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manager magazin chile .pdf



Original filename: manager magazin chile.pdf
Author: Verena Thiemotheus

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21.10.2019

Gewalt in Chile Es brennt im Musterland
Aus Santiago de Chile berichtet Klaus Ehringfeld
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ALBERTO PENA/EPA-EFE/REX
Ein Polizist feuert mit Tränengas auf Demonstranten: Die Lage in Chile ist
heikel
Es begann als Protest gegen U-Bahn-Preise - inzwischen rebelliert das
Volk in Chile gegen Ungleichheit und explodierende Kosten: Acht
Menschen wurden getötet, Entspannung ist nicht in Sicht.
Es brennt in Chile. Lodernde Straßenbarrikaden, brennende Supermärkte und Fabriken. Während
die Regierung mit Repression reagiert und 8000 Militärs und Panzerwagen auf die Straßen schickt,
werden die Menschen nur noch wütender. In der Hauptstadt Santiago, in den Großstädten
Valparaíso und Concepción sowie in La Serena und Rancagua, aber auch in den ferner des
Zentrums gelegenen Städten kam es am Wochenende zu gewalttätigen Ausschreitungen.
Bis zum Sonntagabend wurden mindestens acht Menschen getötet, alleine fünf starben beim Brand
eines Kleiderlagers im Nordwesten der Hauptstadt.
Innerhalb weniger Tage ist das scheinbar so stabile südamerikanische Musterland außer Kontrolle
geraten. Was als Protest gegen die Erhöhung der Preise für die U-Bahn in Santiago begann, hat sich
in eine generelle Rebellion gegen die prekären Lebensverhältnisse in dem neoliberalen Land
gewandelt.
Die Menschen sind sauer über exorbitante Strom- und Wasserpreise, niedrige Löhne und Gehälter,
über fehlenden Arbeitsschutz, teure Altersvorsorge und hohe Mieten. Dazu kommen die zunehmend
unerschwinglichen Lebensmittel sowie hohe Schul- und Unigebühren.
Untersuchungen zufolge reicht einem großen Teil der Chilenen ihr Einkommen nicht, um alle
monatlichen Kosten zu begleichen. Nach Angaben des Nationalen Statistikamtes (INE) verdient die
Hälfte der Arbeiter 400.000 Pesos (504 Euro) oder weniger. Dabei liegen die Kosten vieler
Serviceleistungen wie Strom, Wasser und Gas, Internet und Autobahngebühren auf dem Niveau
europäischer Länder.
Auch der Öffentliche Nahverkehr ist empfindlich teuer. Nach einer Untersuchung der Universität
Diego Portales in Santiago ist Chiles System im Verhältnis zum Pro-Kopf-Einkommen der
neuntteuerste von 56 untersuchten Staaten. Das erklärt, warum die Erhöhung von 800 auf 830 Pesos
(von rund 1 auf 1,04 Euro) pro Ticket eine solche Wut auslöste.
Dieser lange aufgestaute Ärger hat sich in der vergangenen Tagen gegen U-Bahnstationen entladen,
gegen Supermärkte und Regierungsgebäude gerichtet, die überfallen, geplündert und in Brand
gesteckt wurden. Die Schäden an der Infrastruktur belaufen sich nach ersten Schätzungen auf
mindestens 200 Millionen Dollar.
Im ganzen Land haben vor allem Jugendliche brennende Barrikaden errichtet. Am Sonntag blieben
Supermärkte geschlossen, am internationalen Flughafen von Santiago wurden Flüge gestrichen.
Die Lehrerin kann die Heizung nicht anmachen - zu teuer
Die zweite Nacht infolge verhängte Präsident Sebastián Piñera eine Ausgangssperre über Santiago

und weitere Städte. Dies war zuletzt 1987 zu Zeiten der Diktatur von Augusto Pinochet (1973 bis
1990) geschehen. Aber auch in der Nacht auf Montag ignorierten diese wieder viele Menschen und
machten ihrem Ärger mit den sogenannten Cazerolazos, dem "Topfschlagen" Luft.
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Alberto Peña/EPAEFE/REX
Cazerolazos:
Dengeln gegen das
System
Die Proteste haben
längst die ganze
Gesellschaft
erfasst. Was als
Aufstand der
Studenten begann,
wird jetzt auch von
Arbeitern, Lehrern und Angestellten getragen. Selbst in den Oberschicht-Stadtteilen von Santiago
wie Las Condes gingen die Bewohner zu Cazerolazos auf die Straße.
Die Lehrerin Cecilia Quidel kann die Wut ihrer Landsleute nachvollziehen: "Das Leben hat sich in
den vergangenen Jahren so verteuert, dass das Geld für viele Menschen nicht bis zum Monatsende
reicht. Quidel, die 800.000 Pesos (1009 Euro) verdient, sitzt im Winter oft in ihrem kalten Haus im
Stadtteil Quilicura, weil sie es sich nicht leisten kann, die Zentralheizung anzustellen. "Unmöglich,
die Kosten würden explodieren."
Benzin, Gebühren für die Stadtautobahn, Lebensmittel und Strom hätten sich in den vergangenen
drei, vier Jahren rasant verteuert. "Wir fühlen uns missbraucht von den großen Unternehmen, die
erhöhen, wie viel und wann immer sie wollen", kritisiert die 56-Jährige. "Der Staat schaut dabei
einfach nur zu", sagte Quidel dem SPIEGEL.
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Javier Torres / AFP
Präsident Sebastián
Piñera: Sollen die
Menschen halt
früher zur Arbeit
fahren
Der Export boomt
- doch nur die
Reichen
profitieren
Seit der Rückkehr
zur Demokratie im Jahre 1990 ist Chile der wirtschaftlich und politisch stabilste Staat der Region.
Das Land zwischen Anden und Pazifik hat sich konsequent der globalen Wirtschaft geöffnet und
gilt heute als zuverlässigster und wettbewerbsfähigster Staat Lateinamerikas, ausgerüstet mit
moderner Infrastruktur, Freihandelsverträgen mit mehreren Dutzend Staaten und
Handelsbeziehungen nach Asien, Europa und den USA. Der Export von Kupfer, Wein, Obst, Lachs,
Zellulose und Holz blüht.
Dabei hat aber noch immer das Wirtschaftsmodell Gültigkeit, das seinerzeit Diktator Pinochet dem
Land hinterlassen hat. Noch immer ist Chile das neoliberale Paradies, wo der Staat fast alles

privatisiert hat, den Unternehmen freie Hand lässt, wenig Steuern verlangt und multinationale
Unternehmen natürliche Ressourcen ausbeuten können. Laut der Uno-Wirtschaftskommission für
Lateinamerika und die Karibik verfügt das wohlhabendste Prozent der Chilenen über 26,5 Prozent
des nationalen Reichtums.
Präsident Piñera, eigentlich Unternehmer und selbst einer der reichsten Chilenen, findet das völlig
in Ordnung so und hat dann auch wenig Verständnis für die Nöte der Bevölkerung. Angesichts der
Erhöhung der Metro-Tickets hieß es aus seinem Kabinett in einer ersten Reaktion, dann sollten die
Menschen doch einfach früher am Morgen zur Arbeit fahren, wenn der nach Uhrzeit gestaffelte
Tarif noch niedriger sei.
Zwei wichtige Großereignisse stehen auf der Kippe
Inzwischen wirkt der Staatschef zunehmend verunsichert und ratlos angesichts der Wut der
Bevölkerung. "Wir wissen, dass die Urheber der Proteste einen Organisationsgrad haben, der nur
einer kriminellen Organisation entspringen kann", behauptete er am Sonntagabend über die
Menschen auf den Straßen.
Piñera fürchtet nicht nur um das Image seines Landes, sondern auch um die Ausrichtung zweier
internationaler Großevents. Mitte November findet in Chile der Gipfel der Asiatisch-Pazifischen
Wirtschaftsgemeinschaft (APEC) statt. Zwei Wochen später soll in Santiago der Weltklimagipfel
folgen.
Und trotz Repression ist keine Entspannung in Sicht. Diese Woche wollen die Studenten der
"Universität von Chile" und die Mitarbeiter des Gesundheitssystems streiken. Anschließend soll ein
Generalstreik folgen. Die Zeichen stehen weiter auf Sturm in Südamerikas Musterland.


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