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Meine Religion2 .pdf


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BASEBALL - MEINE RELIGION
Wieder dieser Moment. Nur er und du. Und während der Ball seine Hand verlässt, verengt sich deine gesamte Wahrnehmung auf den Ball, der rasant und direkt auf dich
zugeflogen kommt. Und wie jeder dieser Momente, begleitet auch diesen eine enorme
Anspannung und innere Exaltiertheit, die nach Auflösung drängt. Schwingst du und
versuchst den Ball soweit wie möglich zu schlagen? Lässt du ihn durchgehen und vertraust auf den Call des Umpires? Allein das ‚kling‘ des Schlages oder das ‚patsch‘ des
Balles im Handschuh des Catchers lösen die Spannung für einen Moment. Doch erst
wenn du die Platte verlässt, kehrst du zurück aus dieser traumhaften Welt der alles
entscheidenden Augenblicke in die Realität des Spielfeldes.
Wovon träumen wir? Und wie viele unserer Träume
bleiben unerfüllt? Ich weiß nicht, ob es auch anderen
Menschen so geht. Aber manche Träume aus meiner
Kindheit haben mich ein Leben lang begleitet. Ich
bewahrte sie Jahr für Jahr, und ließ niemals einen
zerplatzen. Beginnt nicht alles, was wir je in unserem
Leben erreichen, mit einem Traum? Ich glaube, hinter
jedem zerplatzten Traum steckt ein nicht gelebtes
Leben. Weswegen uns jeder Traum ebenso viel wert
sein sollte. Denn erscheint uns nicht darin, das Leben
in all seiner Vielfalt und all seinen Möglichkeiten, die
es uns bietet?
Mein Traum von Baseball begann früh. Als ich in
meiner Kindheit im Sportgeschäft unserer Stadt zum
ersten Mal einen ledernen Baseballhandschuh erblickte, umgab ihn in meinen Augen eine magnetische
Aura. Die ungewöhnlichen Maße dieses für meine
Kinderhände überdimensionalen Handschuhs, sein
rötlich braun gegerbtes Leder, der Fangkorb zwischen
Daumen und Zeigefinger zogen mich in einen anhaltenden Bann. Die Vorstellung mit diesem Gerät einen dieser
weißen Bälle mit der doppelten roten Naht zu fangen,
verfing sich sofort in meinen Träumen bei Tag wie bei
Nacht. Viele Nachmittage lief ich wieder und wieder in
das Geschäft, um meine linke Hand im Leder des Handschuhs zu versenken und mir die tollsten Szenen auszumalen. Fangen, werfen, spielen. Es dauerte noch Monate,
ehe ich genug Taschengeld gespart hatte und mir den
Handschuh endlich kaufte. Und es dauerte noch Jahre,
ehe er an meiner Seite zum ersten Mal tatsächlich zum
Einsatz kommen sollte.
Meine gesamte Kindheit und Jugend hindurch, hat mich
der Handschuh begleitet. Phasenweise verstaubte er dabei
im Regal. Aber immer wieder half er mir, meine Phantasie
aufs Neue zu erwecken. Dann versenkte ich meine jugendliche Hand in ihm, sog seinen starken gegerbten Duft
ein und ahmte die Wurfbewegungen der Pitcher nach, wie
ich sie in den amerikanischen Filmen beobachtet hatte –
und stand plötzlich mitten in meinem Traum.
Nur sehr selten bot sich die Gelegenheit wirklich zu spielen. In meinem gesamten Bekanntenkreis besaß nur ich so
ein wertvolles Sportgerät. Und mein Vater weigerte sich
wiederholt einen so harten Baseball auf mich zu werfen.
Wenn wir dann doch einmal zu zweit oder zu dritt, mit
Schläger und Handschuh ausgerüstet auf eine Wiese gingen, warfen wir uns einen Tennisball zu. Nach dem ersten

Volltreffer war der dann meist im Gebüsch verschwunden. Der Spaß am Spiel war dann schnell vorüber.
Ähnlich verhielt es sich mit den Regeln des Spiels. Zwar
verinnerlichte ich schnell die verschiedenen Positionen
und Rollen auf dem Feld, der genaue Ablauf sowie die
vielen Details blieben mir aber ein mythisch umgarntes
Schauspiel. Konzentrierte ich mich allein auf Werfen,
Fangen, Schlagen und Rennen, entwickelt das Spiel seinen
eigentlichen Reiz in der Schnelligkeit, in der in jeder
einzelnen Spielsituation der Ball gespielt wird. Entscheidungen müssen blitzschnell getroffen und in zielgenaue
Würfe umgesetzt werden. Solch ein tieferes Verständnis
von Baseball lag meinem Traum freilich fern. Und doch
hat er mich schrittweise dorthin geführt. Heute merke ich,
wie in diesem tieferen Verständnis des Spiels mein Leben
bereichernde Prinzipien zum Tragen kommen, die mir
helfen, ausgewogene Entscheidungen und meine innere
Ruhe zu finden.
Erst mit Anfang zwanzig eröffnete sich die Gelegenheit,
meinen liebevoll umhegten Handschuh seiner Bestimmung zuzuführen. In Berlin, wo die Amerikaner einige
Baseballplätze wie kleine Oasen in der Stadt hinterlassen haben, schloss ich mich dem Club meiner Wahl an.
Niemals werde ich diese Wahl bereuen. Denn in keinem
anderen mir bekannten Team geht die Liebe zum Spiel so
eng einher mit echter Freundschaft und Gemeinschaft,
welche über das sportliche Miteinander und den Erfolg
weit hinausgeht. Doch ich musste auch erkennen, dass der
Weg zur Erfüllung eines Traumes, nur mit Entbehrungen

zu meistern ist. Meine Ahnung von dem Spiel verlor sich
in den ständig rotierenden Trainingseinheiten wie der
eigentümliche Geschmack meines Handschuhs. Der Duft
des Leders wich dem Staub des Feldes. Meine kindliche
und jugendliche Phantasie dem komplexen Anspruch
dieses Sports an Körper und Geist.
Aus meiner heutigen Sicht glaube ich fest daran, dass sich
im Baseball bestimmte Entwicklungen meiner eigenen
Persönlichkeit widerspiegeln. Wichtige Erfahrungen
spielen eine Rolle, die ich jenseits des Baseballplatzes
gesammelt habe, ohne die jedoch tragende Eigenschaften
auf dem Platz nicht zur Geltung kämen. Die Anspannung
und innerer Exaltiertheit der eingangs beschriebenen
Szene beim At-Bat auszuhalten, auszubalancieren und
aufzulösen, schaffe ich nur, wenn ich mir meiner eigenen
Stärken bewusst bin und mich allein auf den Ball konzentriere. Innere Ausgewogenheit ist nötig, weil jeder äußerliche Stressfaktor und fremde Gedanke die konzentrierte
Sphäre des At-Bats wie ein aufzuckender Blitz zerreißen
kann.

Ebenso verhält es sich beim Baserunning sowie beim
Fielden in der Defensive. Wie wir im Leben stehen, beeinflusst direkt unser Spiel. Ausgeglichenheit und mentale
Geistesgegenwart geben letztlich den Ausschlag, ob wir
unsere Routine vollends entfalten. Jede Bewegung des
Pitchers genau zu studieren, den Flug des Balles nicht aus
den Augen zu verlieren und dann in jedem Augenblick
die richtige Entscheidung in eine schnelle Bewegung
fließen zu lassen – darin liegt etwas meditatives. Geistige
Wahrnehmung und körperliche Reaktion werden hierbei
in Einklang und ihr natürliches Gleichgewicht geführt.
Und von dieser Erkenntnis ist es nur noch ein kurzer
Schritt, Baseball als Religion anzunehmen. Schließlich
verfolgt jedes Inning dieses rituelle Muster, in dem sich
im Wesentlichen unsere Existenz spiegelt. Und wem war
bisher bewusst, dass ein Baseball von 108 Stichen zusammengehalten wird? Ebenso viele wie eine buddhistische
Gebetskette Perlen umfasst.
Ruben Schenzle

Dank an mein Team:

http://www.berlin-sliders.de


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