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06 Offener Brief Initiative Jüdischer Tierschutz .pdf



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Title: Offener Brief - Initiative Jüdischer Tierschutz
Author: Dittmann

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OFFENER BRIEF
AN DIE PRÄSIDENTIN DES ZENTRALRATS DER JUDEN
IN DEUTSCHLAND
anläßlich
* der vom Zentralrat und einigen muslimischen Gruppierungen
abgelehnten Veränderung der betäubungslosen Schächtpraxis,
* der gestoppten Bundsratsinitiative initiiert vom Land Hessen,
* der von nahezu Zweidritteln der deutschen Bevölkerung sowie
* der Bundestierärztekammer unterstützten Streichung von Nr. 2 Abs. 2
des § 4 a des Tierschutzgesetzes (Abschaffung des religiös motivierten
betäubungslosen Schlachtens).
Zusammenfassung der Aussage des Offenen Briefes:
Schächten unter Einsatz von reversibler Elektrokurzzeitbetäubung
mindert die Religionsfreiheit nicht, sondern ermöglicht erst ein
zeitgemäßes schonendes Schlachten im Sinn des Jüdischen
Tierschutzgebotes.

18. Juli 2008
Liebe Frau Knobloch,
Jahre bevor Sie zur Präsidentin des Zentralrats der Juden gewählt worden sind,
haben Sie zum Jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana in der Synagoge in
München eine Unterstützung der Jüdischen
Tierschutzinitiative versprochen. Heute ist all dies vergessen.
Der Zentralrat der Juden zeigt kein Interesse an einer Umsetzung der
Jüdischen Tierschutzgebote. Unter Berufung auf Rabbiner, die sich nur in den
allerwenigsten Fällen mit der aktuellen Schächt-Problematik in
Europa befassen, und unter Berufung auf Muslime, die selbst Laien
erlauben nach eigenem Gutdünken Tiere zu schächten, demonstriert der
Zentralrat, daß er vor den tierschutzwidrigen Zuständen beim
betäubungslosen Schächten die Augen verschließen will.
Dies, obwohl jüdische Menschen weltweit zu den ersten Tierschützern
überhaupt gehörten. Dies, obwohl gerade die jüdische Ethik nicht nur
den Schutz der Tiere, sondern ausdrücklich auch die Rechte der Tiere
und die Heiligkeit des Lebens aller Lebewesen, auch der sogenannten
Nutztiere betont.
Tiere galten im Judentum als Mitgeschöpfe mit eigenen Rechten, lange
bevor diese Begriffe Eingang in die Sprache fanden.
Das betäubungslose Schächten wie es praktiziert und geduldet wird,
entspricht nicht mehr dem jüdischen Tierschutz. Hinter vorgehaltener
Hand ist dies allen längst klar: Was wir den Tieren heute zumuten, die
Qualen in den Tierfabriken und in den Schlachtanlagen - all dies ist nicht
vereinbar mit der Halacha, dem Jüdischen Religionsgesetz. Schächten im Akkord
und vor den Augen der anderen Tiere ist unzumutbar. Die heute gezüchteten
Großtierrassen führen zu einer hohen Fehlerquote beim Schächten.
All dies ist den informierten jüdischen Repräsentanten und vielen

Rabbinern bekannt. All dies ist auch Ihnen bekannt. Hinter vorgehaltener Hand
und im Verschwiegenen wird die Schächtpraxis kritisiert und als unliebsame Last
bezeichnet. Doch niemand hat den Mut, diese unbequeme Wahrheit offen
anzusprechen, aus Furcht vor Sanktionen.
Dabei liegt es auf der Hand, daß die Methoden des betäubungslosen
Schächtens heute nicht mehr mit den Zielsetzungen des jüdischen
Religionsgesetzes vereinbar sind. Wie kann denn eine Tierzucht, die das
individuelle Tier zu Biomaterial degradiert, es gentechnologisch
verstümmelt, wie kann die industrielle Tierproduktion in Fleischfabriken,
Fließband-Haltung und Akkord-Schlachtung der Tiere in Einklang mit den
jüdischen Tierschutzgesetzen stehen? Uns ist die Jagd und der Sport mit Tieren
verboten, weil sie zu grausamer und tierquälerischer Behandlung von Tieren
führen. Sogar Kastrationen von Tieren sind im orthodoxen Judentum untersagt,
weil sie ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit des Tieres sind, und früher
nicht unter Betäubung vorgenommen wurden.
Viele jüdische Menschen haben den Mißstand des betäubungslosen
Schächtens bereits angeprangert. Ich nenne nur den Nobelpreisträger der
Literatur Isaac Bashevis-Singer. Tierfreundlichkeit ist eine genuin jüdische
Tugend. Dies haben zu allen Zeiten auch viele Rabbiner erkannt. Aus diesem
Grunde verpflichtete uns das Religionsgesetz dazu, die für die Tiere schonendste
Methode des Schlachtens zu wählen. Daß dies heute ohne Betäubung nicht
möglich ist, ist unter Fachleuten unumstritten.
Wir akzeptieren, daß die Tiere von ihrer Natur entfremdet leben, daß sie
mißbraucht und ausgebeutet werden, daß die Heiligkeit ihres Lebens zu
einem Nichts, zu einer Identifikationsnummer in einer Produktionskette
wird. Wir alle wissen, daß die Gebote des Judentums in all ihrer Strenge
in den Fleischfabriken mit Füßen getreten werden. Wir wissen, daß das
Verbot der Tierquälerei mißachtet wird beim gewaltsamen Treiben
während des Transports und beim Schächten vor den Augen der
Artgenossen.
Wir sind dazu aufgefordert, Erbarmen und Mitgefühl mit den Tieren, allen Tieren
zu zeigen.
Ich fordere Sie, ich fordere die Rabbiner auf, sich dieser Gebote bewußt
zu werden und sie umzusetzen. Die Pflicht, das Verbot von Tza`ar Ba`alei chayim
(Tierquälerei) zu achten, ist ethisch höher zu bewerten als das historisch
entstandene Schächthandwerk. Durch Einführung von Schächtapparaten ist es
stillschweigend längst verändert worden; doch diese Fixierungsmethoden haben
das Leid der Tiere, die zwischen
Metallstangen und Platten gepreßt, widernatürlich und unter Panik und
Schmerzen in Seiten-, oder Rückenlage gedreht werden, nochmals
erhöht.
Das Fleisch gequälter Tiere ist nicht koscher!
Im Namen der Initiative Jüdischer Tierschutz frage ich Sie, wann der
Zentralrat der Juden in Deutschland endlich Stellung bezieht und
gemeinsam mit den Rabbinern, die Vorschriften des Jüdischen
Religionsgesetzes, Tiere in schonendster Weise zu schlachten, umsetzt?

Es gibt aus halachischer Sicht keinen Grund, warum eine reversible
Elektrokurzzeitbetäubung mit dem Gebot der schonendsten Tötung nicht
vereinbar sein sollte, denn ein so betäubtes Tier ist nicht Aas. Die
Religionsfreiheit wird durch eine Streichung von Nr. 2, Abs. 2 des § 4 a
des Tierschutzgesetzes nicht bedroht!
Ich fordere Sie, die Rabbiner und die Kultusbeauftragten der Jüdischen
Gemeinden dazu auf, deutlich zu machen, daß die Kaschrut, die auf
ritueller Reinheit beruhenden Speisegesetze, nicht mit dem unsäglichen
Leiden der Tiere zu vereinbaren sind.
Ich fordere dazu auf, endlich das Wegsehen zu beenden und den
ethischen Herausforderungen unserer Zeit gerecht zu werden. Die
unselige Verbindung von Schächtgegnerschaft und Antisemitismus,
Tierschutz und Nationalsozialismus darf uns nicht daran hindern, die
eigenen Tierschutzgebote umzusetzen. Besinnen wir uns auf die
jüdische Ethik, die den Tieren Seele, Empfindsamkeit und Heiligkeit des
Lebens zugesteht! Mitgefühl und Linderung des Leidens sind wichtiger als
jedwede auch historisch geformte Schächttechnik!
Unterschrift und verantwortlich:
Dr. Hanna Rheinz
Initiative Jüdischer Tierschutz
82362 Weilheim


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