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SPIEGEL 20.03. Ali Baba und die Läufer .pdf


Original filename: SPIEGEL 20.03. Ali Baba und die Läufer .pdf
Title: 1 recherchierte Dokumente
Author: Copyright: SPIEGEL Verlag, Hamburg

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Firmenpatriarch Gauselmann*

Ali Baba und die Läufer
in Spieler wie Ali T. liebt das Risiko,
selbst wenn er am Ende alles verliert.
Wie an jenem Morgen Ende Januar,
als er sich gerade mit seiner Exfrau in einem Gelsenkirchener Hotel vergnügte –
während seine Lebensgefährtin und die
Kinder nur wenige Hundert Meter entfernt
im familiären Heim frühstückten.
Auf dem Hotelparkplatz stand sein Auto.
Es ist ein Gefährt, das sich kaum übersehen
lässt, weil es im Ruhrgebiet nur wenige davon gibt: ein schwarzer Bentley Continental GT Speed, 625 PS, 330 Kilometer Spitze,
Preis: rund eine Viertelmillion Euro.
Als die Polizei den 53-Jährigen fand, nahmen die Beamten nicht nur ihn mit. Sie
stellten auch seinen Wagen sicher, der nun
versteigert werden soll. Seither sitzt eine

E

* Vor seinem Anwesen im westfälischen Espelkamp.

80

DER SPIEGEL 13 / 2015

der schillernden Figuren der deutschen
Glücksspielbranche in Untersuchungshaft.
Die Ermittler werfen ihm banden- und gewerbsmäßigen Computerbetrug vor.
Im Milieu der Spielhallenbetreiber und
Automatenhersteller ist die Aufregung
groß. Denn der zu erwartende Prozess gegen Ali T. verspricht tiefe Einblicke in eine
dubiose Zockerwelt: Der Gelsenkirchener
hat jahrelang mit führenden Managern der
Branche Geschäfte gemacht. Ermittlungsergebnisse der Polizei und mögliche Aussagen des Beschuldigten könnten nun auch
seine Partner belasten.
Mindestens zehn Millionen Euro soll Ali
T. durch Beraterverträge und Software-Entwicklungen kassiert haben, heißt es in der
Branche. Dank seiner Dienstleistungen
könnten in der Spielhallenkette Casino
Royal Hunderte Automaten zum Nachteil

der Zocker manipuliert worden sein: Die
Geräte spuckten weniger Geld aus, als vorgeschrieben ist.
Zugleich jedoch konnte Ali T. die Automaten offenbar auch zum eigenen Vorteil
so frisieren, dass sie mehr Geld ausgaben –
wenn seine Kumpane an ihnen spielten
und zuvor jeweils einen Geheimcode am
Gerät eintippten. Mehrfach schickte T. anscheinend seine heimlichen Helfer, in der
Szene werden sie „Läufer“ genannt, zum
Abzocken durch die Spielhallen.
Entsprechend groß könnte nun der Schaden sein: Spielhallenbesucher wurden von
den Betreibern betrogen. Die Betreiber
wurden von Ali T. betrogen. Und der Staat
wurde von den Betreibern und Ali T. betrogen, weil sie Glücksspielvorschriften
verletzten und Steuern unterschlugen; so
jedenfalls lauten die Vorwürfe.

FOTO: INA FASSBENDER / PICTURE ALLIANCE / DPA

Glücksspiele Ein gewiefter Zocker narrte jahrelang die Automatenbranche. Gab ihm ausgerechnet
Spielhallen-König Paul Gauselmann den Auftrag zu Straftaten?

Wirtschaft

Obwohl sich Casino Royal als Opfer cke, will solche Aufträge nie erteilt haben. Landgericht Bielefeld. Zum Beleg, dass die
sieht, drohen der Firma wegen der Veran- Er wisse zwar von einem „angeblichen Aufträge erteilt wurden, zitierte er mehrere
staltung illegalen – weil manipulierten – Mitschnitt“. Dieser sei aber lückenhaft und Kurznachrichten eines Gauselmann-MitarGlücksspiels nun Forderungen des Landes stark manipuliert. Er habe das Gespräch beiters. „Sehen Sie nur zu, dass wir NovoNordrhein-Westfalen in zweistelliger Mil- nur weitergeführt, um an „offensichtlich line plattmachen“, heißt es einmal unmisslionenhöhe. Das Unternehmen will sich einsatzbereite weitere Manipulationssoft- verständlich. Zu einer öffentlichen Verzu dem laufenden Verfahren nicht äußern, ware“ zu kommen und dann seinen Wett- handlung kam es nicht, T. und Gauselmann
kooperiere aber „vollumfänglich“ mit den bewerber zu warnen. Er betont, dass es einigten sich 2010 außergerichtlich.
Zu diesem Zeitpunkt hatte T. allerdings
Ermittlungsbehörden, heißt es in einer ihm im Zusammenhang mit Novomatic immer „um die Sicherheit des Spiels und den schon elegant die Seiten gewechselt. Er war
Stellungnahme. Ali T. schweigt.
In der Vergangenheit hatte T., der aus Schutz der Verbraucher“ gegangen sei. zu Novomatic gereist und hatte den Verder Türkei stammt, im Ruhrgebiet selbst Fakt ist, dass sich der Unternehmer, der antwortlichen demonstriert, wie Zocker anSpielhallen betrieben. Später verlegte er auch im Alter von 80 Jahren noch an der geblich Novoline-Automaten austricksten.
Fortan setzten die Österreicher auf die
sich auf die für ihn anscheinend einträgli- Spitze eines Konzerns mit 1,2 Milliarden
chere Beratung anderer Spielhallenbetrei- Euro Umsatz steht, damals ernsthaft Sor- Hilfe des Mannes aus Gelsenkirchen. Der
ber. Zocken gehört zu seiner Natur. Inner- gen um sein Lebenswerk machen musste. Konzern beauftragte für 2,8 Millionen
Denn als der Bund 2006 die Spielverord- Euro eine Sicherheitsfirma, die T. unter
halb weniger Minuten könne er schon mal
Tausende Euro beim Pokern in illegalen nung lockerte, war Gauselmann schlecht Vertrag nahm.
Mit dem nötigen Startkapital von GauKlubs verzocken, heißt es über ihn. „Ali vorbereitet. Seine einarmigen Banditen arBaba“ wird er in der Szene ehrfürchtig ge- beiteten mit rotierenden Walzen und selmann scheint Ali T. zur Hochform aufgelaufen zu sein: Erst fahndete er
nannt, wie die Figur aus den Märnach Schwachstellen in den Novochen von Tausendundeiner Nacht.
matic-Geräten. Dann soll er eine
„Sollte Ali plaudern, könnten alle
Manipulationssoftware entwickelt
großen Spielautomatenunternehhaben, die er an Zocker oder Halmer ihre Zulassung verlieren“, prolenbetreiber verkaufte. Womöglich
phezeit ein Vertrauter T.s.
schickte er auch seine eigenen LäuUnangenehm sind die Ermittlunfer in die Hallen. Wochen später
gen schon jetzt für Paul Gauselmeldete er dem Hersteller, dass
mann. Der stellt seit Jahrzehnten
eine neue Manipulationssoftware
einarmige Banditen und andere
in Umlauf gewesen sei, die er siAutomaten her, mit seinen Merkurchergestellt habe. Novomatic zeigSpielotheken wurde er als Spielte sich dankbar und veranlasste
hallen-König bekannt. Seit den
schnellstmöglich ein Update, um
Achtzigerjahren schon kooperiedie Schwachstellen zu schließen.
ren T. und der Unternehmer. Laut
Zocker Ali T.
Diesen Trick wiederholte T. ofGauselmann sei es darum geganfenbar bei einer späteren Gerätegen, Manipulationen an seinen Augeneration. Erneut demonstrierte
tomaten zu verhindern.
er Mitarbeitern von Novomatic,
Womöglich aber wollte Gauselwie ihre neue „Coolfire“-Plattform
mann auch etwas anderes: Hat der
manipuliert werden kann; wieder
Firmenpatriarch Ali T. zu Straftabekam er einen hoch dotierten Beten angestiftet? Jedenfalls stießen
ratervertrag.
die Ermittler bei T. auf den MitAli T. ist zweifellos ein raffinierschnitt eines 90-minütigen Geter Zocker. Aber ist er auch ein
sprächs aus dem Jahr 2007 – Ali T.
Softwaregenie, ein Mann, der mühatte die Angewohnheit, Treffen
mit seinen Auftraggebern heimlich aufzu- Scheiben. Novomatic nutzte dagegen be- helos Schadstellen in immer aufwendiger
zeichnen. In dem Mitschnitt, der dem reits computerbasierte Geräte. Die Novo- programmierten Glücksspielautomaten
SPIEGEL vorliegt, ist zu hören, wie Gau- line genannten Automaten boten mit mo- aufspüren kann?
selmann T. bittet, die Software in Geräten dernen Bildschirmen gleich ein Dutzend
Die Fahnder sehen es anders. Nicht Ali
seines ärgsten Konkurrenten zu manipu- unterschiedlicher Spielvarianten. Die Au- T. habe die Software analysiert und manilieren, des österreichischen Glücksspiel- tomaten waren bei den Spielern so beliebt, puliert, sondern dessen Schwiegersohn,
konzerns Novomatic. Anschließend sollte dass Gauselmann sie auch in den eigenen Benni P. Der unscheinbare Computerdie veränderte Software demnach der Phy- Hallen aufstellen ließ.
Nerd, von T. eher kurzgehalten, arbeitete
sikalisch-Technischen Bundesanstalt zugeBald nach dem Gespräch schickte ein als Autodidakt in einem schlichten Mehrspielt werden; sie ist für die Zulassung von anonymer Absender drei manipulierte familienhaus an den Programmen.
Geldspielgeräten zuständig.
Wechselfestplatten von Novomatics NovoAnders als Ali sprach Benni offen mit
Novomatic bekäme Probleme mit der Be- line-Geräten an die Physikalisch-Technische den Ermittlern – und zeigte den verhörde, und das könnte am Ende dazu füh- Bundesanstalt. Doch die Behörde hielt die dutzten Beamten, wie er an den Geräten
ren, dass Spiele seines Konkurrenten „vom Softwareprobleme für nicht so gravierend – „zaubern“ kann. Im Gegensatz zu seiMarkt weg“ kämen, sagte Gauselmann. Er die Automaten blieben auf dem Markt.
nem Schwiegervater scheint es für den
biete – so ist der Spielothek-Chef in dem
Über die Bezahlung von Ali T. kam es jungen Mann trotz des drohenden StrafMitschnitt eindeutig zu verstehen – Ali T. zum Streit. Er wollte insgesamt mehr als verfahrens auch eine echte Zukunftsfür erfolgreiche Arbeit 750 000 Euro.
zwei Millionen Euro für seine Arbeit. Doch perspektive zu geben. Gauselmanns SicherGauselmann, ein Träger des Bundesver- so viel mochte Gauselmann nicht zahlen. heitsfirma würde ihn wohl gern verpflichdienstkreuzes Erster Klasse sowie Ehren- 2009 erhob T. deshalb als Inhaber der Firma ten. Aber auch die von Novomatic.
bürger der Städte Espelkamp und Lübbe- „A. T. Manipulationsschutz“ Klage beim
Michael Fröhlingsdorf

Zum Beleg zitierte er Kurznachrichten
eines Gauselmann-Mitarbeiters.
„Sehen Sie nur zu, dass wir Novoline
plattmachen.“

DER SPIEGEL 13 / 2015

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