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Stimmen in der Dunkelheit

Kapitel 1 – Die Entscheidung
Ich erinnere mich genau daran, wie Kathy und ich die Nacht zusammen verbracht haben, bevor wir
aufbrachen. Die Entscheidung, zurückzukehren, war gefällt, alle Vorkehrungen getroffen. Was nicht
heißen soll, dass ich keine Angst hatte. Im Gegenteil. Während die Stunden bis zum Sonnenaufgang
verstrichen, empfand ich das mir so vertraute Gefühl der Ohnmacht, ein Gefühl, wie im Treibsand zu
stecken. Doch dieses Mal würde ich mich meiner Furcht nicht beugen. In den Jahren davor hatte ich
diesen Fehler immer wieder gemacht, und ich bereue vieles, was ich getan habe, weil mir der Mut
gefehlt hatte.
Ich musste zurück an diesen düsteren Ort, wo das Grauen über uns kam, aus dem wir um ein Haar
nicht entkommen waren. Und ich hatte wirklich Angst davor. Mein Gott, ich hatte niemals vor
irgendetwas mehr Angst, als davor, dorthin zurückzukehren.
Wenn ich meine Augen schloss, waren meine Kopfschmerzen erträglicher; auch der Schwindel ließ
dann etwas nach. Doch vor allem konnte ich auf diese Weise Jimmy sehen. Irgendwie wurde er
dadurch wieder lebendig. Ich stellte mir vor, wie er jetzt aussehen würde, mit fast vierzehn Jahren.
Jetzt wäre er so alt, wie wir damals waren, als wir so unbeschwert und naiv in die Tiefen gestiegen
sind, aus denen ich seit dem nie mehr richtig herausgekommen bin. Vier Kinder auf der Suche nach
einem Abenteuer. Welches wir auch erlebt haben, nur nicht so, wie wir es uns vorgestellt hatten.
In dem Sommer, in dem Jimmy starb, endete unsere Kindheit; sie wurde uns brutal entrissen, und ein
Teil von uns blieb damals auf der Strecke und verschwand für immer.
Ich wünschte, wir hätten unsere Ferien damals zuhause verbracht. In diesem besagten Sommer, der
an manchen Tagen hundert Jahre her zu sein scheint, und an anderen Tagen noch immer währt.
Auch war es an mir, diese Geschichte niederzuschreiben. Das wirkt wie eine Ausrede, ich könnte mich
doch stattdessen gleich aufmachen, mögen Sie einwenden. Dass ich Zeit schinden wollte, so, wie man
beginnt, zuhause aufzuräumen, statt für eine Prüfung zu lernen. Das mochte stimmen; doch
schließlich war ungewiss, ob ich zurückkehren werde. Denn wenn nicht, bliebe es einfach ein
schreckliches Geheimnis – und ich schuldete es den anderen, vor allem dem kleinen Jimmy, der noch
dort ist.
Wir wussten nicht, ob er damals wirklich starb. Im Grunde hoffte ich es. Denn wenn er noch dort
unten am Leben, bei Bewusstsein ist, wäre das viel schlimmer. Dort, wo die unheilvollen Stimmen
flüsterten und wo die Dunkelheit Augen hatte.

1. Teil

Kapitel 2 – Der heißeste Sommer seit Jahren
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