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Uber Gender Baz 10.03.2018 .pdf



Original filename: Uber Gender Baz 10.03.2018.pdf
Author: Martin H. Donkers

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Pussyhats vo dem Bundeshaus:Die Diskussion um den geschlechtlichen Lohnunterschied
dreht sich allzu häufig um ein einziges grosses Missverständnis.
(Bild: Keystone)

Wer diskriminiert hier wen?
Frauen verdienen weniger als Männer. Eine neue Studie erklärt, warum.
In einem Interview mit der Sonntagszeitung wurde Simonetta Sommaruga, jene
sozialdemokratische Bundesrätin, die sich wie keine andere zuvor um die Lohngleichheit
zwischen Mann und Frau bemüht, auch nach ihren eigenen Erfahrungen in dieser Hinsicht
gefragt:
«Frau Bundesrätin, wurden Sie bei Ihrem ersten Job lohnmässig diskriminiert?»
«Ja, das war tatsächlich so.»
«Wie gross war die Differenz?»
«Fast 50 Prozent, also sehr gross.»
Leider haben die beiden Journalisten nicht nachgefragt, um welche Stelle es sich gehandelt
und in welchem Jahr sich diese Geschichte zugetragen hatte. Denn sicher ist: Ein solcher
Lohnunterschied ist unzumutbar, allerdings ist ebenso sicher, dass sich solch eklatante
Differenzen heutzutage kaum noch irgendwo feststellen lassen. Im Gegenteil, in den
vergangenen Jahrzehnten haben sich die Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern Jahr
für Jahr mehr eingeebnet, genauso wie die Frauen insgesamt in der Arbeitswelt unendlich viel
besser dastehen als vor dreissig Jahren. Gewiss, in Chefpositionen kommen sie noch seltener
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vor, ab und zu mag es noch Arbeitgeber geben, die Frauen systematisch unterschätzen, und
ohne Frage behindern allfällige Familienpflichten die Frauen nach wie vor mehr, als dies bei
Männern der Fall ist. Dennoch dürfte kaum jemand die grossen Fortschritte bestreiten, wenn
er es nüchtern betrachtet – und nicht politisch getrieben ist.
Die Statistiker weisen gegenwärtig in der Schweiz einen Lohnunterschied zwischen den
Geschlechtern von 20 Prozent im Privatsektor und 17 Prozent im öffentlichen Sektor aus:
Dabei stellten sie fest, dass rund zehn Prozent dieser Differenz nicht erklärbar sind durch
Dinge wie unterschiedliche Ausbildung, berufliche Position oder Branche. Nach wie vor gilt
nämlich, dass es manche Frauen in Branchen zieht, die weniger hohe Löhne bezahlen, ebenso
wählen sie vermehrt Ausbildungen, die weniger Einkommen versprechen. Diesen Entscheid
fällen die Frauen in der Regel freiwillig; dass sie weniger verdienen, hat somit nichts damit zu
tun, dass sie Frauen sind. Sollte ein Mann sich für den gleichen Job interessieren, erhält auch
er einen tieferen Lohn als jene Männer, die bewusst in Branchen oder Stellen streben, die gut
entlöhnt sind.
Zehn Prozent unerklärbar: Wenn dies auch ein Prozentsatz ist, der klein erscheint, er wirkt
stossend – und manche Beobachter, Betroffene oder Politiker sind deshalb umso mehr davon
überzeugt, dass Frauen eben doch diskriminiert werden. Konkret stellen sich diese Kritiker
das vermutlich so vor: Wenn sich eine Frau bei einem männlichen Chef vorstellt und man auf
den Lohn zu sprechen kommt, nimmt dieser bewusst oder unbewusst sogleich einen Abzug
vor. Stünde ein Mann vor ihm, so die verbreitete Meinung, würde der Chef das nicht tun.
Aber stimmt das?
Die gigantische Verschwörung
Ich habe dieses Szenario schon immer für unrealistisch gehalten. Gewiss, solche Männer mag
es noch geben, vielleicht sogar viele, dass aber sämtliche männlichen Chefs oder immerhin
die ganz überwiegende, statistisch relevante Mehrheit – ja sogar die weiblichen Chefinnen –
dies so handhaben: Es ist kaum denkbar. Es wird eine männliche Weltverschwörung gegen
die Frauen unterstellt, die zu organisieren nicht allzu einfach ist und die trotzdem in der Lage
sein soll, mit einer phänomenalen Geschlossenheit grossflächig die Hälfte der Bevölkerung zu
diskriminieren.
Warum schert kein einziger Chef aus? Die Verlockung dazu müsste gewaltig sein: Denn wenn
die Männer durchschnittlich nur deshalb mehr Lohn erhalten, weil sie Männer sind, dann
würde das doch bedeuten, dass sie überbezahlt sind. Wer als Arbeitgeber das erkennt, würde
gut daran tun, nur noch Frauen anzustellen, er schlüge die Konkurrenz sogleich, weil er für
die gleiche Arbeitsleistung weniger bezahlt als die anderen männlichen, etwas dummen, aber
sexistischen Chefs. Obwohl dieser Effekt indessen zwingend wäre, stellen wir ihn nie fest.
Vielleicht ist die Diskriminierung eben doch viel weniger verbreitet, als dies insbesondere
Politiker vermeinen.
Eine neue Studie der Stanford University in Kalifornien in Kooperation mit dem TaxiUnternehmen Uber stützt diese Vermutung. Zum ersten Mal, so führen die fünf Autoren aus,
sei es ihnen gelungen, den Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern, den sogenannten
Gender Pay Gap, zu hundert Prozent zu erklären. Hundert Prozent. Wäre dies der Fall,
handelte es sich um eine sensationelle Leistung, denn selbst die neuesten amerikanischen
Untersuchungen kamen immer wieder zum Schluss, dass rund sieben Prozent der
Lohndifferenz zwischen Mann und Frau unerklärbar sind. Meistens, ich wiederhole mich,
schrieb man dies einer versteckten oder offenen Diskriminierung zu.
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Die fünf Forscher arbeiten zum Teil an der Stanford University, zum Teil bei Uber selber –
und daher erhielten sie Zugang zu einem einzigartigen Datenschatz: Sie überprüften die
Einkommen von gegen zwei Millionen Uber-Fahrern in den USA, ein Drittel davon Frauen.
Eine so grosse Stichprobe wurde noch nie erhoben, was einen Wert an sich darstellt.
Immerhin entspricht diese Zahl fast einem Prozent der gesamten Beschäftigten Amerikas,
eine formidable Stichprobe mithin – was diesen Untersuchungsgegenstand aber noch viel
aufschlussreicher und wertvoller macht: All das, was bisher die unerklärbare Lohndifferenz
zwischen den Geschlechtern etwas verständlicher erscheinen liess, trifft hier nicht zu.
Wie sexistisch ist ein Computer?
Bei Uber verteilt ein anonymer Computer, besser ein Algorithmus, die Aufträge, und das
Einkommen eines Uber-Fahrers richtet sich (in den USA) einerseits nach der Distanz, die er
mit seinem Kunden zurücklegt, andererseits nach der Zeit, die ihn das kostet. Fährt er zur
Stosszeit, verdient er etwas mehr, doch auch dieser Zuschlag, der mittels eines Multiplikators
festgelegt wird, berechnet ein anonymer, also geschlechtsloser Computer. Ebenso wird bei
Uber über keinen Lohn verhandelt, sodass es schlechterdings nie vorkommen kann, dass eine
Uber-Fahrerin aus sexistischen Gründen schlechter behandelt würde oder dass sie gegenüber
einem Mann den Kürzeren zöge, weil sie sich im Gespräch nicht durchzusetzen vermochte.
Solche Lohngespräche finden schlicht nicht statt.
Schliesslich kommen die Arbeitszeitmodelle von Uber den Frauen entgegen. Jeder Fahrer
entscheidet selber, wann und wie oft er fährt. Dabei verdient niemand überproportional mehr,
wenn er etwa 100 Prozent arbeitet. Teilzeit wird mit anderen Worten nicht bestraft, niemand
erhält einen tieferen Lohn, weil er als Teilzeitangestellter als weniger produktiv gälte. 100
Prozent, 10 Prozent, 42 Prozent: Das Pensum ist irrelevant, abgerechnet wird strikt nach
Fahrleistung und Fahrstrecke.
Erstaunliche Resultate
Aus diesem Grund erwarteten die Forscher eigentlich, dass sich keine allzu grossen
Differenzen herausstellen würden, ja sie gingen gar davon aus, dass sich ein allfälliger
Unterschied eher zugunsten der Frauen auswirken würde, da die Teilzeitstrafe ja wegfiel.
Tatsächlich entdeckten die Wissenschaftler auch bei diesem riesigen Sample, wo kein
einziger Lohn von einem Menschen bestimmt wird, eine Lohndifferenz zwischen den
Geschlechtern: Männliche Uber-Fahrer verdienten im Durchschnitt sieben Prozent mehr – pro
Woche, pro Stunde. Warum?
Im Wesentlichen sind es drei Faktoren, die zu diesem je nach Standpunkt deprimierenden
oder überraschenden Ergebnis führten: Erstens spielt es eine Rolle, wie viel Erfahrung ein
Uber-Fahrer angesammelt hat. Wenn er schon lange in diesem Job tätig ist, verdient er mehr,
weil er weiss, wann es sich lohnt, einen Auftrag anzunehmen oder abzulehnen: Ist der Kunde
zu weit entfernt? Ist die Route zu kurz?
Weil Männer tendenziell deutlich länger bei Uber unter Vertrag bleiben als Frauen, wirkt sich
das auf das Einkommen aus: Statistisch erklärt dies einen Drittel der Lohndifferenz zwischen
den Geschlechtern bei Uber. Der zweite Faktor hängt eng mit dem ersten zusammen: Männer
neigen dazu, an lukrativeren Zeiten und in einträglicheren Quartieren zu fahren. Wenn
Stosszeit herrscht, wenn die Nachfrage nach Uber-Taxis zunimmt, nimmt ein Uber-Fahrer
mehr ein. Eigenartigerweise achten Männer viel mehr darauf als Frauen, was nicht zuletzt auf
die grössere Erfahrung zurückzuführen ist, aber wohl nicht allein. Rund zwanzig Prozent des
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Lohnunterschieds können damit begreiflich gemacht werden. Kein Faktor allerdings
beeinflusst das unterschiedliche Einkommen mehr als der dritte – der auf den ersten Blick wie
ein sexistisches Stereotyp wirkt: Männer fahren schneller als Frauen. Deshalb sind sie
produktiver, in weniger Zeit vermögen sie mehr Kunden abzufertigen. Dieser Grund ist für
rund die Hälfte des Lohnunterschieds verantwortlich.
Die Grenzen des Gesetzes
Um auf Sommarugas Anliegen zurückzukommen: Bei Uber ergeben sich Lohnunterschiede
zwischen den Geschlechtern, an denen im Grunde genommen nichts auszusetzen ist – oder
wie es Rebecca Diamond, eine der Autorinnen, formulierte: «Wir haben keinerlei
Anhaltspunkte für eine Diskriminierung feststellen können, stattdessen aber für eine freie
Wahl.» Frauen entscheiden sich selber für ein Arbeitspensum, das ihnen etwas weniger Lohn
einbringt. Wenn man den Menschen ernst nimmt als eigenverantwortliches, vernünftiges
Wesen, dann dürfte dies die freie Wahl von Hunderttausenden von Frauen sein – und diese
gilt es zu respektieren.
Das heisst nicht, dass es in Sachen Gleichstellung nichts mehr zu tun gäbe. So ist es
offensichtlich, dass die Uber-Fahrerinnen auch Zeiten zum Arbeiten wählen, die sich besser
mit ihren Kinderbetreuungspflichten vereinbaren lassen, was Männer weniger zu beschäftigen
scheint. Gewiss würden hier Tagesschulen, Horte oder Blockzeiten helfen. Das würde aber im
Fall von Uber dennoch nichts daran ändern, dass Männer schneller fahren und deshalb mehr
verdienen.
Die Diskussion um den geschlechtlichen Lohnunterschied dreht sich allzu häufig um ein
einziges grosses Missverständnis: Wenn ein Ergebnis nicht gleich ist, dann bedeutet das noch
lange nicht, dass daran etwas faul ist. Unterschiedliche Menschen wählen unterschiedliche
Dinge. Am Ende handelt es sich um die Folgen von privaten Präferenzen von freien
Menschen, die niemand dazu gezwungen hat. Mit Diskriminierung hat das nichts zu tun.
Noch weniger lässt sich das per Gesetz ändern, wie das Sommaruga vorzuschweben scheint.
Vor allem ist es nicht Sache des Staats, uns, ob Frauen oder Männern, vorzuschreiben, zu
Stosszeiten zu arbeiten oder schneller zu fahren.
Samstag 10. März 2018 01:19
von Markus Somm, (Basler Zeitung)

ENDE

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