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PP Lingnerstadt .pdf



Original filename: PP Lingnerstadt.pdf
Author: Robert Berger

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Mit Spannung darf in den nächsten Jahren die Wiederentstehung eines Stadtviertels auf dem ehemaligen ROBOTRON-Areal erwartet werden, welches sich städtebaulich nach dem Wettbewerbssieger Peter Kulka weitgehend an der Vorkriegssituation orientieren wird.
Diese Planung beendet die bisher, für eine Landeshauptstadt an dieser Stelle unwürdige Situation,
welche eher das Gefühl aufkommen ließ, sich in einem seelenlosen Industriegebiet mit Hinterhofcharakter zu befinden, als in zentraler Innenstadtlage vis-a-vis des Rathauses, des Hygiene-Museums und des Großen Gartens.
Die angestrebte Kleinteiligkeit, auf Grundlage der Parzelle im Straßenblock, sowie die Mischnutzung mit Kleingewerbe, Wohnungen und Büros sind bei guter Planung und Umsetzung in der Lage,
diesen Teil der Pirnaischen Vorstadt endlich an das Zentrum anzubinden und ein lebendiges Viertel
zu schaffen.

Bild 1, Quelle: Immovation AG

Dies entspricht auch lobenswerterweise der Kölner Erklärung des Instituts für Stadtbaukunst der
TU Dortmund.* Einer vollständigen Anbindung steht indes nur noch die überbreite Verkehrsschneise der St. Petersburger Straße im Weg. Infolgedessen sollte ihre Verschmälerung mittel- bis langfristig nicht aus den Augen verloren werden.
Die Beteiligung verschiedener Architekturbüros bei den Entwurfsplanungen der Häuser im wiederentstehenden Viertel könnte endlich von der Fassaden-Einfalt, der Beliebigkeit und Sterilität vieler
bisher durchgeführter Projekte, wie es das Neubaugebiet oberhalb des Alaunplatzes eindringlich
und beispielhaft aufzeigt, wegführen.

Bild 2, Quelle: Kulka Architekten – Visualisierung

Wir, von der Bürgerinitiative StadtbilDD, möchten uns auf diesem Wege an der Debatte beteiligen
und unsere Ideen einbringen, um zum Gelingen der "Lingner Gartenstadt" beizutragen.

Bisherige Veröffentlichungen legen nahe, dass die Architekturen der Häuser hinter den städtebaulich lobenswerten Plänen zurückbleiben werden. Um diesem Verdacht vorzubeugen, regen wir die
Diskussion folgender Punkte zur Verbesserung der Planungen an:


Vermeidung durchgehender Flachdächer bei gleichbleibender Gebäudehöhe / Traufe
Unserer Meinung nach, ist es nicht zielführend, Flachdächern allein den Vorrang einzuräumen. Es ist zu überlegen, ob nicht für Dresden typische Mansarddächer ebenso Verwendung finden sollten. Unterschiedliche Gebäudehöhen, gerade in Abstimmung mit der gegenüberliegenden Straßenseite als korrespondierendes Pendant, schaffen interessante
Torsituationen und lebendige Dachlandschaften. Auch sollte die Blickbeziehung von den
Türmen der Altstadt über die "Lingner Gartenstadt" hin zum Großen Garten als Ansporn
für einen, nicht von Technikaufbauten auf grauen Flachdächern dominierten Anblick angesehen werden.



Eine Weiterentwicklung in der Dresdner Baukultur der letzten zwei Jahrzehnte bedeutet
auch, klassische Stilelemente, die über das Dogma des Bauhauspurismus hinausgehen, abseits von Rekonstruktionen, in der Architektur zuzulassen. In vielen deutschen Städten
werden heute bei der Gestaltung von Neubauprojekten Anknüpfungspunkte an die Neue
Sachlichkeit, des Art déco oder der Gründerzeit gesetzt. Gesimse, Lisenen, die Ausbildung
eines gestalterisch abgesetzten Sockelgeschosses, Fenstersprossen und -laibungen oder gar
der dezente Einsatz von Figuren und Ornamenten sollten für die alleebegleitende, repräsentative Position des Viertels Anwendung finden. Dies gilt in besonderer Weise bei den
größeren Blöcken zur Lingnerallee - in der Gebäudeflucht zwischen Großem Garten und
Rathaus – welchen eine deutlich herausragende, optische Wirkung zukommen sollte. Nirgends sonst wäre das alleinige Zurückgreifen auf puristische Ausformungen des Bauhauses
in seiner Wirkung verheerender und würde diese Achse in seiner Wirkung banalisieren.
Eine Entwicklung für das 21. Jahrhundert wäre im Vergleich zum Vorzustand der 1960/70er
Jahre nicht zu erkennen.



Kolorierung, abseits des weiß/grau/schwarzen Spektrums. Um der Sterilität der Gebäude
entgegenzuwirken, empfiehlt sich die Verwendung verschiedener nicht unbunter Fassadenfarben, die durchaus farbschematische Themen, wie hell/dunkel, warm/kalt und in Ausnahmefällen auch Komplementärkontraste zum Inhalt haben dürfen. Diese können zusätzlich
durch unterschiedliche, möglichst regionaltypische Fassadenmaterialien oder Verklinkerungen, in ihrer Ausstrahlung unterstrichen werden. Von reinen „Sandsteintapeten“ ist abzusehen. Als Rahmen sollte eine gewisse Noblesse ausstrahlender und weitestgehend warmer
Farbgebung Vorzug gegeben werden. Ein Farbkonzept ließe sich dazu von zeitgenössischen
Künstlern, welche mit Dresden verbunden sind (etwa Gerhard Richter, Peter Graf, Petra
Resch, u.v.m.), sicher gut entwickeln.



Einfachste geometrische Basiskörper (Würfel, Quader) dürfen nur die Basis, nicht das
Endergebnis sein. Ecksituationen sind zu betonen! Die Mehrdimensionalität der Häuser ist
durch Erker oder Risalite zu unterstreichen. Gerade den Eckbauten kommt dabei auch städtebaulich eine besondere Bedeutung zu. Türme oder turmartige Erhöhungen und Rundungen, sowie Eingangssituationen zu Wohnräumen und Geschäften im Eckbereich beleben
den Stadtraum. Der Ausformung der Sockelzonen ist besondere Aufmerksamkeit zu widmen und Sichtachsen mit interessanten Blickbeziehungen sind zu schaffen. Reminiszenzen
zu Bauten des Vorkriegszustandes, wie etwa des Kreuzgymnasiums, der Sekundogenitur
oder des nahen Palais Kaskel/Oppenheim von Semper sollten angestrebt werden. Des Weiteren wird darauf hingewiesen, dass öffentliche Installationen auf die Geschichte und den
Bezug (Georgplatz, Lehrerbildungsanstalt, Sekundogenitur, Karl August Lingner, VEB Kombinat Robotron) des Areals erwünscht sind. Diese können in Form von Denkmälern, Park-,
Platz- und Weggestaltungen, Brunnen, Kunst im öffentlichen Raum und zitierende Architekturen erreicht werden.

Schlussbetrachtung
Mit dem zu entwickelnden Gebiet der "Lingner Gartenstadt" bietet sich der Stadt Dresden die
Chance, an städtebaulich bedeutende Errungenschaften des beginnenden 20. Jahrhunderts anzuschließen und auch gestalterisch die Messlatte, nach den Einbrüchen der letzten Jahre, wieder
ganz nach oben zu hängen.
Wir verlangen ausdrücklich keine 1:1-Wiedererstehung des Gebietes im Vorkriegszustand und verfolgen auch keine strikten Rekonstruktionen wie z.B. am Neumarkt. Wir befürworten die städtebauliche Planung nach Kulka und unterstützen die Umsetzung der geplanten Straßenzüge und der
dazugehörigen Gebäudestrukturen. Einzig bei den massiven Blöcken entlang der Lingner-Allee sollte die unvermittelte Abkehr von der im Inneren des Gebietes wohltuend ausgeprägten Kleinteiligkeit dringend überdacht werden.
Anzustreben ist indes eine Überwindung der kargen und gestaltungsarmen Bauherrenarchitektur,
eine architektonisch abwechslungsreiche Ausprägung verschiedener Stile, die sich mit der erhaltenen Dresdner Bausubstanz misst und sich ihr nicht unterordnet, eine Korrektur der Orientierung an
überholten Architekturdogmen der Postmoderne und des Bauhauses, hin zu einer Architektur für
den Menschen, seines Sinnes für Abwechslung und Ästhetik, für Detailreichtum und der Erkenntnis, dass eine farbige Umgebung dem menschlichen Gemüt zuträglicher ist, als bloße Nuancen in
Grau. Hier ist Ideenreichtum und Mut gefragt, primär nicht funktionale, sondern gefällige Bauformen zu wagen!
Wir fordern als Bürgerinitiative die Mitsprache und Einbeziehung aller interessierten Bürger bei der
Entscheidung über die Fassadenentwürfe auf dem ganzen Areal ein, was Maßnahmen zur Förderung der Diskussion und zur Vorstellung der Entwürfe, noch vor der Genehmigung durch Stadtplanungsamt, Bauausschuss und des Stadtrates, voraussetzt. Sollte dies nicht umsetzbar sein, müssen
zumindest Vertreter Dresdner Interessengruppen die Gelegenheit bekommen, auf die phänotypische Ausprägung der Gebäudearchitekturen Einfluss zu nehmen – unter anderem durch einen
Workshop unter Beteiligung der Gestaltungskommission Gesamtstadt Dresden, des Stadtplanungsamtes, des Baubürgermeisters und u.a. von StadtbilDD.
Es ist sicherlich keine Übertreibung, wenn man feststellt, dass Dresden mit diesem Projekt eine
große Chance zur Ausbildung eines wegweisenden neuen Städtebaus bekommt. Diese darf die
Stadt nicht leichtfertig vergeben, indem einige wenige über eine Zukunft entscheiden, an der, aufgrund der exponierten Lage der "Lingner Gartenstadt", alle Menschen in Dresden - ob Einheimische oder Besucher - teilhaben werden.

Ch. Kade / R.B. / S. Schiller

*http://www.stadtbaukunst.tu-dortmund.de/cms/de/Veranstaltungen/KoelnerErklaerung/14_07_03_KoelnerErklaerungMai2014.pdf


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