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Sartre Kein Spiegel ist treuer .pdf


Original filename: Sartre - Kein Spiegel ist treuer.pdf
Author: Elisabeth

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KEIN SPIEGEL IST TREUER.
Estelle: Einen Spiegel, einen Taschenspiegel, irgendwas? Wenn Sie mich schon allein lassen, dann besorgen Sie
mir doch wenigstens einen Spiegel. Garcin behält den Kopf in den Händen und antwortet nicht.
[...]
Inés:

Soll ich Ihnen als Spiegel dienen? Kommen Sie, ich lade Sie zu mir ein. Setzen Sie sich auf mein Sofa.

Estelle zeigt auf Garcin:
Aber...
Inés:

Kümmern wir uns nicht um ihn.

Estelle: Wir werden uns weh tun: Sie haben es selbst gesagt.
Inés:

Sehe ich so aus, als wollte ich Ihnen schaden?

Estelle: Man kann nie wissen...
Inés:

Eher wirst du mir weh tun. Aber was macht das schon. Da ich nun einmal leiden muss, leide ich lieber
durch dich. Setz dich. Rück näher. Noch näher. Schau mir in die Augen: Siehst du dich da?

Estelle: Ich bin ganz klein. Ich sehe mich ganz schlecht.
Inés:

Ich sehe dich. Ganz und gar. Stell mir Fragen. Kein Spiegel ist treuer.

[...]
Estelle: Habe ich mein Rouge richtig aufgetragen?
Inés:

Lass sehen. Nicht allzu gut.

Estelle: Das dachte ich mir. Zum Glück - sie wirft einen Blick auf Garcin - hat mich niemand gesehen. Ich mache
es also noch einmal.
Inés:

So ist es besser. Nein. Zieh die Linie der Lippen nach; ich werde dir die Hand führen. So, so. Jetzt ist es
gut.

[...]
Estelle: Schwörst du mir, dass es gut ist?
Inés:

Du bist schön.

Estelle: Aber haben Sie überhaupt Geschmack? Haben Sie meinen Geschmack? Wie unangenehm, wie
unangenehm.
Inés:

Ich habe deinen Geschmack denn du gefällst mir ja.
Sieh mich an. Lächle mich an. Ich bin auch nicht hässlich. Bin ich nicht besser als ein Spiegel?

Estelle: Ich weiß nicht. Sie schüchtern mich ein. Im Spiegel war mein Bild zahm. Ich kannte es so gut ... Ich lächle:
Mein Lächeln dringt bis in die Tiefe Ihrer Pupillen, und Gott weiß, was dann aus ihm wird.
Inés:

Und wer hindert dich daran, mich zu zähmen?
Estelle lächelt, ein bisschen fasziniert. Du willst mich absolut nicht duzen?

Estelle: Es fällt mir schwer, Frauen zu duzen.

JEAN-PAUL SARTRE: Geschlossene Gesellschaft. Stück in einem Akt.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag. 46. Auflage 2008
(Original in französischer Sprache: 1947).


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