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Zum Wohle des Kindes .pdf


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Title: 20190415.BGA.GDOP01-GDOP02

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26

DAS THEMA

Montag, 15. April 2019

GENERAL-ANZEIGER

„Die Bedeutung
der Modelle wird
überschätzt“

Die FDP-Fraktion im Bundestag will die Betreuung von
Trennungskindern neu regeln. Aber allein mit Gesetzen ist es
noch nicht getan, wie zwei Beispiele aus der Praxis zeigen

Zum Wohle
des Kindes?
VON MARCEL DÖRSING

S

eit einem halben Jahr
kreisen Andreas Röbers
Gedanken unaufhörlich
um eine Frage: „Warum
darf ich meine Tochter
nicht öfter sehen?“ Darauf gibt es
zwei mögliche Antworten. Die kurze: Weil das Bonner Amtsgericht es
so anordnete. Doch das wäre nur die
halbe Wahrheit. Es gibt auch eine
längere Antwort – sie soll hier erzählt werden.
Wenn eine Liebe endet, aber die
gemeinsame Verantwortung für ein
Kind bleibt, stehen Eltern vor einer
schwierigen Frage: Wie lässt sich die
Betreuung gestalten, sodass es für
das Kind am besten ist? Wohnt es den
überwiegenden Teil der Zeit bei einem Elternteil, sprechen Experten
vom Residenzmodell. Ist das Verhältnis ausgeglichener, ist vom
Wechselmodell oder Doppelresidenzmodell die Rede.
Geht es nach der FDP, gehört das
Wechselmodell als Regelfall ins Gesetz. Eine entsprechende Änderung
hat ihre Fraktion im Bundestag beantragt. Das Wechselmodell trage
dem gewandelten Familienbild
Rechnung, so die Begründung der
Liberalen. Eine Umfrage des Allensbach-Instituts gibt ihr recht. Demnach halten es 77 Prozent der Befragten für die beste Lösung, wenn
Eltern nach einer Trennung gemeinsam die Betreuung ihrer Kinder
übernähmen.
„Es gibt keinen gesetzlichen Regelfall derzeit, und das ist auch gut
und richtig so“, hält Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD)
dem Vorstoß der FDP entgegen. In
Streitfällen sei es wichtig, dass sich
Familiengerichte jeden einzelnen
Fall genau anschauen. Doch werden in Deutschland Familiengerichte angerufen, um die Frage nach der
Betreuung eines Trennungskindes
zu klären, fällt die Entscheidung in
den meisten Fällen gleich aus: Die
Kinder leben bei der Mutter, der Vater erhält ein begrenztes Umgangsrecht – so auch im Fall von Andreas
Röber (Die Namen aller Betroffenen
sind zum Schutz der Persönlichkeitsrechte geändert).
Juli 2017. Ina ist noch kein Jahr auf
der Welt, als ihre Eltern beschließen, sich zu trennen. Monate zuvor
haben sie umsichtig die Belange ihres Kindes geregelt – für den Fall,
dass ihre Beziehung einmal scheitern sollte. In einer Elternvereinbarung verankerten Mutter und Vater
im Dezember 2016 Ina nach einer
Trennung „zu gleichen Zeiten“,
möglichst jeweils zu 50 Prozent, zu
betreuen. Zunächst liegt das Übergewicht in der Betreuung von Ina
nach der Trennung aber bei der Mutter. Beim Vater übernachtet das Kind
unter der Woche regelmäßig an drei
Abenden, später betreuen die beiden Elternteile Ina zu gleichen Anteilen im wöchentlichen Wechsel.
Inas Eltern leben das Wechselmodell. Sie sind kein Paar mehr, kommen aber gut miteinander aus. Andreas Röber stellt seiner Ex-Partnerin
sogar seine Eigentumswohnung zur
Verfügung, als sie nach der Trennung beschließt, aus dem gemeinsamen Zuhause auszuziehen.
Erst als Inas Mutter im Juni 2018
mit ihrem neuen Lebensgefährten
zusammenzieht, tritt eine Veränderung ein. Fünf Tage nach dem Umzug erhält Andreas Röber einen
Brief. Über eine Anwältin teilt sie
ihm mit, dass der Vater seine Tochter künftig nur noch alle 14 Tage sehen soll. Ohne dass Röber zustimmt, ändert die Mutter den gewohnten Rhythmus des Umgangs.
„Wir sind der Auffassung, dass es für
das Kindeswohl nicht gut ist, wenn
weiter die abendlichen Besuche bei
Ihnen stattfinden“, teilt ihm die An-

„Familiengerichte
sind nicht der
richtige Ort, um
diese Konflikte
zu lösen“
Stefan Brücker
Psychologe und Forschungsleiter

wältin mit. „Ich habe das absolut
nicht kommen sehen“, sagt der Vater. Er wendet sich an das zuständige Jugendamt in Bornheim. Die
Mutter lehnt das Angebot zu einem
klärenden Gespräch bei der Behörde zunächst ab. Später wird sie den
Abbruch der Umgangsregelung damit begründen, dass sie beobachtet
habe, dass Ina aufgrund des Wechselmodells „durch den Wind sei“.
Dennoch gelingt es den Eltern in
der Folgezeit, gemeinsam eine Lösung zu finden. Im Juli 2018 legen sie
fest: Ina soll zu gleichen Teilen von
Mutter und Vater betreut werden.
Die Anwältin der Mutter teilt danach schriftlich mit: „Wir waren uns
einig darüber, dass hier das 'übliche' Umgangsmodell, nach dem der
nicht betreuende Elternteil das betroffene Kind zweiwöchentlich zu
sich nehmen kann, überhaupt nicht
angemessen ist.“
Doch dann erteilt die Mutter dem
vereinbarten Wechselmodell erneut
eine Absage. Der Vater ruft das
Amtsgericht Bonn an. Röber: „Für
mich ist es keine Frage, dass Ina auch
ihre Mutter braucht. Aber auch ich
will für meine Tochter weiter als Vater da sein und nicht nur der Wochenendunterhalter.“
Später korrigiert sich das
Jugendamt vor Gericht. Zu spät
2017 entschied der Bundesgerichtshof (BGH), dass das Wechselmodell
in Einzelfällen auch gegen den Willen eines Elternteils gerichtlich angeordnet werden darf. Andreas Röber geht darum optimistisch in die
Verhandlung. Seiner Ansicht nach
sind die Voraussetzungen dafür gegeben. Ina war die Betreuung durch
beide Elternteile gewöhnt. Die Eltern leben nur wenige Kilometer von
einander entfernt. Sie haben gezeigt, dass sie immer wieder gemeinsam Lösungen finden konnten. Auch sein Beruf als selbstständiger IT-Berater stünde dem Wechselmodell nicht entgegen, da er seine Arbeitszeit frei einteilen kann.
Doch es kommt anders. Das Ge-

Was hilft Trennungskindern? GA-Interview
mit dem Psychologen Stefan Rücker

W

as ist hilft Trennungskindern mehr: Residenzmodell oder Wechselmodell?
Darüber sprach Marcel Dörsing mit
dem Psychologen Stefan Rücker.

richt entscheidet, dass Inas Lebensmittelpunkt künftig bei der Mutter
liegen soll. Die Richterin begründet
den einstweiligen Beschluss mit den
Aussagen des Verfahrensbeistandes
und des Jugendamtes.
Die Mitarbeiterin des Jugendamtes meldet dem Gericht, dass die
wichtige Phase der Eingewöhnung
in den Kindergarten durch den Konflikt der Eltern nicht angemessen
gestaltet werden könne. Dass das
Wechselmodell nicht funktioniert,
könne man daran sehen, dass Ina
wohl noch nicht gebunden sei: „Sie
fremdelt nicht nach Aussage der Kita“, berichtet sie dem Gericht.
Liegt die Ursache für dieses angebliche Verhalten des Kindes tatsächlich im Betreuungsmodell oder
vielleicht ganz woanders? Ein psychologisches Gutachten holt die
Richterin nicht ein. Stattdessen
mutmaßt sie: Ina „scheint darunter
zu leiden, dass sie keinen eindeutigen Lebensmittelpunkt hat“. Und
schlussfolgert: Das praktizierte
Wechselmodell widerspricht dem
Kindeswohl. Zudem glaubt sie der
Mutter, Ina mache „eine rückläufige Entwicklung in Sauberkeit, Ankleiden und Sozialverhalten“.

Was weiß man in Deutschland über
die Auswirkungen unterschiedlicher
Umgangsmodelle?
Stefan Rücker: Es gibt eine Forschungstradition in Nordwesteuropa, Nordamerika oder Australien.
Wir in Deutschland sind im Grunde
vollständig entkoppelt vom internationalen wissenschaftlichen Diskurs. Das ist eine eklatante Lücke.
Was weiß man denn darüber, was
Kinder durchmachen, wenn Eltern
sich trennen?
Rücker: Die Auswirkungen auf Kinder sind sehr unterschiedlich, sehr
altersspezifisch und abhängig davon, mit welcher Widerstandskraft,
also Resilienz, ein Kind ausgestattet
ist. Es hängt auch stark davon ab, wie
Eltern mit der Trennung umgehen.
Bei ganz jungen Kindern lassen sich
die Folgen sogar auf der biologischen Ebene abbilden. Man konnte
bei Untersuchungen des Haar-Cortisols massive Spannungsspitzen
feststellen. Das kann sich auf die
Entwicklung eines kindlichen Gehirns katastrophal auswirken. Diese Kinder haben einen Elternteil
verloren und haben Angst, auch den
zweiten Elternteil zu verlieren.

Die Kita-Leitung widerspricht
der Sicht des Jugendamtes
Ihren Lebensmittelpunkt soll das
Kind bei der Mutter haben, empfiehlt das Jugendamt, „da in der Vergangenheit sich die Kindesmutter
bei Problemen immer gemeldet habe“. Dass es der Vater war, der das
Jugendamt überhaupt erst hinzugezogen hat, bleibt unerwähnt. Warum die Mitarbeiterin dies dem Gericht nicht mitteilt, bleibt unklar. Zu
Einzelfällen bezieht die Stadt Bornheim grundsätzlich keine Stellung,
teilt Sprecher Rainer Schumann auf
Anfrage des General-Anzeigers mit.
Inas Vater ist alarmiert – „vor allem aus Sorge um meine Tochter“,
wie er sagt. „Ich wollte sofort wissen, welche Probleme die Erzieher
beobachtet haben“, so der 43-Jährige. Er hakt bei der Kita nach. Die
Mitarbeiter zeigen sich überrascht:
Über das Thema „Fremdeln“ sei mit
dem Jugendamt gar nicht ausdrücklich gesprochen worden, insbesondere sei der Begriff nicht gefallen,
berichtet die Kita-Leiterin Röbers
Anwalt. In einem weiteren Bericht
korrigiert das Jugendamt später seine Aussagen vor Gericht. Der Ausdruck Ina „fremdelt nicht“ sei demnach gleichbedeutend mit „zeigte
keine Scheu“ zu verstehen: Ina habe sich „ohne Scheu in den Kindergarten integrieren lassen“. Von besonderen Problemen, insbesondere
von „rückläufiger Entwicklung“, ist
keine Rede. Im Gegenteil: Ina sei gut

Marco Schneider (Name geändert) verlor vor dem Landgericht (Foto). Dann
aber gab ihm das Oberlandesgericht Köln in fast allen Punkten recht.

27

Derzeit wird über die Einführung des
Wechselmodells als Regelfall diskutiert. Ab welcher Zeitaufteilung in
der Kinderbetreuung spricht man
vom Wechselmodell?
Rücker: Es geht los bei einem Betreuungsverhältnis von 30 zu 70
Prozent. Alles, was darunter liegt,
nennt man Residenzmodell.

Andreas Röber (Name geändert) hat nur einen sehnlichen Wunsch: Er will seine kleine Tochter häufiger als nur alle 14 Tage sehen. Er versteht nicht, warum die lange geübte Praxis nun nicht mehr gelten soll.

angekommen, und aus Sicht der Erzieherinnen gebe es keine Veränderung im Verhalten von Ina seit der
geänderten Umgangsregel. Mit anderen Worten: Die Kita hält Ina für
ein völlig unauffälliges Kind – auch
schon, bevor das Gericht auf Empfehlung des Jugendamtes den Umgang mit dem Vater einschränkte.
Für die einstweilige Entscheidung
des Gerichts aber kommt dieser Bericht drei Wochen zu spät: Die Richterin ordnet an, dass die Eltern sechs
Monate lang das Residenzmodell
erproben sollen – eine lange Zeit für
eine Zweijährige. „So werden neue
Fakten geschaffen“, sagt Röber.
Während das Modell „Mutter betreut – Vater zahlt“ in Deutschland
die Regel ist, sieht es bei europäischen Nachbarn anders aus:
Schweden, Belgien, Italien haben
das Wechselmodell 2006 als Regelfall gesetzlich verankert, in Frankreich wird es vom Gesetzgeber bevorzugt. In Deutschland hingegen
scheinen die althergebrachten Rollenbilder das Ideal kindgerechter
Betreuung zu formen. 2015 erntete
die Bundesregierung zum wiederholten Mal Kritik aus Straßburg. Der
Europarat forderte Deutschland auf,
Geschlechtergleichheit zwischen
den Elternteilen zu schaffen und das
Wechselmodell als Regelmodell gesetzlich zu verankern.
Während international bereits eine Vielzahl von wissenschaftlichen
Studien zu Auswirkungen von Betreuungsmodellen auf Trennungskinder existieren, ist der Bereich in
der deutschen Forschung noch
weitgehend ein weißer Fleck. Die
Nürnberger Familienrechtsprofessorin Hildegund Sünderhauf hat eine Vielzahl dieser internationalen
Studien ausgewertet. Das Fazit: Fast
alle Studien zeigen, dass es Kindern
im Wechselmodell besser geht als in
der Alleinbetreuung.
Dass es dringenden Nachholbe-

„Wir haben
überhaupt keine
geeignete
Ausbildung in
diesen Bereichen“
Jürgen Rudolph
war 30 Jahre lang Familienrichter

darf in der Forschung gibt, erkannte
auch das Bundesfamilienministerium. 2015 gab es die Studie „Kindeswohl und Umgangsrecht“ in
Auftrag. Seither befragten Psychologe Stefan Rücker und sein Team
mehr als 1000 Trennungsfamilien
und Kinder. Noch liegt das Ergebnis
nicht vor. Eines kann Rücker aber
schon sagen: „Was das Beste für die
Kinder ist, ist hochindividuell und
wird von vielen Faktoren beeinflusst. Die Diskussion um das Kindeswohl allein auf die Frage Wechselmodell versus Residenzmodell zu
beschränken, greift zu kurz.“
Was aber, wenn es zwischen Eltern zum Streit kommt und eine Lösung gefunden werden muss? Rücker: „Familiengerichte sind nicht
der richtige Ort, um diese Konflikte
zu lösen. Wir müssen stattdessen
den Beratungsansatz stärken.“
Auch im Fall von Andreas Röber
hätte die Richterin eine Beratung
anordnen können. In der 2016 geschlossenen Vereinbarung hatten
die Eltern versichert, ein Mediationsverfahren in Anspruch zu nehmen, sollte es einmal zu Problemen
kommen. „Normalerweise wird vor
Gericht nach dem Kontinuitätsprinzip geurteilt. Das heißt, es wird geschaut, wie war es denn in der Ver-

gangenheit“, so Rücker. „Wenn kein
Schaden eingetreten ist, etwa durch
häusliche Gewalt, dann gibt es keinen vernünftigen Grund, am bestehenden Modell etwas zu ändern.“
Warum berücksichtigte die Richterin im Fall Röber nicht den Faktor
Kontinuität? Ein Grund könnte sein,
dass das Bornheimer Jugendamt
dem Gericht mitteilte: „Die Mutter
möchte wieder zu einer 14-tägigen
Regelung zurückkehren.“ Tatsächlich aber wurde Ina zuvor noch nie
nach dieser Regelung betreut.
Familienrichter in Deutschland
seien nicht qualifiziert, um die
schwerwiegende Frage „Was ist das
Beste für ein Trennungskind?“ zu
beantworten – zu diesem Befund
kommt Rechtsanwalt Jürgen Rudolph. Fast 30 Jahre war er Familienrichter am Amtsgericht Cochem
an der Mosel. Heute betreibt er eine
Anwaltskanzlei in Koblenz. „Wir
haben überhaupt keine geeignete
Ausbildung in Bereichen des Familienkonflikts“, sagt Rudolph. Seit der
Einführung der Familiengerichte
1977 sei die Qualifikation von Richtern sogar noch herab- statt heraufgesetzt worden. „An Familiengerichten regiert der Bauch, und der
Bauch sagt: Das Kind gehört zur
Mutter“, sagt Rudolph. „Ich beobachte an Familiengerichten eine regelrechte Rückentwicklung hin zu
den 50er Jahren des vergangenen
Jahrhunderts.“ Gutachten von externen Fachleuten werden nach Rudolphs Erfahrung nur in den seltensten Fällen eingeholt. Stattdessen lasse sich beobachten, dass ein
vorherrschendes Bauchgefühl auch
von anderen am Verfahren beteiligten Akteuren übernommen werde.
Rudolph: „Kindeswohl ist ein sogenannter unbestimmter Rechtsbegriff; das heißt, der kann nach Belieben gefüllt werden.“
Die Kinderkommission des Bundestages kam 2018 zum gleichen

Schluss. Sie forderte im November
die Bundesregierung zum Handeln
auf. Familienrichter benötigten verbindliche Eingangsvoraussetzungen und eine Fortbildungspflicht.
Doch das Problem mangelnder
Qualifikation betrifft laut Rudolph
nicht nur Familienrichter. Es ziehe
sich durch die Anwaltschaft und die
psychosozialen Professionen wie
Sachverständige, Beratungsstellen
und Jugendämter.
Die Zahl der Umgangsverfahren
ist in den vergangenen Jahren stark
gestiegen. Verhandelten Richter im
Jahr 2006 noch rund 39 000 Fälle,
waren es zehn Jahre später schon
55 000. Bei fast all diesen familiengerichtlichen Verfahren spielen die
bundesweit rund 600 Jugendämter
eine entscheidende Rolle. Ihr Wort
hat Gewicht.
Jugendämter werden
praktisch nicht kontrolliert
Dabei werden die Familienwächter
praktisch nicht überwacht oder
kontrolliert. Die kommunale Selbstverwaltung schließt eine Überprüfung der Arbeit durch eine unabhängige Fachaufsicht aus.
Wie groß die Macht des Jugendamtes ist, musste Marco Schneider
schmerzlich erfahren. Seit sechs
Jahren kämpft er vor Gerichten – zuerst um das Sorgerecht für seine
Tochter Larissa, dann gegen eine
Welle von Unterlassungsklagen des
Beueler Vereins „Kleiner Muck“ und
des Bonner Jugendamtes. 2015 berichtete der General-Anzeiger erstmals über Schneiders Geschichte.
Abgeschlossen ist der Fall für ihn jedoch noch immer nicht.
Das Bonner Jugendamt und der
Verein „Kleiner Muck“ legten dem
Familiengericht 2012 mehrere falsche Behauptungen über Schneider
vor. Eine Jugendamtsmitarbeiterin
behauptete etwa, dass Schneider
verzogen und seine neue Adresse

unbekannt sei. Weiter teilte sie dem
Gericht mit, dass Schneider eine
psychologische Behandlung für seine Tochter verzögere, einen Erziehungshilfeantrag nicht unterschreiben wollte. Vor Gericht verlor er
schließlich Teile des Sorgerechts.
Lediglich ein 14-tägiges Umgangsrecht räumte der Richter ihm ein.
Doch dazu kam es erst gar nicht.
Die Mutter hielt sich nicht an die
Umgangsvereinbarung. Weder Jugendamt noch Gericht schritten ein.
Vor sechs Jahren hat er seine Tochter zum letzten Mal gesehen.
Schneider weigerte sich, das Verhalten des Jugendamtes hinzunehmen. Er reichte Dienstaufsichtsbeschwerden bei der Stadt Bonn ein. Er
schrieb an das Bundesfamilienministerium und wandte sich mit einer Petition an den Landtag. Niemand konnte oder wollte ein Fehlverhalten des Jugendamtes feststellen. Schneider wählte einen anderen Weg. Er stellte eine Homepage
ins Internet, auf der er die Stadt und
den „Kleinen Muck“ scharf kritisiert. Schneider wurde bald darauf
gezwungen, seine Homepage aus
dem Internet nehmen. „Ich wurde
von der Stadt und dem Kleinen Muck
mit Klagen überzogen“, berichtet er.
Auch der General-Anzeiger konfrontierte die Verwaltung im Zuge
der Recherchen mit den falschen
Behauptungen des Jugendamtes.
Mit dem Argument, sie bewerte das
Kindeswohl höher als das eigene
Image, lehnte es die Stadt damals ab,
sich zu den Vorwürfen zu äußern.
Oberlandesgericht gibt Schneider
in fast allen Punkten recht
Gleichwohl drohte sie Schneider,
sollte er seine öffentlichen Aussagen wiederholen, Ordnungsgelder
bis in Millionenhöhe an. Vor dem
Bonner Amts- und Landgericht gewann die Stadt die Verfahren. Erst
das Oberlandesgericht Köln gab

„Ich beobachte an
Familiengerichten
eine regelrechte
Rückentwicklung
zu den 50er Jahren“
Jürgen Rudolph
war 30 Jahre lang Familienrichter

Schneider in fast allen Punkten
recht. Zudem äußerten die Kölner
Richter Bedenken, ob die Stadt und
der „Kleine Muck“ überhaupt einen
Anspruch auf die Unterlassungsklagen habe. Sowohl die Stadt als Körperschaft öffentlichen Rechts als
auch der Erziehungshilfeverein, der
für seine Arbeit öffentliche Gelder
erhält, hätten nach Angaben der
Richter öffentliche Kritik im besonderen Maße zu dulden.
Weitere juristische Schritte seien
zum jetzigen Zeitpunkt nicht geplant, teilt das Bonner Presseamt auf
Anfrage mit. Die kritische Auseinandersetzung mit Körperschaften
des öffentlichen Rechts ist nach Ansicht der Stadt notwendiger Bestandteil einer offenen pluralen Gesellschaft. Dennoch sehe sie sich im
Recht, sich gegen Diffamierungen zu
wehren. Die Gerichte hätten keine
Fehler oder Versäumnisse des Jugendamtes festgestellt und auch eine gutachterliche Untersuchung des
Falls hätte kein anderes Ergebnis ergeben. Marco Schneider widerspricht: Bei der gutachterlichen Untersuchung seien weder er noch die
Schulen der Tochter noch Ärzte eingebunden worden. Als Grund für das
Handeln der Stadt vermutet er: „Man
hat gelogen, damit ich den Kontakt

FOTOS: BENJAMIN WESTHOFF

zu meiner Tochter verliere und der
„Kleine Muck“ einen lukrativen
Auftrag erhält.“ Bis zu Larissas 18.
Geburtstag im vergangenen Jahr, so
hat Schneider errechnet, habe die
Stadt dem Verein eine sechsstellige
Summe für die Erziehungshilfe für
seine Tochter gezahlt.
Bundesweit hat sich das Geschäft
mit der Erziehungshilfe zu einem
staatlich finanzierten Wachstumsmarkt entwickelt. Mehr als 12,5 Milliarden Euro gaben die Kommunen
2017 dafür aus – doppelt so viel wie
noch vor zehn Jahren. Dass es auf
diesem unkontrollierten Markt andernorts bereits zu fragwürdigen
Machenschaften kam, zeigt das Beispiel Gelsenkirchen: Dort brachte
das Jugendamt über Jahre Jugendliche in einem Heim in Ungarn unter. Schließlich stellte sich heraus,
dass die Betreiber der Einrichtung
die Jugendamtsleiter selbst waren
und an jedem Kind, das dort einzog, verdienten.
Ferner steht die Erziehungshilfe in
Deutschland vor einem handfesten
Problem: Viele Jugendämter sind
schlicht überlastet. Mehr als ein
Drittel der Sozialarbeiter, die bei den
Jugendämtern dafür zuständig sind,
Kinder vor häuslicher Gewalt zu
schützen, betreut mehr Familien als
vom Berufsverband empfohlen.
Statt der angeratenen Zahl von bis zu
35 bearbeiten Jugendamtsmitarbeiter in manchen Städten bis zu 100.
Das hat eine Studie der Universität
Koblenz ergeben.
Präsident des Landgerichts
entschuldigt sich bei Röber
Februar 2019. Andreas Röber hat
nach der Verhandlung im Oktober
Beschwerde gegen den Beschluss
des Amtsgerichts eingelegt, demzufolge das Hauptverfahren zur Regelung des Umgangs für sechs Monate ausgesetzt werden soll. Zudem
reichte er eine Rüge ein, weil er sei-

Welches Betreuungsmodell ist das
häufigste bei Trennungsfamilien?
Rücker: In Deutschland ist das Residenzmodell das tradierte Modell.
International hat das Wechselmodell aber stark an Popularität gewonnen. Jedes fünfte Kind wird
heute weltweit im Wechsel betreut.
Wie hoch der Anteil von Eltern in
Deutschland ist, die den Umgang
nach dem Wechselmodell regeln, ist
aus unterschiedlichen Gründen
schwierig zu ermitteln. Ein Grund ist
zum Beispiel, dass viele Eltern die
begriffliche Unterscheidung nicht
kennen. Schätzungsweise dürften es

Zur Person

rund 15 Prozent aller Trennungsfamilien sein, die ein irgendwie geartetes Wechselmodell leben.
Welches Betreuungsmodell eignet
sich besser, um Kindern die Trennung der Eltern zu erleichtern?
Rücker: Wir können nicht pauschal sagen, dass das eine besser ist
als das andere. Die Bedeutung der
Modelle wird massiv überschätzt.
Kindeswohl ist ein komplexes
Konstrukt und speist sich aus viel
mehr Quellen als nur einer einzigen, also zum Beispiel dem Umgang. Schön ist, wenn Einvernehmen besteht, schwierig wird es da,
wenn sie sich nicht einigen können.
Wir brauchen vor allem Eltern, die
ihre Rolle wahrnehmen und Verantwortung übernehmen – auch in der
Nachtrennungs-Ära.
Was muss in strittigen Fällen Ihrer
Ansicht nach passieren, um kindgerechte Lösungen zu finden?
Rücker: Ich finde nicht, dass wir die
Familiengerichtsbarkeit
stärken
sollten, ich finde, dass wir den Beratungsansatz stärken sollten. Meine dringende Empfehlung: Wir
brauchen dringend Angebote zur
Emotionsregulation für Eltern in
Trennungssituationen, also zur Regulierung von Angst oder Wut.
Gehören Trennungseltern also in die
Therapie statt in Gerichtssäle?
Rücker: Ich erlebe das in meiner eigenen Beratungspraxis. Da habe ich
Elternteile gesehen, die wollen das
Wechselmodell nicht, weil sie gekränkt sind oder Ablehnungserfahrungen gemacht haben, weil sie betrogen oder verlassen worden sind.
Das sind keine juristischen Kategorien, das sind psychologische Fragestellungen. Ich kenne keine Familie, die vor einem Familiengericht
war und alle Mitglieder sagen, dass
ist jetzt für uns das Beste.
Wieso ist es so schwer für Familiengerichte, einvernehmliche Lösungen
herbeizuführen?
Rücker: Das liegt in der Natur des
Gerichts. Vor Gericht obsiegt eine
Seite und die andere unterliegt – das
ist in diesem Fall keine Lösung. Ein
ganz springender Punkt ist, dass alle beteiligten Professionen, also
auch Gutachter und Jugendämter,
sich öffnen müssen für Praxisentwicklung – etwa altersspezifische
Kommunikationstechniken, um zu
prüfen, was sagt uns das Kind überhaupt. Dürfen wir das ernst nehmen oder stecken Manipulationsversuche der Elternteile dahinter?

Stefan Rücker ist
Psychologe am
Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Uni
Bremen und
Leiter der Forschungsgruppe
„Petra“. Sie realisiert im Auftag des Bundesfamilienministeriums aktuell die bundesweite Studie „Kindeswohl und Umgangsrecht“

Sind andere Länder da weiter?
Rücker: Wir haben in Österreich die
gesetzliche Regelung, dass Eltern
minderjähriger Kinder nach Trennung mindestens drei Beratungsstunden, im Konfliktfall sogar mindestens zehn Stunden in Anspruch
nehmen müssen. Diese Leistung
müssen die Eltern sogar selber zahlen. Sie glauben gar nicht, wie
schnell dabei Lösungen gefunden
werden können.

nen Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt sieht. In der Antwort auf
seine Beschwerde entschuldigt sich
der Präsident des Landgerichts in
seiner Funktion als Vorgesetzter der
Familienrichterin bei Röber. Die Bearbeitung der Anhörungsrüge halte
er für berechtigt, teilt er mit, und
kündigt dienstaufsichtliche Maßnahmen an. Die Richterin zieht die
Hauptverhandlung drei Monate vor.
Doch in der Frage nach der angemessenen Betreuungsregelung ändert sich im Kern nichts.
Anfang Februar treffen sich die
Eltern erneut vor Gericht. Weder die
geschlossene Elternvereinbarung
noch das Kontinuitätsprinzip oder
die Tatsache, dass sich eine Behauptung des Jugendamtes über Ina als

nicht zutreffend herausstellte, findet in dem Urteil Berücksichtigung.
Von dem Urteil des Bundesgerichtshofs 2017, nach dem das Wechselmodell auch gegen den Willen eines Elternteils angeordnet werden
darf, will die Richterin nichts wissen. „Ich gehe mit dem BGH nicht
mit“, sagt sie. Natürlich hätte auch
Röber, der den geteilten Umgang des
Kindes mit der Mutter nie einschränken wollte, im Rahmen des
Residenzmodells als Lebensmittelpunkt bestimmt werden können.
Doch auch dazu kommt es nicht.
„Ich wurde nie als realistische Alternative in Betracht gezogen“, sagt
Andreas Röber. Er will in der nächsten Instanz weiter für mehr Zeit mit
seiner Tochter kämpfen.


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