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2

FOKUS ROLLSTUHL

SURSEER WOCHE / SEMPACHER WOCHE / TRIENGER WOCHE • 29. JUNI 2017

Mit dem Rollstuhl fliegen lernen

NACHGEFRAGT

UNTERWEGS MIT TOBIAS LÖTSCHER DER ROLLSTUHLFAHRER ZEIGT, WO IM ALLTAG HINDERNISSE LAUERN
Personen im Rollstuhl stossen
oft auf Hindernisse, die für Menschen ohne Behinderung unsichtbar sind. Tobias Lötscher
zeigt auf einem Rundgang durch
Sursee, dass es bisweilen die
kleinen Dinge sind, die einen
grossen Unterschied ausmachen.
Unbeirrt gleitet Tobias Lötscher bei 34
Grad im Rollstuhl über die heissen
Pflastersteine der Surseer Altstadt.
Der leichte Anstieg vom Rathausplatz
zur Theaterstrasse bewältigt er stoisch, nur die vier Räder seines Untersatzes klappern dann und wann. Die
Kraft, die Lötscher zum Antreiben seines Rollstuhls benötigt, lässt sich als
Aussenstehender nur erahnen.
«Körperliche Fitness ist sicherlich anzustreben und insbesondere für uns
Rollstuhlfahrer sinnvoll», sagt Lötscher bei einer Pause im Schatten des
Rathauses. «Sport ist mehr als ein
Zeitvertrieb und spielt im Alltag eine
grosse Rolle.» Rollstuhlfahrer stossen
nicht selten auf Hindernisse: Die wenigsten davon unüberwindbar, die
meisten sind mit Kreativität gut zu bewältigen. «Beweglichkeit und Kraft
sind aber ganz nützlich», so Lötscher.
Der Alltag hat seine Tücken
Tobias Lötscher ist seit seiner Geburt
auf den Rollstuhl angewiesen. Spina
bifida lautet der wissenschaftliche
Name der Fehlbildung, die für seine
Paraplegie verantwortlich ist. Vor 20
Jahren hat er angefangen Rollstuhlsport zu betreiben, und gepackt hats
ihn bis heute. «Gerade beim Sport
sind die Hürden kleiner als anderswo», sagt Lötscher. Mit dem Handbike
sprintet er im Sommer zusammen mit
Inlineskatern um den Sempachersee,
im Winter betreibt er Langlauf. Auch
gemächliches Schwimmen sei durchaus möglich.
Ein Leben ohne Einschränkungen
also? «Fast», meint Lötscher schmunzelnd. Er fahre Auto und seine Wohnung sei bis auf die rollstuhlgängige
Toilette nicht von einer x-beliebigen
zu unterscheiden. «Aber natürlich
gibt es ab und zu Situationen, in denen ich Hilfe benötige.» Bei hohen Regalen beim Einkaufen zum Beispiel,
oder wenn ihn jemand zuparkiert hat.
Beim Rundgang durch die Altstadt
zeigt Tobias Lötscher, dass aber allein
die Fortbewegung mit dem Rollstuhl
Tücken bergen kann.
Ungefragte Hilfe? Unerwünscht!
Hirschengasse, zwischen der Bäckerei
Künzli und dem Hotel Hirschen: Lötscher demonstriert, weshalb abschüssiges Gelände ein Hindernis sein kann
und wie er damit umgeht. «Wenn ich
mein Gewicht nicht genug nach hinten verlagere oder wenn sich die klei-

CARSTEN GUGEL

«Die Technik ist
das A und O»
Carsten Gugel, welche Bedeutung haben Rollstuhltrainings?
Sie sind ein fixer Bestandteil der
Rehabilitation im SPZ. Es geht darum, Personen im Rollstuhl Grundlagen und Techniken zu vermitteln,
damit sie ihren Alltag souverän bewältigen können.
Welche Techniken lernen die
Rollstuhlfahrer?
Das fängt beim Bremsen und Lenken an und geht hin zum Bewältigen von Stufen, Trottoirs, Rampen,
Treppen, Rolltreppen und Steigungen. Dabei spielen das Balancieren
auf zwei Rädern und die Gewichtsverlagerung eine grosse Rolle. Man
lernt auch, wie man sich bei einem
Sturz schützen kann.

Oben: Viele Hindernisse lassen sich mit der richtigen Technik überwinden. Nur die Treppen sind ein lästiges Übel, bei denen auch
Tobias Lötscher (im Bild) oft auf Hilfe angewiesen ist. Unten links: Nicht überall findet man Bankomaten, die, wie hier bei der Lukb
in Sursee, auf Rollstuhlfahrer zugeschnitten sind. Rechts unten: Bei kleineren und bei grösseren Rampen sind Gleichgewicht und
Bauchmuskeln gefragt. Runter gehts oft auf nur zwei Rädern, während das Hochfahren bisweilen ein wahrer Kraftakt sein kann.

FOTOS DOMINIQUE MOCCAND

Wie schnell sind die Techniken
erlernbar?
Das ist unterschiedlich je nach
Funktionseinschränkung.
Junge
lernen oft schneller, brauchen zum
Teil wenige Wochen. Bei älteren
Rollstuhlfahrern kann es auch einige Monate dauern.

auf: Als ausgebildeter Kaufmann arbeitet Lötscher in der Vogelwarte
Sempach. «Ein Traumberuf», so der
Hobbyornithologe. Im Sommer kommen viele Menschen und bringen
Jungvögel mit, die aus dem Nest
gefallen sind. «Die Vögel sind nicht
auf
Hilfe
angewiesen»,
mahnt
Lötscher lachend. «Wie wir Rollstuhlfahrer müssen sie lernen, selbstständig zu werden, zu fliegen.»

Sie bieten auch begleitete Stadttrainings an. Was machen Sie
dort?
Wir üben verschiedene Alltagsszenarien. Der Einstieg in den Zug
stellt hier eine erste Hürde dar, die
richtige Positionierung – zwar seitwärts – im Zug eine weitere. Dann
lernen die Rollstuhlfahrer das Befahren von Rolltreppen und wie sie
mit und ohne Hilfsperson Treppen
überwinden können.

nen Räder verzahnen, stürze ich nach
vorne.» Die Lösung ist ein Balanceakt:
Lötscher lehnt sich weit nach hinten,
die Vorderräder des Rollstuhls heben
sich vom Boden ab. Auf zwei Rädern
rollt er die Gasse hinunter. «Das sieht
schwieriger aus als es ist», meint er.
Das Bewältigen von steilen Strassen
oder Stufen auf zwei Rädern gehöre
zum Ersten, was man in Rollstuhltrainings lerne (vgl. Kasten rechts).
Hoch gehts natürlich auch. Je steiler
die Strasse, umso mehr Kraft muss er
aufwenden. Ungern erinnert sich Lötscher bei dieser Gelegenheit an ein Ereignis in seiner Vergangenheit. In der
Annahme, er benötige Hilfe, hat ihn
ein Passant ungefragt eine Steigung
hochgeschoben. «Das geht nicht», sagt
Lötscher, jetzt enerviert. «Wenn ich
Hilfe brauche, melde ich mich. Das
war zwar gut gemeint, letztlich war es
aber ein Eingriff in meine Intimsphäre.»
Wie ein Jungvogel fliegen lernen
Schnell wird beim Rundgang durch
Sursee klar, dass physische Barrieren
nur eine Seite der Medaille sind. «Einige Menschen haben immer noch Berührungsängste»,
meint
Lötscher
nachdenklich. Und aus Unwissenheit
käme es dann zu eben jenen Missverständnissen. Ein Vergleich drängt sich

Flexibilität ist Trumpf
Apropos fliegen: Mobilität ist ein weiteres grosses Thema. Oft ist Tobias
Lötscher mit seinem eigenen Auto unterwegs, das auf seine Bedürfnisse
umgebaut worden ist. Die Flexibilität
ist für ihn ausschlaggebend, auch
wenn er der Umwelt zuliebe lieber
mit dem öV unterwegs sein möchte.
Hindernisse würden bei beiden Verkehrsmitteln lauern. «Das Be- und
Entsteigen des öV ist längst nicht
überall ohne Weiteres möglich, und
rollstuhlgängige Parkplätze gibt es
auch nicht wie Sand am Meer», meint
Lötscher. Wenn er zuparkiert wird,
muss er Passanten um Hilfe bitten, die
dann sein Auto rangieren.
Die Krux mit den Toiletten
Auch das Reisen sei mitunter ein Vabanquespiel, gibt er zu. Gerade gut

konstruierte rollstuhlgängige Toiletten seien hier und dort Mangelware.
Eine solche zeichne sich dadurch aus,
dass sich die Tür nach aussen öffne
(«Ich brauche Platz zum Rangieren»),
dass man mit dem Rollstuhl direkt unters Lavabo fahren könne («Da muss
ich mich nicht verrenken») und dass
sich der Spiegel nach unten klappen
lasse («Wie komme ich da sonst
hoch?»). Wie praktisch, dass das
Stadtcafé über eine solche verfügt!
«Was will ich mich aufregen?»
Hier ist auch vorerst Endstation. Beim
Durstlöschen erzählt Tobias Lötscher
von seiner Kindheit – der Schalk blitzt
ihm dabei aus den Augen. «Ich habe
alles gemacht, was jemand auf zwei
Beinen auch gemacht hätte.» Mit dem
Rollstuhl habe er sich an die Töfflis
seiner Kollegen gehängt, habe Klingelstreiche mitgemacht. «Ich wurde immer erwischt, war ja der Langsamste»,
lacht Lötscher. Angesprochen auf seinen augenfälligen Humor meint er:
«Es gibt Dinge, die kann ich nicht verändern. Was will ich mich da aufregen?»
Die Verabschiedung fällt herzlich aus:
«Man läuft sich bald wieder über den
Weg!» «Oder rollt...», sagt Tobias Lötscher mit einem Grinsen, und fährt
DOMINIQUE MOCCAND
davon.

Welche Fähigkeiten erweisen
sich als nützlich für Rollstuhlfahrer?
Eine gewisse Grundfitness ist sicher nicht verkehrt. Technik und
Timing sind aber das A und O:
Wenn beide stimmen, kann man
viele Hindernisse bewältigen.
Wo lauern weitere Tücken?
Kopfsteinpflaster sind sicher ein
Thema. Die Erschütterungen können unter Umständen Spasmen
auslösen, Schmerzen verursachen
oder die Füsse rutschen vom Fussbrett.
DOMINIQUE MOCCAND
CARSTEN GUGEL ist Sportwissenschaftler
und führt im Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil Rollstuhltrainings und weitere
Sporttherapien durch.


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