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Ein Accessoire geht um die Welt .pdf


Original filename: Ein Accessoire geht um die Welt.pdf
Title: Ein Accessoire geht um die Welt: das Pappnfetzerl
Author: CJ

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Ein Accessoire geht um die Welt: das Pappnfetzerl
Das in den €sterreichischen Superm•rkten teils gratis, teils kostenpflichtig verteilte Modell des
Pappnfetzerls ist um eine Spur zu grell himmelblau gehalten. Es pa‚t nicht besonders zu den
meisten Garderoben. Rechteckig aus Plissee, wodurch es Nase und Mund bedecken kann. Das
Tragen dieses fƒr abendl•ndische Sitten •u‚erst ungew€hnlichen Stƒckes ist in allen
Gesch•ften verpflichtend. Wehe dem, der es nicht anlegt, sobald ein Laden betreten wird.
Zuweilen werden Pappnfetzerl in schlichtem Wei‚ verteilt, das sich mit jedem Kleidungsstil
vertr•gt. Manche beneidenswert Talentierte, des N•hens Kundige, fertigen sich ihre eigenen
Pappenfetzelrn aus gemustertem Stoff an. Wenn schon mehr als die H•lfte des Gesichts zu
bedecken ist, dann zumindest chic. Somit bildet sich hinsichtlich der Pappnfetzerl eine
Zweiklassengesellschaft heraus. Die Pappnfetzerloberschicht, bestehend aus Menschen, die das
wundervolle Handwerk des N•hens beherrschen und mit edel gemusterten Pappnfetzerl aus
richtigem Stoff durch die G•nge der Superm•rkte wandeln, stets im vorgeschriebenen Abstand
von anderen Kunden sowie Personal, versteht sich.
Dieser steht eine Masse weniger privilegierter Pappnfetzerltr•ger gegenƒber, die, wie der
Schreiber dieser Zeilen, mit der in den M•rkten verteilten Einheitsware vorlieb nehmen mu‚.
Im •sthetischen Elend, wer darauf angewiesen ist. Vor allem, wenn man mit Gleichmacherei so
gar nichts anfangen kann.
Wenden wir uns dem Massenmodell zu. Die Farbgebung l•‚t, wie bereits erw•hnt, zu
wƒnschen ƒbrig, es sei denn man ergattert ein Modell in Wei‚. Mit einer Mehlspeiszange wird
einem das Pappnfetzerl unter Einhaltung des durch ministerielle Verordnung vorgeschriebenen
Abstands entgegengehalten. „blicherweise nimmt man das Pappnfetzerl am Gummizug
zwischen Daumen und Zeigefinger. Sobald man das plissierte, rechteckige Stƒck
entgegengenommen hat, ist man verpflichtet, es unverzƒglich ƒber Nase und Mund zu stƒlpen.
Unglƒcklicherweise ist dies ein etwas umst•ndlicher Vorgang. Die beiden Gummizƒge mƒssen
mit den Fingern gespreizt werden und hinter den Ohren befestigt, wobei sich ein leicht
brennendes Gefƒhl des Einschneidens einstellt.
Anschlie‚end mu‚ das Fetzerl ein wenig runter- oder raufgezogen werden, damit sich die
Plisseefalten €ffnen, um Nase und Mund ordnungsgem•‚ (sic) zu bedecken. Unseligerweise
kann dieser Vorgang nicht vollzogen werden, ohne das Gesicht zu berƒhren, was den
Anweisungen des Gesundheitsministeriums zufolge, tunlichst zu unterlassen sei, da
Ansteckungsgefahr bestehe. Nicht verwunderlich, da‚ so einige, wie der Schreiber dieser
Zeilen, darob hypochondrisches Irresein entwickeln. Man k€nnte sich mit seinen eigenen
Fingern angesteckt haben, erstes Halskratzen, Nasenkitzeln. Das R•uspern wird unterdrƒckt
aus Angst verhaftet zu werden. Nach Betreten der eigenen Wohnung verschwinden die
Symptome.
Man zupft das Fetzerl zurecht und ergreift anschlie‚end ein zuvor desinfiziertes
Einkaufswagerl. Das Pappnfetzerl fƒhlt sich nach Material an, das aus Papier gemischt mit Filz
zu bestehen scheint. Bereits nach wenigen Augenblicken beginnt es an den R•ndern zu jucken.
Das Atmen wird tiefer, schwerer, da weniger Luft durch das Material dringt. Allm•hlich bildet
sich hinter dem Pappnfetzerl ein feuchtwarmes, nachgerade tropisches Biotop.
Menschliche S•fte, so auch der Speichel, der feuchte Atem, stammen nicht aus dem Hause
Chanel oder Versace, was bedeutet, da‚ es hinter dem Pappnfetzerl merkbar zu miachtln

beginnt. Dergestalt mu‚ in diesen Zeiten der Einkauf erledigt werden. Das fr€hlich l•chelnde
Konsumerlebnis aus der Werbung war gestern. In der Werbung heute hopsen quietschend
ƒberglƒckliche Familien, die es in Wirklichkeit nicht geben kann, in Wohnungen herum und
mahnen uns, ja nicht zu viel hinauszugehen.
Wenn das Latex schnalzt.
In Zeiten vor der chinesischen Seuche war Latex medizinischen Berufen oder einschl•gigen
Fetischisten vorbehalten. Heute feiert der Latexhandschuh seinen gro‚en Auftritt als Zusatz
zum Pappnfetzerl. Ebenso in Blau und Wei‚ gehalten wie die Massenfetzerln, werden die
Latexhandschuhe, wiewohl nicht verpflichtend, h•ufig getragen. Da‚ sich prickelndes Gefƒhl
einstellt, wenn es beim „berziehen schnalzt, wird wohl zuweilen der Fall sein, jedoch sind diese
Zeiten alles andere als lustf€rdernd.
Mit blauem Latex an den H•nden und dem Pappnfetzerl fƒr die Massen im Gesicht
vervollst•ndigt man den Look dieser kafkaesken Zeit. W•ren Menschenansammlungen nicht
verboten, k€nnte man diesen durchaus harmonierenden Kontrast von Wei‚ mit Blau, oder das
nicht minder passende Spiel von Blau mit Blau an Mailands Laufstegen vorfƒhren,
Seuchenlook.
Man kann nur hoffen, da‚ wir von verpflichtenden Schutzanzƒgen, oder Helmen verschont
bleiben, es w•re der •sthetische Supergau. Schlimm genug, da‚ das verpflichtende Pappnfetzerl
mit geschlossenen Friseursalons einhergeht. Fettig herabh•ngende Zotten, Hausanzug,
Pappnfetzerl und Latexhandschuhe. Das ist die „neue Normalit•t“. Nicht nur optisch ein
Alptraum!


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