Stimmen in der Dunkelheit.pdf


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regierte ein Schreckensregime, das einem wie das Universum vorkommt, wenn man zwölf Jahre alt
ist.

An diesem Tag, es war ein Montag in diesem schwül-heißen Juni 1972, hatte John ein neues Opfer
gefunden. Er hatte es auf Leslie Bauer abgesehen, ein blasses, hochgewachsenes Mädchen mit
brüchiger Stimme, die in den hinteren Reihen in unserer Klasse saß. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir
kaum bewusst, dass sie überhaupt auf unsere Schule ging, so unauffällig war sie.
Ich bekam mit, wie John in der Hof-Pause darüber sprach, er würde sie im Keller einsperren, wo die
Ratten hausten, und dass dieser Jüdin mal gut tun würde. Ich bin nicht sicher, ob John einen
speziellen Sensor dafür hatte, der ihm verriet, wer Jude war, oder ob er die Opfer, die er per
Zufallsprinzip auswählte, kurzerhand konvertieren ließ. Eigentlich war es auch egal, ich schätze, es
war einfach ein Feindbild, das er aus seinem grauenhaften Elternhaus übernommen hatte.

Steve hatte sich wieder übergeben (das passierte regelmäßig, er neigte dazu, wie meine Mutter sagte
– Sie ahnen, wie mein Vater diese Eigenschaft bewertete) und war vorzeitig aus der Pause in den
Klassenraum gebracht worden. Als es klingelte, trabten die Schüler zu der großen Flügeltür, die einer
der Lehrer aufhielt, und verschwanden im Inneren der Schule. Es war, als würde man den Stöpsel
einer Badewanne ziehen, alles floss in das Schulgebäude hinein und hinterließ einen verwaisten
Schulhof. Ich sah, wie John an einer der Ecken stand, und wie Leslie zur Tür schlurfte. Ihr Weg führte
vorbei an der Ecke, wo er lauerte, dort packte er sie kurzerhand, so, wie ein Bussard eine Maus
schnappt, und sie verschwand aus meinem Blickfeld. Ich erinnere mich daran, wie sie ihre milchigen
Augen aufriss, als er sie um die Ecke zog, bevor ich durch die Flügeltür geschwemmt wurde, im Sog
der anderen Schüler.
Alle saßen an ihren Plätzen, als es erneut klingelte, und John setzte sich an seinen Platz ganz hinten in
der Ecke. Der Stuhl von Leslie blieb frei.
Zunächst verlief die Stunde wie üblich, auch wenn Mister Stanford immer wieder auf den leeren Platz
von Leslie schaute. Doch in dem hypnotischen Zustand, in der man sich nach fünf Stunden Unterricht
befindet, hatte ich es auch rasch wieder ausgeblendet.
Aus diesem wurde ich herausgerissen, als der kleine Wecker schrillte, der sich in Leslies Federtasche
befand. Natürlich kannte ich diesen Wecker, er nervte uns zweimal am Tag, immer dann, wenn sie
ihre Medikamente nehmen musste. Sie spritzte sie sich in die Haut ihres Armes (was ich recht
beachtlich fand, ich weiß nicht, ob ich es fertig gebracht hätte, mir eine Spritze reinzujagen) und
sortierte anschließend das Besteck sorgfältig wieder in ihr Mäppchen, welches sie in die Federtasche
steckte. Mir fiel erst in den Jahren nach dem Zwischenfall auf, wie unruhig und blass sie vor der
täglichen Spritze aussah, und wie die gesunde Gesichtsfarbe zurückkehrte, nachdem sie fertig war.
Leslie war Diabetikerin (das wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht, beziehungsweise ich verstand es nicht
so richtig) und war daher auf ihr Insulin angewiesen, welches sie sich regelmäßig spritzte.
Aber an diesem Tag rief der kleine Wecker vergebens seine Besitzerin, und das Mäppchen blieb
sorgfältig verschlossen auf dem Platz liegen. „Weiß jemand, was mit Leslie ist?“ Stanford blickte durch
die Reihen der Schüler, die sich in der besagten Trance der sechsten Stunde befanden, und diese
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