Stimmen in der Dunkelheit.pdf


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Frage kaum unterscheiden konnten von den vorangegangenen, die mit dem Geschichtsunterricht
verbunden waren. Er schritt durch die Reihen und schien plötzlich sehr aufgeregt, was ich zunächst
nicht so ganz verstand. Aber mich beschlich eine Ahnung, und ich möchte mich nicht herausreden,
nur weil ich den medizinischen Hintergrund damals nicht einsortieren konnte.
Jedenfalls lief Stanford aus dem Klassenzimmer und ließ die Tür dabei offen, was verriet, wie
aufgeregt er war. Wir hörten, wie er mit der Schulschwester sprach; er war zu weit weg, als dass wir
sie verstanden hätten, aber das Thema schien ernster zu sein, als wir zunächst angenommen hatten.
Als er wieder in den Raum kam, schien er so blass zu sein, wie Leslie stets vor ihrer Spritze (und
wahrscheinlich auch in diesem Moment), und er sprach mit leiser Stimme und blickte uns dabei in die
Augen. „Es ist sehr wichtig, Kinder, überlegt genau! Wo habt ihr Leslie zuletzt gesehen?“ Die Schüler
begannen, sich umzudrehen und umzuschauen, ein Zeichen, dass sie es nicht wussten. Eigentlich
hätte ich mich zur Tarnung ebenfalls umblicken müssen, doch ich blickte starr geradeaus. Auch ohne
John zu sehen wusste ich, dass er völlig gelassen dem Blick des Lehrers standhielt, wahrscheinlich mit
einem spöttischen Lächeln im Gesicht.
Mein Herz klopfte. War ich der einzige, der von den Plänen von John erfahren hatte? Ich hörte schon
meine Stimme, wie sie Stanford berichtete, dass unser Klassentyrann die blasse Leslie in den
Schulkeller gesteckt hatte.
Das wird für dich Folgen haben, Jonathan. Folge mir zum Direktor, Jonathan.
Jonathan blickt mich an. Er ballt die Fäuste und packt mich am Kragen, mein Rücken lehnt an der
Wand.
Mein Mund blieb verschlossen, mein Herz rutschte mir in die Hose. Meine Arme und Beine fühlten
sich an, als wären sie aus Gummi, wie in einem Alptraum, in dem ich flüchte, aber nur langsam
vorankomme. Die Hitze schoss von meiner Brust in meinen Kopf. Meine Ohren müssen geleuchtet
haben, in hellroter Signalfarbe; ich kam mir vor wie ein Leuchtturm, wie eine Signaltafel, die hektisch
blinkt und auf sich aufmerksam macht.
„Wenn Leslie nicht ihre Medikamente bekommt, könnte sie sterben.“
Ein Satz, der sich mir ins Gedächtnis brannte. Jedes Wort fühlte sich wie eine einschlagende Granate
an, jede hinterließ ein klaffendes Loch, ich war eine Ruine, die nur aus einzelnen Wänden bestand
und drohte, zusammenzufallen.
Ich glaube, ich hatte mir gewünscht, dass Mister Stanford mich durchschaut, am Kragen packt und die
Hinweise auf Jonathan anhand meines Verhaltens abliest. Doch die Aufforderung blieb im Raum und
ich wagte nicht, John zu verraten und dafür von ihm Prügel zu beziehen.
Wir wurden in die Aula geführt, eine Halle mit einem kleinen Podest und vier Eingängen, durch die
Unmengen von Schülern hineinquollen. Mrs. Kennsington, eine übergewichtige Lehrerin, die stets ein
Lila Kleid trug, welches den muffigen Geruch eines uralten Möbelstücks verbreitete, hievte sich auf
die Bühne und räusperte sich laut. Die Masse aus gelangweilten Schülern senkte kaum spürbar den
Lärmpegel, und die Stimme der Lehrerin fügte sich in die Geräuschkulisse ein. „Wie Sie gehört haben,
wird Leslie Norman vermisst, eine Schülerin aus der 6c. Sie benötigt dringend ihre Medikamente,
wenn Sie also Hinweise über den Verbleib des Mädchens haben, teilen Sie sie uns bitte umgehend
mit!“
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