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Rezension Meckel .pdf


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Literatur 21

der Freitag | Nr. 49 | 7. Dezember 2017

kann sie wahrnehmen? Wer kann mit ihnen kommunizieren?
Hinter das Offensichtliche zu schauen
und dort eine tiefere Wahrheit zu erkennen
– darin besteht der Anspruch von Meckels
ästhetischem Programm, das im Übrigen

FOTO: I S O L D E O H L BAUM/L A I F

Erinnert an
Rainer Maria
Rilke, es gibt
eine andere
Welt hinter der
realen Welt

Aber das Wehende höre, die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet

Halte mich fest
Langgedichte Er sieht tote Menschen: In Christoph Meckels Lyrik verschwimmen Fantasie und Realität
■■Björn Hayer

W

enn Blinde sehen können, hat uns das Fantastische längst eingeholt.
Vom Reich der Imagination ist es dann nur
noch ein kleiner Schritt zur Literatur und
Mythologie. Am bekanntesten dürfte wohl
die Figur des Teiresias sein, der, obwohl er
kein Sehvermögen besaß, dennoch Zeus
ein guter Prophet gewesen sein soll. Nun
greift auch der Dichter Christoph Meckel in
seinem zwei Langgedichte vereinenden
Band Kein Anfang und kein Ende auf den
legendären Typus des Blinden zurück.
Letzterer ist per se ein Träumer, weil er
sich die Bilder von der Außenwelt stets
selbst erschaffen muss. Unterstützung erhält er in dem ersten Poem namens Dunkelstrecke durch einen jungen Begleiter.
Immer wieder stellt er an ihn dieselbe Fra-

ge: „Was siehst du?“ Daraufhin antwortet
sein Helfer etwa: „Schwer zu erkennen, /
weit auf dem Wasser liegt ein Schiff, es
wird beschossen / (und draußen liegt kein
Schiff, nichts wird beschossen …)“.
Was Meckel in solcherlei Dialogen zum
Ausdruck bringt, lässt sich als eine spannungsvolle Differenz beschreiben, nämlich
zwischen Realität und Fiktion, zwischen
Wahrheit und Glaube. Unfähig, die Farben
und Konturen der Welt selbst wahrzunehmen, muss sich der Blinde ganz auf seine
Vorstellungskraft verlassen, wodurch er zugleich zur poetischen Figur schlechthin
avanciert. In seinem inneren Kosmos – wie
auch in jedem Gedicht – gibt es keine Grenzen. Dort können Feuervögel in Gebirge
stürzen und den Schnee aufwirbeln, dort
können Worte um Hilfe rufen.
Dadurch berührt der 1935 geborene Autor den Kern, der Lyrik ausmacht. Sie vermag ganz im utopischen Sinne das Unmögliche möglich zu machen. In ihr ver-

schmelzen Erinnerung und Traum zu einer
eigenen, losgelösten und inneren Wirklichkeit. Wir erfahren von dem jungen Mann,
„wie viel Teil des Gegebenen Schöpfung, /
verwüstet wurde“. Was objektiv als verloren gilt, vermag im Geist, ja, in der Poesie
selbst wieder neu zu entstehen. Die Fantasiewelt wird damit zum Möglichkeitsraum.

Anmutiges Pathos
Dass dieser bisweilen entlegene Ort grundsätzlich auch auf ein Gegenüber, auf Impulse von außen angewiesen ist, macht die
eigenartige Beziehung zwischen dem Alten, der nicht sehen kann, und seinem Lotsen aus. Gemeinsam befinden sie sich auf
einer Reise, wahrscheinlich quer durch
Amerika. Der Erfahrene bietet Orientierung und eine Aufgabe, sein Begleiter leiht
ihm dafür sein Auge.
Beide eint die Bewegung. Denn „sesshaft
in der verbrauchten Welt, das ist unzumut-

bar“, lautet die Botschaft des Gedichts. Und
so reißt uns der reichhaltige sprachliche
Strom Meckels mit. Zeilensprünge erzeugen einen regelrechten Flow, in dem wir
gleiten. Erfrischend mutet dabei an, dass in
den Sätzen und Bildern nur wenige ironische Brechungen vorkommen. Stattdessen
leben die Verse von einem anmutigen Pathos, von der Wahrhaftigkeit des Augenblicks.
Dies gilt auch für das zweite Poem dieses
Buches. Nunmehr wird von der Liebe erzählt: „Zwei lagen im Gras, es roch stark
und rein wie Gras / und die Bäume am
vierten Tag der Schöpfung.“ Beide sind wiederum Reisende, die es in eine Geisterstadt
verschlägt. Während man „in den Weltfluchtvierteln“ verseuchter Gewässer und
Schlachthofgestank gewahr wird, sieht der
Leser in dem Paar den letzten Rest von
Schönheit und Licht. Um sie herum nichts
als Tote, die wie im ersten Text eine besondere Form des Sehens einfordern. Wer

sehr an Rainer Maria Rilkes Verständnis
von Dichtung rührt. Inmitten der Depressionsstimmung um die Jahrhundertwende
schrieb auch er über ein neues Sehen, eine
Erkenntnisfähigkeit, die hinter der realen
eine weitere Welt zu erschließen weiß, eine
Welt, in der wie in den Duineser Elegien
zum Beispiel Lebende und Tote miteinander vereint sind. Ebenso stehen die Texte
aus Kein Anfang und kein Ende im Zeichen
der Verbindung von Gegensätzen. Antithesen wie „Flut und Feuern“ oder „Alles und
nichts“ umrahmen einen Kosmos, dessen
Vitalität sich gerade im dauernden Widerstreit der Kräfte kundtut. Dadurch werden
Grenzen fragil: „RAUM UND ZEIT WAREN
DURCHEINANDER / GEFALLEN“.
Als die Geliebte im Gedicht schließlich
stirbt, bleibt ein schmales Band der Kommunikation bestehen. Flehend ruft sie dem
Zurückgebliebenen zu: „Halte mich fest in
dem Bild / das du von mir gemacht hast /
für dich und für mich.“ Er hört die Stimmen der Toten und hat gelernt, über das
Diesseits hinwegzugehen. So endet dieser
bewegende Text auch im treffenden Bild
des gemeinsamen Davonfliegens.
Entstanden sind zwei konzentrierte
Langgedichte, welche die sichtbaren und
unsichtbaren Weiten unseres Daseins vermessen. Es gibt darin weder einen Anfang
noch ein Ende. Meckels Poeme bilden die
reinste Form von Gegenwart ab. Sie feiern
den Augenblick, in dem sich Vergangenheit
und Zukunft, aber auch Fantasie und Realität kreuzen – und der Leser ist mittendrin:
überwältigt und ergriffen.
Kein Anfang und kein Ende Christoph Meckel
Hanser 2017, 96 S., 18 €

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Elektro Sie kamen aus dem
Punk, wollten weder Rock
noch Schlager. „Das ist DAF“
erzählt die Story der Band
■■Peter Rehberg

E

igentlich war es nur eine kurze heftige Phase von Anfang bis Ende des
Sommers 1981. Innerhalb von sechs
Monaten, das war die Frist, die die Plattenfirma zwischen der Veröffentlichung von
zwei Alben vorschrieb, erschienen Alles ist
gut und Gold und Liebe. Die beiden erfolgreichsten Alben der Deutsch-Amerikanischen-Freundschaft – kurz DAF – sollten für
immer daran erinnern, dass die Neue Deutsche Welle es nicht nur auf ironisch angeeignete Wirtschaftswunderheiterkeit angelegt hatte, wie sie von Hubert Kah (Sternenhimmel), Markus (Ich will Spaß!) und von
Nena bis heute verkörpert wird.
DAFs Neuerfindung deutscher Popmusik
Ende der 1970er war eigentlich Punk. In der
Düsseldorfer Szene um den Ratinger Hof
und in London subkulturell geschult, wollten Robert Görl und Gabi (eigentlich Gabriel) Delgado-López gewiss kein SchlagerUpdate, wie ihre NDW-Kollegen. Sie wollten
auch keine Version von angloamerikanischem Rock. Sie wollten die Haltung von
Punk, ohne die altmodischen Instrumente.
So wurde DAF erst DAF, als Gitarrist Wolfgang Spelmanns die Band verließ und von
den ehemals fünf Mitgliedern nur noch
Görl und Delgado-López übrig waren. Im
Studio Conny Planks wurde jetzt jener mi-

nimalistische Sound kreiert, der bis heute
jeden DAF-Track kennzeichnet: Electronic
Body Music. Spätestens seit der Technokultur, die DAFs Konzept in mancher Hinsicht
fortführte, ist die Kombination von Computern und Körpern in der Musik keine
Überraschung mehr. Doch auch die Subkultur der 1990er sieht harmlos aus gegenüber der Fetischisierung von hartem Sex
und der Schönheit verschwitzter Körper,
die DAF heraufbeschworen.

Mehr als kalkulierter Skandal
Delgado-López kam als Achtjähriger als
Sohn einer Gastarbeiterfamilie aus Andalusien ins Ruhrgebiet. Seine Lyrics klangen
wie die deutschen Sprachfetzen im amerikanischen Nachkriegskino. Eine Sprache
der Befehle, Gebell. Nur dass Delgado-López verstanden hatte, dass im klischeehaften Nazi-Stakkato immer auch eine Portion
Faszination mitschwang. Der Flirt mit dem
Faschismus – textlich am deutlichsten im
berühmten DAF-Hit Der Mussolini („Tanz
den Mussolini, tanz den Adolf Hitler!“) –
war nicht nur kalkulierter Aufreger. DAF
wollten eine maskuline Energie wiederbeleben, die im deutschen Pop bis dahin undenkbar war. Es ging um die Sexualisierung tougher Männlichkeit – was den Faschismus-Vorwurf gründlich widerlegte.
Denn während dieser auf Bewunderung
des heroischen Männer-Bildes aus der Distanz setzt, erzählte Delgado-López von körperlicher Intensität und Intimität. Was
ziehst du an heute Nacht? oder, ganz toll,
Sex unter Wasser. Delgado-López’ Sprechgesang war unglaublich sexuell aufgeladen,
eine männliche Version von Donna Sum-

Sarah, Provincetown, Massachusetts, 1980 © Joel Meyerowitz / Courtesy Howard Greenberg . Design naroska.de

Sex statt Faschismus
mer, deren I Feel Love er bewunderte. Disco
und Punk gehörten für DAF zusammen.
Diese Form sexualisierter Männlichkeit haben sich die beiden DAF-Heteros von der
schwulen Lederszene abgeguckt. Im Westdeutschland der 1980er Jahre und auch international war das eine Sensation.
Dass DAF zu Recht zu mythischen Figuren des deutschen Pop geworden sind, zeigt
sich heute noch, wenn sie auf der Bühne
stehen. Anlässlich der CD-Box Das ist DAF
und der sie begleitenden Biografie gab es
eine Reihe von Konzerten. Der inzwischen
über 60-jährige Görl treibt den Beat voran,
als seien keine 40 Jahre seit Gründung der
Band vergangen, Delgado-López’ jugendliche Erotik ist etwas einer expressiven Theatralität gewichen. Die Geschichte von DAF
wird launig aberzählt. Das Problem am
Biografie-Format ist nur, dass die wirklich
interessante DAF-Zeit unglaublich kurz war.
Mitte der 1980er war schon wieder alles
vorbei, abgesehen von den nun folgenden
Reunions, die den Mythos der frühen Jahre
belebten. Konsequent konzentriert sich Das
ist DAF auf die späten 1970er und frühen
1980er. Da DAF ein Pop-Phänomen vor dem
Internet sind, gibt es einiges zu entdecken.
Berichte aus Sounds, Geschichten aus Spex,
Fotos aus Privatarchiven, Texte von alten
Freunden. Man erfährt zwar nicht unbedingt viel Neues über DAF – über ihr Privatleben zum Beispiel fast nichts –, aber als
Materialsammlung und Dokumentation
der frühen 1980er ist Das ist DAF schon toll.
Das ist DAF: Deutsch Amerikanische
Freundschaft Miriam Spies, Rudi Esch
Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, 344 S., 24,95 €

JOEL
MEYEROWITZ
WHY COLOR?
RETROSPECTIVE
09.12.2017
—11.03.2018
C/O BERLIN FOUNDATION
AMERIKA HAUS
HARDENBERGSTR. 22–24
10623 BERLIN
TÄGLICH / DAILY 11:00–20:00
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