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Porträt Dominik .pdf


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Title: 32li-02122017-b

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32 Begegnungen

Sonnabend/Sonntag, 2./3. Dezember 2017 u neues deutschland

*

Die Selbstgeburt
Der Künstler Dominik Schmitt erschafft bizarre und faszinierende Traumwelten. Von Björn Hayer

Künstlersein bedeutet
heute, Ausstellungen zu
organisieren, ein
geeignetes Atelier zu
finden, die eigene Steuer
zu verwalten, Hände
zu schütteln und zu
lächeln, Presseanfragen
zu beantworten,
kurzum: sich als Ich-AG
zu profilieren.

Dominik Schmitt vor seinem Werk »schaukeltrauma«

D

as Ich ist alles, im Sinne
René Descartes die einzige große Gewissheit, ein
Quell für das Denken, für
Utopien und nicht zuletzt für künstlerische Tätigkeit – pathetisch gesprochen: Das Ich ist Zentrum jeder
Schöpfung. Wer auf die zumeist riesigen Gemälde des 1983 in Neustadt
an der Weinstraße geborenen Künstlers Dominik Schmitt schaut, kann
die wahre Größe des Subjekts erahnen. Mächtig strahlt es uns auf zahlreichen seiner Leinwände als zentraler Lichtpunkt an, als Figur mit
Heiligenschein. Es ist der Maler
höchstpersönlich.
Was verbirgt sich hinter diesen
sakralen Selbstporträts? Narzisstische Verherrlichung? Keineswegs,
vielmehr geht es um Geburten, sich
immer wieder erneuernde Kräfte. Bezeichnenderweise lautet der Titel eines seiner Werke »selbstbefruchter«
(2014). Wir blicken auf einen diffusen Körper mit unklaren Konturen. Er
läuft tierähnlich auf mehreren Beinen. Der Umriss des Kopfes erinnert
an einen alten Arm. Weitaus spannender mutet das Innenleben der
transparenten Figur an. Neben Gedärmen und Adern befindet sich im
Organismus ein in eine Vagina ejakulierender Penis. Das mag – wie die
so vielen sexuellen Motive in Schmitts
Œuvre – auf den ersten Blick obszön
anmuten. Tatsächlich aber kommt

den Geschlechtsorganen eine ästhetische und durch und durch existenzielle Funktion zu. Sie stellen den Urpunkt dar, von dem sowohl Leben als
auch Kunst, Ideen und Visionen ausgehen. »Die Natur ist das Höchste. Sie
gibt uns die Liebe, in der wir uns vermehren. Das Bild erzählt davon, wie
sich äußere Prozesse im Inneren wiederholen. Sie scheinen unterschiedlich, aber sie sind letztlich eins«, sagt
Schmitt.
Von fallenden oder verschwimmenden Grenzen erzählen Schmitts
Werke. Körper und Umwelt sind nicht
mehr zu unterscheiden. »Der Künstler schafft das Bild und das Bild schafft
den Künstler.« Und dies auf unzählige Weisen. Rätselhafte Hybrid- und
Fabelwesen, androgyne Kreaturen,
halb Mensch, halb Tier bevölkern die
zumeist dunklen Szenerien seiner mit
mehreren Schichten übermalten Flächen. Auf dem Bild »picknick« (2016)
erblicken wir in der Mitte einen Frauenkörper mit männlichem Gesicht
und schweinsartig abstehenden Ohren. In solcherlei Gebilden verdichten sich Strömungen und Traditionen zu einer Melange aus Neoromantik, Surrealismus, abstrakter Moderne und Symbolismus. Der Künstler selbst hält sich mit Deutungen seiner Werke kokett zurück. Offenheit
bildet den Kern seines Programms wie
auch seiner Philosophie. So verstand
er die freie Kunst immer schon als ei-

Foto: privat

nen Widerspruch zum Konzept des
Berufs und wollte seine Leidenschaft
somit auch nicht zur Lebenserhaltung knechten: »Kunst muss frei sein
– aber sie ist es nicht, wenn davon
meine Miete abhängt. Man verhält
sich mainstreamiger auf der Leinwand, wenn Geld die Motivation ist.«
Nach dem Lehramtsstudium mit
den Fächern Kunst und Biologie an
der Universität Koblenz-Landau
wählte er konsequenterweise den
riskanten Karriereweg in die Selbstständigkeit. Die Routine des Schulbetriebs wäre für die Kreativität nur
hemmend gewesen. Da allerdings mit
dieser weitreichenden Entscheidung
längst nicht nur Muße verbunden ist,
musste er lernen, sich optimal zu vermarkten. Künstlersein bedeutet heute, Ausstellungen zu organisieren, ein
geeignetes Atelier zu finden, die eigene Steuer zu verwalten, Hände zu
schütteln und zu lächeln, Presseanfragen zu beantworten, kurzum: sich
als Ich-AG zu profilieren. Der Südpfälzer schaffte es tatsächlich, mehr
und mehr Bekanntheit zu erlangen.
Neben dem Studium malte er fleißig, war immer der Erste morgens
und der Letzte abends oder bisweilen sogar nachts im Atelier. Sein eigenwilliger Stil hat Kunsthändler, die
seine Werke im Internet oder auf
kleineren Expositionen sahen, auf ihn
aufmerksam gemacht. Aus regionalen Ausstellungsbeteiligungen wur-

den sehr bald internationale. Von
Berlin über Wien, Basel, Paris bis
nach Miami haben es seine Bilder
schon geschafft. Auch die Sammlercommunity hat ihn inzwischen entdeckt. Nachdem er früher noch unbedarft Papiertischdecken auf WGPartys vollkritzelte, ist er heute zurückhaltender mit der freien Hand.
Der Grund ist, dass sein Marktwert
steigt und steigt. Größere seiner
Werke werden derzeit zu vier- bis
fünfstelligen Preisen gehandelt. Eine
leichtfertig erstellte Skizze könnte in
wenigen Jahren schon für viele Tausend Euro gehandelt werden.
Wertvoller als der Besitz eines seiner Artefakte ist hingegen – zumindest in ideeller Hinsicht – die Aufnahme der eigenen Person in eines
seiner Bilder. Zwei seiner wohl wichtigsten und imposantesten Gemälde
verdeutlichen, dass sich Schmitt immer als die Summe jener Personen
versteht, die ihn getragen und unterstützt haben: »die heilung« (2010)
nennt sich ein Leonardo da Vincis
»Abendmahl« (um 1498) nachempfundenes Werk. Während Schmitt
darauf vor einem Regenbogen in Jesushabitus zum Himmel blickt, halten verschiedene Mischkreaturen, die
an einem Tisch sitzen, der auf den Betrachter zuläuft, einzelne Organe in
der Hand. Wie im »selbstbefruchter«
offenbart auch dieser Körper sein Inneres. Was wir sehen, kann als eine

Hommage an die wichtigsten Weggefährten des Künstlers verstanden
werden. Die Personen sind Personen
seines Umfeldes, die eine »heilende«
Funktion einnehmen, darunter beste
Freunde oder Lebensgefährtinnen.
Nicht minder persönlich fällt das
opulente Werk »mein begräbnis in
landau« (2016) aus. Erneut begegnen wir dem Künstler im Vordergrund als Gottes für die Menschheit
gestorbenen Sohn. Als wäre er gerade vom Kreuz genommen, halten ihn
seine in Bischofstalaren gekleideten
einstigen Hochschullehrer. Genau in
der Mitte der Bestattungsgesellschaft
nehmen wir seine Eltern sowie seinen Bruder wahr, in dessen Händen
das Herz des offenen Torsos liegt.
Ferner trifft man in der Gruppe andächtig schauende Freundinnen und
Freunde, ebenso wie Galeristen und
Förderer. Diesen Großbildern wohnt
ein wahrhaftiges und tiefes Pathos
inne. Gerade in der Verwendung der
christlichen Ikonografie kommt eine
Erlösung und Danksagung zum Ausdruck. Da stellt sich dem Betrachter
die Frage: »Nun sag, wie hast du’s mit
der Religion?« Schmitt erklärt diesbezüglich den Widerspruch zur Leitdevise: »Ich bin ein großer Religionskritiker, ein Fan Feuerbachs. Religionen an sich waren schon immer
eine Bremse der Gesellschaft. Sie appellieren nicht an die Vernunft, sondern die Zehn Gebote mit ihren SollAufträgen sind eine Diktatur.« Und
trotzdem »markiert Religion eine
Grenze zum Unerfahrbaren – etwas,
das wir nicht wissen können. Diese
versteckten Zonen interessieren
mich, denn jeder Mensch zieht sich
ja aus der Religion, was ihm am meisten entspricht. Menschen ohne eigene Perspektive haben etwas, wonach
sie sich richten können.« Auch zur
Schöpfung hat der Künstler analog zu
seinem »Selbstgeburt«-Kult eine ganz
eigene Haltung: »Nicht Gott erschuf
den Mensch nach seinem Abbild,
sondern der Mensch erschuf die Götter nach seinem Abbild. Darum verwende ich oft Tiere mit dem JesusGestus und Heiligenschein. Wären
Pferde intelligent genug, ihre Herkunft zu hinterfragen, würden sie sich
wohl Götter ausdenken, die wie Pferde aussehen.«
Obgleich die biblischen und kirchlichen Motivquellen unverkennbar
sind, liegt es Schmitt folglich fern, einen Jenseitskult zu betreiben. Ganz im
Gegenteil: Die einsehbaren und wunden Körper lassen den sezierenden
Blick des Biologen erkennen. Ganze
Welten erzaubert das junge Genie in
kleinen Räumen: in Körper oder Kuben. Es überrascht kaum, dass er in
seiner Wohnung ein Aquarium stehen
hat, mit Fischen, Fröschen, Garnelen
und bald noch anderem Wassergetier. Hierin zeigt sich die Liebe des
Analytikers und neugierigen Beobachters. Physikalisch gesehen fußen
seine Welten auf der Idee eines Perpetuum mobile, einer utopischen Maschine, die aus sich heraus immer wieder neue Energie gewinnt. Symbole
wie Räder und Blüten repräsentieren
den Lauf des Lebens, das sämtliche
Wendungen und Möglichkeiten zulässt. »In unserem Dasein kann man
nur weniges planen oder vorhersehen«, so Schmitt. Glück und Schicksal
sind nicht zu unterschätzen.
Wo Traum auf Wirklichkeit trifft,
wo sich eigenartige Zwischenzonen
bilden, dort finden wir den Landauer
Maler. Dass er Enfants terribles wie
Jonathan Meese oder Lars von Trier
verehrt, hängt wohl mit der vielleicht
zentralsten Botschaft seiner Ästhetik
zusammen, nämlich den Betrachter
mit Fremdheit, ja, Widerständigkeit
herauszufordern, wie er sagt: »Ich
entrücke meine Bilder gern. Mein
Prinzip ist der Entzug, der dem Betrachter keine und zugleich jede Wahl
lässt.« Deshalb übt er sich im Schweigen, wenn es um die Interpretationen
seiner Gemälde geht. Jedes Wort würde diese vielzimmrige und magische
Topografie eingrenzen. So bleibt die
Stille, sie ist der Modus des Geheimnisses, der Ort für die Möglichkeit der
Selbstgeburt.
Ausstellungen: bis 14.1.2018, janinebeangallery, Torstraße 154, Berlin-Mitte;
bis 5.12.2017, Galerie Felix Höller,
Liechtensteinstraße 90, Wien


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