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Klimaschutz und Politik Flugscham  für Kampfflieger Süddeutsche.de .pdf



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22.8.2019

Klimaschutz und Politik - Flugscham für Kampfflieger? - Süddeutsche.de

Kultur
21. August 2019, 18:45 Klimaschutz und Politik

Flugscham für Kampfflieger?
Plastiktüten zählen, aber über das Militär schweigen? Die Debatte über den
Klimaschutz hat sich in eine Ideologie privater Verantwortung verwandelt. Sie
muss politischer werden.
Von Thomas Steinfeld

Die Armeen dieser Welt sind eine Katastrophe für die Umwelt, nur spricht darüber kaum jemand.
Über Urlaubs üge nach Mallorca aber schon.
(Foto: AP)

Wenn es um das Klima geht, zielen die Argumente oft ins Große: Von der
"Menschheit" ist dann die Rede, von einem "Wir", das alle Lebenden umfassen soll
und alle Menschen, die noch leben werden. Mindestens genauso oft aber zielen
die Argumente ins Kleine, dorthin, wo es den "Einzelnen" geben soll, den
verantwortungsvollen Bürger, der in den eng bemessenen Räumen seiner privaten
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Existenz den Lauf der Dinge zum Besseren wendet: dadurch etwa, dass er
Flugreisen vermeidet, dass er auf Fleisch verzichtet und organische Abfälle auf
den Komposthaufen trägt.
Nun ist es zwar so, dass auch private Entscheidungen politisch sein können, und es
spricht nichts dagegen, aber vieles dafür, mit der Bahn zu fahren, anstatt zu
iegen. In beiden Fällen, im Großen wie im Kleinen, verfehlt die Argumentation
indessen ihren Gegenstand. Sie verwandelt etwas so Ernstes, Großes und
Gefährliches, wie es der Klimawandel nun einmal ist, in eine Angelegenheit der
Ideologie und damit in lauter halbe Fiktionen.
Offensichtlich ist diese Verwandlung bei der Argumentation im Großen. Denn es
gibt zwar so etwas wie "die Menschheit". Es gibt sie im Hinblick auf ihr Dasein als
biologische Spezies, auf ihre Fähigkeit zur Fortp anzung und auf etwas so
Abstraktes wie Zeitgenossenschaft. Doch hat "die Menschheit" gewiss noch nie
etwas gedacht, geschweige denn etwas beschlossen. Sie wird es auch in Zukunft
nicht tun. Sie ist gänzlich unfähig, ihr "Verhalten" zu ändern, denn sie ist
kein Subjekt.
Wer immer "die Menschheit" anruft, um einen klimapolitischen
Gesinnungswandel aller Menschen zu fordern, weiß um seine Ohnmacht. Er tritt
ihr mit einer ins Imaginäre gerichteten Entscheidungswut entgegen, die garantiert
keine Folgen zeitigt, abgesehen davon, dass die Forderung den Fordernden ins
Recht setzt und ihm die Genugtuung des Besserwissens verschafft. Der Appell an
"die Menschheit" ist deswegen eine bevorzugte Übung für Politiker, die vor den
Folgen eines Klimawandels warnen, während sie ihn vorantreiben.

Das amerikanische Militär ist der größte einzelne Verbraucher der
Welt
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Schwieriger ist es, die Argumentation im Kleinen als Ideologie kenntlich zu
machen. Daher ein Beispiel: Für jeden Passagier, der von München nach Mallorca
iegt, werden, grob gerechnet, etwa hundert Liter Kerosin verbrannt. Die Menge
erscheint als sehr groß, wenn man sie sich etwa in Kanistern abgefüllt vorstellt. Sie
erscheint allerdings als winzig klein, wenn man sie am globalen Ölverbrauch misst:
Das amerikanische Militär, der größte einzelne Energieverbraucher der Welt,
verbraucht 48 Millionen Liter Öl pro Tag, was etwas weniger als einem Siebtel des
gesamten deutschen Ölverbrauchs entspricht oder ungefähr so viel ist, wie ganz
Schweden in derselben Zeit vernutzt.
Bei allen Vorschlägen, die gegenwärtig zur Verminderung des
Kohlendioxidausstoßes kursieren, ist allerdings nie vom Militär die Rede. Das
Politische erscheint in der Debatte um eine Verminderung des Klimawandels ins
Private verschoben, und während jenes offenbar als nicht verhandelbar erscheint,
sind der Fantasie des Energiesparens im Leben des Einzelnen offenbar keine
Grenzen gesetzt.
Inwiefern die Verwandlung des Politischen ins Private eine tendenziell
ideologische Veranstaltung ist, lässt sich an der Willkür bemerken, mit der gewisse
Tätigkeiten als klimapolitisch verwer ich erscheinen, während andere, nicht
minder "umweltschädliche" Verhaltensweisen unangefochten bleiben. In einigen
Jahren, berechneten vor Kurzem zwei Physiker der McMaster University in
Montreal, werde der Anteil, den die digitale Kommunikation an der Entstehung
von Treibhausgasen habe, größer sein als der Beitrag des gesamten Flugverkehrs.
Die ökologische Bilanz von Einwegtüten aus Papier, rechnete unterdessen der
Naturschutzbund Nabu aus, sei nicht besser als die Bilanz entsprechender Tüten
aus Plastik. Mit der Baumwolltasche sehe es noch schlechter aus.

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Es hat nicht viel Sinn, sich in dieses Wüten des vermeintlich wissenschaftlich
gesicherten Dafürhaltens zu mischen, in dem jeder Besitzer einer Meinung
vielleicht ebenso recht hat, wie er unrecht haben mag. Tatsache hingegen ist, dass
das Argumentieren im Kleinen auf die Suche nach Schuldigen hinausläuft - und
das ist etwas grundsätzlich anderes als eine Suche nach Gründen.

Selbst eine halbe Million demonstrierende Schüler ergeben noch
keine "Generation"
So versucht die neueste Jugendbewegung in vielen Verlautbarungen, ältere
Menschen für den Klimawandel verantwortlich zu machen. Die Älteren hätten
"nichts getan", lautet das Argument, während die Dringlichkeit eines Kampfes
gegen den Klimawandel schon vor zwanzig oder dreißig Jahren offensichtlich
gewesen sei. Nun ist aber die Kategorie "Generation", mit der auf diese Weise
argumentiert wird, in mehrfacher Hinsicht eine intellektuell fatale Angelegenheit.
Zum einen nivelliert sie alle Unterschiede zwischen Armen und Reichen,
Mächtigen und Ohnmächtigen, Gebildeten und Ahnungslosen. Sodann stellt sie
eine Fantasie der Selbstüberhebung dar: Auch hunderttausend, ja, selbst eine
halbe Million demonstrierende Schüler ergeben noch keine "Generation".
Fatal ist diese Kategorie zudem, weil der Vorwurf der jungen gegen die alte
"Generation" darin besteht, letztere hätte die Nachkommen um deren "Zukunft"
betrogen. Worin hätte aber diese "Zukunft" bestehen sollen? In derselben
Anpassung an die vertraut schädlichen Verhältnisse, die von den Alten vollzogen
wurde, die ja einst eine "Zukunft" hatten, wenngleich eine "Zukunft" des
Mitmachens? Vielleicht ist das Wort von der "Zukunft" nicht als "bürgerliche
Zukunft" gemeint, sondern als "Zukunft überhaupt". Aber dann bedürfte es einer
begrifflichen Differenzierung, die dem Vorwurf die moralische Wucht nähme.

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Von Menschen, die gerne mitgemacht hätten, sich aber um das Mitmachen
betrogen sehen, ist, weil auch sie nur in Kategorien der Schuld denken und also
wiederum immer nur die Verantwortlichen suchen, eines nicht zu erwarten: eine
Kritik der politischen und ökonomischen Voraussetzungen, unter denen der
Klimawandel stattfindet. Es wird gern davon abgesehen, dass der Zweck der
Warenproduktion nicht die Versorgung der Menschen mit nützlichen und
angenehmen Dingen ist, sondern die Akkumulation von Kapital. Nur sporadisch
richtet sich die Empörung darauf, dass jede Steigerung der industriellen
Produktivität mit einer potenzierten Steigerung des Ressourcenverbrauchs
einhergeht, weil mehr Waren produziert werden, wenn jedes Produkt weniger
Wert enthält.
Viel zu selten wird erwähnt, dass die Verursacher des Klimawandels bis auf
Weiteres auch dessen Profiteure sind (während sie zugleich eine Art
Vormundschaft für ökologisch minder aufgeklärte Nationen beanspruchen), wie
auch kaum ein Wort darüber fällt, wer überhaupt woran ein ökonomisches oder
politisches Interesse hat: Warum, zum Beispiel, will kein deutscher Berufspolitiker
den Güterverkehr ernsthaft auf die Bahn verlagern?

Zum Nachdenken ist keine Zeit? Vielleicht ist noch nicht gründlich
genug nachgedacht worden
Stattdessen gibt es Menschen, die sich darüber aufregen, dass Greta Thunberg
nicht ganz so umweltfreundlich über den Atlantik fährt, wie man das ihrem
Idealismus gern (oder ungern?) zugeschrieben hätte. Von Grund auf lächerlich,
weil hemmungslos moralisch ist diese Erregung.
Die Rhetorik des Notstands, die schon vor einigen Jahren in die
Auseinandersetzung mit dem Klimawandel einzog und von der neuen
Jugendbewegung be ügelt wird, tut ein Übriges, um das Argumentieren mit
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Gründen zu verhindern. Zum Reden und Nachdenken sei keine Zeit mehr, sagt sie.
Vielleicht ist aber noch nicht gründlich genug nachgedacht worden. Denn dann
wäre man womöglich darauf gekommen, dass die vielen wissenschaftlichen
Studien, die zweifellos belegen, dass sich die Temperaturen überall auf der Welt
erhöhen, die Meeresspiegel steigen und katastrophale Wetterlagen immer
häufiger werden, allesamt ihre Gültigkeit haben, aber auch ihre Grenzen. Deshalb
unterscheidet die Wissenschaft zwischen der Reliabilität und Validität solcher
Studien. Ihre Reliabilität ist hoch, weil sie das, was sie messen, richtig messen. Ihre
Validität ist aber niedrig, weil man nicht weiß, was man darüber hinaus noch hätte
messen müssen. Das ist normal in der Wissenschaft, und es mindert nicht die
Dringlichkeit der Befunde. In die Lücken der Erkenntnis aber stoßen der
entfesselte Moralismus und seine Rhetorik des Notstands.

Der Anspruch, anderen ökologische Vernunft beizubringen, wird
schnell radikal
Die Überzeugung, dass der ökologische Notstand unmittelbar bevorstehe, falls er
denn nicht schon längst eingetreten sei, sorgt für eine verschärfte
Aufmerksamkeit des ökologisch verantwortungsbewussten Bürgers im Alltag. Sie
setzt die Verwandlung von Umweltpolitik in eine private Verhaltenslehre voraus,
wendet sich aber bevorzugt dem Nachbarn zu und nimmt neuerdings Anstoß:
daran, dass der Nachbar ein Auto fährt, das größer ist, als einem ökologisch
verantwortungsbewussten Menschen zusteht (falls ihm eines zusteht), daran,
dass er sorglos mit Plastiktüten umgeht, daran, dass er raucht, grillt oder
überhaupt zu viel Dreck macht.
Wohlverstanden: es gibt gute Gründe, private wie politische, den Dreck so weit wie
möglich zu vermeiden. Dem Diktat des Notstands möchte man sich gleichwohl
nicht unterwerfen, zumal der Anspruch, dem Nachbarn oder den eigenen Eltern
sei ökologische Vernunft beizubringen, schnell radikal wird. Um so mehr, als die
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Ergebnisse selbst der verantwortungsvollsten Klimapolitik (wenn es sie
denn gäbe)
noch lange auf sich warten lassen werden. Vielleicht ist die Annahme richtig, dass
die ökologisch katastrophalen Verhältnisse längst eingetreten sind, auch wenn die
Wissenschaft dies nicht beweisen kann. Aber selbst wenn das so sein sollte, sorgt
die Rhetorik des Notstands für potenziell despotische Verhältnisse, eben weil jene
Verhaltensregeln willkürlich und schlecht begründet sind: "Als Bürger können wir
entscheidend zur Nachhaltigkeit beitragen: weniger Fleisch, weniger Fernreisen,
weniger tonnenschwere Personenwagen", erklärte der neue Leiter des
Umweltbundesamtes Dirk Messner. Über die Verlagerung des Güterverkehrs auf
die Schiene oder über das Militär sprach er nicht.
Wahr ist jedenfalls, dass viele Menschen, die ihr ökologisches Gewissen damit zu
beruhigen suchen, dass sie den Klimawandel primär als moralische Forderung an
die private Lebensführung deuten, die schlimmeren künftigen Katastrophen
vermutlich nicht mehr erleben werden. Wahr ist ferner, dass die
Wahrscheinlichkeit, sie zu erleben, in dem Maße steigt, je jünger ein Mensch ist.
Wahr ist aber auch, dass die Verwandlung eines globalen politischen Problems in
eine Ideologie der persönlichen Verantwortung die beste Garantie dafür ist, dass
alles so weitergeht wie bisher: moralisch, aber begriffslos. Die Debatte wird
politischer werden müssen.
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SZ vom 22.08.2019

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