PDF Archive

Easily share your PDF documents with your contacts, on the Web and Social Networks.

Share a file Manage my documents Convert Recover PDF Search Help Contact



DieZEITSeite39 .pdf


Original filename: DieZEITSeite39.pdf
Title: 05mf3DieZEIT032014fk29g.pdf
Author: Donnie

This PDF 1.5 document has been generated by / Bullzip PDF Printer / www.bullzip.com / Freeware Edition, and has been sent on pdf-archive.com on 12/01/2014 at 23:50, from IP address 188.96.x.x. The current document download page has been viewed 529 times.
File size: 814 KB (1 page).
Privacy: public file




Download original PDF file









Document preview


9 . J A N U A R 2014

FEUILLETON 39

D I E Z E I T No 3

er seltsamste Theaterort
der Republik liegt im
Hamburger Schanzenviertel, am Schulterblatt 71.
Früher ein glänzendes Varieté, zwischendurch ein
Kino, ein profaner Baumarkt, sollte die Flora Ende der 1980er Jahre für
das Musical Das Phantom der Oper hergerichtet
werden. Stattdessen zogen linksradikale Autonome ein, die in diesem Jahr ihr 25. Jubiläum der
Hausbesetzung begehen. Sie können sich anrechnen, dem Theater eine Bekanntheit gegeben zu
haben, die weit über die Stadt hinweg ausstrahlt.
Das liegt nicht zuletzt daran, dass an regelmäßigen Terminen wie dem 1. Mai und dem Schanzenfest im September, ergänzt um Sondervorstellungen, wenn etwa Räumungsfantasien in der
Politik oder den Medien geäußert werden, ein mit
der Polizei choreografierter Dreiakter zur Aufführung kommt. Akt eins: brennende Mülleimer,
schwarze Gestalten. Akt zwei: das Wasserwerferballett. Akt drei: die Lösung des dramatischen
Knotens im Gerangel von Polizei und Autonomen
im Schanzenviertel und in der Nachbarschaft.
Darüber ließe sich fast vergessen, dass eigentlich
etwas viel Spannenderes in Hamburg über die
Bühne geht: ein Lehrstück nämlich über den
Wettlauf zwischen Kapitalismus und Autonomen – und dem Staat, der hinterherläuft.
Ende letzten Jahres geriet das eingespielte Scharmützel ziemlich außer Rand und Band. Nachdem
die legendären Esso-Häuser auf der Reeperbahn,
ein Symbol für den Kampf um bezahlbaren Wohnraum, aufgrund von Einsturzgefahr evakuiert und
zum Abriss freigegeben worden waren, sollte am
21. Dezember für den Erhalt der Roten Flora, für
ein Bleiberecht von einer Gruppe afrikanischer
Flüchtlinge sowie für eine soziale Stadtentwicklung
demonstriert werden. Mehr als 7000 Demonstranten kamen, wurden aber bereits nach 50 Metern
von der Polizei gestoppt. Am Ende des Tages waren
Dutzende Verletzte zu verzeichnen, aufseiten der
Polizei wie aufseiten der Demonstranten.
Seither kommt Hamburg nicht mehr zur Ruhe.
Einen umstrittenen Angriff auf die Polizeistation
Davidwache kurz nach Weihnachten hat die Polizei
zum Anlass genommen, das Gebiet um Reeperbahn
und Sternschanze zum »Gefahrengebiet« zu erklären. Damit herrscht jetzt eine Art »Ausnahmezustand light« in Hamburg, der weit in die Bürgerrechte eingreift und es der Polizei erlaubt, Personen
nach Belieben zu kontrollieren und zu filzen. Die
Gewalt wird das nicht eindämmen. Schließlich ist
es kein Geheimnis, dass die Wut in Teilen der radikalen Linken auch von unnachgiebigen Polizeikontrollen befeuert wurde, die gegen die afrikanischen Flüchtlinge gerichtet waren, sowie von der
Maßnahme, im Vorfeld der Demonstration vom
21. Dezember die Innenstadt als Gefahrengebiet
auszuweisen. Die Polizei weist solche Zusammenhänge zurück: Sie sei »wie üblich deeskalierend aufgetreten«, sagt ein Sprecher und beklagt eine »neue
Dimension von Gewalt« in der linken Szene, für
die man vorerst keine Erklärung habe.
Es ist also absehbar, dass es bald wieder knallt in
Hamburg, zumal völlig offen ist, wie es mit der
Roten Flora weitergehen wird. 2001 verkaufte der
SPD-Senat das Gebäude kurz vor der Bürgerschaftswahl, um aus der Schusslinie des Rechtspopulisten
Ronald Schill zu gelangen. Unter der Zusage des
neuen Investors, am Status der Flora nichts zu ändern, ging sie für schlappe 370 000 Mark an
Klausmartin Kretschmer. Der hatte damals vor, sich
als Kulturmäzen einen Namen zu machen – und
hatte wirre Ideen. Die Rote Flora mitsamt ihren
Besetzern wollte er zu einer »kulturellen Samenbank« umformen, die Besetzer zogen es vor, ihm
Hausverbot zu erteilen.

D

Jetzt noch
autonomer

Fotos (Ausschnitte): Jakob Börner für DIE ZEIT/www.jakobboerner.com

Wer entscheidet, wem eine Großstadt
gehört? Der Staat, das Kapital oder die
Gesellschaft? In Hamburg eskaliert ein
Kampf um Immobilien und autonome
Freiheit. Der bisherige Sieger ist der
Kapitalismus VON MAXIMILIAN PROBST

2009 trat Kretschmer erstmals mit Räumungsdrohungen an die Öffentlichkeit. Aufgeschreckt
von diesem Horrorszenario, bot die Stadt Kretschmer 1,2 Millionen für den Rückkauf der Roten
Flora. Er schlug das Angebot aus, holte sich den
windigen Immobilienentwickler Gerd Baer ins
Haus und ließ durchblicken, dass ihm von einer
US-amerikanischen Firma ein Angebot in Höhe
von 20 Millionen Euro für die Immobilie vorliege.
Die Stadt konterte, indem sie den Bebauungsplan
für das Grundstück änderte und eine kommunale
kulturelle Nutzung festschrieb. Kretschmer und
Baer kündigten an, gegen dieses Vorgehen zu klagen, schickten den Besetzern eine Kündigung und
reichten einen Bauvorantrag für ein Konzert- und
Veranstaltungszentrum ein, das mit 2500 Plätzen
die alten Phantom der Oper-Pläne wieder aufleben
lässt. Spukhafter kann man schwerlich von der Vergangenheit eingeholt werden.
Allerdings scheint die Rote Flora überhaupt ein
geisterhafter Ort zu sein. Nicht etwa weil das Gebäude von außen wie von innen unheimlich wirkte, über und über beklebt mit Botschaften, Plakaten, besprüht mit Graffiti; nicht etwa weil es erst
nachts so richtig zum Leben erwacht; auch nicht
weil die Besetzer der Roten Flora lange selber
Phantome zu sein schienen, die sich einer medialen
Öffentlichkeit verweigerten. Denn damit ist es jetzt
vorbei: Zwei junge Leute, die sich für den Anlass
Klaus und Britta nennen, führen bei Presseanfragen
durch die Räume, sehr freundlich, halten zuvorkommend Türen auf, bieten dem Gast ein Getränk
an, konversieren mit ihm auf die artigste Weise
und haben damit dem Genre der Rote-Flora-Reportage zur Blüte verholfen.

Der Kapitalismus findet gerade die
Orte wertvoll, die sich widersetzen
Nein, wenn dieser Ort geisterhaft wirkt, dann
deshalb, weil sich die Rote Flora seit 25 Jahren
sehr handfest um Kapitalismuskritik bemüht hat
– und nun rückblickend feststellen muss, dass
der Kapitalismus und die Kritik an ihm mit einem von Marx entwendeten Wort »ein vertracktes Ding voller metaphysischer Spitzfindigkeiten« zu sein scheint. Kurz: Die Rote Flora ist ein
Ort, an dem alles, was man tut, von Geisterhand
gelenkt, sich in sein Gegenteil verkehren kann.
Was war das Uranliegen der Roten Flora? Mit
der Verhinderung der Musical-Pläne das Schanzenviertel vor Kommerzialisierung und steigenden
Mieten zu bewahren. Nun ja. Heute gehört das
Schanzenviertel zu den teuersten und angesagtesten
Ecken der Stadt. Man kann den Leuten der Roten
Flora immerhin zugutehalten, ihr Scheitern in
dieser Sache recht früh reflektiert zu haben. In einem Positionspapier wurde Ende der 1990er
Jahre die Frage aufgeworfen, »ob militante Aktionen nicht nur das Korrektiv einer überhitzten
Stadtplanung sind und objektiv lediglich für langsamere und sozialverträglicher organisierte Aufwertungsprozesse sorgen«. Der Stadtsoziologe
David Harvey hat das Dilemma der Autonomen
noch schärfer erfasst, indem er zeigt, wie der Kapitalismus gerade die Orte, die sich ihm widersetzen, im Wert steigen lässt, weil sie Geschichte,
Charakter, Identität und Authentizität (Verkaufsknüller allesamt!) zu verbürgen scheinen.
Nicht trotz, sondern wegen der Roten Flora sind
die Miet- und Wohneigentumspreise im Schanzenviertel gestiegen. Nirgends wird das anschaulicher
als auf der »Piazza«, einem vor wenigen Jahren angelegten Platz gegenüber der Roten Flora, der auf
großen Caféterrassen dazu einlädt, mit einem
Latte macchiato gleichsam etwas vom wilden Leben
der Autonomen zu schlürfen. Wobei das Wort
schlürfen hier nicht mal übertrieben ist, denn es
geht letzten Endes in der Aufwertung des Schanzen-

viertels nicht bloß um Äußerlichkeiten wie eine es gelungen, ein Bewusstsein geschaffen zu haben
heruntergerockte Fassade oder um die Ästhetik des für die Integrationskraft des Kapitalismus.
Wochenendeinkaufs im Blaulicht wartender WasAllerdings ist es klar, dass den Autonomen
serwerfer, nicht um bloße Vereinnahmung, son- eine solche Geste der Aufklärung nicht genug
dern, radikaler noch, um die kapitalistische Einver- sein kann. Und zum Teil muss man die Gewaltbereitschaft, die in Hamburg aufflackert, auch
leibung des autonomen Lebensstils.
Um das zu verstehen, muss man einen Blick auf als Versuch der Autonomen begreifen, eine neue
die Geschichte der Autonomen werfen, auf ihr Rolle zu finden, um »den Würgegriff der herzSelbstverständnis, das sich keineswegs im systema- lichen Umarmung aufzubrechen«, wie es 2011
tischen Dagegensein erschöpft. Ihre Wurzeln hat in dem Schreiben »Flora bleibt unverträglich«
die Autonome Bewegung im Italien der 1960er und drohend hieß. Der Gedanke geht so: Wenn der
1970er Jahre. Ausgangspunkt war damals der Ge- autonome Lebensstil und die alte ritualisierte
danke, dass der Industriekapitalismus darauf beru- »gemäßigte Militanz« mit Gewalt gegen Sachen
he, die Arbeiter für seine Zwecke zu formen und zu wie Mülleimer oder Schaufenster ins »Empire«
disziplinieren. Demnach konnte der Kapitalismus integriert ist, dann muss eine härtere Form von
nicht überwunden werden, indem man den Ap- Gewalt her, die nicht mehr lustig ist und sich
parat übernahm, sondern nur, indem der Arbeiter auch gegen Personen richten kann. Nach den
vom Apparat befreit würde. Daher rührt bei den Ausschreitungen am 21. Dezember lobte eine
Autonomen die Idee des »Freiraums«, der den auto- beteiligte Gruppe ganz in dieser Logik die Rote
nomen Zentren zugrunde liegt. Sie sollten außer- Flora dafür, »den Frieden im Empire ein wenig
halb der kapitalistischen Systemregeln ein zwang- brüchiger werden zu lassen«.
loses, hierarchieloses, kollektives und kooperatives
Dasein ermöglichen. Auch die Rote Flora spiegelt Der Roten Flora sollte nun mehr
diesen Gedanken des »Freiraums«. Es gibt in dem einfallen, als wie immer böse zu sein
Gebäude eine Fahrradwerkstatt, eine Volksküche,
ein Café, Proberäume, ein Archiv, einen Sportraum Dummerweise neigt auch die Rote Flora zu der
und den zentralen Veranstaltungsraum für Kon- Ansicht, die Gangart müsse härter werden. Zwar
zerte oder Partys. All dies wird gemeinschaftlich distanziert sie sich von dem Davidwachenvorfall als
organisiert, frei von Profit, aus freiem Engagement, einem Werk »besoffener Fußballfans«. Über die
aus geteilter Verantwortung und der Freude, die Demonstration am 21. Dezember aber sagen Klaus
daraus erwächst.
und Britta, da habe »die Flora mal
Das Problem nur war, dass
wieder Zähne gezeigt«. Das ist ein
der »Freiraum«, in dem sich das
fataler Kurzschluss. Tatsächlich
alles abgespielt haben soll, ein
hilft dieses Zähnezeigen, eine Gerein imaginärer ist, um nicht zu
walt zu entfesseln, die auch die
sagen: wieder mal ein Spuk.
Rote Flora nicht mehr kontrollieTatsächlich saß der Kapitalismus
ren kann. Und über die »herrschenden Verhältnisse« weist es
mitten in der Bewegung und hat
schon gar nicht hinaus. Im Gevon ihrer Kritik fleißig gelernt.
Das Gebäude des Autogenteil. Wenn etwas unsere Zeit
nomen Zentrums Rote
Er hat die Fabrik, das alte Feindcharakterisiert, dann ist dies der
Flora im Hamburger
bild der Autonomen, verlassen
Zirkel der Selbstreferenzialität:
Schanzenviertel wurde
und sich nach dem Vorbild der
Die CDU warb bei der letzten
einst als Varieté, als
Autonomen dezentralisiert. Aus
Wahl nicht mehr mit Inhalten,
Kino und als Warendem Ideal freier Verfügung von
haus genutzt, bevor seiZeit hat er die flexible Arbeitszeit
sondern damit, die CDU zu sein;
ne Reste im November
geschaffen, aus dem Ideal der
die Medien berichten am liebsten
1989 besetzt wurden.
Kollektivität und Kooperation
über Ereignisse, die sie erst selbst
Ein Jubiläum steht also
die Teamarbeit und aus dem
zu solchen gemacht haben; die
ins Haus: Die Flora
Wunsch nach Selbstverwirklierfolgreichste Kunst stellt nur
kann im Herbst 2014
noch ihren Wert aus; und nun
chung den kreativen Selbstunterein Vierteljahrhundert
begreift es die Rote Flora als
nehmer, die Ich-AG. Auf den
Besetzung feiern.
Chance, zu zeigen, dass sie noch
Terrassen gegenüber der Roten
die böse alte Rote Flora ist!
Flora sitzen nicht zufällig überZwei klügere Optionen biewiegend die Werber, die Texter,
ten sich an, beide verlangen, auf
die Webdesigner: die Speerspitze
Gewalt zu verzichten. Die Rote
des neuen, kognitiven KapitalisIm Jahr 2001 hat die
Flora kann den Weg fortsetzen,
mus, die gelehrigsten Schüler der
Stadt Hamburg das Geden sie schon ein Stück weit geAutonomen.
bäude an einen Immogangen ist, sich als Kulturprojekt
Den Schock, der mit dieser
bilienhändler verkauft.
Erkenntnis einhergegangen ist,
mit großen Technopartys, einem
Der hat im Dezember
hat die Autonome Bewegung
politischen Nischenprogramm
2013 ein Ultimatum
nahezu gelähmt. Ihr alter Chefund ehrenvoller Sozialarbeit vergestellt, die Rote Flora
Ideologe Toni Negri hat darauf
stehen, ihre Vereinnahmung mebis zum 20. Dezember
reagiert, indem er die Freiraumlancholisch reflektieren und den
zu räumen. Vor WeihIdee fallen gelassen hat und nun
Gedanken der Resistenz für komnachten kam es deshalb
von der Beobachtung ausgeht,
mende Generationen archivieren.
zu Protest und Kradass die Kapitalverhältnisse in
Oder, und das wäre vielleicht im
wallen.
Sinne der Autonomen vielveralle Lebensbereiche, bis hinein in
sprechender, sie kann sich selbst
die Kommunikation und die
sozialen Beziehungen, diffunauflösen. Die ehemaligen Besetzer
diert seien. Ein Außerhalb des Kapitalismus gebe hätten dann Zeit zu überlegen, wie der Geist der
es damit nicht mehr, jetzt herrsche eine Totalität, Resistenz neu freizusetzen wäre. Fiele ihnen dazu
die Negri auf den gruseligen Namen »Empire« nichts ein, bliebe ihnen immerhin noch die Mögtauft. Die Flora-Besetzer Britta und Klaus von der lichkeit, auf den Terrassen des Schulterblatts Platz
Pressegruppe reflektieren diese Theorie, indem sie zu nehmen und dem Schauspiel beizuwohnen: um
davon sprechen, »Teil des Systems« zu sein, und zu erfahren, ob der Kapitalismus überhaupt ohne
einräumen, dass die Rote Flora natürlich nicht den seine Modernisierer zurechtkommt.
Anspruch erheben könne, »die Widersprüche des
www.zeit.de/audio
Systems in ihren Räumen zu lösen«. Immerhin sei

Rote Flora
Gestern

Heute

So wild und kreativ sind
nur der Kapitalismus
und die Autonomen.
Der Schauplatz des
Wettbewerbs um
originelle Freiheit: Die
Rote Flora in Hamburg


Document preview DieZEITSeite39.pdf - page 1/1

Related documents


diezeitseite39
antikapitalistische feministische vereinte juso
hamburg hochzeitslocation1757
kfzgutachter hamburg1382
dz 17 15 049
kfzschadensgutachten hamburg1044


Related keywords