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VisonsKassiererKante .pdf


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Birgit Hupfeld

AUFTAKT feature
Drei weitere
deutsche
Bands mit
Theatererfahrung
Slut
2006 begleiteten
die Ingolstädter in
ihrer Heimatstadt
die Inszenierung von
Bertolt Brechts Dreigroschenoper, für die
sie Kompositionen
von Kurt Weill als
kunstvolle Indie- und
Alternative-Songs neu
interpretierten. Die 13
Stücke nahm die Band
auch auf und plante
eine Veröffentlichung
auf CD; letztlich wurden von den Nachlassverwaltern von Kurt
Weill aber nur fünf
Stücke freigegeben,
die im Juli 2006 erschienen.

Tocotronic

So ein Theater!
Zwei Bands, ein Thema: Während DIE KASSIERER gerade mit der Punk-Operette
Häuptling Abendwind in Dortmund auf der Bühne stehen, haben KANTE auf
In der Zuckerfabrik ihre besten Theatersongs der vergangenen Jahre veröffentlicht.
Für uns interviewen sie sich gegenseitig zur hohen Kunst der Theaterarbeit
Kante: Wir erleben oft, dass Dramaturgen Textpassagen als hochphilosophisch verstanden
wissen wollen, Regisseure darin hingegen kaum
verhohlene Anspielungen aus dem sexuellen
Bereich sehen. Was meint ihr als Experten für
Sexmetaphern dazu?
Kassierer: Danke, jetzt haben wir endlich den
Unterschied und auch die Arbeitsteilung zwischen Dramaturg und Regisseur verstanden. Bei
Schiller würden wir mal vermuten, dass er komplett triebgesteuert war. Siehe sein berühmtes
Zitat, nachdem sein Dasein an der waagerechten
Lage einer schlafenden Küchengrazie hängt.
Insofern befinden wir uns mit den Kassierern in
guter, ja geradezu hochkultureller Gesellschaft.
Nach Sigmund Freud geht es aber bei jedem
Beruf nur um Sex. Der Tischler hobelt, der
Zahnarzt bohrt…
Kante: Zum von euch behandelten Themenbereich „Bühne und Fleisch“. Nach unserer Beobachtung gibt es in den Kantinen einen Trend zu
„gutbürgerliche Küche, aber mit Pfiff“. Leider
verflacht dieses Modell im Lauf einer Spielzeit
meist zu Leberstreifen an Kartoffelpüree mit

014 | 015

Dosenerbsen. Muss man darin die Wiederkehr
der 50er Jahre im Gewand der 20er sehen? Den
schleichenden Advent des Mettigels?
Kassierer: In der Kantine vom Schauspiel Dortmund waren wir nur einmal, und es war ausgesprochen köstlich. Darüber hinaus brechen wir
natürlich mit dem Œuvre Häuptling Abendwind
eine Lanze für schmackhafte vegane Ernährung.
Das vorgebliche Menschenfleisch auf der Bühne
stammt aus kontrolliertem biologischen Anbau
und wird den Mitwirkenden nach der Show als
Brotaufstrich in Tupperdosen gereicht.
Kante: Der ehemalige Horror-Trash-Filmer
Peter Jackson antwortete Anfang der 90er einem
Fanzine auf die Frage nach seinem persönlichen
Traum-Projekt, er würde gerne eines Tages den
Herrn der Ringe verfilmen. Wo sitzt ihr in 15
Jahren im Orchestergraben?
Kassierer: Schwer zu sagen, wenn man schon alles
erreicht hat. Möglicherweise schmeißen sie ja in
Bochum das Starlight Express-Ensemble raus und
machen dann aus der Halle den „AbendwindDom“. Wenn Wölfi Oberbürgermeister wird, wäre
das eine reelle Option. Andererseits sind wir

Hochkultur: Die Kassierer machen Theater in Dortmund

steinalt und spielen in 15 Jahren vielleicht in der
himmlischen Bigband von Petrus mit.
Kante: Wenn Theaterautoren Filmfiguren wären
– wer wären die folgenden: William Shakespeare,
Bertolt Brecht, Rainald Goetz, Johann Nestroy,
Wolfgang Niedecken, Heiner Müller?
Kassierer: Shakespeare war mit Sicherheit ein
Außerirdischer vom Planeten Krypton. Bert
Brecht der Affengeneral aus Planet der Affen. Den
Goetz müssten wir jetzt erst googeln, der entfällt
daher. Nestroy erinnert stark an Doc Octopus,
Wolfgang Niedecken an Boris Karloff mit verstimmter Gitarre und Heiner Müller an den
traurigen See-Elefanten aus Urmel aus dem Eis.
Wir erinnern uns: „Öch bön allein, bön so allein!“
Sein oder nicht sein?
Kassierer: Eindeutig nicht sein, da das Leben nur
eine Illusion ist und wir alle aus immateriellem
Quantenschaum bestehen, der gar nicht existiert.
Deswegen träumen wir dieses Interview auch
nur. Auch Sie, sehr geehrter Leser, existieren
nicht, genauso wenig wie der Stuhl auf dem Sie
sitzen und der Planet unter Ihren Füßen. Ganz
schön seltsam, das Ganze.
Kassierer: Da eure Fragen die Vorlagen für
unsere sind – wie kommt ihr eigentlich auf
solche Sachen? Ist das der normale KanteSmalltalk? Oder ist da in eurer Kindheit
etwas schiefgelaufen?

Kante: Auf die Fragen kamen wir mit Nachdenken. Ein
Spitzentrick, wirkt fast immer. Smalltalk geht aber auch
ohne Nachdenken.
Kassierer: Unser Name hilft uns bei den Gagenverhandlungen. Wie hilfreich ist denn der Name Kante? Klingt
ja irgendwie nach „gerade Kante“. Habt ihr Probleme,
bei den Gigs Alkohol zu bekommen, weil der Booker
wieder nur Mineralwasser bei Aldi gekauft hat?
Kante: Der Name kommt von „was auf die hohe Kante
legen“. Funktioniert praktischerweise mit Gagen wie
auch mit Drinks: Auf dem Tour-Rider stehen grundsätzlich immer mehr Getränke, als wir trinken können. Das
reicht dann nach der Tour immer noch für ein paar
Wochen.
Kassierer: Wer ist härter drauf, Schauspieler oder Musiker? Und wer schleppt mehr Weiber ab?
Kante: Knifflige Frage. Man weiß bei Schauspielern ja nie,
ob die wirklich meinen, was sie sagen. Wenn man jetzt
aber zum Beispiel Hugh Grant und G.G. Allin nebeneinanderstellt: wahrscheinlich doch die Musiker.
Kassierer: Glaubt ihr an die Existenz von unendlich vielen
Parallelwelten? Und welche Implikationen hat die Antwort auf euer Gottesbild?
Kante: Verschiedene Welten ja, aber sie befinden sich
nicht parallel zueinander. Und das mit Gott war jetzt aber
eine Scherzfrage, oder?
Kassierer: Habt ihr gewusst, dass das Zentrum aller
Universen sich in 50 Meter Tiefe unter dem Marktplatz
des Bochumer Stadtteils Gerthe befindet?
Kante: Das weiß doch jeder.

Frontmann Dirk von
Lowtzow hat gerade
Musik für das Theaterstück „Von einem
der auszog, weil er
sich die Miete nicht
mehr leisten konnte“
von Regisseur René
Pollesch geschrieben,
das am 12. März seine Premiere an der
Berliner Volksbühne
feierte. Während in
der Presse die Rede
von einer Oper war,
sprach von Lowtzow
von „Popmusik, aber
orchestral arrangiert“
– die er schrieb, ohne
den Inhalt des Stücks
zu kennen.

The Notwist
Neben Hörspiel- und
Soundtrack-Produktionen waren die Weilheimer im Frühjahr
2014 auch am Theater
aktiv: Für die Inszenierung von Jean-Paul
Sartres Das Spiel ist
aus komponierte die
Band den Indie-elektronischen Soundtrack
und stand auch live
am Deutschen Theater in Berlin auf der
Bühne. Ein 13 Minuten
langes Stück der
Theater-Musik findet
sich auf der im Februar erschienen Compilation The Messier
Objects.
Zusammengestellt
von Dennis
Drögemüller

DNA – Die Lieblingsplatten
unserer Lieblingsplatten
Steven Wilson
Hand. Cannot. Erase.
1985
Wie verschwindet ein
Mensch aus dem Leben,
ohne dass ihn jemand
vermisst? Auf seinem
vierten Soloalbum geht
Steven Wilson dieser
Frage nach – „auf den
Grund“ wäre zu viel gesagt. Nach
einer wahren Begebenheit lässt
er seine Protagonistin in 65 Minuten aus dem Leben fallen.
Sowohl die Musik als auch die
Rahmenhandlung findet diverse
Vorbilder und Ideengeber in der
mittelalten Pop-Vergangenheit.
Hier ein paar Vorschläge.

Kate Bush
Hounds Of Love
1985
Laut Wilson stand Bushs Album
The Dreaming Pate für den Jungenchor auf Hand. Cannot. Erase.
Als Referenz drängt sich jedoch
der Nachfolger auf. Das Konzeptstück The Ninth Wave, das die
komplette B-Seite einnimmt, ist
die beängstigende Reise durch
die Visionen einer verloren im
Wasser treibenden Frau. Unnötig
zu erwähnen, dass die Platte mit
Running Up That Hill und Cloudbusting zum Kanon der Popmusik
gehört.

Pink Floyd
The Wall
1979
Auch wenn sich manche berufen fühlen, einen Vergleich mit
diesem epochalen Konzeptalbum klein zu reden, so kann es
doch in mehrerlei Hinsicht als
direkter Vorfahre von Hand.
Cannot. Erase. bezeichnet werden. Roger Waters Geschichte
mäandert zwischen Realität,
Erinnerung und Fiktion, ihr
Protagonist versagt sich der
Welt und geht ins innere Exil.
Neben deutlichen musikalischen Zitaten strotzt Wilsons
Platte vor geistigen Parallelen.

Yes
Going For The One
1977
Sicherlich hat Wilsons Arbeit
am Remaster von Yes’ Relayer,
mit der er zeitgleich zur Produktion von Hand. Cannot.
Erase. beschäftigt war, auf sein
eigenes Werk abgefärbt. Doch
auch das Mindset, in dem sich
die Prog-Giganten Yes Ende der
70er befanden, kann als positiver
Einfluss aufs Klanggewand von
Wilsons Band herangezogen
werden: komplexe Ideen, kommerziell aufbereitet, angeführt
vom atmosphärischen Monstersong Awaken.


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