Stimmen in der Dunkelheit.pdf


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Meine Geschichte beginnt also im Sommer 1972; dem heißesten Sommer, den man sich vorstellen
kann. In meiner Klasse war ich mit meinen zwölf Jahren der Älteste, was zwar schick klingt, aber mit
meiner Ehrenrunde zusammenhängt, die meinen Eltern immer so peinlich war. Ich war der Älteste,
und damit auch einer der Größten meiner Klasse (mit Ausnahme vom fetten Andy, den alle „Bacon“
nannten – er war durch seinen schieren Umfang weit vorne, aber dadurch, dass er absolut
unterbelichtet war, hätte er seine Stärke nie einsetzen können, schon gar nicht, um sich
durchzusetzen), und ich genoss das durchaus. Es ging uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht so sehr um
Mädchen, wir waren auch einfach zu wild. Natürlich hatten wir Angst vor den Jugendlichen aus den
höheren Klassen. Sie waren erwachsen (auch wenn ich mir heute nicht sehr erwachsen vorkomme
und in dem Alter bin, welches ich damals so unerreichbar entfernt empfand), aber sie ließen uns in
der Regel in Ruhe, und unsere Klasse war wie ein funktionierender Mikrokosmus. Zwar gab es auch
einige, die dadurch bekannt waren, dass sie die Schüler der niedrigeren Klassen quälten. Doch dazu
später mehr.
Ich war befreundet mit zwei Jungs, mit denen ich jede freie Minute verbrachte. Da war Steve –mein
bester Freund, mit dem ich durch dick und dünn gegangen bin. Er hatte eine Hornbrille, die ihm den
Spitznamen Pop Eyes einbrachte. Von der Seite betrachtet wirkte es, als könne er durch die trüben
Gläser überhaupt nichts sehen. Dazu blinzelte er häufig, was ihm einen fahrigen, etwas dusseligen
Anstrich verlieh. Von vorne waren seine Augen durch die starke Vergrößerung riesig und füllten die
Brillengläser gänzlich aus. Ein Anblick wie aus einem Slapstick-Film; aber er war nicht auf den Kopf
gefallen und mit ihm konnte man Pferde stehlen und wirklich Spaß haben. Wenn ich gefragt werde,
was ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde, und müsste ich aus allem wählen, was mir einfiele
– es wäre Steve. Und auf der Insel würde er mir gehörig auf den Wecker fallen.
Der andere Junge war George, und eigentlich war er uns zugelaufen. Das, was einem eher mit
verwaisten Tieren passiert, geschah uns in den letzten beiden Schuljahren, durch die wir uns
erfolgreich durchkämpften (denn trotz meiner Ehrenrunde fiel mir der Unterricht nicht leicht; meine
Mutter sagte stets, ich hätte andere Qualitäten, was auch immer sie damit meinte), auf dem Schulhof
und in der Umgebung, durch die wir abenteuerlustig streunten. Ich kann gar nicht sagen, wann es
begann, aber er war plötzlich da. Im Unterricht war er mir nie aufgefallen, ein ruhiger, dunkelhaariger
Junge (meine Mutter fand ihn „so schön ordentlich“; mein Vater meinte, er wäre eine Pfeife),
unauffällig und schüchtern. Aber auch er liebte das Abenteuer, und er pflegte zu sagen (und dabei
schaute er bedeutungsvoll erst einem, dann dem anderen in die Augen): „Ich bin dabei, Männer“.
Und auch, wenn wir ihn eigentlich nie einluden, so warteten wir stets, bis er wieder auftauchte,
unserem Vorhaben lauschte, sein Statement abgab – und mit uns loszog.
Die gemeinsamen Erlebnisse schweißten uns zusammen. Und wenn wir zelteten und am Feuer über
unsere Geschichten lachten, waren wir wie Kameraden, vom Schicksal zusammengewürfelt, und wir
trotzten zusammen den Widrigkeiten, mit denen man zu tun hat, wenn man zwölf ist.
Wie Jonathan Gulik, der Widrigkeit, mit der wir zu kämpfen hatten.
John, wie Jonathan gerufen wurde, war ein stämmiger, dunkelhaariger Junge mit abstehenden Ohren.
Nur machte sich darüber keiner lustig, denn John hatte sehr große Hände, richtige Pranken (sein
Vater war Bauarbeiter und angeblich früher ein erfolgreicher Preisboxer gewesen), und es hieß, er
hätte einmal einen Schüler aus einer der Oberklassen grün und blau geschlagen. Ein neuer, aus
Connecticut zugezogen, blass, kein Herkules. Aber aus der Oberklasse, mindestens zwei Jahre älter als
wir. John soll ihm die Nase gebrochen haben, hieß es. Wir hatten alle gehörig Angst vor ihm, und er
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