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Schwerpunktthema: Wohnen

Meine Kinder.
Mein Sohn ist neun und bekommt alles
hautnah mit, den Druck, unter dem ich
stehe, meine Trauer, meine inneren Entscheidungskämpfe, meinen Stress. Auch
sein sicherer Lebensraum ist in Gefahr. Er
möchte, dass wir eine Eigentumswohnung
kaufen, damit wir nie wieder rausgeworfen
werden können. Ich verstehe ihn gut. Er ist
traurig, dass wir ausziehen müssen. Und ich
trauere um die vielen Stunden und Nerven,
die mich die Wohnungssuche gekostet hat.
Ich hätte meine Elternzeit so viel lieber für
meine Kinder gehabt.

Der Auszug.
Jetzt ist es Anfang Juli. Mir
bleiben noch
9 Wochen. Ich
habe Widerspruch gegen die Kündigung eingereicht.
Nicht grundsätzlich, sondern nur gegen
das Wann des Auszugs. Und ich habe eine
Wohnung in Aussicht. Eine viel teurere als
die jetzige natürlich. Freuen tu ich mich
nicht. Denn ICH möchte gar nicht ausziehen
aus „meiner“ Wohnung. Ich möchte keinen
Neuanfang. Ich möchte in meinem Biotop
bleiben. Wie die Katze in ihrer gewohnten
Umgebung und der Goldfisch in seinem
Teich. P.S. Und wenn du, liebe Leserin,
lieber Leser von einer freien Wohnung
hörst, hier im Kiez um den Rosenthaler
Platz herum, dann schreibe uns an
kiezfreunde@web.de
Name ist der Redaktion bekannt

Wohnen in Berlin
Seit einigen Jahren ist es vorbei – Wohnen in Berlin ist nicht mehr erschwinglich und gerade
für Alleinerziehende mit nur einem Haushaltseinkommen zum Problem geworden. Sogar der
Berliner Senat hat mittlerweile registriert, dass es durch die erheblichen Mietpreissteigerungen vor allem in Wohnlagen innerhalb des S-Bahnringes zu einer deutlichen Verknappung von
bezahlbarem Wohnraum gekommen ist. Neben dem bisherigen Instrument des Wohnberechtigungsscheines (WBS) wurde die Initiative „Bündnis für soziale Wohnungspolitik und
bezahlbare Mieten“ gestartet.

• Bündnis für soziale Wohnungspolitik
und bezahlbare Mieten
Die sechs städtischen Wohnungsbauunternehmen verpflichten sich, neben vielen anderen Punkten, ihre allgemeinen Mieterhöhungen im frei finanzierten Wohnungsbau

auf höchstens 15 Prozent innerhalb von vier
Jahren zu beschränken. Auch die Modernisierungsumlage soll beschränkt werden,
so dass bezahlbare Mieten auch nach einer
Modernisierung erhalten bleiben.
Außerdem verpflichten sich die Bündnispartner für Mieter/innen, die aus

Schwerpunktthema: Wohnen

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worden, raus aus der Frustration gegenüber
einem anonymen, heiß umkämpften und
frechen Wohnungsmarkt, der bei jedem
Mieterwechsel 300 EUR Miete mehr nimmt.
Manchmal habe ich unsere Anzeigen
noch Wochen nach dem Ankleben hängen
sehen. Das war wie ein Zeichen, dass ich
noch da bin, mich nicht unterkriegen lasse
von dem Ganzen. Manche Poster waren
schon nach einer Stunde weg – abgerissen
(die mit Wachsstiften bemalten wurden
tatsächlich länger hängen gelassen!).
Positive Resonanz gab es aber auch. Vier
Leute haben sich gemeldet, drei davon
wollten ihre Wohnung tauschen. Mehr hat
das Rumerzählen gebracht, bei Freunden,
Bekannten, Café-Bekanntschaften. Zudem
hat es mich in Kontakt gebracht auch mit
Menschen, die ich bisher kaum oder gar
nicht kannte. Bei vielen im Kiez durfte
ich meine Wohnungssuch-Visitenkarten
auslegen, bei Solveigh, der Buchhändlerin, Maria, der Cafébesitzerin, und in
Restaurants, Bars und im Spielzeugladen.
Ach ja, ich wohn‘ in Mitte. Zurzeit zahl‘ ich
8,00 EUR warm. Standard ist hier jetzt was
zwischen 12,00 und 15,00 EUR. Und das
gilt vielerorts in der Innenstadt. Mit jedem
Monat, den ich suchte, stiegen die Mieten.
Was ich am Anfang meiner Suche noch
zu teuer fand, ziehe ich jetzt in Erwägung:
Die Hälfte meines Einkommens für Miete
auszugeben. Zum ersten Mal habe ich das
Gefühl, dass ich nicht mehr zum Mittelstand
gehöre, sondern zu denen, die sich Wohnen
in netter Umgebung nicht mehr leisten
können. Ich weiß, ich bin nicht allein mit
dieser Angst, aber ich muss allein mit ihr
klarkommen.

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