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2011 . August . 14

DER BEGRIFF DER WISSENSCHAFTLICHEN ERKENNTNIS NACH JOHANNES DUNS SCOTUS

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DER BEGRIFF DER WISSENSCHAFTLICHEN ERKENNTNIS NACH JOHANNES DUNS SCOTUS Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn vorgelegt von ROBERTO HOFMEISTER PICH aus PELOTAS (Brasilien) Bonn 2001 2 INHALTSVERZEICHNIS EINLEITUNG ................................................................................................................. 8 1. Philosophische Haltung .............................................................................................. 8 2. Hintergrund der Problemstellung ........................................................................... 11 3. Problemstellung: Thema, Ziel und Methode .......................................................... 15 4. Stand der Forschung und letzte Spezifikation des Themas .................................. 26 I - BEGRIFFLICHE „PRAENOTANDAE“ ZUR BESTIMMUNG DES ERSTEN OBJEKTS DER WISSENSCHAFT UND ZUR BESTIMMUNG DES WISSENSCHAFTSCHARAKTERS DER THEOLOGIE............................... 37 1.1 - Die Begriffsbestimmung der „Wissenschaft in sich“ („scientia in se“) und der „Lehre für uns“ („doctrina nobis“) ............................................................... 37 1.1.1 - Wissenschaft in sich („scientia in se“).............................................................. 40 1.1.2 - Lehre für uns („doctrina nobis“) ...................................................................... 43 1.1.3 - Die Natur beider Begriffe.................................................................................. 45 1.2 - Die Begriffsbestimmung der Wissenschaft in sich und einer Lehre für uns und die scotische Statuslehre. ............................................................................... 46 1.2.1 - Das erkennende Vermögen und die scotische Statuslehre ............................. 47 1.2.2 - Die doppelte, theologisch unterschiedene Verstandesverfassung und die Begriffe der Wissenschaft in sich und einer Lehre für uns................................. 50 1.3 - „Scientia in se“-“doctrina nobis“ und Wissenschaft-Glaube ............................ 53 1.4 - Einige ungelösten Schwierigkeiten...................................................................... 56 1.5 - Das erste Objekt des Habitus der Wissenschaft ................................................ 60 1.5.1 - Subjekt der Wissenschaft und Habitus ........................................................... 60 1.5.2 - Die Definition des ersten Objekts des Habitus der Wissenschaft.................. 63 1.5.2.1 - Das virtuell Enthalten des ersten Objekts der Wissenschaft...................... 65 1.5.2.1.1 - Habituelle und virtuelle Erkenntnis........................................................... 65 1.5.2.1.2 - Die im ersten Objekt der Wissenschaft virtuell enthaltenen Wahrheiten .................................................................................................................... 72 1.5.2.1.3 - Evidenz und Objekt der Wissenschaft....................................................... 76 3 1.5.2.1.4 - Evidenz und Habitus der Wissenschaft ..................................................... 79 1.5.2.2 - Der Primat des virtuell Enthaltens und das allgemeine Prädikat.............. 84 1.5.2.3 - Das „primo virtualiter“.................................................................................... 93 1.6 - Die Wissenschaft als „intelligibiles Erkenntnisbild“......................................... 97 1.6.1 - Das intelligibile Erkenntnisbild des ersten Objekts ....................................... 97 1.6.2 - Habitus des Verstandes und Habitus der Wissenschaft............................... 105 1.6.2.1 - Verschiedene Bedeutungen des Begriffs des Wissenschaftshabitus......... 106 1.6.2.2 - Die Ablehnung des Begriffs des Habitus der „species specialissima“ ...... 109 1.6.2.3 - Die mittlere Position des Scotus................................................................... 115 1.6.2.4 - Einheit und Unterscheidung von Verstand und Wissenschaft................. 119 1.7 - Der Unterschied zwischen erstem Objekt des Vermögens und erstem Objekt des Habitus...................................................................................................... 125 1.7.1 - Die Gleichsetzung des ersten Objekts des Vermögens und des ersten Objekts des Habitus .................................................................................................... 126 1.7.2 - Die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Objekt und Vermögen ......... 128 1.7.3 - Die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Objekt und Habitus ............. 131 1.8 - Das erste Objekt der Wissenschaft als etwas Gemeinsames........................... 135 1.9 - Modalproblematik und Wissenschaft ............................................................... 139 1.9.1 - „Kontingent“-„Notwendig“ als disjunktives Transzendental ..................... 140 1.9.2 - Möglichkeit, Kausalität und Kontingenz....................................................... 143 1.9.3 - Kontingente Kausalität.................................................................................... 148 1.10 - Kontingente und notwendige theologische Wahrheiten................................ 160 II - DAS ERSTE OBJEKT EINER WISSENSCHAFT IN SICH VON NOTWENDIGEN WAHRHEITEN .......................................................................... 165 2.1 - Die notwendige Theologie und die kontingente Theologie.............................. 167 2.2 - Die Bestimmung des ersten Objekts der Theologie der notwendigen Wahrheiten, wenn sie in der Theologie in sich betrachtet werden......................... 168 2.2.1 - Das exklusive Besitzen des Primats des virtuell Enthaltens ........................ 168 2.2.1.1 - Die Widerlegung der Meinung, nach der Christus das erste Objekt der Theologie ist .......................................................................................................... 170 2.2.1.2 - Die Natur der notwendigen Wahrheiten der Theologie in sich ................ 178 2.2.2 - Die Erkennbarkeit des ersten Objekts der Theologie in sich ...................... 183 4 2.2.3 - Die Deutlichkeit der wissenschaftlichen Erkenntnis .................................... 189 2.2.4 – Welcher Ursache entspricht das erste Objekt der Wissenschaft?.............. 192 2.2.4.1 - Formale Ursache und bewirkende Ursache ............................................... 193 2.2.4.2 - Wie wird das Objekt der Wissenschaft Materie genannt ......................... 200 2.2.4.3 - Das erste Objekt der Wissenschaft und der Sinngehalt des Ziels ............ 202 III - DIE „RATIO“ DES ERSTEN OBJEKTS EINER WISSENSCHAFT IN SICH VON NOTWENDIGEN WAHRHEITEN ..................................................... 208 3.1 - Die „ratio“ des ersten Objekts der Wissenschaft ............................................. 208 3.2 - Die Bestimmung des Sinngehalts des ersten Objekts der Theologie in sich von notwendigen Wahrheiten............................................................................. 214 3.2.1 - Widerlegung der Betrachtung des ersten Objekts unter dem gemeinsamen Sinngehalt ............................................................................................ 216 3.2.1.1 - Gemeinsame Begriffe.................................................................................... 216 3.2.1.2 - Gemeinsame Begriffe, Primat des virtuell Enthaltens eigentümlicher Wahrheiten und Natürlichkeit der Erkenntnis Gottes............................................ 221 3.2.2 - Widerlegung der Betrachtung des ersten Objekts unter dem Sinngehalt eines Attributs .......................................................................................... 224 3.2.2.1 - Attributhafte Erkenntnis und Vollkommenheit der wissenschaftlichen Erkenntnis ................................................................................... 225 3.2.2.2 - Ontologischer Vorrang des Sinngehalts der Wesenheit............................ 229 3.2.2.3 - Der höhere Grad von Wirklichkeit des Objekts durch größere Unmitteilbarkeit .......................................................................................................... 232 3.2.3 - Widerlegung der Betrachtung des ersten Objekts unter dem Sinngehalt eines Hinblicks nach außen..................................................................... 237 3.2.3.1 - Kenntnis des Absoluten ................................................................................ 238 3.2.3.2 - Der Sinngehalt des ersten Objekts und der Realitätscharakter der Wissenschaft ................................................................................................................ 241 3.2.3.2.1 - Realer Hinblick und Hinblick der Vernunft in Gott.............................. 241 3.2.3.2.2 - Reale Wissenschaft und nicht reale Wissenschaft .................................. 245 3.2.3.3 - Wissenschaft in sich und der durch sich Begriff des ersten Objekts ....... 251 3.2.3.4 - Formaler Sinngehalt des Objekts und Notwendigkeit .............................. 262 3.2.4 - Das erste Objekt unter dem washeitlichen Sinngehalt................................. 264 5 IV - DAS ERSTE OBJEKT DER THEOLOGIE UND SEIN SINNGEHALT IN EINER LEHRE FÜR UNS VON NOTWENDIGEN WAHRHEITEN............ 270 4.1 - Das erste Objekt der notwendigen theologischen Wahrheiten, wenn sie in unserer Theologie betrachtet werden ................................................................... 271 4.1.1 - Die Bedingungen für die wissenschaftliche Erkenntnis des ersten Objekts ......................................................................................................................... 271 4.1.2 - Habitus der Erkenntnis ohne Objekt............................................................. 279 4.1.3 - Unsere Theologie und die wissenschaftliche Erkenntnis des Objekts: Eine verschiedene Auffassung im Prolog der Lectura? ........................................... 282 4.2 - Exkurs: Die „Evidenz“ unserer Theologie als einer Lehre für uns ............... 291 4.3 - Der Begriff des unendlichen Seienden .............................................................. 299 4.4 - Der epistemische Charakter unserer Theologie des unendlichen Seienden: Konsequenzen ............................................................................................ 310 4.5 - Die Gleichheit zwischen dem ersten Objekt unserer Theologie als eine Lehre für uns und dem Objekt der Theologie in sich als eine Wissenschaft in sich .................................................................................................... 323 4.6 - Erstes Subjekt und erstes Objekt: Das Fazit.................................................... 325 V - DAS OBJEKT DER THEOLOGIE IN SICH VON KONTINGENTEN WAHRHEITEN .......................................................................................................... 331 5.1 - Die Wahrheiten, die das erste Objekt einer Wissenschaft in sich virtuell enthalten kann ............................................................................................................. 332 5.2 - Die Reihe kontingenter Wahrheiten ................................................................. 339 5.2.1 - Die Unmittelbarkeit erster kontingent-theologischer Wahrheiten: Der schwierige Weg (Ord. I d. 3 n. 238-239) ............................................................. 345 5.2.2 - Unmittelbare kontingente theologische Sätze: Der einfache Weg (Ord. I d. 8 n. 299-300)................................................................. 360 5.3 - Die Möglichkeit eines durch sich bekannten kontingenten Prinzips ............. 366 5.4 - Das erste Subjekt der in einer Reihe stehenden kontingenten Wahrheiten .................................................................................................................. 372 5.5 - Das erste Subjekt der kontingenten Theologie in sich und der ganzen Theologie ...................................................................................................................... 379 6 5.6 - Das erste Subjekt unserer Theologie der kontingenten Wahrheiten ............. 384 VI - WISSENSCHAFT IM STRENGEN SINNE UND WISSENSCHAFT DES KONTINGENTEN............................................................................................. 387 6.1 - Wissenschaft im strengen Sinne ........................................................................ 388 6.2 - Die scotische Bewertung der vier aristotelischen Bedingungen ..................... 401 6.3 - Der Wissenschaftscharakter des Habitus der Theologie der Seligen............. 407 6.4 - Wissenschaft von kontingenten Wahrheiten.................................................... 418 6.4.1 - Wissenschaft und notwendige theologische Wahrheiten „de possibili“ ...... 420 6.4.2 - Bedingung des Objekts und Bedingung der Erkenntnis.............................. 425 6.4.3 - Die größere Vollkommenheit der Wissenschaft der Bedingung der Erkenntnis nach .......................................................................................................... 428 6.4.4 - Bedingungen des Objekts im notwendigen Habitus der Wissenschaft....... 430 6.4.5 - Zwei Modelle für den Wissenschaftscharakter der Theologie der kontingenten Wahrheiten........................................................................................... 438 6.4.5.1 - Die scotische Auslegung des Begriffs des Wissens in Nikomachischer Ethik VI ........................................................................................................................ 439 6.4.5.2 - Theologie als Weisheit .................................................................................. 448 6.4.5.3 - Schauen und Aussagen ................................................................................. 457 VII - UNTERORDNUNG UND EINHEIT DER WISSENSCHAFT..................... 466 7.1 - Die aristotelische Theorie der Unterordnung der Wissenschaften ................ 468 7.2 - Theologie: Eine unterordnende oder eine untergeordnete Wissenschaft?.... 473 7.2.1 - Die Wissenschaft der Theologie ist keiner anderen untergeordnet ............ 475 7.2.2 - Die Wissenschaft der Theologie ordnet keine andere Wissenschaft unter ............................................................................................................................. 478 7.3 - Unterordnung jeder naturhaften Wissenschaft unter die Theologie: Die Verneinung eines weiteren Modells .................................................................... 481 7.4 - Ob die Theologie des Weges anderen Arten der Theologie untergeordnet ist ......................................................................................................... 494 7.4.1 - Erstes Gegenargument: Glaube und Wissenschaft fallen nicht zusammen..................................................................................................................... 500 7.4.2 - Zweites Gegenargument: Die Einheit der Wissenschaft von Gott .............. 501 7 7.4.3 - Drittes Gegenargument: Die Unterordnungsbeziehung dem Sinngehalt der Ursache nach ..................................................................................... 503 7.4.4 - Viertes Gegenargument: Die Theologie des Pilgers und die Theologie der Seligen beziehen sich auf dasselbe ...................................................................... 505 7.4.5 - Fünftes Gegenargument: Die evidente Schau des Objekts und der Glaube an dasselbe Objekt fallen nicht zusammen ................................................. 508 7.4.6 - Ergebnis ............................................................................................................ 510 7.5 - Die Einheit der Wissenschaft ............................................................................. 523 SCHLUSS .................................................................................................................... 531 1. - Die Korrespondenz zwischen „scientia in se“ und „cognitio intuitiva“........... .532 1.1 - Intuitive und abstraktive Erkenntnis des theologischen Objekts in Rep. par. I A prol. q. 2 ................................................................................................. 537 1.2 - Vergleich mit den Prologen von Lectura und Ordinatio: Ergebnisse............. 549 2. - Die Entsprechung zwischen „scientia in se“-„doctrina nobis“ und „demonstratio propter quid“-„demonstratio quia“ .................................................... 556 3. - „Wissenschaft in sich“ und „Lehre für uns“: Gelöste Schwierigkeiten .......... 562 4. - Erstes Objekt und Wissenschaft: Zusammenfassung ....................................... 565 5. - Zur Bedeutung und Fortsetzung der Untersuchung ......................................... 576 LITERATURVERZEICHNIS ................................................................................... 591 8 EINLEITUNG 1. Philosophische Haltung Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit philosophischen Fragen und wird demgemäß aufgrund ihrer Konsistenz als philosophisches Denken bewertet. Es ist deswegen angemessen, am Anfang eine Konzeption der Philosophie darzulegen, die die Durchführung dieser Untersuchung rechtfertigt oder zumindest, gegenüber anderen Konzeptionen, rechtfertigen kann. Ich untersuche den Begriff der wissenschaftlichen Erkenntnis und ihre epistemologischen Implikate bei einem Denker des Mittelalters. Die Notwendigkeit der Bestimmung der gemeinten Begriffe1 und der Regelung ihrer Verwendung entsteht, wenn man sich des Sinnes gewisser Begriffe von einem strukturierten Teil einer natürlichen Sprache2 vergewissern will. Daß man sich des Sinnes gewisser Begriffe vergewissert, muß bedeuten, (a) daß sie erst durch die Reflexion - die in der Regel schon innerhalb einer Philosophiegeschichte bzw. einer ergebenen philosophischen Erkenntnis entstanden ist - über undeutliche Sinne gemeinsamer Begriffe von dem strukturierten Teil der natürlichen Sprache erklärt werden, und (b) daß nach der Reflexion oder quasi Lösung der Undeutlichkeiten eine präzisere, nicht endgültige, Sprache gewonnen wird. Man geht damit - zumindest im Hinblick auf die Philosophie, die man entwirft - von vor-philosophischen Begriffen zu philosophischen Begriffen über. Die Philosophie ist nicht das begriffliche Ergebnis dieses Vorgangs. Sie ist die Verwirklichung dieses Vorgangs. Dieser Vorgang kann sowohl in der als auch für die theologische Sprache, nämlich in einem und für einen strukturierten Teil3 einer natürlichen Sprache, 1 Ich denke hier an den Begriff der wissenschaftlichen Erkenntnis und an die Begriffe, die den in den erforschten Quellen expliziten epistemologischen Implikaten der wissenschaftlichen Erkenntnis entsprechen, nicht an weitere vorausgesetzte Erklärungen. Vgl. unten in dieser Einleitung unter 3 und 4. 2 Ich benutze diesen Begriff in einem primären Sinn, nämlich in bezug auf „historisch gewachsene Sprachen“, innerhalb deren sich „verschiedene Entwicklungszustände“, „Sprachschichten“ und „Sprachvarianten“ unterscheiden lassen. Eine „natürliche Sprache“ wird hier von einer „künstlichen Sprache“ unterschieden, d. h. von einer Sprache, die durch „explizite“ Konvention definiert wird; vgl. Franz v. KUTSCHERA, Sprachphilosophie, S. 16. 3 Im Fall der christlich-kirchlichen Theologie zeigt sich nach Richard SCHAEFFLER, Glaubensreflexion und Wissenschaftslehre, S. 12, ihre artikulierte begriffliche Struktur in der Aufgabe, „das rechte Verständnis der religiösen Überlieferung mit Mitteln wissenschaftichen Argumentierens zu sichern“. Demgemäß wird das christliche Theologieverständnis nach Max SECKLER, Theologie als Glaubenswissenschaft, in: Walter KERN; Hermann Josef POTTMEYER und Max SECKLER (Hrsg.), Handbuch der Fundamentaltheologie 4: Traktat Theologische 9 durchgeführt werden. Ich nehme an, daß in der vor-philosophischen theologischen Sprache Undeutlichkeiten entstehen, wenn man wegen allgemeiner „Vernunftmotivationen“ sich des Sinnes gewisser - nicht irgendwelcher - Begriffe und der Verwendung dieser Begriffe zu vergewissern versucht.4 Daß die Notwendigkeit der Vergewisserung im Blick auf theologische Doktrinen als Aufgabe der Theologie verstanden wird, d. h. als die Aufgabe, „christliche Inhalte einsichtig zu machen“, die zur Suche nach Vernunfteinsicht führt,5 vermindert nicht das eigenständige Tun der Philosophie (oder zumindest die Möglichkeit dieses Tuns).6 Daß außerdem in dem „Dienstverhältnis“ zwischen Philosophie und Theologie in der mittelalterlichen Scholastik die beiden historisch gesehen eine Einheit bilden, bedeutet nicht, daß sie formal nicht verschieden sind. Aber ich lehne sowohl theoretisch als auch historisch die Annahme ab, daß ein solcher Bezug in dem philosophischen Denken im christlichen Mittelalter7 immer zu sehen ist.8 Ich gebe folgendes Beispiel zu bedenken: Es wird in der Theologie9 gesagt, daß in ihr ein „Objekt“10 erkannt wird. Es wird ein gewisses Wissen von ihm geäußert, wenn z. B. mit einer bestimmten Verwendung des Verbs „Glauben“ im Blick auf innere Vollzüge des Glaubensbekenntnisses etwas behauptet wird. Es kann dementsprechend gefragt werden, was in solchen Vollzügen epistemologisch gemeint wird, wenn gesagt Erkenntnislehre, S. 179, als „Glaubenswissenschaft“ definiert, in der „Glaube und Wissenschaft in Interaktion miteinander treten, derart, daß der Glaube und die Sache des Glaubens zum Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnisbemühung und der wissenschaftliche Diskurs zum Instrument der Glaubenserkenntnis wird, (...)“. Vgl. ibidem, S. 190-95. 4 Das eigenständige Tun der Philosophie wird selbst im Zusammenhang theologischer Fragestellungen in der Behandlung von gewissen Begriffen gesehen. Ich gehe davon aus, daß das philosophische Tun, das immer eine bestimmte „Vernunftmotivation“ voraussetzt, sich gewöhnlich mehr für gewisse Begriffe interessiert als für andere. Solche Begriffe scheinen mehr als andere der praktischen und der theoretischen Vernunftmotivation des philosophischen Tuns, nicht seinem Objektbereich, zu entsprechen. Welche hier die ausgezeichnete Vernunftmotivation des philosophischen Tuns ist, ist nicht zu entscheiden; vgl. Ernst TUGENDHAT, Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie, (2. Vorlesung) S. 25. 30-33; (7. Vorlesung) S. 120-3. Derartige Begriffe betreffen Fragen über die Universalität und Letztbegründung von der Möglichkeit und der Natur des Verstehens assertorischer Sätze, d. h. des Verstehens überhaupt im Rahmen einer allgemeinen formalen Semantik. 5 Vgl. Étienne GILSON, L’esprit de la philosophie médiévale, S. 33-8. 390f. 396f. 6 Vgl. Mechtild DREYER, Was ist Philosophiegeschichte des Mittelalters?, in: Philosophisches Jahrbuch, S. 356. 7 Begriffe wie „Philosophie des Mittelalters“ oder „mittelalterliche Philosophie“ sind in der Tat irreführend; vgl. Peter SCHULTHESS und Ruedi IMBACH, Die Philosophie im Mittelalter, S. 18-9. 8 Die Anmerkungen von Mechtild DREYER, Was ist Philosophiegeschichte des Mittelalters?, op. cit., S. 358, haben auch die Arbeit von Ludger HONNEFELDER, Ens inquantum ens, 2. Auflage (1989), im Sinn, in der bestätigt wird, daß selbst von Duns Scotus eine philosophische selbständige Synthese der Metaphysik als „scientia transcendens“ entwickelt wurde. 9 D. h. in „unserer Theologie“; vgl. im ersten Kapitel unter 1.1 und 1.3. 10 Ich nehme an, daß unsere Theologie eine schon artikulierte bzw. in der natürlichen Sprache erweiterte Sprache ist oder zumindest diese Erweiterung einschließt. Mit dieser „Erweiterung“ verstehe ich auch, daß in unserer Theologie eine gewisse Kategorisierung auf die durch die Offenbarung gegebenen Wahrheiten angewendet wird. Unter dieser Kategorisierung verstehe ich eine Metaebene der theologischen Sprache, die aber keine notwendig bleibende 10 wird, daß an ein Objekt geglaubt wird. Wie unterscheidet sich der Glaube an dieses Objekt von der Erkenntnis von ihm? Was bedeutet die Behauptung, daß man weiß, daß ein Objekt so oder so ist bzw. ihm solche oder solche Prädikationen zugeschrieben werden? Werden Fragen nach dem Sinn gewisser in einer natürlichen Sprache gebrauchten Begriffe durch einen Vergewisserungsvorgang in der Sprache selbst philosophisch gelöst,11 oder wird damit der Sinn der in diesen Fragen betrachteten Begriffe wesentlich modifiziert, dann ergeben sich12 daraus philosophische Begriffe. Dann zeigt sich hierin ein philosophisches Tun. Die gegebene Konzeption der Philosophie ähnelt dem traditionellen Programm der analytischen Philosophie. Das Hauptinteresse der analytischen Philosophie liegt in der Erklärung bzw. in der Lösung von Begriffsfragen,13 durch die logische Analyse der Normalsprache mittels durchsichtiger Argumentation. Ziele eines solchen Verfahrens sind entweder die Entwicklung (a) einer idealen Sprache, oder (b) einer Sprache, in der einerseits problematische Begriffe durch eine therapeutische Untersuchung aus ihren vor-philosophischen Verwendungen „in ihren alltäglichen Gebrauch“ zurückgeführt werden14 oder in der andererseits durch die Philosophie sich eine „konstruktive Methode“ der „Begriffsanalyse“ für die informative Erläuterung von Begriffen durch andere Begriffe durchsetzt.15 Angesichts des Themas und der Durchführung der metasprachliche Kategorisierung sein muß. 11 Vgl. Marilyn McCord ADAMS, Reviving philosophical theology: some medieval models, in: Jan A. AERTSEN (Hrsg.), Miscellanea mediaevalia 26 - Was ist Philosophie im Mittelalter?, S. 61-2. 64. Unter anderen Argumenten findet man hier dasjenige, nach dem die Theologie selbst philosophisch ist, wenn philosophische Begriffe eine notwendige Hilfe sind, um theologische Fragen zu formulieren und zu lösen. In ihrer zweiten These über eine „philosophische Theologie“ weist M. M. Adams auf ein Kennzeichen der „mainstream medieval theology“ hin, nämlich daß sie eine philosophische Theologie ist, insofern in ihr theologische Fragen von theologischen und philosophischen Argumenten betrachtet werden. 12 Möglicherweise nicht in einem ersten entsprechenden Vorgang über den Sinn der betrachteten Begriffe. 13 In verschiedenen Themensbereichen der Philosophie, wie z. B. Sprache, Ontologie, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Logik. 14 Vgl. Albert NEWEN und Eike v. SAVIGNY, Einführung in die analytische Philosophie, S. 12. Vgl. z. B. Ludwig WITTGENSTEIN, Philosophische Untersuchungen, in: Ludwig WITTGENSTEIN, Werkausgabe Band 1, S. 298-9 n. 109: „Alle Erklärung muß fort, und nur Beschreibung an ihre Stelle treten. Und diese Beschreibung empfängt ihr Licht, d. i. ihren Zweck, von den philosophischen Problemen. Diese sind freilich keine empirischen, sondern sie werden durch eine Einsicht in das Arbeiten unserer Sprache gelöst, und zwar so, daß dieses erkannt wird: entgegen diesem Trieb, es mißzuverstehen. Diese Probleme werden gelöst, nicht durch Beibringen neuer Erfahrung, sondern durch Zusammenstellung des längst Bekannten. Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache“. Vgl. ibidem, S. 300 n. 117; S. 304-5 n. 132-133. 15 Vgl. z. B. Wolfgang KÜNNE, George Edward Moore - Was ist Begriffsanalyse?, in: Margot FLEISCHER (Hrsg.), Philosophen des 20. Jahrhunderts, S. 31-3. Durch (a) und (b) werden zwei Haupttendenzen der analytischen Philosophie im 20. Jahrhundert (zumindest bis zu den 1960er Jahren) bezeichnet, nämlich die „Philosophie der idealen Sprache“ und die „Philosophie der normalen Sprache“; vgl. Albert NEWEN und Eike v. SAVIGNY, op. cit., S. 11-2. 9-15 (Vorwort). In den letzten drei Jahrzehnten, vgl. ibidem S. 15, wird anscheinend die „sprachliche Wende in der Analytischen Philosophie von einer kognitiven Wende abgelöst“, in der viele Disziplinen der Analytischen Philosophie „in engem Zusammenhang mit der Kognitionswissenschaft“ stehen. 11 vorliegenden Untersuchung geht es in der letzten Bemerkung nicht um die Bestätigung der Annahme, daß die analytische Philosophie sich insbesondere für zwei Forschungsschwerpunkte im Bereich der Philosophiegeschichte des Mittelalters sachlich interessiert, nämlich für Logik und Sprachphilosophie. Es geht vielmehr um eine „formal-methodische“16 Annäherung zur Philosophie in der „analytischen Wendung“,17 insbesondere im Sinne von (b). Es scheint zum Schluß berechtigt zu sagen, daß das Studium des philosophischen Tuns unter vielen Denkern der mittelalterlichen Hochscholastik zur Überzeugung bringen kann, daß sowohl dieses philosophische Tun als auch die heutige Untersuchung von ihm, wie die vorliegende Arbeit zu verstehen ist, dem unter dem gegebenen Vergleich definierten philosophischen Tun entsprechen können.18 2. Hintergrund der Problemstellung Bevor das Thema der Untersuchung im einzelnen dargelegt wird, werden die theoretische Motivation und die Natur der Betrachtung des Themas bei Scotus anfänglich durch seinen Hintergrund im philosophischen Denken der mittelalterlichen Hochscholastik erklärt. In der Zeit der Ausarbeitung der Lectura von Duns Scotus (wahrscheinlich 1298-1299)19 war die Anwendung des aristotelischen Modells der Wissenschaft im strengen Sinne auf die Theologie ein festgesetztes Verhalten hinsichtlich der Frage nach der Bestimmung des theologischen Wissens. Im 13. 16 Vgl. Peter SCHULTHESS und Ruedi IMBACH, op. cit., S. 23. Vgl. Mechtild DREYER, Was ist Philosophiegeschichte des Mittelalters?, op. cit., S. 357-8. Alain de LIBÉRA, Penser au moyen âge, S. 48-50. 68-72, deutet an, daß insbesondere die heutige angelsächsische Erforschung der Hochscholastik „analytische Sprachen“ in der Behandlung von rein theologischen Fragestellungen findet. A. de Libéra untersucht die Wurzeln dieser Tendenz in der französischen Mittelalterforschung, mit besonderer Rücksicht auf die „kritische Geschichtsphilosophie“ von Paul Vignaux. 18 Somit wird in dieser Untersuchung nicht von der Position ausgegangen, daß die Erforschung der „mittelalterlichen Philosophie“ eine Art „historische Besinnung“ der Wege der Vernunft-„ratio“ im abendländischen Denken ist; vgl. Kurt FLASCH, Wozu erforschen wir die Philosophie des Mittelalters?, in: Wilhelm VOSSENKUHL und Rolf SCHÖNBERGER (Hrsg.), Die Gegenwart Ockhams, S. 409. In bezug auf den vorgelegten Vergleich ist noch zu sagen, daß es andere Wege gibt, um „mittelalterliche Philosophie“ in der gegenwärtigen Philosophie zu finden. Ein anderer Weg, nämlich ein Weg dem Inhalt nach, ist die Vermittlung der mittelalterlichen Philosophie durch die neuzeitliche in die gegenwärtige Philosophie; vgl. Ludger HONNEFELDER, Transzendentalität und Moralität - Zum mittelalterlichen Ursprung zweier zentraler Topoi der neuzeitliche Philosophie, in: Theologische Quartalschrift, S. 178-9. Im Blick auf die scotische Konzeption der Metaphysik als Transzendentalwissenschaft vgl. ders., Gegenstands- und Weltbegriff in der mittelalterlichen Ontologie und in der universalen formalen Semantik der Gegenwart - Zur Frage nach der Aktualität der mittelalterlichen Philosophie, in: Wilhelm VOSSENKUHL und Rolf SCHÖNBERGER (Hrsg.), Die Gegenwart Ockhams, S. 369-82; auch ders., Metaphysik zwischen Onto-Theologik, Transzendentalwissenschaft und universaler formaler Semantik - Zur philosophischen Aktualität der mittelalterlichen Ansätze von Metaphysik, in: Jan A. AERTSEN (Hrsg.), Miscellanea Mediaevalia 26 - Was ist Philosophie im Mittelalter?, S. 56-7. 19 Zur Datierung des Prologs der Lectura und des Prologs der Ordinatio vgl. William J. COURTENAY, Scotus at Paris, in: Leonardo SILEO (org.), Via Scoti - Methodologica ad mentem Joannis Duns Scoti, Vol. I, S. 152. 154; Allan B. WOLTER, Reflections about Scotus’s early works, in: Ludger HONNEFELDER; Mechtild DREYER and 17 12 Jahrhundert20 haben viele Scholastiker unter der einflußreichen theologischen Orientierung von Alexander v. Hales, von dem die Frage nach dem Wissenschaftscharakter der Theologie zum ersten Mal gestellt wird,21 diese Bestimmung des Verständnisses theologischen Wissens durchgeführt. Im Hinblick auf Scotus muß festgehalten werden, daß die Verurteilungen von 1277 die Bedeutung der Anwendung des aristotelischen Wissenschaftsmodells auf die Theologie wesentlich nicht verändert haben. Es ist dennoch eine vertretbare Meinung, daß bestimmte theologische Begriffe von Scotus so gedeutet werden, daß sie mit der Frage nach dem Wissenschaftscharakter der Theologie heilsgeschichtliche Erwägungen verbinden. Solche Erwägungen stehen bekanntermaßen bei Scotus in Übereinstimmung mit den Nachwirkungen der Lehrentscheidung von 1277 in seinem theologischen Denken.22 Die Frage nach dem Wissenschaftscharakter der Theologie, wie sie von Scotus gestellt wird, nämlich als Teil der theologischen Ausbildung in Form von Kommentaren zu den Sentenzenbücher, setzt die Einführung und die langsame Rezeption der Zweiten Analytik von Aristoteles in den Artistenfakultäten im 13. Jahrhundert voraus.23 Dieselbe Frage - und damit nicht mehr vornehmlich der augustinische Begriff der „Weisheit“ spielt seit diesem Jahrhundert eine vordringliche Rolle in der Erörterung über „das Selbstverständnis der Theologie“, d. h. seit dem Jahrhundert, in dem (um 1200 mit Rega WOOD (eds.), John Duns Scotus - Metaphysics and ethics, S. 45-7. Zu den Merkmalen und „Gründen des wissenschaftlichen Aufschwungs“ der abendländischen Philosophie im 13. Jahrhundert, d. h. in der Zeit der Hochscholastik, vgl. immer noch Philotheus BÖHNER und Étienne GILSON, Christliche Philosophie, dritte Aufl. (1954) S. 401-15. 21 Nämlich „utrum doctrina theologiae sit scientia“. Ein Traktat über die theologische Wissenschaft, im Blick auf das Wesen und die Methode der theologischen Lehre und auf die Möglichkeit der Erkenntnis von Gott, eröffnet die Summa Halensis; vgl. Summa Halensis Tractatus introductorius q. I (De doctrina theologiae) cap. 1-7 S. 1-13. Vgl. Elisabeth GÖSSMANN, Metaphysik und Heilsgeschichte, Eine theologische Untersuchung der Summa Halensis (Alexander von Hales), S. 15-27; Edward D. O’CONNOR, The scientific character of theology according to Scotus, in: De doctrina Ioannis Duns Scoti, Vol. III, S. 3-4; Josef FINKENZELLER, Offenbarung und Theologie nach der Lehre des Johannes Duns Skotus, S. 194: „Der Begriff der Wissenschaft, wie ihn Aristoteles in den Analytica posteriora entwickelt, wird [von Alexander Halensis] nicht auf die Theologie angewandt. Theologie ist in erster Linie Weisheit, Wissenschaft nur in einem weiteren Sinne“. 22 Vgl. im ersten Kapitel unter 1.1.3, 1.2, 1.2.1 und 1.2.2. 23 Gegen 1159 wurde die Zweite Analytik zum ersten Mal aus dem Griechisch ins Lateinisch von Jakob v. Venedig übersetzt. Über dieses Werk hat Robertus Grosseteste am Anfang des 13. Jahrhunderts einen Kommentar verfaßt. Anscheinend waren außer der Komplexität des Textes die Unterschiede zwischen den aristotelischen und den augustinischen Erkenntnistheorien die Gründe, warum er zögerlich rezipiert wurde. Vgl. Bernard G. DOD, Aristoteles latinus, in: Norman KRETZMANN; Anthony KENNY and Jan PINBORG (eds.), The Cambridge History of Later Medieval Philosophy, S. 46. 54-5; John LOSEE, A historical introduction to the philosophy of science, S. 31f. Eine Zusammenfassung der augustinischen Lehre der Wahrheit und der Erkenntnis in dem Zusammenhang der Rezeption der aristotelischen Wissenschaftstheorien findet sich in Eileen SERENE, Demonstrative science, in: Norman KRETZMANN; Anthony KENNY and Jan PINBORG (eds.), The Cambridge History of Later Medieval Philosophy, S. 498f. 20 13 Paris) wie PANNENBERG andeutet,24 die ersten theologischen Fakultäten, eigentlich auch die ersten Universitäten, entstehen.25 „Weisheit“ wird hier noch als eine Art reine christliche Philosophie verstanden, in der das vernünftige Denken („intellectus“), das dennoch „durch übernatürliche Faktoren bedingt ist“ und nicht „mit der reinen auf sich gestellten Vernunft gleichgesetzt werden darf“,26 als Verständnis oder „rationelle Erklärung und Ergründung“27 der geoffenbarten Überlieferung („intellectus fidei“) aufzufassen ist.28 Das aristotelische Modell der Wissenschaft im strengen Sinn, das meistens zusammen mit anderen von jeweils zu unterscheidenden Erkenntnisweisen her betrachtet wurde, war für die Bestimmung des epistemologischen Charakters der Theologie im 13. Jahrhundert von seiner Rezeption bei Thomas v. Aquin an das wichtigste Erkenntnismodell.29 Thomas v. Aquin war der erste, der den aristotelischen Wissenschaftsbegriff der Zweiten Analytik auf die Theologie vollständig angewendet hat.30 Was damit hervorgehoben wird, ist, daß die Aufgabe, den Begriff der Wissenschaft zu präzisieren, wie er nach Aristoteles verstanden wurde, sowohl bei Thomas v. Aquin als auch bei Duns Scotus prinzipiell eine Aufgabe des Theologen war. Der Theologe soll versuchen, den epistemologischen Charakter der Theologie als eines 24 Vgl. Wolfhart PANNENBERG, Wissenschaftstheorie und Theologie, S. 11. Vgl. Philotheus BÖHNER und Étienne GILSON, op. cit., S. 408-13; Étienne GILSON, La philosophie au moyen age, S. 391-400; Wolfhart PANNENBERG, op. cit., S. 12. Vgl. ibidem, S. 16. Seit dem 13. Jahrhundert „(...) geht es mit der Klärung des Verhältnisses zum jeweils herrschenden Wissenschaftsbegriff zugleich um die Stellung der Theologie in der Universität“. 26 Vgl. Martin GRABMANN, Augustins Lehre von Glauben und Wissen und ihr Einfluß auf das mittelalterliche Denken, in: Martin GRABMANN und Joseph MAUSBACH (Hrsg.), Aurelius Augustinus, S. 91: „In diesem Sinne ist es richtig, daß die augustinische Fragestellung über das Verhältnis von fides und intellectus mit dem modernen Problem über die Beziehung zwischen Glauben und Wissen, in welchem unter Wissen die Funktionen der reinen natürlichen Vernunft verstanden sind, nicht gleichgesetzt werden darf“. Vgl. ibidem, S. 108-10. Vgl. Rudolf LORENZ, Die Wissenschaftslehre Augustins - II. Teil, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte, S. 247-51; Johannes BEUMER, Theologie als Glaubensverständnis, S. 47-55, insbesondere S. 51f. 27 Vgl. Martin GRABMANN, Augustins Lehre von Glauben und Wissen und ihr Einfluß auf das mittelalterliche Denken, in: Martin GRABMANN und Joseph MAUSBACH (Hrsg.), op. cit., S. 91. Die augustinische Philosophie ist, insbesondere in ihrem späteren Werdegang, eine Art „spekulative Theologie“. Vgl. Étienne GILSON, Introduction à l’étude de Saint Augustine, S. 38f. Vgl. Aurelius AUGUSTINUS, De civitate Dei VIII, 1, S. 216 lin. 7-15: „(...); sed cum philosophis est habenda conlatio; quorum ipsum nomen si Latine interpretemur, amorem sapientiae profitetur. Porro si sapientia Deus est, per quem facta sunt omnia, sicut diuina auctoritas ueritasque monstrauit, uerus philosophus est amator Dei. Sed quia res ipsa, cuius hoc nomen est, non est in omnibus, qui hoc nomine gloriantur (neque enim continuo uerae sapientiae sunt amatores, quicumque appelantur philosophi): (...)“. 28 Vgl. Tullio GREGORY, Mundana sapientia: forme di conoscenza nella cultura medievali, S. 63f. 65f.; Johann AUER, Das Theologieverständnis des Johannes Duns Scotus und die theologischen Anliegen unserer Zeit, in: Wissenschaft und Weisheit, S. 168; Josef FINKENZELLER, op. cit., S. 165-77. 29 Vgl. Ludwig HÖDL, Von der theologischen Wissenschaft zur wissenschaftlichen Theologie bei den Kölner Theologen Albert, Thomas und Duns Scotus, in: Albert ZIMMERMANN (Hrsg.), Miscellanea Mediaevalia 20 - Die Kölner Universität im Mittelalter, S. 20f.; Martin GRABMANN, Die theol. Erkenntnis- und Einleitungslehre des hl. Thomas von Aquin auf Grund seiner Schrift „In Boethium de Trinitate“, S. 186f. 30 Vgl. Josef FINKENZELLER, op. cit., S. 196-7. 25 14 spezifischen Habitus der Erkenntnis zu präzisieren bzw. sich der Wahrheit der Theologie „auf dem Boden des allgemeinen Denkens zu vergewissern“.31 Außer der beschriebenen Aufgabe des Theologen bzw. der Theologie soll aber noch, als theoretische Hintergründe der Problemstellung, die nach der Einführung der Zweiten Analytik und wegen des Gebrauchs des in ihr dargestellten Wissenschaftsbegriffs für die Bestimmung des theologischen Wissens entstehen, auf zwei weitere parallele Aufgaben hingewiesen werden. Damit wird daran erinnert, und aufgrund ihrer historisch-begrifflichen Ausgangssituation wird plausibel gemacht, daß das zu untersuchende Objekt das Resultat eines philosophischen Tuns ist. Die von Thomas v. Aquin etablierte Anwendung des aristotelischen Modells der Wissenschaft auf die Theologie war gleichzeitig: - Eine Aufgabe der Logik, die in dieser „zweiten Phase“ der „kreativen Periode“ (Moody) der Logik im Mittelalter (etwa 1250-1350)32 auch die Absicht hatte, jedem anderen Wissen die Prinzipien einer gewissen wissenschaftlichen Methode - teilweise „die Berechtigung des Syllogismus und der Induktion“ (De Rijk) - zu unterbreiten.33 - Eine Aufgabe der epistemologischen Reflexion im weiteren Sinne. In ihr wird das Verständnis der Vorgänge, durch die die Kenntnis über die Welt gewonnen und entwickelt werden kann,34 sowohl im Blick auf die Beziehung des erkennenden Subjekts zu der Welt als auch im Blick auf die Grundlegung der Psychologie des erkennenden Subjekts thematisiert. Die drei dargestellten allgemeinen Aufgaben helfen zu präzisieren, wie das Thema der Untersuchung verstanden und methodologisch verfolgt wird. Ich werde in 31 Vgl. Wolfhart PANNENBERG, op. cit., S. 17-8. Vgl. Ernest A. MOODY, The medieval contribution to logic, in: Ernest A. MOODY, Studies in medieval philosophy, science and logic. Collected papers 1933-1969, S. 375-6. 33 Selbstverständlich war diese weder die einzige Aufgabe noch die einzige Absicht der mittelalterlichen Logik. Es handelt sich in ihr stets um die Logik der Sätze und der Termini. Vgl. L.-M. DE RIJK, Die Bedeutungslehre der Logik im 13. Jahrhundert und ihr Gegenstück in der metaphysischen Spekulation, in: Albert ZIMMERMANN (Hrsg.), Miscellanea Mediaevalia 7 - Methoden in Wissenschaft und Kunst des Mittelalters, S. 1f. Sowohl im Blick auf die Logik der Sätze als auch im Blick auf die Logik der Termini, vgl. I. M. BOCHENSKI, Formale Logik, S. 173-4, zerfallen die Probleme der Logik in der Scholastik in zwei Klassen, nämlich in „antike“ Probleme, wie die kategorische und modale Syllogistik (Aristoteles) und die hypothetischen Syllogismen (die megarisch-stoische Schule), und in „ganz neue“ Probleme (insbesondere die Lehre von den „Eigenschaften der Termini“ und die Konsequenzenlehre). Vgl. auch Vgl. Ernest A. MOODY, The medieval contribution to logic, in: Ernest A. MOODY, op. cit., S. 376. 34 Diese ist nach Robert PASNAU, Theories of cognition in the later Middle Ages, S. 7, die zweite von zwei zentralen epistemologischen Fragen der Philosophie im Mittelalter. 32 15 den folgenden zwei Abschnitten das Thema der Untersuchung ausführlicher beschreiben und auf die philosophische Tätigkeit hinweisen, durch die es entfaltet wird. 3. Problemstellung: Thema, Ziel und Methode Das Thema dieser Untersuchung ist der Begriff der Wissenschaft und ihre epistemologische Implikate nach Duns Scotus. Das Ziel der Untersuchung ist das Verständnis des Begriffs der Wissenschaft und ihrer epistemologischen Implikate nach Duns Scotus, wenn die Frage nach dem Begriff und den Bedingungen der wissenschaftlichen Erkenntnis auf die Theologie angewendet wird. Das Ziel wird so abgegrenzt, weil die Fragestellungen über den Wissenschaftscharakter der Theologie die privilegierten Stellen sind, um das Thema zu untersuchen. Es wird damit nicht behauptet, daß in ihnen alle möglichen Betrachtungen über die wissenschaftliche Erkenntnis bei Scotus mit zur Darstellung kommen.35 Vielmehr geht es in ihnen um die ausgeprägteste und vollständigste Darlegung des Themas.36 Das vorgelegte Ziel wird außerdem nicht als Korrelat der genannten Aufgabe des theologischen Denkens verstanden.37 Es setzt die Durchführung dieser Aufgabe bei Scotus voraus. Das Korrelat des Ziels der Untersuchung sind die zwei parallelen erwähnten Aufgaben38 in ihrer geschichtlichen Spezifizierung. Im Unterschied zu FINKENZELLER,39 der die Position von Scotus über die Theologie als Wissenschaft noch durch die kritische Auslegung von Merkmalen (z. B. von der Lumina-Lehre und von der Unterordnungslehre) zweier Grundströmungen der Hochscholastik (der augustinischen und der aristotelisch-thomanischen Strömungen) definiert, betrachte ich die Theologie als Wissenschaft bei Scotus allein im Rahmen der zweiten Strömung: Selbst FINKENZELLER schließt, daß die mögliche Betrachtung des anselmianisch-augustinischen „intellectus fidei“ bei Scotus schon im Gegensatz zu 35 Ich denke an die Argumente für die Verteidigung der Möglichkeit der „veritas certa et sincera“ in Ordinatio I d. 3 p. 1 q. 4 S. 123-72 n. 202-280. Vgl. z. B. den Hinweis von Jaakko HINTIKKA, Concepts of scientific method from Aristotle to Newton, in: Monika ASZTALOS; John E. MURDOCH and Ilkka NIINILUOTO (eds.), Knowledge and the sciences in medieval philosophy - Acta Philosophica Fennica (vol. 48), Vol. I, S. 77f., auf die Möglichkeit der wissenschaftlichen Erkenntnis allgemeiner Wahrheiten über Gesetzmäßigkeiten der Natur, die nach Scotus durch einzelne Wahrnehmungen erfaßt werden. 36 Vgl. weiter unten in diesem Abschnitt. 37 Vgl. oben in dieser Einleitung unter 2. 38 Vgl. oben in dieser Einleitung unter 2. 39 Vgl. Josef FINKENZELLER, op. cit., S. 162-221. 16 einer kritisch aufgenommenen aristotelischen Auffassung der „scientia“ steht.40 Durch die Rezeption der zweiten Strömung allein wird außerdem der ausdrückliche scotische Begriff der Wissenschaft formuliert, obwohl die scotischen epistemologischen Überlegungen nicht durch sie allein begründet werden. Da in der Untersuchung die Frage nach dem Wissenschaftscharakter der Theologie im Vordergrund steht, ist es angebracht deutlicher festzustellen, was damit gemeint wird. Ich betrachte in verschiedenen Problembereichen41 den Begriff der Wissenschaft und die epistemologischen Lösungen, die für die Bestimmung des Wissenschaftscharakters der Theologie gedacht werden. Ein solcher Begriff und solche Lösungen werden von Scotus in seiner kritischen Rezeption der aristotelischen Wissenschaftslehre bzw. in Auseinandersetzungen mit der entsprechenden Lehre von Heinrich v. Gent und von Thomas v. Aquin wesentlich in den Teilen 2 und 3 des Prologs der Lectura und in den Teilen 3 und 4 des Prologs der Ordinatio vorgelegt. Dies rechtfertigt das Verfahren, den aristotelischen und den scholastischen philosophischen Hintergrund der von Scotus entwickelten Auffassung systematisch zu erklären.42 Wird der Prolog der Lectura und der Ordinatio (um 1300-1301) im ganzen angesehen, dann muß gesagt werden, daß in dieser Arbeit auf die „quaestio de methodo“ „unseres“ theologischen Wissens, insofern diese Methode im ersten Teil des Prologs durch die Möglichkeit des Aufnehmens von Wahrheiten charakterisiert wird, die dem Menschen übernatürlich geoffenbart werden müssen,43 verzichtet wird. Ebenso 40 Ibidem, S. 162-191. Vgl. weiter unten in diesem Abschnitt. 42 Dies bedeutet, daß die Auslegung bestätigt wird, nach der bei Scotus philosophische Fragestellungen im Grunde theologisch bedingt sind; vgl. z. B. Werner DETTLOFF, Heilswahrheit und Weltweisheit - Zur Stellung der Philosophie bei den Franziskanertheologen der Hochscholastik, in: Leo SCHEFFCZYK; Werner DETTLOFF und Richard HEINZMANN (Hrsg.), Wahrheit und Verkündigung, S. 620. Daß in der Theologie philosophische Grundlegungen erfordert werden, bedeutet nicht, daß die Intelligibilität des theologischen wissenschaftlichen Habitus in jeder Hinsicht auf andere wissenschaftliche Habitus bezogen werden muß. Dies bedeutet dennoch, daß die philosophischen Lösungen, die für theologisch bedingte Fragestellungen gedacht werden, auf philosophische Fragestellungen bezogen werden können. Ein Beispiel für die letzte Behauptung: Die Überlegungen über die Möglichkeit einer Art „Ableitung“ in einer Reihe von kontingenten theologischen Wahrheiten kann auf die Frage nach der Entwicklung einer Inferenz- und Deduktionslogik im Mittelalter bezogen werden (diese ist nach Robert PASNAU, op. cit., S. 7, die erste von zwei zentralen epistemologischen Fragen in der Philosophie im Mittelalter); vgl. im fünften Kapitel unter 5.2, 5.2.1 und 5.4. Dasselbe kann von den verschiedenen scotischen Modellen der Wissenschaft in Ord. prol. p. 4 gesagt werden (vgl. im sechsten Kapitel unter 6.4.5.1 und 6.4.5.2): Solche Modelle betreffen die mittelalterliche philosophische Epistemologie, nämlich die verschiedenen Habitus des Wissens, die Gewißheit und evidente Kenntnis des Objekts hervorbringen. 43 Vgl. Alessandro GHISALBERTI, Metodologia del sapere teologico nel Prologo alla „Ordinatio“ di Giovanni Duns Scoto, in: Leonardo SILEO (org.), Via Scoti - Methodologia ad mentem Joannis Duns Scoti, Vol. I, S. 275. 278-9: 41 17 werden die im letzten Teil gestellten Fragen, (1) ob die Theologie eine praktische oder eine spekulative Wissenschaft sei bzw. (2) ob sie aufgrund einer Ordnung auf die Praxis als auf das Ziel durch sich eine „praktische Wissenschaft“ genannt werde,44 beiseite gelassen. Diese zwei Fragen betreffen, sowie die hier zu untersuchenden Fragestellungen, den Status der Theologie als Wissenschaft. Bezüglich der Fragen im fünften Teil des Prologs zur Ordinatio könnte auch behauptet werden, daß für die Untersuchung des Begriffs der Wissenschaft und ihrer epistemologischen Implikate nach Scotus Fragen nach dem Wissenschaftscharakter der Theologie im Vordergrund stehen. Es soll deswegen begründet werden, warum sie nicht untersucht werden: - (a) Der erste Grund ist konventionell: Die scotische Behandlung der Theologie als praktische Wissenschaft ist so umfassend und eigenartig, daß sie eine eigene Untersuchung fordert.45 (Die Relevanz dieses Grundes wird verstärkt, wenn angenommen wird, daß ein Argument von ähnlichem Inhalt die thematische Abgrenzung dieser Untersuchung rechtfertigen kann). Hinsichtlich der Theologie als praktische Wissenschaft denke ich insbesondere an die Darstellung von zwei Begriffen: Da „eine praktische Wissenschaft als dasjenige Wissen bestimmt wird, das sich über den Bereich des Wissens hinaus auf praxis bezieht, wobei zu entscheiden ist, ob praxis in diesem Zusammenhang als Objekt oder als Ziel der sich darauf beziehenden Erkenntnis aufzufassen ist“,46 fordert die Behandlung der Fragestellungen im fünften Teil des Prologs zur Ordinatio eine detaillierte Untersuchung des Begriffs der praktischen Wissenschaft und des Begriffs der Praxis.47 - (b) Der zweite und wichtigste Grund besteht darin, daß das Verständnis und die theoretische Funktion des zu untersuchenden Begriffs von der Definition der praktischen Wissenschaft und von der Definition der Praxis unabhängig sind. Es wird „È possibile sostenere, in riferimento alle cinque parti che costituiscono il Prologo alla Ordinatio, che la „quaestio de methodo“ viene decisa nella prima di esse, (...). Gli stessi termini con cui è formulata la quaestio urgono in direzione del chiarimento circa le forme della conoscenza e i livelli del discorso. Le forme di conoscenza riguardano il piano della verità conoscibile ed esplicabile (doctrina), che può essere attinta col lume della ragione naturale oppure per via di rivelazione soprannaturale; i livelli del discorso propongono una diversità di sviluppo del problema, a secondo che si discuta della condizione attuale dell’uomo (pro statu isto), (...)“. Vgl. Ordinatio prol. p. 1 q. un. S. 1 n. 1: „Quaeritur utrum homini pro statu isto sit necessarium aliquam doctrinam specialem supernaturaliter inspirari, ad quam videlicet non posset attingere lumine naturali intellectus“. 44 Vgl. Ordinatio prol. p. 5 q. 1-2 S. 151 n. 217: „Quaeritur utrum theologia sit scientia practica vel speculativa“; Ordinatio prol. p. 5 q. 1-2 S. 153 n. 223: „Secundo quaeritur utrum ex ordine ad praxim ut ad finem dicatur per se scientia practica“. 45 Vgl. Edward D. O’CONNOR, The scientific character of theology according to Scotus, op. cit., S. 46f. 46 Vgl. Hannes MÖHLE, Ethik als scientia practica nach Johannes Duns Scotus, S. 18f. 47 Die selber zu einer Neubestimmung des Verhältnisses zwischen praktischer Wissenschaft und Wissenschaftscharakter eines Habitus im strengen Sinn bzw. zu einer Neubestimmung des Wissenschaftscharakters der praktischen Wissenschaft führen. 18 damit gesagt, daß die gegebene thematische Abgrenzung keine Inkonsistenz enthält. (Dies wäre nicht der Fall, wenn das Thema der Untersuchung der Wissenschaftscharakter der Theologie wäre). Im Gegenteil ist festzustellen, daß der Unterschied zwischen praktischer und spekulativer Wissenschaft, d. h. daß die beiden sich in einer unterschiedlichen Weise als Wissenschaft verstehen, nur aufgrund einer logisch-epistemologischen Systematisierung konzipiert werden kann. Diese schließt hauptsächlich den Begriff des Objekts der Wissenschaft und die Bedingungen der wissenschaftlichen Erkenntnis dieses Objekts ein. Durch sie wird der Unterschied zwischen praktischer und spekulativer Wissenschaft im Zusammenhang der Problematik von „Wesen und Möglichkeit“ (Möhle)48 des praktischen Wissens bzw. der praktischen Wissenschaft mit Bezug auf die aristotelische Grundlegung gedacht. Die Feststellung des zweiten Grundes bedarf noch zweier Erklärungen, nämlich: Worum geht es, wenn von dem Unterschied zwischen spekulativer und praktischer Wissenschaft geredet wird? Warum wird dieser Unterschied auf die Theologie angewendet? Der Unterschied zwischen spekulativer und praktischer Wissenschaft wird ursprünglich von Aristoteles gemacht. Man unterscheidet hier zwischen zwei Wissenschaften, insofern das Ziel von jeder jeweils entweder die Erkenntnis der Wahrheit oder das Handeln49 (entweder „gnosis“ oder „praxis“)50 ist, d. h. zwischen einer Wissenschaft, „welche um ihrer selbst und um des Wissens willen gesucht wird“,51 und einer, in der „jedes Denkverfahren [„dianoia“]“ sich auf „Handeln [„praktike“]“ bezieht.52 Derselbe Unterschied impliziert bei Aristoteles, wenn der 48 Vgl. Hannes MÖHLE, op. cit., S. 83-6. Vgl. J. H. J. SCHNEIDER, Johannes Duns Scotus und die praktische Philosophie, in: Monika ASZTALOS; John E. MURDOCH and Ilkka NIINILUOTO (eds.), Knowledge and the sciences in medieval philosophy - Acta Philosophica Fennica (vol. 48), Vol. III, S. 278: „Spekulative und praktische Vernunft unterscheiden sich ‘vom Ziele her’“. Vgl. auch Stefan REHRL, Grundlegung der Moral bei Johannes Duns Scotus, in: Salzburger Jahrbuch für Philosophie und Psychologie, S. 145-6. 50 Vgl. ARISTOTELES, Nikomachische Ethik, in: Günther BIEN (Hrsg.), Aristoteles’ Nikomachische Ethik, I Kap. 1, 1094b27-1095a11, S. 3. Vgl. Otfried HÖFFE, Ethik als praktische Philosophie - Methodische Überlegungen (I 1, 1094a22-1095a13), in: Otfried HÖFFE (Hrsg.), Aristoteles - Die Nikomakische Ethik, S. 30-7. 51 Vgl. ARISTOTELES, Metaphysik - Erster Halbband (Bücher I(Α) - VI(Ε)), in: Horst SEIDL (Hrsg.), Aristoteles’ Metaphysik, II Kap. 2, 982a14-16, S. 10-11: „(...); und daß unter den Wissenschaften die, welche um ihrer selbst und um des Wissens willen gesucht wird, eher Weisheit sei als die um anderweitiger Ergebnisse willen gesuchte, und ebenso die mehr gebietende im Vergleich mit der dienenden; (...)“. Dieses Diktum wird von Scotus erwähnt; vgl. Ordinatio prol. p. 5 q. 1-2 S. 152 n. 220: „Item, practica omni aliqua speculativa est nobilior; nulla nobilior ista; ergo, etc. Probatio primae: tum quia speculativa est sui gratia, practica gratia usus, tum quia speculativa est certior, ex I Metaphysicae“. Vgl. auch ARISTOTELES, Nikomachische Ethik, in: Günther BIEN (Hrsg.), op. cit., VI Kap. 2, 1039a26-29, S. 132: „Das Gute und Schlechte der theoretischen Vernunft aber, die nicht handelt und nicht hervorbringt, ist Wahrheit und Falschheit, wie das von der Leistung jedes denkenden Vermögens gilt; (...)“. 52 Vgl. ARISTOTELES, Metaphysik - Erster Halbband (Bücher I(Α) - VI(Ε)), in: Horst SEIDL (Hrsg.), op. cit., VI Kap. 1, 1025b25-28, S. 250-1: „Wenn also jedes Denkverfahren entweder auf Handeln oder auf Hervorbringen oder 49 19 aristotelischen Auffassung nach das praktische Wissen als „Ethik“ bestimmt wird, ein jeweils unterschiedliches Urteil über den wissenschaftlichen Charakter des Habitus. Im Gegensatz zur spekulativen Wissenschaft wird die Ethik-praktische Wissenschaft nicht als Wissenschaft im strengen Sinn53 verstanden, sondern es handelt sich in jener „um ein Wissen, dem aufgrund der Partikularität und der Kontingenz des Erkenntnisgegenstandes nur eine gewisse (...) Wahrscheinlichkeit zukommt“.54 Die meisten Scholastiker haben die Unterscheidung zwischen spekulativer und praktischer Wissenschaft kritisch aufgenommen und in seiner Anwendung auf die Theologie teilweise verändert.55 Aber es kann kaum festgestellt werden, daß in jeder kritisch aufgenommenen Auffassung und Anwendung jener Unterscheidung auf die Theologie vor der Aristoteles-Rezeption bei Thomas v. Aquin eine deutliche Distinktion zwischen „rationaler Theologie“ und „affektiver Weisheit“ formuliert wird.56 Von Thomas v. Aquin wird die Position zum ersten Mal verteidigt, daß die heilige Lehre („sacra doctrina“) sich auf Wahrheiten erstreckt, die („vom Ziele her“) zu verschiedenen Wissenschaften gehören, nämlich zu spekulativer und zu praktischer Wissenschaft. Die heilige Lehre bezieht sich jedoch auf solche Wahrheiten unter demselben formalen Sinngehalt („ratio formalis“), d. h. insofern sie durch das göttliche Licht/Objekt erkannt werden können.57 Die „sacra doctrina“, so wie die „Theologie Gottes“ (hier mein Ausdruck), insofern Gott in einer und derselben Wissenschaft sowohl sich selbst als auch seine Handlungen erkennt, schließt sowohl eine spekulative als auch eine praktische Wissenschaft ein.58 Es ist allerdings zu sagen, daß nach Thomas auf Betrachtung geht, so muß hiernach die Physik eine betrachtende (theoretische) sein, aber in Beziehung auf ein solches Seiendes, welches sich bewegen (bzw. bewegt werden) kann, und auf ein Wesen (Wesenheit), welches zwar meistens - durch den Begriff bestimmt ist, aber nur nicht abtrennbar (selbständig für sich) ist“. Denkverfahren, die sich auf die „Betrachtung“ beziehen, sind bekanntermaßen die Physik, die Metaphysik und die Mathematik; vgl. ibidem, VI Kap. 1, 1026a18-23, S. 252-3, und die Erwähnung von Scotus in Ordinatio prol. p. 1 q. un. S. 6 n. 8. Zur Rezeption dieser aristotelischen Unterscheidung bei Scotus vgl. Ignacio MIRABELL, La distinción entre metafísica, matemática y física según Duns Escoto, in: Leonardo SILEO (org.), Via Scoti - Methodologica ad mentem Joannis Duns Scoti, Vol. I, S. 347-58. 53 Vgl. im sechsten Kapitel unter 6.1. 54 Vgl. Hannes MÖHLE, op. cit., S. 14; J. H. J. SCHNEIDER, Johannes Duns Scotus und die praktische Philosophie, in: Monika ASZTALOS; John E. MURDOCH and Ilkka NIINILUOTO (eds.), op. cit., S. 277f. 55 Vgl. die Hinweise in Edward D. O’CONNOR, The scientific character of theology according to Scotus, op. cit., S. 46-50. 56 Ibidem, S. 47: „Thomas Aquinas, who was more precise than his predecessors in distinguishing rational theology from that affective wisdom which is bound up with the perfection of charity, was mo ...

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Title
DER BEGRIFF DER WISSENSCHAFTLICHEN ERKENNTNIS NACH JOHANNES DUNS SCOTUS
Author
Roberto Hofmeister Pich
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633 pages
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14/08/2011
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