMann sollen dem Phantom Nummer 8 gleichen. Steht
der Nazi auf der Gehaltsliste des Verfassungsschut­
zes? Aktenkundig ist jedenfalls, dass er Kontakte mit
anderen Rechtsradikalen hatte, die vom Geheimdienst
Geld bekamen: Etwa mit Thomas Richter (Deckname
«Corelli»), dem Chef des schwäbischen Ku-Klux-Klans,
oder mit Jan Werner, der von derselben Rufnummer
des sächsischen Innenministeriums angerufen wur­
de, die auch bei der auf der Flucht befindlichen Beate
Zschäpe durchklingeln ließ.

Dies sind alle zunächst unterschla­
gen Phantombilder, die Zeugen nach
dem Mord an Michèle Kiesewetter
zeichnen ließen. Offensichtlich
sind nicht alle Zeugenaussagen
ernst zu nehmen: Bild Nummer 9
ähnelt zum Beispiel Wladimir Putin.
Bild Nummer 3 könnte «V-Person
1749» der Heilbronner Polizei zeigen,
Bild Nummer 8 den NPD-Funktionär
Alexander Ne id le in und/oder einen
V-Mann; Bild Nummer 14 geht auf
Angaben von Martin Arnold zurück,
dem Kollegen Kiesewetters, der bei
dem Anschlag schwer verletzt wur­
de. Foto: kontextwochenzeitung.de

M itglieder des NSU-Untersuchungsausschusses präsentieren am
22. August 2013 ihren Abschluss­
bericht. Der Ausschuss sollte
«einen Beitrag zur gründlichen und
zügigen Aufklärung der Taten der
"Terrorgruppe Nationalsozialisti­
scher Untergrund" leisten». Foto:
Rainer Jensen

Mutter bezweifelt die Selbstmordthese. «Er hatte so
viele Träume, Wünsche und Ziele. Wer ihn gekannt
hat, geht nicht von einem Suizid aus», schrieb Heike
Heilig in einem Internet-Forum.

Die Rolle der Amerikaner
Während die mögliche Verwicklung bundesdeut­
scher Dienste, von den Leitmedien verschwiegen,
immerhin von linken Journalisten im Online-Portal
Kontext oder in der Tageszeitung Junge Welt darge­
stellt wird, gehört die Rolle ausländischer Agenten an
jenem schicksalhaften 25. April 2007 zu den großen
Tabus, denen sich alle unterwerfen. Das Tabu wird
geschützt durch die Behauptung US-amerikanischer
wie deutscher Regierungsstellen, das vom Stern ver­
öffentlichte DIA-Protokoll des Heilbronner Polizisten­
mordes sei eine Fälschung, es sei also kein Team des
US-Militärgeheimdienstes \^or Ort gewesen.

Der angebliche Selbstmord von
Florian H. bleibt rätselhaft. Sein
Auto war erst explodiert und hatte
danach Feuer gefangen - eine
höchst ungewöhnliche Reihenfolge.
Foto: Youtube

Der angeblich
falsche Observa­
tionsbericht des
US-Militärgeheimdienstes DIA führte
zu hektischen
Aktivitäten bei
MAD, BND und im
Bundeskanzleramt.
©

Zeugenbeseitigung
Gronbach und Senghaas gehen jedenfalls davon
aus, dass es neben dem NSU eine zweite UntergrundStruktur im Raum Heilbronn gab, der Neidlein und
seine Kumpane angehörten. Von elektrisierender Ak­
tualität ist dieser Hinweis, weil ein wichtiger Zeuge
für diese Spur vor kurzem zu Tode kam. Im Abschluss­
bericht des Bundestags-Untersuchungsausschusses
zum NSU ist auf Seite 464 zu lesen, dass der damals
19-jährige Florian Heilig bei seiner ersten Verneh­
mung im Januar 2012 Hinweise geliefert habe, «wo­
nach es in Deutschland neben dem NSU als "zweite
radikalste Gruppe" die Neoschutzstaffel (NSS) gebe.
NSU und NSS hätten sich - Datum unbekannt - zu ei­
ner gemeinsamen Veranstaltung in Öhringen (BadenWürttemberg) getroffen».
Florian Heilig war am 16. September 2013 zu einer
zweiten Vernehmung in das Stuttgarter Landeskrimi­
nalamt vorgeladen. Er fuhr eigens 50 Kilometer von
seinem Wohnort in die schwäbische Metropole, kam
aber nie in der Dienststelle an. Als er in der Nähe des
Cannstatter Wasens - nur etwa eineinhalb Kilometer
vom LKA entfernt - einen Zwischenstopp machte und
dann wieder in sein Auto einstieg, explodierte dieses
und brannte völlig aus. Die Behörden gingen sofort
von Selbstmord aus, angeblich hatte der junge Mann
Liebeskummer. Aber warum hat er sich dann nicht
zu Hause umgebracht, sondern sich auf den Weg zur
Vernehmung gemacht? Und warum fand man keinen
Abschiedsbrief? Und warum bringt sich einer auf die
denkbar umständlichste und schmerzhafteste Weise
um, anstatt von der Brücke zu springen, Gift zu neh­
men oder sich zu erschießen? Und warum ist das Auto
zuerst explodiert und hat dann Feuer gefangen? Die

Dabei wurde die Tatortnähe zumindest eines USAgenten auch im NSU-Untersuchungsauschuss des
Bundestages bestätigt. In dessen Abschlussbericht
heißt es auf Seite 660: «Durch eine mobile Geschwin­
digkeitsüberwachungsanlage auf der Bundesauto­
bahn A6 wurde am 25. April 2007 um 13.05 Uhr ein
BMW, Modellreihe 3, im Bereich Heilbronn festge­
stellt. Im Zuge der Ermittlungen wurde bekannt, dass
dieses Kennzeichen für die US-amerikanische Zulas­
sungsstelle ausgegeben wurde. Auf eine Anfrage des
BKA vom 3. Januar 2012 teilte die US-amerikanische
Botschaft/Military Liaison Office in Berlin mit, dass das
o. g. Kennzeichen auf eine Person registriert war, die
am 31. August 2009 aus der US-Armee ausgeschie­
den und derzeit in Dunedin/Florida wohnhaft sei.»
Was nicht im Bundestagsbericht steht: Gleich neben
diesem beschaulichen Strandörtchen Dunedin befin­
det sich in Tampa/Florida das Hauptquartier SOCOM
der Spezialeinheiten der US-Army. Aus BKA-Unterlagen soll hervorgehen, so die Zeitschrift The Germans,
dass der BMW-Fahrer, der US-Elitesoldat H., der in
Böblingen stationierten Special-Forces-Group ange­
hörte, die sich der Bekämpfung des islamistischen
Terrorismus widmet.
Weitere Hinweise auf die Rolle von US-Agenten
am Mordtag kamen von einem damaligen Ermittler
in der Spionageabwehr der 66. Military Intelligence
Hanau. Er berichtete gegenüber den deutschen Behör­
den, er habe «ein Gespräch von zwei US-amerikani­
schen Soldaten mitgehört, die sich über eine beinahe
missglückte Observation der Military Intelligence am
Tage des Schusswechsels in Heilbronn unterhalten
hätten».
Er benannte gegenüber den Ermittlern zwei leiten­
de US-Geheimdienstler als Auskunftspersonen. Die
behaupteten wenig überraschend bei der Befragung,
von nichts zu wissen und schwärzten gleich den Tipp-

geber an, der sich wegen eines Disziplinarverfahrens
habe rächen wollen. Doch das Verfahren war 2006
gewesen, und den Tipp hatte er Ende 2011 gegeben.
Warum hätte er, um sich an seinem Arbeitgeber zu
rächen, fünf Jahre warten sollen?

Ein Mitarbeiter der US-Special
Forces Group in Böblingen wurde
am Tattag auf der Autobahn bei
Heilbronn geblitzt.

Im Übrigen, so die US-Geheimdienstler, sei das
angebliche DIA-Observationsprotokoll «voller forma­
ler und grammatikalischer Fehler» und «könne nur
von einem Deutschen geschrieben worden sein». Da
aber haben die US-Agenten ein Eigentor geschossen,
denn im selben Verhör hatten sie dagegen, dass von
ihrer Behörde «Observationen in Deutschland immer
nur durch Deutsche durchgeführt worden seien». Das
würde die formalen Fehler in dem Dokument erklären.
Die Behauptung, der DIA-Bericht sei eine Fäl­
schung, wird jedenfalls schon durch die hektischen
Aktivitäten auf höchster Ebene dementiert, die seine
Veröffentlichung ausgelöst hat. Bereits am 2. Dezem­
ber 2011, einen Tag nach Erscheinen der entsprechen­
den Ausgabe des Stern, gab es einen Anruf eines
Journalisten umlagern den Auftakt des NSU-Prozesses im Frühjahr
2013. Foto: Public Domain

Verbindungsbeamten der «Koordinierungsstelle der
US-Geheimdienste in Süddeutschland» beim MAD in
der Stuttgarter Theodor-Heuss-Kaserne. «Er bitte den
deutschen Militärgeheimdienst, ihm eine Kontaktper­
son zu vermitteln, mit der er über den Polizistenmord
sprechen könne», berichtete das Magazin The Ger­
mans mit Verweis auf interne Akten.
Der Präsident des MAD, Karl-Heinz Brüsselbach,
stellte den selben Vorgang andersherum dar - nicht
die Yankees hätten die Krauts, sondern die Krauts
hätten die Yankees kontaktiert - , was von der Brisanz
aber nichts wegnimmt. Im Abschlussbericht des Unterschungsausschusses des Bundestags heißt es dazu
auf Seite 661: «Ein Aktenvermerk vom 20. Dezember
2011 sowie drei dienstliche Erklärungen von Mitarbei­
tern des MAD bestätigten diesen Sachverhalt. Dem­
nach habe ein Mitarbeiter des BND die MAD-Stelle
51 telefonisch um Amtshilfe gebeten. Der Mitarbeiter
des BND habe mitgeteilt, vom Kanzleramt beauftragt
worden zu sein, die US-amerikanische Spezialeinheit
zu ermitteln, die mutmaßlich zusammen mit dem
Verfassungsschutz den Polizistenmord in Heilbronn
beobachtet haben solle. Hieraufhin habe der MAD
den Kontakt zum Military Intelligence Detachment
Heidelberg vermittelt.» Das Kanzleramt hat später de­
mentiert, eine solche Anfrage in Auftrag gegeben zu
haben, die sei wohl vom BKA gekommen. M it anderen
Worten: Der BND-Anruf selbst wurde nicht abgestrit­
ten.
Dass das Bundeskanzleramt sehr wohl wegen des
DIA-Berichtes zu Heilbronn in Aufregung war, sollte
sich nur wenig später zeigen, am 6. Dezember 2011.
An diesem Tag traf sich die sogenannte Präsidenten­
runde, in der sich die Chefs aller deutschen Geheim­
dienste regelmäßig mit Angela Merkel oder ihrem Ge­
heimdienstkoordinator zusammensetzen. Auf Antrag
von BND-Präsident Ernst Uhrlau kam der «angeblich
gefälschte Geheimdienstbericht» der DIA auf die Ta­
gesordnung. Zwei Tage später schrieb Uhrlau an sei­
nen MAD-Amtskollegen Brüsselbach. In dem bis Ende
2071 als «amtlich» geheimgehaltenen Dokument, das
The Germans einsehen konnte, berichtet der BNDChef von einem Telefonat mit einem US-Schlapphut.
«Man hätte von US-Seite Hinweise darauf, dass mög­
licherweise das FBI im Rahmen einer Operation auf
deutschem Boden zwei Mitarbeiter nach Deutschland
habe reisen lassen und diese nach dem Vorfall in Heil­
bronn wieder zurückbeordert hatte», zitiert die Viertel­
jahreszeitschrift.
Offensichtlich gab es an jenem 25. April in Heil­
bronn ein Stelldichein aller möglichen Geheimdienst­
ler: FBI, DIA, Special Command, Verfassungsschutz
sowie V-Leute der Polizei mit rechtsradikalem Hin­
tergrund müssen sich auf die Füße getreten sein. Ob
die alle beim NSU-Prozess in München vorgeladen
werden? ■

Der hellsichtige
Onkel

Während die Fahnder nach
dem Heilbronner Polizisten­
mord jahrelang im Dunkeln
tappten und einem Phantom
nachjagten - DNA-Spuren
der vermeintlichen Täterin
waren durch WattebäuschenVerunreinigungen in einem
Polizei-Labor falsch zugeordnet
worden, gab es eine Person
mit geradezu hellseherischen
Fähigkeiten: den Patenonkel
von Michèle Kiesewetter, auch
er ein Polizist. Bereits 2007,
bald nach der Bluttat, sprach er
von einer «wahrscheinlichen»
Verbindung zwischen dem Mord
an Michele und den bundes­
weiten «Türkenmorden». Heute
möchte er sich nicht mehr zu
seiner damaligen Aussage
äußern. Der grüne Bundes­
tagsabgeordnete Wolfgang
Wieland, Mitglied des NSUUntersuchungsausschusses
kommentierte: «Wenn jemand
wirklich eine Verbindung von
den sogenannten Dönermorden
zu Heilbronn hergestellt hat,
und sei es in Frageform, dann
ist das interessant, weil er
irgendetwas wissen muss,
denn kein Zeitungsleser kam im
Grunde auf die Idee, dass da ein
Zusammenhang besteht, weil
bei Heilbronn das fremdenfeind' liehe Motiv fehlte.» (Report
München, 10.7.2012)

Die ermordete Polizistin Michèle
Kiesewetter. Foto: Jamal Tuschick,
livekritik.de

Der letzte Über­
lebende in Angst
Der Polizist Martin Arnold hat den Heilbronner Mörder aus dem Au­
genwinkel gesehen - bevor er von dem Killer ins Koma geschossen
wurde. Nun soll der Kollege der getöteten M ichèle Kiesewetter beim
Zschäpe-Prozess in den Zeugenstand treten.
M it diesem Bild - und nicht dem
des Zeugen Martin Arnold - suchte
die Polizei den Mörder von Michèle
Kiesewetter, bevor vom Nationalsozialisischen Untergrund (NSU) die
Rede war. Foto: LKA

Der Staatsanwalt blockt
Rätselhaft ist, warum der leitende Staatsanwalt
Christoph Meyer-Manoras überhaupt die Veröffentli­
chung von Phantombildern unterband. War er nicht an
Hinweisen aus der Bevölkerung interessiert? Im Unter­
suchungsausschuss des Bundestages gab es deutliche
Kritik an seiner Amtsführung. Die Rede war von einer
«ungewöhnlich problembeladenen Zusammenarbeit
von Staatsanwaltschaft und Polizei», Meyer-Manoras
wurde «eine vermeidbare Behinderung der Ermittlungs­
arbeit» vorgeworfen. Höhepunkt der selbstherrlichen
Einmischung des Staatsanwaltes war, dass er sich im
Mai 2011 mit dem kaum genesenen Arnold traf - zwei
Tage, bevor das LKA den Zeugen vernehmen wollte.

Hat der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) am
25. April 2007 in Heilbronn einen Mord begangen, der
sich von allen anderen ihm zugeschriebenen Tötungs­
delikten unterscheidet? Hat er, nach angeblich neun
Morden an Migranten, eine deutsche Polizistin umge­
bracht? Hat er dabei, nach neunmaliger Verwendung
einer tschechischen Ceska 83, eine russischen Tokarev
und eine polnische Radom Vis eingesetzt?

Der Mann auf dem
Phantombild des
Überlebenden hat­
te keine Ähnlichkeit
mit den beiden
NSU-Uwes.

Auch eine Täterskizze wurde in Zusammenarbeit mit
Martin Arnold erstellt, aber er «sträubte sich vehement
gegen die Veröffentlichung des Phantombildes. Sollte
das Bild herausgegeben werden, wolle er Deutschland
"sofort und für immer" verlassen.» Der Staatsanwalt
entschied, dass das Bild gegen den Willen der Son­
derkommission nicht veröffentlicht werden dürfe. Er
ersparte den späteren NSU-Anklägern damit eine Bla­
mage, denn: «Der Mann auf der Skizze hatte keinerlei
Ähnlichkeit mit den mutmaßlichen Mördern Böhnhardt
und Mundlos.» [Focus31/2012) Mittlerweile wurde das
Bild freigegeben, es findet sich auf Seite 21 als letztes
in der Sammelleiste. Zu sehen ist ein eher südländi­
scher oder orientalischer Mann.

Die stärkste Entlastung für das NSU-Trio kommt
von dem Polizisten Martin Arnold, der das Verbrechen
nach Schüssen in den Kopf schwerverletzt überlebt hat.
Schon 2008 wurde er im Zuge der Ermittlungen durch
eine Psychologin unter Hypnose befragt. Er schilderte,
wie die Geschehnisse vor der Tat waren, und wie er
und seine Kollegin mitbekamen, dass sich von hinten
zwei Männer näherten. Zuerst sei ihm auf seiner Sei­
te ein Mann aufgefallen. Michèle Kiesewetter sagte
seiner Erinnerung nach, dass jemand wohl eine Aus­
kunft wolle, da fiel ihm auf, dass auf ihrer Seite auch
ein Mann kam, den er von der Armbehaarung her als
älteren, dunklen Typ beschreiben würde. Die Person
auf seiner Seite sei auch von dunklem Typ gewesen,
etwa 170 bis 180 Zentimeter groß und normal gebaut.

Aber auch ansonsten war die Schlamperei - oder
war es Obstruktion? - der Behörden in Heilbronn be­
merkenswert. Im Untersuchungsausschuss wurde mo­
niert: Ein ballistisches Gutachten über den Schussver­
lauf wurde erst 2008 erstellt; DNA-Spuren am Strei­
fenwagen der Überfallenen wurden erst im Juni 2009
ausgewertet; Videos aus dem Tatort-Bereich wurden
erst ab Dezember 2009 gesichtet; registrierten Auto­
nummern aus der Ringfahndung wurde erst ab Sommer
2010 nachgegangen; das private E-Mail-Postfach der
ermordeten Polizistin wurde niemals überprüft; Funkzellendaten wurden fälschlicherweise als «erledigt»
abgelegt.
Mittlerweile ist Martin Arnold wieder als Kommis­
sar tätig, zur Schonung aber nur im Innendienst. Er
muss Angst haben: Petra Senghaas alias V-Frau Krokus
berichtete, Rechtsradikale hätten sich während seiner
Krankenhauszeit über sein Befinden erkundigt, eine
Krankenschwester habe für diese spioniert. Aus seinem
Umfeld heißt es, «ihn quäle die Vorstellung, was wäre,
wenn sein Attentäter noch frei herumläuft». Offensicht­
lich vermutet er, dass es der NSU nicht gewesen sein
kann: Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sind nämlich
seit 4. November 2011 tot. Die Bundesanwaltschaft
geht aber immer noch von der alleinigen Täterschaft
des NSU aus. Ob Arnolds Aussage im Zschäpe-Prozess
das Kartenhaus zum Einsturz bringt? ■


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