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Mittwoch,20,07.2016(1) .pdf


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2

Brennpunkt

Bieler Tagblatt Mittwoch, 20.07.2016

Unter der Metrostation Jaurès stirbt die
Biel/Paris Die Bieler Hilfsorganisation Stand up for Refugees sieht dem Leid von Menschen auf der Flucht nicht tatenlos zu. Die Organisation
einen Hilfsgütertransport nach Paris. Mitten in der europäischen Metropole kämpfen Flüchtlinge mit widrigen Umständen. Die freiwilligen Helfer
Tobias Tscherrig
«Komm, wir laden ein.» Zusammen mit
Armin Ahmedoski und Dino Cokovic
trage ich am Freitagnachmittag bergeweise schlammverkrustete Zelte, Kleider, Strümpfe, Iso-Matten, Toilettenartikel und Nahrungsmittel in einen alten
Lieferwagen. Die Beiden sind als freiwillige Helfer der Bieler Hilfsorganisation
Stand up for Refugees (Sufr) unterwegs.
Das Ziel: ein inoffizielles und deshalb
eigentlich illegales Flüchtlingslager in
Paris.
Wir verstehen uns gut. Das ist von Vorteil, sitzen wir doch die nächsten sieben
Stunden eingepfercht in der Führerkabine des klapprigen Fahrzeugs. Dino Cokovic ist 34 Jahre alt und stammt ursprünglich aus Montenegro. Dort hat er
auch seine ersten Erfahrungen mit
Flüchtlingen gemacht. Er sah sich ein
Lager genauer an und war überwältigt
von der Not der Menschen. Er kaufte ihnen Essen, es reichte nicht für alle. Er beschloss, sich zu engagieren, und meldete
sich bei Sufr. Seitdem transportiert Dino
Hilfsgüter. Mal innerhalb der Schweiz,
mal im Ausland. «Ein Tropfen auf dem
heissen Stein», sagt er dazu. «Trotzdem,
diese Arbeit ist wichtig.» Der 35-jährige
Mazedonier Armin Ahmedoski ist zum
ersten Mal dabei – so wie ich. Er fährt den
Lieferwagen, und er will helfen. «In den
Medien habe ich viele Bilder gesehen. Sie
haben mir im Herzen wehgetan. Jemand
muss helfen, jemand muss sich um diese
Menschen kümmern. Das ist unsere
Pflicht», sagt er und tritt aufs Gaspedal.

«Vor der Fahrt haben wir gebetet»
Wir fahren von Biel über Besançon,
Beaune, Auxerre bis in die Hauptstadt
von Frankreich. In der Stadt leben über
2,2 Millionen Menschen, im Grossraum
Paris sind es insgesamt gar über 12 Millionen. Damit ist Paris die fünftgrösste
Stadt der Europäischen Union. Irgendwo
in der am dichtesten besiedeltsten Grossstadt Europas leben ungezählte, namenlose Flüchtlinge auf der Strasse. Doch
davon wissen wir noch nicht viel. Zu den
Klängen von Musikern aus dem Balkan
fahren wir durch malerische französische Dörfer, geniessen die Idylle und fragen uns, was uns in Paris erwartet. Auf
der Autobahn werden wir immer wieder
von grossen Lastwagen überholt. «Das
sollten Hilfsgütertransporte sein»,
träumt Dino. Wie so oft liegen Traum und
Realität meilenweit auseinander. Grosse
Lastwagentransporte sind teuer – zu
teuer für viele private, gemeinnützig organisierte Hilfsorganisationen. Der Beweis ist unser Lieferwagen. Bereits in der
Schweiz warnen uns blinkende Kontrolllampen auf dem Armaturenbrett: «Motor
kontrollieren, Bremsbeläge kontrollieren.» Auch mit dem Tank scheint etwas
nicht zu stimmen. Egal, es wird schon gehen.
Bevor sie losfuhren, sprachen Armin
und Dino Gebete. Sie baten um eine sichere, unfallfreie Fahrt. «Und wenn
trotzdem etwas passiert, bist du gereinigt, wenn du in den Himmel kommst»,
sagt Armin. «Fühlst du dich wohl?» fällt
ihm Dino ins Wort. Ich bejahe. «Das
würde ich auch sagen, wenn ich zwischen
zwei Jugos sitzen würde.» Wir lachen.
Die interkulturelle Kommunikation
funktioniert im engen Führerhäuschen
des Lieferwagens. «Wären alle Schweizer
so wie du und alle Ausländer so wie wir,
gäbe es in der Schweiz keine Integrationsprobleme», witzelt Dino. Armin
sitzt konzentriert am Steuer. Der Verkehr nimmt zu, in der Ferne sehen wir die
Skyline von Paris. Wir sind da.

Paris im Ausnahmezustand
Bereits während der Fahrt kontaktierte
Dino unsere Ansprechperson vor Ort.
«Heute könnt ihr nicht mehr abladen,
dafür ist es zu spät», erklärte der Kontaktmann, der anonym bleiben will. Auch
er hat das Asylverfahren durchlaufen.
Und er hat Angst. Angst davor, etwas Falsches zu sagen und dann die Konsequen-

zen tragen zu müssen. Aufgrund des Terroranschlags in Nizza wurde der Ausnahmezustand in Frankreich verlängert. Die
Polizei erhielt mehr Kompetenzen, die
Überwachung wurde verstärkt. Viele Unschuldige wurden verhört, viele Franzosen sind verunsichert.
Auf der Suche nach unserem Schlafplatz, einer preiswerten privaten Wohnung, quälen wir uns durch den zähen
Verkehr. An einem Mahnmal entzünden
Einwohner Kerzen. Sie gedenken der Opfer der Pariser Terrroranschläge. Daneben dröhnt Musik, jugendliche Tänzer
bewegen sich im Rhythmus. Tanzen, lachen. Touristen schlendern durch die
Strassen, es ist Hauptsaison in der beliebten Tourismus-Destination. Wir finden
einen Parkplatz, dann unsere Wohnung.
Duschen, umziehen, anschliessend erkunden wir zu Fuss die Strassen von Paris. Wir wollen uns ein Bild von der Lage
machen. Schon bald sehen wir die ersten
Flüchtlinge. Es ist verstörend.
Sie liegen da, auf Matratzen und
Schlafsäcken im Besten, auf Kartons im
schlechtesten Fall. Am Strassenrand, auf
Trottoirs. In Nischen und Gassen. Männer, Frauen, Kinder. Von manchen sind
nur die Haare zu sehen, so tief haben sie
sich in ihre dreckigen Decken gewickelt.
Feierwütige Touristen torkeln in Designerklamotten an ihnen vorbei. Im Restaurant daneben kostet der Hot Dog
zwölf Euro. «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit»: Der Wahlspruch der Französischen Republik bröckelt von einer
Mauer. Ich sollte das Leid dieser Menschen fotografieren. Ich schaffe es nicht,
vor ihnen in die Knie zu gehen, die Bildschärfe einzustellen und die Szene festzuhalten. Ich fühle mich wie ein Voyeur,
einer, der vom Leid der Anderen profitiert. Dieses Gefühl wird mich die nächsten zwei Tage nicht mehr loslassen.
Schweigend gehen wir nach Hause.

Viel zu wenig Hilfsgüter
Früh am Morgen verlassen wir unsere
Wohnung. In einer kleinen Nebenstrasse
wartet unser Kontaktmann. Er grüsst
freundlich, dann zeigen wir ihm den Inhalt unseres Lieferwagens. Er ist hocherfreut. «Jede Hilfe ist willkommen, wir
können jede Unterstützung gebrauchen», sagt er. Der Mann klingelt an einer
Türe, eine alte Frau öffnet. «Hallo, wir
müssen ins Lager», sagt er. Die Frau
winkt uns durch, der Kontaktmann führt
uns durch einen Innenhof, dann gehen
wir eine lange Treppe nach unten. Hier,
unter den Strassen von Paris, darf seine
Hilfsorganisation einige Keller als Lager
benutzen. In den Gewölben stapeln sich
Zelte, Schlafsäcke, Kleider und Esswaren.
«Hier könnt ihr euer Material abladen»,
sagt der Mann. Dino und Armin protestieren. Sie hätten nicht den ganzen Weg
auf sich genommen, um das Material in
einem Keller zu stapeln. Sie seien gekommen, um zu helfen. Um zu sehen, was
mit dem Material geschehe. Der Mann
zeigt Verständnis, er kann die Beweggründe der beiden freiwilligen Helfer
verstehen.
Trotzdem argumentiert er weiter: «Es
ist besser, die Sachen zu lagern. Wenn das
Flüchtlingslager von der Polizei geräumt
wird, haben wir zumindest noch Hilfsgüter in der Hinterhand.» Armin und Dino
bleiben hart. Sie wollen das Material selber verteilen. Der Mann gibt nach. Wir
vereinbaren, die Verteilung um Mitternacht durchzuführen. «Dann ist im Lager
nicht so viel los, das ist besser für die Sicherheit», weiss unser Kontaktmann. Er
hat recht, wie sich später herausstellen
wird. Das ist die Krux bei den Verteilungen: Bei keiner der Warenausgaben können alle Bedürfnisse befriedigt werden,
ein Grossteil der Flüchtlinge geht jeweils
leer aus. Deshalb gibt es Streit, manchmal
sogar Kämpfe. Dann schlagen sich
Flüchtlinge halb tot – für den Genuss
eines halben Liter Milchs.

Wenn Welten aufeinander prallen
Wir stellen den Lieferwagen in der Nähe
des Flüchtlingslagers ab. Beim Ausstei-

Die freiwilligen Helfer der Bieler Hilfsorganisation Stand up for Refugees verteilen im inofiziellen Flüchtlingslager «Jaurès» in Paris die mitge
leer aus. Die Flüchtlinge kämpfen um die Hilfsgüter, oft müssen Helfer schlichtend eingreifen. Bilder: Tobias Tscherrig

Am späteren Samstagnachmittag eskalierte die Situation, im Lager gab es Strassenschlachten. Die Polizei setzte Tränengas ein (Bild
links). Die freiwilligen Helfer von Stand up for Refugees verteilen die Hilfsgüter. Die Schlange wird immer länger (Bild rechts).

gen bin ich irritiert. «Hier ist das Flüchtlingslager?», frage ich den Kontaktmann.
Er nickt. Ich sehe mich ungläubig um.
Wir stehen auf einer belebten Kreuzung,
im Herzen von Paris. Alles geht seinen
gewohnten Gang: Touristen schlendern
herum, schiessen Fotos. Strassenverkäufer verdienen sich ihr täglich Brot, Hotels,
Geschäfte und die Filialen von bekannten
Fastfood-Ketten säumen die Rue la Fayette. Ich kann mir nicht vorstellen, dass
hier Menschen auf der Strasse leben.
Menschen, die auf ausrangierte FestivalZelte und andere Hilfsgüter angewiesen
sind. Wir überqueren die Kreuzung, passieren den Eingang zur Metrostation
«Jaurès» und biegen in den Boulevard de
la Villette ein. Wir betreten eine andere
Welt. 20 Meter neben der Kreuzung, die
täglich von tausenden Touristen und Einheimischen passiert wird, leben hunderte
Menschen im Dreck. Jeden Tag werden
es mehr.
«Das ist ein inoffizielles Lager», erklärt
unser Kontaktmann. «Die Regierung
oder die Stadtverwaltung haben damit
nichts zu tun. Sie helfen uns nicht. Die
Flüchtlinge leben vom Einsatz der freiwilligen Helfer.» Die Lage des Lagers ist
an Absurdität nicht zu überbieten: Es
gibt zwei Strassen, die parallel zueinan-

der von der Kreuzung wegführen. Beide
heissen gleich: Boulevard de la Villette.
Eingequetscht zwischen diesen Strassen,
liegt die Metrostation «Jaurès». Ihre Geleise werden oberirdisch über eine lange
Brücke geführt. Das ist das Dach der
Flüchtlinge. Sie leben unter der Brücke,
zwischen den beiden vielbefahrenen
Strassen. Eine dieser Strassen führt zudem direkt durch das Flüchtlingslager.
Die Flüchtlinge leben auch auf der anderen Strassenseite. Entlang eines grossen,
gläsernen Gebäudes richten sie sich zum
Schlafen ein. Reihe an Reihe, Karton an
Karton. Die Autofahrer, die das Flüchtlingslager durchfahren, benutzen ihre
Hupen, nicht die Bremsen.
«In dem gläsernen Gebäude befindet
sich das Büro, in welchem die Flüchtlinge ihren Asylantrag deponieren müssen. Das Büro hat nicht immer geöffnet,
zudem ist es überlastet», sagt unser Kontaktmann. «Oft müssen die Flüchtlinge
wochenlang auf einen Erst- oder auf
einen Folgetermin warten.» Mit anderen
Worten: Das Flüchtlingslager hat sich
selbst gebildet. Die Flüchtlinge sind verpflichtet, hier ihre Anträge zu deponieren. Dazu müssen sie warten. Nach dem
ersten Besuch müssen sie weiter warten.
Geld für öffentliche Verkehrsmittel ha-

«Unter diesen
Bedingungen
musste die Lage
eskalieren. Wann
wird sich endlich
etwas ändern?»
Amir, Flüchtling aus Afghanistan

3

Brennpunkt

Bieler Tagblatt Mittwoch, 20.07.2016

Hoffnung

Nachgefragt

«Wir sehen nicht
mehr tatenlos zu»

beliefert Flüchtlingslager auf der ganzen Welt mit Hilfsgütern. Das Bieler Tagblatt begleitete am Wochenende
sind überfordert, die Regierung schaut zu. Am Samstag entlud sich die Frustration in Strassenschlachten.

Im Flüchtlingslager Jaurès gibt es keine sanitären Anlagen. Die
Bewohner verrichten ihre Notdurft auf der Strasse.

Die Flüchtlinge leben unter der Pariser Metrostation Jaurès. Es
geht chaotisch zu und her.

brachten Hilfsgüter. Es sind viel zu wenige, die meisten Flüchtlinge gehen

Ein Flüchtlingsmädchen beobachtet Touristen. Diese flanieren
über eine Brücke unweit des Lagers «Jaurès».

ben sie nicht. Ihnen bleibt nichts anderes
übrig, als vor dem Büro, unter der Brücke
zu leben. Wochenlang. So geht das seit
über einem Jahr.

Chaos, einfach nur Chaos
Wir sehen uns das Lager näher an und
sind entsetzt. Ein unübersichtliches
Durcheinander von Zelten, Matratzen,
Decken, Teppichen und Kartonunterlagen. Überall liegen Menschen, vertreiben sich die Zeit. Abfall und Unrat türmen sich, es stinkt nach Exkrementen.
Dazwischen spielen Kinder, auf dem
Trottoir rasieren sich Männer. Es gibt
einige Pissoirs, andere sanitäre Anlagen
sind nicht vorhanden. Als Toilette dient
die Strasse. Es gibt fliessendes Wasser –
allerdings nur aus einem einzigen Wasserhahn. Die Flüchtlinge trinken Wasser
aus Pet-Flaschen, sie waschen damit ihre
Kleider und sich selbst. Zwar dürfen sie
einige Duschen der städtischen Infrastruktur benutzen, diese sind aber über
die gesamte Stadt verteilt. Die Flüchtlinge haben kaum Chancen, sie zu erreichen. Eine einzige Dusche befindet sich
in der Nähe. Hier dürfen sich am Tag jeweils fünf Lagerbewohner waschen. So
will es die Stadtverwaltung.
Das Lager wird von mehreren, lose ver-

Ein Leben auf Karton: Die Flüchtlinge leben vor dem Büro, in
dem sie die Asylanträge stellen müssen.

Barkad Mahad mit einem Teil seiner Familie. Sie leben seit einer
Woche auf den Strassen von Paris.

netzten Kollektiven betrieben. Per Facebook rufen sie die Bevölkerung auf, jene
Dinge zu spenden, die gerade am dringendsten gebraucht werden. Die Liste ist
lang. Ebenso die Liste der Freiwilligen,
die helfen wollen. Auf dem Papier. In der
Realität sind während des Wochenendes
nicht mehr als zwölf Freiwillige vor Ort.
Sie sind überfordert, frustriert und genervt. «Wo sind die 1900 Freiwilligen?»,
brüllt Pascal Gueguen. Er ist die einzige
Konstante im Flüchtlingslager. Seit zweieinhalb Wochen zeltet er hier. Versucht
zu koordinieren, gerecht zu verteilen und
den Überblick nicht zu verlieren. «Irgendjemand muss das doch machen»,
sagt er schulterzuckend. Er hat einen
schweren Stand. Die einzelnen Kollektive
und Unterstützer sind sich nicht immer
grün, haben verschiedene politische Ansichten und kämpfen um Medienpräsenz. Die Flüchtlinge nutzen die unübersichtliche Situation aus, versuchen so viel
Material wie möglich zu ergattern und
andere zu übervorteilen.
Als ich Pascal zum ersten Mal sehe,
steht er hinter einer Barriere aus Paletten. Hinter ihm türmen sich Kleider und
andere Hilfsgüter. Er verteilt sie. Müde
und abgekämpft. Er brüllt, hat vor Aufregung Gänsehaut an den Unterarmen. Oft

packt er einen Besen und versucht, die
drängelnde Menge zurückzuhalten. Er
ist nicht zimperlich. «Ich muss mir Respekt verschaffen», sagt er. «Sonst geht
hier alles den Bach runter.» Ich beobachte mehrmals, wie spendenfreudige
Menschen mit Hilfsgütern vorbeikommen. Sie haben keine Chance. Sobald sie
die Türen ihrer Fahrzeuge öffnen, werden sie von einer notleidenden Menschenmenge hinweggefegt. Sie können
nur hilflos mit ansehen, wie um das Material gestritten wird. Hier gilt das Recht
des Stärkeren. «Aus Sicherheitsgründen
gehe ich nicht zu Materialverteilungen»,
sagt Barkad Mahad, der mit seiner Frau
und sieben Kindern seit einer Woche im
Lager lebt.

Wenn die Polizei aufräumt
Dino, Armin und ich sprechen im Lager
mit vielen Flüchtlingen. Sie haben bald
gemerkt, dass wir nicht zu ihnen gehören
und bestürmen uns mit Fragen: «Wie
lange müssen wir noch hierbleiben?»,
«Wo bleibt die Gerechtigkeit?» «Warum
unternimmt niemand etwas?» Solche
Fragen, mit Tränen in den Augen. Auf
englisch geben wir Antwort, oft kommunizieren wir mit Händen und Füssen.
Was sollen wir sagen? Uns bleibt das rat-

lose Schulterzucken, aufmunternde
Worte, nichts als leere Worthülsen. «Nur
die wenigsten Flüchtlinge schaffen es
hierher», sagt der 23-jährige Abdul aus
Eritrea. «Europa ist bereits jetzt überfordert. Es werden mehr kommen, was geschieht dann?» Der 19-jährige Ali aus dem
Sudan lügt seine Eltern an. Es gehe ihm
gut in Frankreich, sage er jeweils. «Sie
sollen sich keine Sorgen machen.» Ich
will mehr von seiner Familie erfahren. Er
schluckt leer, versucht zu antworten,
dann bricht er zusammen. Weint hemmungslos. Unzählige derartige Gespräche. Zu viele Schicksale, zu viel Leid für
zwei Seiten Zeitungspapier.
Wie viele Flüchtlinge tatsächlich unter
der Metrostation Jaurès leben, ist unbekannt. Es gibt keine offiziellen Zahlen.
Das Büro der Bürgermeisterin beantwortet keine Fragen, vertröstet auf später.
Pascal Gueguen spricht von 800. Andere
Helfer schätzen die Zahl auf 600. Die Behörden greifen nur selten ins Lagerleben
ein. Eine Anfrage für Toiletten behandelten sie erst nach Wochen – dann stellten
sie eine einzige Anlage auf. «Komplett
verbürokratisiert, an den Bedürfnissen
vorbei», sagt eine Helferin, die anonym
bleiben will. Die einzige Handlung der
Behörden besteht in den «Evakuierungen.» Dann rückt die Polizei an, mit Bulldozern. Mit Bussen karren sie die Flüchtlinge zu Turnhallen, ausrangierten Hotels, zu Bunkern oder Lagerhallen. Oft
weit ausserhalb der Stadt, oft gibt es keine
Betten, keine Nahrungsmittel. In Paris
war dies bereits mehrmals der Fall. In
dem Lager um die Metrolinie Stalingrad,
etwa. Oder bei den Lagern «Éolle» und
«Pajol.» Sind dann keine Helfer vor Ort,
macht die Polizei das Lager dem Erdboden gleich und verbrennt die Hilfsgüter.
Aus Angst vor Infektionen, heisst es. Bis
heute gibt es kein offizielles Flüchtlingslager in Paris. Die amtierende Bürgermeisterin Anne Hidalgo spricht seit Ende Mai
von einem «humanitären Empfangszentrum, das bald eröffnet wird.»
Am Freitagnachmittag eskaliert die Situation im Flüchtlingslager. Bei der Essensausgabe wird gestritten, Flüchtlinge
aus Afghanistan, Somalia und dem Sudan
gehen aufeinander los. Daraus wird ein
Flächenbrand, der erste im Lager «Jaurès». Die zwei anwesenden Helfer haben
keine Chance, die Lage in den Griff zu bekommen. Am Ende gehen schätzungsweise 300 Flüchtlinge aufeinander los.
Mit Steinen, Flaschen, Holzlatten. Es gibt
Verletzte, die Krankenwagen fahren ununterbrochen. Die Polizei setzt immer
wieder Tränengas ein und versucht so, die
Kämpfenden zu trennen. Unter diesen
Umständen können Dino und Armin
keine Hilfsgüter verteilen. Sie müssen bis
am Sonntag warten. Dann dücken sie das
mitgebrachte Material in gierige Hände,
nach Minuten ist der Lieferwagen leer.
Die Enttäuschung derjenigen, die leer
ausgegangen sind, ist gross.
Wir steigen in unser Fahrzeug und treten die Rückreise an. Nach 30 Sekunden
biegen wir ab – und befinden uns wieder
in einer heilen Welt.
Zusätzliche Bilder finden
www.bielertagblatt.ch/paris

Sie

unter

Die Stadt wollte nicht helfen
Das Lager von Stand up for Refugees
(Sufr) befindet sich zurzeit in einem besetzten Haus in Biel. Während langer Zeit
suchte die Organisation nach einer Alternative. Dabei wurde man auch bei den
Behörden vorstellig. Obwohl in Biel viele
Gebäude leerstehen, wollte die Stadtverwaltung nicht helfen. Man sei vertröstet und hingehalten worden, heisst
es aus den Reihen von Sufr. Als dann
eine Drittperson Druck aufgesetzt habe,
sei plötzlich alles schnell gegangen. Am
Samstag zieht Sufr in die neuen Räumlichkeiten ein. Es werden noch Helfer
gesucht. Interessierte können sich unter
der Nummer 076 216 99 49 oder unter
www.facebook.com/sufr.ch melden. tt

Nicole Jardin,
Miriam Krähenbühl
Stand up for Refugees

Die Bieler Organisation Stand up
for Refugees sammelt Hilfsgüter und
verschickt diese in die ganze Welt.
Die Organisation hilft Menschen
in Not, egal wo.
Frau Jardin, Sie bezeichnen sich als
«Menschen, die nicht mehr zusehen,
sondern aufstehen und helfen.»
Das stimmt. Unsere Organisation besteht
aus Menschen, die dem Leid von Mitmenschen auf der Flucht nicht mehr tatenlos zusehen können. Wir stehen auf
und helfen.
Eine private, gemeinnützige Organisation kämpft gegen das Elend auf der
Welt. Ein aussichtsloser Kampf ?
Wir sind eine kleine Organisation. Unser
Kernteam besteht aus acht Leuten. Daneben können wir aber auf viele freiwillige
Helfer zählen. Wir sehen das so: In der
aktuellen Lage zählt jede Hilfe. Seit unserer Gründung im Oktober 2015 haben
wir bereits hunderte Tonnen Hilfsgüter
in Flüchtlingscamps sowie an Organisationen vor Ort versendet.
Bitte präzisieren Sie.
Insgesamt waren es rund 30 Transporte.
Davon 12 mit 40-Tönnern, also grossen
Camions. Wir führen die Transporte selber durch oder vergeben sie an Speditionen. In Zusammenarbeit mit anderen
Hilfsorganisationen führen wir auch
Sammeltransporte mit anderen Hilfsorganisationen durch.
Das kostet Geld.
Das stimmt. Die Kosten decken wir mit
den Geldspenden, die wir aus der Bevölkerung erhalten. Ein Containertransport
nach Syrien kostet etwa 6000 Franken.
Wie garantieren Sie, das die Sachspenden auch wirklich bei den hilfsbedürftigen Menschen ankommen?
Wir arbeiten transparent. Oft sind wir bei
den Transporten selber dabei und kontrollieren den Ablauf. Ist das nicht möglich, kontrollieren unsere Kontakte vor
Ort die Lieferung und geben uns Rückmeldung. So erhalten wir Gewissheit.
Über 95 Prozent des Materials kommt
am Bestimmungsort an.
Also ist Ihre Organisation international vernetzt?
Das ist ein absolutes Muss. Wir arbeiten
zum Beispiel mit Organisationen aus
Frankreich, der Schweiz, Griechenland
und Syrien zusammen. Wir kennen auch
Leute, die sich privat in den Lagern engagieren. Diese Menschen senden uns Listen mit den im Lager benötigten Dingen.
Dann sammeln wir und schicken den
Transport.
Was wird in den Lagern benötigt?
Zelte, Schlafsäcke, Iso-Matten, Kleider,
Schuhe, Medikamente, medizinische
Hilfsmittel wie Rollstühle und Gehhilfen,
Toilettenartikel.
Das wird Ihnen alles von der Bevölkerung gespendet?
Das ist so. Trotzdem: Manche benutzen
uns auch als Entsorgungsstelle. Wir erhalten auch unnütze Dinge: Bikinis, einzelne Schuhe, stinkende, löchrige Kleider. Wir müssen alles sortieren, das ist
sehr zeitintensiv. Wir suchen immer
nach Helferinnen und Helfern.
Waren Sie selber auch schon in
Flüchtlingslagern?
Klar. Wir waren etwa in Deutschland,
Österreich, Griechenland und Slovenien.
Wir müssen auch selber vor Ort Abklärungen machen, uns vernetzen und
organisieren.
Beschreiben Sie Ihre Eindrücke.
Man kann das Elend, die Zustände in den
Lagern, nur schwer beschreiben. Die
Flüchtlinge führen kein menschenwürdiges Leben. Man liest viel von Flüchtlingen. Vor Ort spricht man mit ihnen, lernt
sie kennen und merkt: Das sind Menschen. Mit Träumen, Hoffnungen, Ängsten. Mit Gefühlen. tt


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