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Author: Andreas Lercher

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Die Blätter der Linde

Das Thronblatt hat sich Richtung Himmel
eifrig durch das Blattgewimmel
bis nach oben
durchgeschoben.
Im Sonnenlicht wird es verderben,
sich verfärben und dann sterben.
Wird von allen
am tiefsten fallen.
Das schlichte Blatt am Lindenbaum
hat Zacken – spitz, und feinen Flaum.
Sein Schild ohn´ Erz
gleicht einem Herz.
Es dient der Linde stets mit Fleiß
weil es ein gold´nes Kleid als Preis
dafür erwirbt darin es stirbt.

Das Blatt am Stiel der Lindennuss
erweist sich eines Pegasus‘,
um sie zu leiten
und begleiten.
Es trägt, von allen unerkannt,
die Linde fort in neues Land,
wo sie gedeiht,
in ferner Zeit.

Süß ist das Lindenblütenblatt
und jede Biene nascht sich satt.
Heiß an dem Mund
wärmt es gesund.

Das lose Blatt einer Linde
folgt als nutzloses Gesinde
jeglichem Wind,
brav aber blind.

Im lichten Leben stetem Schein,
wird es, zur Kugel reifend, klein
und welkend hin,
einsam verblüh´n.

Wird sich mit Gleichen vermengen.
Verloren gehen. Festhängen
beim nächsten Held,
bis dieser fällt.

Das graue Kelchblatt lebt versteckt,
vom schmucken Blütenblatt verdeckt,
aus dessen Bann
es fort nicht kann.
Es wird, im Eifer schön zu blüh´n,
im Leid, im bitterlichen Müh´n
um falschen Glanz
verkommen ganz.

Das Lindenblatt der Wurzelbrut
erwächst aus einer Wunde Blut
im Schattenlicht
der Unterschicht.
Wird die Krone nie erreichen,
duldsam andern Pflanzen weichen,
leichthin von Pferd
und Wild verzehrt.

Die Linde wirkt,
entfernt geseh´n,
wie EIN Gebilde,
grün und schön,
weil jedes Blatt
ein Wirken hat.
Und mit der Menschheit
ist es gleich:
Verschiedenheit
macht sie erst reich.
Vereint verleiht
sie Ewigkeit.
Es ist die Wurzel, unsichtbar,
die seit dem Anfang, untrennbar
alle verbinde,
das Blatt,
die Linde.

Andreas Lercher


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